AKHM/Isagoge Einleitungen des Herausgebers
Der Isagoge des Porphyrios innerhalb der langen Reihe antiker Kommentare zur aristotelischen Logik insofern einen Vorrang zu geben, daß man sie mit den Kategorien und der Hermeneutik zu einem Ganzen vereint, also zu Aristoteles direkt aufnimmt, heißt eine alte Tradition ernstnehmen, deren Spuren sich heute noch finden. Bald nach Erscheinen des auch unter dem Titel Περὶ πέντε φωνῶν (u.ä.) gängigen Traktats[1] ist kontinuierlicher Schulgebrauch belegt. Die versio Latina und Kommentierung der Schrift durch Boethius mit ihrer maßgeblichen Formulierung der zentralen termini technici eröffnet die ca. tausendjährige, breite Rezeption des abendländischen Mittelalters: Die Isagoge – nunmehr auch: Ouinque voces – wird zu einem Standardwerk des universitären Betriebs, zur curricularen Einleitung in die philosophischen Disziplinen überhaupt. Das hat zur Folge, daß ihr Bezugstext, die aristotelischen Kategorien, auch zu einem Basistext werden. Mit ihnen und der Hermeneutik zusammengefaßt, stellt diese Textversammlung bis ins 12. Jh. den kanonischen Bestand der später so genannten Logica vetus dar. (Erst um die Zeit werden die anderen Schriften des Organon in lateinischer Übersetzung bekannt: Logica nova sive modernorum.) Neben der Wirkungsgeschichte im lateinischen Westen führen, vom griechischen Original oder Übersetzungen ins Syrische, Armenische, Arabische ausgehend, auch Wege ins byzantinische und orientalische Mittelalter. Im islamischen Kulturkreis ist die Isagoge heute noch das Lehrbuch der Logik schlechthin. Somit – man hat es nur allermeist vergessen – gehört dieser Text »zu den gelesensten und verbreitetsten Schriften« – nicht nur, s. o. – »unserer Culturgeschichte.«[2]
Der dies feststellt, war gleichzeitig ihr schärfster Kritiker. Er wertet sie ab als höchst läppisches Compendium« (1. c., 627), darauf aus, »aus der peripatetischen Lehre jene Annahmen auszuwählen, welche den meisten Syncretismus mit stoischer Doctrin enthielten« (629 f.); sie gehöre zum »Schlamm der verstandlosen Produkte des Porphyrius« (626), und der sei mit seinem »niedrigen und zugleich verderblichen Standpunkt« »der bei weitem einflußreichste Verderber der Logik« (627; 626). –
Bei soviel Verderbnis lohnt ein näheres Hinsehen. Hier liegt, leicht zu finden, ein Widerspruch vor: Ist es wahrscheinlich, daß Abertausende kritischer Rezipienten, Gelehrte wie Studenten, jahrhundertelang die Substanzlosigkeit dieses Produkts nicht bemerkt haben sollten, stattdessen fleißig »stoischen Blödsinn« aus ihr lernten, auch nach Bekanntwerden der Analytika Priora, der Analytika Posteriora und der Topik, sodaß erst die kritische Forschung des 19. Jahrhunderts antreten mußte, um in Person des großen Historikers der Logik diesen Schein zu zerstreuen und die aufgefundene Verderbnis zu entlarven? – Nun könnte aber Prantl gegen den »logischen Stillstand« der mittelalterlichen Tradition ja recht haben. Also wird nur näheres Sicheinlassen auf den Inhalt der Isagoge Aufschluß geben können.
Selten hat eine Einführung auf den Text, in den sie einführen soll, so wenig Bezug genommen wie die Isagoge auf die Kategorien: über deren Inhalt erfährt man aus ihr fast nichts, Kenntnis dessen wird schlicht vorausgesetzt. Der Autor hat sein Vorhaben also anders angelegt, der Einleitungspassus stellt das auch hinreichend klar: Der Lehre von den Grundaussagen bei Aristoteles (Kategorien, Prädikamente) wird etwas anderes voraus-gesetzt, die klärende Anstrengung von fünf Fundamentalbegriffen: Genus, Spezies, Differenz, Proprium, Akzidens – so in der scholastischen Terminologie, die ganz einfach die handlichste ist. Diese Bestimmungen faßt man unter dem Titel Kategoreme oder Prädikabilien zusammen.
