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Werk:VGGWSM/Vorrede

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Verstand, Tugend und Gesundheit sind die drey vornehmsten Dinge, darnach die Menschen in dieser Welt streben sollen: allein insgeheim achtet man nichts weniger als diese drey. Und wer die gegenwärtigen unglückseligen Zeiten erweget, der siehet, wie sie aus Mangel des Verstandes und der Tugend herkommen. Leute, die Kinder am Verstande, aber Männer an Boßheit sind, stürtzen viele in großes Unglück und Verderben. Gewiß! Ich erstaune, unter was für einen heßlichen Bilde ich sie erblicke, wenn sie Recht und Gerechtigkeit handhaben, aber zu guter Einrichtung des gemeinen Wesens Rath geben sollen. Da ich von Jugend auf eine große Neigung gegen das menschliche Geschlechte bey mir gespüret, so daß ich alle glückseelig machen wollte, wenn es bey mir stünde; habe ich auch mir niemahls etwas angelegener seyn lassen, als alle meine Kräfte dahin anzuwenden, daß Verstand und Tugend unter den Menschen zunehmen möchten, und nach dem ich diese vortreflichen Muster des ungearteten Geschlechtes nicht ohne empfindlichen Schmerzen kennen lernen, bin ich in diesem Eifer noch mehr angefeuert worden, ja ich werde davon nicht ablassen, so lange sich ein Blutes Tropffen in meinem Leibe reget. Aus diesem Triebe kommen auch gegenwärtige Gedancken von Gott, der Welt und der Seele des Menschen, auch allen Dingen überhaupt, an das Tage-Licht, und sollen nun in einer unverrückten Reihe nach und nach mit anderen begleitet werden, welche die Erkäntniß der Glückseeligkeit des menschlichen Geschlechtes, und der wunderbaren Wercke GOttes in der Natur vor Augen legen. In der Materie, die ich jetztund abhandele, ist bisher viele Finsterniß und Unordnung gewesen. Es hat an deutlichen Begriffen, gründlichen Beweisen und Verknüpfung der Wahrheiten mit einander gefehlet, so daß man viele Wahrheiten gar für Irrthümer gehalten und als anderen wiedersprechende verworfen, welche doch nicht allein ihre völlige Richtigkeit haben, sondern mit unter die wichtigsten und nützlichsten zurechnen sind. Ich habe mich demnach bemühet diesen Mangel zu ersetzen, und für allen Dingen dahin gtrachtet, daß ich von keinem Dinge reden möchte, davon ich nicht einen deutlichen Begriff vorgebracht hätte. Hierinnen aber habe ich mich nach den Regeln gerichtet, die theils im ersten, theils im andern Kapitel der vernünfftigen Gedanken von den Kräften des Verstandes zu finden. Wer demnach die Erklärungen, welche ich gegeben habe, untersuchen will; der wird sich zuerst gefallen lassen, die jetzt erwehnten beyden Kapitel mit Bedacht durchzugehen, und nach diesem meine in gegenwärtigem Wercke gegebene Erklärungen gegen die dort gefundene Regeln halten. Alsdenn bin ich versichert, er werde die Sache nicht allein wohl verstehen und meine Meinung recht fassen; sondern auch an der Richtigkeit keinen Zweifel übrig behalten. Ich weiß wohl, daß vielen diese Arbeit viel zu beschwerlich vorkommen wird, weil sie dis Buch gerne so behende werden lesen wollen, wie sie andere zu lesen gewohnet sind: allein die müssen sich auch gefallen lassen, daß sie nicht alles verstehen, noch diejenige Einsicht in die darinnen vorgetragene Wahrheiten erlangen, zu der sie würden kommen seyn, wenn sie die Sache mit rechte, Ernste angegriffen hätten. Es ist gewiß nicht ein geringes, wenn wir in den ersten allgemeinen Begriffen Deutlichkeit haben: denn hierdurch wird uns ein Licht angezündet, das uns in aller unserer Erkäntniß leuchtet, wir mögen entweder mit Wissenschafften, oder mit Berrichtungen im menschlichen Leben zu thun haben. Über dieses habe ich mich auch beflissen nichts ohne Beweis anzunehmen: denn alles, was ich behauptet, ist entweder in klaren Erfahrungen gegrünet, oder durch tüchtige Schlüsse erwiesen. Was in der Erfahrung gegründet ist, kan man nach den Regeln der Erfahrung untersuchen, die ich den Gedancken von den Kräfften des Verstandes im fünfften Kapitel