Damit ist eine vertrackte Situation gegeben: Was ist hier Erstbestimmung oder Letztbegründung, welches sind die »obersten Gattungen«, oder was liegt allertiefst am Grunde, die Kategorien oder die Kategoreme? Oder, worin unterscheiden sich die Prädikamente von den Prädikabilien überhaupt? Schon die Namen dafür sagen doch, daß ihre Geber vermuteten, hier treten enge Verwandte auf.
Dies kann man in erster Näherung klären. Zwar wollte Porphyrios sich dabei »aller tiefergehenden Untersuchung enthalten«, doch in diesem Punkt läßt er nichts unklar: Er läßt ein »Gipfeltreffen« stattfinden,[3] bei welchem die Kategorien im Gefüge der Prädikabilien ihren systematischen Ort finden, den denkbar prominentesten, als γενικώτατα, wie er in der elaborierten Wissenschaftssprache seiner Zeit sagt: als alleroberste Gattungen alles dessen überhaupt, was es gibt. Weiter hinauf geht die Genealogie nicht; weiter oben liegt nur die Äquivokation von »sein«.
Die Prädikabilien wären sonach Mittel, dies zu beschreiben; instrumentell, heuristisch waren sie ja eingeführt. Sie sollten allerdings nicht nur die aristotelische Kategorienlehre aufschließen helfen, und dazu brauchte man sie auch nicht alle, sondern darüberhinaus sollten sie dienlich sein zum Geschäft von Definition, Begriffseinteilung und Beweis. Damit gehen sie über den Rahmen des kategorialen Unternehmens weit hinaus und erweisen sich als Grundbestimmungen jeder philosophischen Untersuchung, wie sie seit der berühmten »Was ist es wirklich?«-Frage des Sokrates über die Dihairesis-Methode des reifen Platon bis hin zum Organon charakterisiert ist. Das heißt für die aristotelischen Schriften zur Logik speziell: Sie sind hier alle im Blick – die Hermeneutik vielleicht ausgenommen; von der Topik über die Erste bis zur Zweiten Analytik geht es an je hochrangiger Stelle doch um Dihairesis, Definition und Beweis. Man könnte sogar die provokante Frage stellen, ob die Isagoge eine Einführung in die Kategorien wirklich ist, wie man traditionell immer sagt. In ihrem Titel ist es nicht überliefert; die zu Anfang zitierten Kategorien sind, wie bemerkt, nur ein Bezugspunkt (die anderen müßte man verdrängen), außerdem läßt der Wortlaut auch zu, den Genitiv κατγοριῶν nicht epexegetisch, sondern objektiv zu nehmen, dann könnte der Bezug ebenso gut Topik, I, 9 sein oder jede andere Stelle, wo Aristoteles die Kategorien zitiert, und das tut er oft. Schließlich, was Ammonios zum Anlaß der Schrift berichtet (s. Anm. 2 zum Text), verpflichtet niemanden, es anzunehmen, es könnte frei erfunden sein. Die Vorstellung, diese Einführung habe die gesamte aristotelische Philosophie des logos in ihrem Blick, hat sonach eine gewisse Attraktivität, und dafür werden sich im folgenden noch einige Anhaltspunkte finden.
Die Prädikabilien nehmen also doch wieder die Züge von Erstbestimmungen an, und das steht ihnen der Sache nach auch zu, wie nicht nur die Allgegenwart dieser quinque voces in allen den aristotelischen Texten zeigt, die sich mit onto-logischen Strukturen befassen. Es geht auch nicht so einfach mit der schnellen Unterscheidung: Da Beschreibungsmittel, hie damit Beschriebenes, also, die Kategorien auf der objektiven Seite, fest im Sein verankert, die Kategoreme bloß im gliedernden Denken und in der Äußerlichkeit der Sprache. Schon die Namen der Prädikabilien selbst verhindern solche Zuordnung, und der Gebrauch, den Aristoteles von Genus, Spezies usw. macht, zeigt auf Schritt und Tritt, daß er mit »Seinsgattung«, »artbildender Unterschied« usf. jedesmal objektive, an der Sache selbst vorliegende Tatbestände treffen will.
Im Vorgetragenen ist etwas impliziert, das ausdrücklich gemacht werden muß, weil das zur Klärung der vorgefundenen Dialektik beiträgt: Die »fünf Ausdrücke« sind weder der Anzahl noch der Funktion noch dem System nach, das sie bilden, eine Erfindung des Porphyrios; er hat das auch nirgends behauptet. Abgesehen davon, daß einige in sie eingegangene Fragestellungen bis in die platonische Theorie der Ideen zurückweisen, sind sie nicht bloß alle, in wie lockerem Kontakt auch immer, bei Aristoteles da, sondern bilden mindestens einmal, wenn auch noch nicht ganz in dieser standardisierten Form, ein weitreichendes Gliederungssystem für einen Riesenberg an Material, der sonst überhaupt nicht zu ordnen war, nämlich in der Topik. Dort (A 4) legt er die Koordinaten, nach getaner Arbeit, an: Topoi lassen sich gruppieren um die Hauptgesichtspunkte Akzidens (Ausführung: Β), Gattung (Δ), Proprium (Ε) und Definition (Ζ, Η). Was hier nominell fehlt, ist leicht beizubringen: Seinsgattung und erscheinende Art (Eidos, Spezies) sind dermaßen relational verbundene Begriffe, daß einer ohne den anderen nicht gesetzt und diskutiert werden kann; dies zeigen die Kapitel [1] und [2] der Isagoge exemplarisch. Es sind auch Reflexionsbegriffe, d. h.: Was auf einer Abstraktionsstufe Gattung ist, kann auf einer höheren zur Art werden, mit dem Genus ist Spezies immer schon mitgegeben. Das überschüssige Stück, andererseits, Definition, ist nur scheinbar ein Fremdelement: Erstens ist sie im Einleitungspassus der Isagoge als Ziel und Aufgabe der Prädikabilien mit von der Partie, zweitens erfolgt bekanntlich eine regelrechte Definition durch Angabe der beiden Bestandteile genus proximum und differentia specifica, – also genau das scheinbar noch fehlende Stück. Porphyrios hat durch seine Darstellung nur zum Kanon erhoben, was er, etwas differenzierter gegliedert, vorgefunden hat. Damit ist der Horizont gegeben, in dem man die Klärung weiter betreiben muß.
Wer das Zurückverfolgen der Seinsherkünfte der tausenderlei, wie man so sagt, »real existierenden« Dinge hinauf zu »obersten Seinsgeschlechtern« historisch festmachen will, gerät – notwendig, möchte man fast sagen – an Platon. Nicht nur, daß er zuerst es überhaupt so formulieren konnte, sondern es führen auch innere Bezüge von seinen »größten Gattungen« herüber: Wer in irgendeiner Form Differenz setzt, hat ihre Komplementärbestimmung, Identität, negiert, also einen Schritt zuvor doch auch gesetzt. Und über den Kategorien war, versuchsweise, eine Generalklammer konstruiert – alles, was da ist –, die zwar unter Berufung auf Aristoteles als bloße Homonymie abgetan wird,[4] doch auf anderer Stufe der Reflexion sehr wohl als kategorial sich erweist: Nimmt man nämlich Ausgang nicht bei der Kopula des Aussagesatzes, die mit ihrem »ist« alles und jedes verbindet, sondern befragt den Seinsmodus der tausenderlei Dinge streng, so stellt er sich als ein Nicht-Sein heraus, genauer, als ständiges Werden, Veränderung und Wandel; immerwährenden Bestand, Sein im genauen Sinne, haben nur Ideen, das Allgemeine, das Gesetzmäßige des Wandels. Dies (Sein, Veränderung, Bestand, Identität, Differenz) sind bekanntlich die »fünf größten Geschlechter« bei Platon im Sophistes (254 bff.). Auch das kann man noch einmal vereinfachen, indem man den Blick von den letzten Setzungen des erkennenden Geistes ab- und allein nur noch den objektivsten Tatbeständen zuwendet: Dann fällt Bestand zu Sein, Veränderung zu Werden, und dazwischen ist eine »dritte Gattung« zu konstruieren, das, worin das Seiende zu Natur wird oder worin das Werdende seinen Ort und Platz hat und sein Spiel treibt, nenne man es nun Raum oder Stoff. Das ist die Konstruktionsfigur zur Erzeugung des Kosmos im platonischen Timaios.