gegeben; so wird man hoffentlich nichts bedenckliches haben finden. Will man die Beweise in ihre Schlüsse, daraus sie bestehen, ordentlich bringen;  so wird man befinden, daß nichts angenommen worden, welches nicht vorher schon seine Richtigkeit erhalten. Wer auch nur die Beweise obenhin ansiehet, dem werden die überall befindlichen Citationes zeigen, daß alles jederzeit aus dem vorhergehenden angenommen wird. Am allermeisten aber habe ich darauf gesehen, daß alle Wahrheiten mit einander zusammen hiengen, und das gantze Werck einer Ketten gleich wäre, da immer ein Glied an dem anderen, und solchergestalt ein jedes mit allen zusammen hänget. Die überall befindlichen Citiationes werden solches gleichfals zur Gnüge ausweisen. Und demnach meine ich den Fehlern abgeholffen zu haben, die man bisher in diesen Materien gehabt, die hier abgehandelt werden. Ich habe, da ich das Buch geschrieben, beständig mich angestellet, als wenn ich von allen diesen Dingen noch nichts wüßte, sondrn sie erst durch das Nachdencken heraus bringen sollte. Und dannenhero sind alle Materien in der Ordnung zu finden, wie sie nach und nach aus einander können entdecket werden. Wer hierauf acht hat, der wird einem jeden Articul den Grund anzeigen können, warum er auf den andern folget, und in dem Ordnung finden, was ihm sonst unordentlich vorkommen dürfte. Gleichwie nun aber dieses Buch in einer steten Verknüpfung einer Wahrheit mit der andern geschrieben worden; also muß es auch in unverrückter Ordnung von Anfange bis zu Ende gelesen werden. Und weil man auch hierinnen wird erwiesen finden, daß die Natur keinen Sprung thut; so wird absonderlich nöthig seyn, daß man dieses Buch nach und nach mit gehöriger Aufmercksamkeit und Überlegung lese. Wer dieses thut, wird das Vergnügen davon haben, daß er zu einer deutlichen und gründlichen Erkäntniß der wichtigsten Wahrheiten gelanget, und absonderlich auch die Freude dabey haben, daß er die höchstschädlichen und gefährlichen Irrthümer derer, die sich für anderen starck am Verstande zu seyn düncken und für unüberwindlich halten, wird gründlich wiederlegen, auch die Einwürffe wider die natürliche und geoffenbahrte Religion mit Nachdrucke beantworten können. Ich hatte mir zwar anfangs vorgenommen, die Frage von der Gemeinschafft des Leibes mit der Seele, und der Seele mit dem Leibe gantz unentschieden zu lassen; allein da ich durch die im anderen Kapitel gelegten Gründe wider Vermuthen gantz natürlich auf die vorher bestimmete Harmonie des Herrn von Leibnitz geführet ward; so habe ich auch dieselbe beybehalten und in ein solches Licht gesetzet, dergleichen diese sinnreiche Erfindung noch nie gehabt. Ich habe bloß auf die Wahrheit gesehen, und mich daher nicht bekümmert, ob es alt oder neue ist, sondern alles in meine Kette genommen, was sich als ein Glied damit verknüpffen lassen. Denn ich kan aufrichtig bekennen, daß ich in demjenigen, was die Alten gewust, mehrere Gründlichkeit bey reiffer Überlegung finde, als insgemein in demjenigen anzutreffen, was man heute zu Tage für neu auszugeben pfleget. Unterdessen bin ich kein Anbeter des Alterthums; sondern nehme eben so willig an, was die Neueren hinzusetzen, und mur mein eigenes Nachsinnen an die Hand giebet. Wie viel die Erkäntniß der Wahrheiten, die ich hier vorgetragen habe, zur Beförderung der Tugend beytrage, wird sich nun bald zeigen, wenn ich ihre Natur und Beschaffenheit durch die Natur der Seele gründlich erklären werde. Unterdessen wünsche ich einem jeden, der gegenwärtiges Buch lesen wird, Gedult und Aufmercksamkeit, damit er alles, was hier vorgetragen wird, gründlich einsehen, und zu dem vielfältigen Nutzen anwenden möge, welcher aus der Erkäntniß so wichtiger und tief verborgener Wahrheiten erwachsen kan! Ich wünsche aber auch denen, die es nöthig haben, aufrichtigkeit, damit sie nicht bloß mit der Absicht darüber kommen meine Worte zu verkehren, und mir ungereimte und gefährliche Meinungen aufzubürden! Halle Den 23. Decembr. 1719.