Demgegenüber nehmen sich das aristotelische Kategorien-Unternehmen und die in es, wie man meint, einführende Isagoge bescheiden aus. Sie haben allerdings den Vorteil, weniger spekulativ zu sein. Bestehen bleibt bei alledem, daß Prädikamente und Prädikabilien, so wie in der Grammatik Gerundium und Gerundivum, Kinder aus gleichem Hause sind; bei gleicher Herkunft gehen sie verschiedene Wege, man kann, je nachdem, ihre Gemeinsamkeiten oder Verschiedenheiten betonen, und schließlich finden sie an bestimmten Punkten doch immer wieder zusammen, wie z. B. in der Isagoge.
Daß es zu ihnen beiden ernsthafte Konkurrenten bei Aristoteles gibt, sei nicht verschwiegen: (a) Das universelle Differenzierungsinstrument von Aussagen, und im Falle wahrer, auch von Tatbeständen, Dynamis – Energeia; (b) die Analyse der Dinge nach Stoff und Form, – beides in der Isagoge auch anzutreffen.[5] Darüberhinaus ist der Stoff-Form-Aspekt nur Teil eines allgemeineren Verbunds, des sogenannten Schemas der vier Ursachen: (c) Veränderungsanstoß und darin aufgehobener und intendierter Zweck treten hinzu, insgesamt ein wahrhaft fundamentales, in jedem Felde der Untersuchung produktives »Kategorem«. (d) Prinzip, Anfang, Ursprung, Quell, Erstes an und für sich, und (e) Veränderung, die Grundkategorie, unter die Aristoteles seine ganze Physik stellt, besitzen kategorialen Rang wie wenige andere Fundamentalia, – von weiteren, die man nennen könnte, ganz zu schweigen.
Weit entfernt davon also, ein belangloses Produkt zu sein, gibt die Isagoge Anlaß zu gründlichen Erwägungen; »sie enthält Philosophie, die Untersuchung«, hätte Aristoteles dazu gesagt. Da sieht man über einige Mängel, die sie in der Tat zeigt, gern hinweg.
Wie geht der Verfasser überhaupt vor, oder welchen Verlauf nimmt der Text? Man hat die Leichtigkeit der Darstellung, die Klarheit des Denkens, das Streben nach Deutlichkeit der Begriffe und des Ausdrucks an Porphyrios gelobt, mit Recht; umgekehrt war dann auch festzuhalten: Der Reiz, den die logischen Schriften des Aristoteles durch ihre Schwierigkeit ausüben, geht der Isagoge ab. Eine Einleitung soll ja wohl einfacher sein als das, in welches sie einführt. Entsprechend ist die Gliederung, man möchte sagen: überdeutlich; an jeder kleinen Ecke wird zusammengefaßt, zurück- und vorausgeschaut, so daß der Leser immer genau weiß, an welchem Punkt der Landkarte er ist.
Im großen Ganzen sind es zwei Abläufe: .I Kap. [1}-{5], Vorstellung der fünf Ausdrücke je für sich (daß dies in Wirklichkeit nicht sauber geht, war zu sehen); I. Kap. [6}-[16], Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen ihnen. Keine Frage, die Darstellung ist kopflastig; die ausführlichsten, auch inhaltlich zentralen Kapitel sind die über Spezies und Differenz; gegen Schluß wird es mehr und mehr eine bloße Aufzählung: es kann nur noch summiert werden, was schon vorgetragen war.
Die Prädikabilien werden insgesamt nach bestimmten Kriterien abgefragt und verglichen. Die Art, wie Porphyrios damit umgeht, zeigt große Sicherheit in der Behandlung der offen- bar standardisierten Aspekte. Es sind etwa zu nennen:
1) Aussagbarkeit von Einzelsubjekten oder von Allgemeinbegriffen. Dies Kriterium bringt die Prädikabeln auf eine Seite, er ist damit auch (zu) schnell fertig, denn im Verlauf des Diskurses macht es sich mehrfach, mindestens differenzierend, geltend.
2) Unterscheidung von Dingen und/oder Bestimmungen der bloßen Anzahl (x1, x2, X3 etc.) oder der verschiedenen Art nach (x, y, z etc.); dies Kriterium benutzt er nur in untergeordnetem Zusammenhang.
3) Kategoriale Unterscheidung; also, hier werden die Kategorien in der Isagoge angewandt, es treten dabei aber nur drei auf: Substanz, Qualität, Relation, letztere in viel umfassenderem Begriff als in der Kategorienschrift selbst. Daß es nur diese drei und gerade diese sind, scheint kein Zufall: Der Befund spricht einmal mehr dafür, daß die Isagoge sich nicht nur auf die Kategorienschrift bezieht, sondern auf die begrifflichen Grundlagen der aristotelischen Logik überhaupt. Mit dieser Reduktion der Anzahl spiegelt sie nämlich die Sachlage wider, daß Aristoteles nach Topik, I, 9 und der Kategorienschrift (wenn die angenommene Chronologie stimmt) die Kategorien nie wieder vollzählig aufgeführt hat. (Gründe dazu sind in der Einleitung und den Anmerkungen zur Kategorienschrift vorgetragen.)
4) An sich – akzidentell. Dabei ist erstmalig ein Sachverhalt zu beobachten, der für die Isagoge durchgehende Bedeutung besitzt, nämlich die Autoreflexivität der zentralen Bestimmungen: Die Prädikabilien tauchen auf logisch verschiedenen Ebenen auf, einerseits thematisch, als Objekte einer Beschreibung, also auf der inhaltlichen Seite; andererseits deskriptiv, als Mittel der Beschreibung, auf der instrumentellen Seite. Das erscheint so unumgänglich: Wollte man etwa Genus definieren, so muß es ein Genus von Genus geben. Eine Spezies von Spezies gibt es zwar nicht ausdrücklich, aber im Mittelbereich der Begriffspyramide, so wie das Spezieskapitel ihn konstruiert, ist dies nicht nur impliziert, sondern liegt zutage. Weiter, Differenzen und Proprietäten hat jede Bestimmung an und bei sich, sonst fände nichts zu einer Identität, also gilt das auch – ausdrücklich – für Differenz und Proprium selbst: die Bestimmungen werden auf sich selbst angewandt. Das Akzidentelle schließlich, diese lockerste aller Beziehungen, im Raum der Beliebigkeit sich umtreibend, fügt sich widerspruchslos allem an, also mag es selbst auch Akzidentien haben.
Im Lauf des Diskurses treten weitere Kriterien nach vorn, anfängliche zurück; wieder andere halten sich durch:
5) Zeit. Liegt die Bestimmung an einem Subjekt für dessen ganze Dauer vor oder nur für einen Teil davon? Nach aristotelischen Begriffen nennt er das »ablösbar« bzw. »nicht ablösbar«.
6) Läßt sich das Vorliegen einer Bestimmung der Intensität nach steigern oder nicht? Dies läuft unter »mehr und minder«, eine Fragestellung, die seit der Topik geläufig ist.
7) Einschließen – Eingeschlossenwerden, d. h.: Welche Bestimmung hat einen größeren Umfang, der andere oder genau diese dagegenstehende Bestimmung einschließt?
Im Zusammenhang damit stehen die drei nächsten:
8) »Folge«, im Sinne von Implikation; das geht von unten nach oben: Wer das Speziellere setzt, setzt das Allgemeinere mit.
9) Logischer Vorrang oder Nachrangigkeit; hier kommt das Allgemeinere zuerst.
10) Folge oder Nicht-Folge bei Negation: Wird A aufgehoben, fällt B dann mit oder nicht?
Schließlich noch eine bei Aristoteles grundlegende aussagenlogische Operation:
11) Möglichkeit resp. Unmöglichkeit der Umkehrung von Aussagen.
Damit hat er Kriterien genug beisammen, jede der untersuchten Bestimmungen nach allen Seiten genau im Begriffs-Felde anzuordnen. Das ist gut zu durchschauen und zu lernen, wenn auch gegen Schluß nur noch schematisch –: Der logische Stand der Zeit, das Unternehmen auf die propädeutisch-in-strumentelle Seite davon verkürzend (»Organon«), klar und faßlich dargestellt.
Jedem, der die aristotelische Topik kennt, fällt ins Auge, daß die Kriterienliste sich wie ein Exzerpt aus den dort ausführlich und in mancherlei Varianten durchgespielten Topoi liest (nur Kriterium Nr. 1 steht etwas ferner und erinnert an Cat., 2). Also auch auf der instrumentellen Seite ist die Bezugnahme breiter, als man es zu sehen gewohnt ist.
Abschließend sei ein spezielles Verdienst der Isagoge notiert. Sie hält in ihrem Kapitel [1] die Erinnerung daran wach, daß genos und eidos einmal sprechende Namen waren, bevor sie in der Nomenklatur der Logik zur bloßen Abstraktheit inhaltslos rein nur gliedernder Instrumentaltermini wie »allgemein« (Gattung) und »subsumiert«, spezieller (Art) heruntergekommen sind. Das Sein ist organisch gewachsen und tritt in einer Geschlechterabfolge von Herkünften zur je erscheinenden Form heraus. Diese Erinnerung, auf Platon und Aristoteles zurückgespiegelt, kann dazu beitragen, deren anschauliche protologische und logische Bemühungen besser zu verstehen als von irgendeiner Stufe späterer Begrifflichkeit aus.
In summa, die Isagoge leistet das, was zu leisten sie geschrieben ist, in ausgezeichneter Weise. Wer über die in ihr zum Thema gemachten Begriffe verfügt, steht auf einem weitertragenden Sprungbrett zu den ebenso fundamentalen wie fremdartigen, der Einführung sehr wohl bedürftigen Aufstellungen nicht nur der aristotelischen Kategorienschrift, sondern der aristotelischen Philosophie des logos (und die reicht bis in die Metaphysik) überhaupt. Einen besseren Einstieg dazu gibt es nicht.
Einzelnachweise
- ↑ Der Sekundärtitel wird wohl entwickelt sein aus der Überschrift zu Kap. [6], 13, 9 Busse, so wie der primäre aus dem Einleitungspassus, 1, 7 f. Busse. Hat •Einführung« oder »Einleitung« ein gutes Recht, so sind die »fünf Worte« oder »Ausdrücke« so ziemlich das Äußerlichste, was man dazu sagen kann. Für griffige Schulterminologie reichte es dennoch.
- ↑ C. Prantl, Gesch. d. Log. im Abendl. (1855), Bd. I, S. 626. Danebengesetzt sei ein modernes Urteil: »(the) Introduction [...] is still one of the classical philosophical texts.« H. Arens: Aristotle's Theory of Language and its Tradition (1984), S. 9.
- ↑ Kap. [2], 5, 17ff. Busse.
- ↑ Kap. [2], 6, 3ff. Busse.
- ↑ 11,4f. und 11, 12 f. Busse.