DG1G/Exkurs über Germanisch und Deutsch/03
▷Welcher von beiden Deutungen man sich hinneige, das ist klar, daß Germani und Germania bei den Römern sowohl als nachher einen allgemeinen auf alle deutschen Stämme sich erstreckenden Sinn gewähren. Schon die Römer, denen Zusammenhang der einzelnen Völkerschaften in Sprache und Sitte nicht entgehn konnte, bedurften des umfassenden Ausdrucks, wie ihn Caesar, Plinius, Tacitus und die übrigen Klassiker verwenden, weiß jedermann. Sueton im Caligula 47 meldet, dieser Kaiser habe zum Gepränge seiner Triumphe gefangne Gallier gezwungen, 'non tantum rutilare et submittere comam, sed et sermonem germanicam addiscere, et nomina barbarica ferre'[1]; dabei dachte man an kein bestimmtes Volk, sondern an das, was allen Deutschen gemein war. Seit das Christentum Ausbreitung gewann, haftete der Name unter den Schriftstellern des Mittelalters: es wäre überflüssig Zeugnisse dafür zu häufen, daß sie ihn, in der weitesten Bedeutung von allen sprachverwandten Stämmen richtig gebrauchen, 'ferae et ignarae gentes germanicae'[2]sagt Bonifatius in einem seiner Briefe (Würdtw. p. 84); 'gens Baicariorum in extrema Germania sita'[3] heißt es in der Vita Agili (Mabillon ann. ben. 2, 306.) Paulus Diaconus im Beginn seines Werks über die Langobarden: 'unde fit ut tantae populorum multitudines arctoo sub axe oriantur, ut non immerito universa illa regio Tanai tenus usque ad occiduum, licet et propriis loca in ea singula nuncupentur nominibus, generali tamen vocabulo Germania vocitetur … Gothi siquidem, Vandalique, Rugi, Heruli atque Turcilingi, nec non etiam aliae feroces et barbarae nationes e Germania prodierunt.'[4]Alfred legt seinem Abriß der Erdbeschreibung denselben ausgedehnten Umfang von Germanien zum Grund. Hin und wieder wird jedoch der Begriff enger gefaßt, und eingeschränkt auf das dem herschenden deutschen Königsgeschlecht unterworfne Reich, das uns freilich eben wieder auf jenen niederrheinischen Stamm führt, dem schon frühere Nachrichten den Namen beilegten, so heißen im Gegensatz zu Sachsen oder Langobarden die Franken Germani, so müssen die nach Spanien, nach Britannien gewanderten Goten und Sachsen, die skandischen Nationen von Germanien ausgeschlossen sein; Rathenus Veronensis unterscheidet: 'equi frenis germanicis, sellis saxonicis falerati.'[5] (opp. 920.) ein nordischer Schriftsteller, wie Saxo Grammaticus wird Germania niemals von seinem Vaterlande verwenden, aber ein deutscher Glossator des 8 Jh. übersetzt Germania ohne weiteres in Franchóno lant (Diut. 2, 370) und germanicus populus ist dem Fulder Annalisten (Pertz 1, 394) das dem fränkischen Reich unterworfne Volk.
- ↑ 'nicht nur erröten und die Haare bändigen, sondern auch die germanische Sprache lernen und barbarische Namen tragen'
- ↑ 'wilde und unwissende germanische Völker'
- ↑ 'ein Volk der Bajuwaren, gelegen am äußersten Ende Germaniens'
- ↑ "Daher kommt es, dass unter der schmalen Achse so viele Volksmassen entstehen, dass nicht zu Unrecht die gesamte Region des Tanais bis zum Westen gehalten wird, obwohl jeder Ort darin mit seinem eigenen Namen genannt wird, wird er dennoch mit diesem Namen bezeichnet der allgemeine Begriff Germanien ... noch sind aus Germanen andere wilde und barbarische Nationen hervorgegangen." Quelle: "De Germania, quod plures nutriat populos, ideoque ex ea multae gentes egrediantur. (0433A) Septentrionalis plaga, quanto magis ab aestu solis remota est, et nivali frigore gelida, tanto salubrior corporibus hominum, et propagandis est gentibus magis coaptata: sicut e contra omnis meridiana (0434A)regio, quo solis est fervori vicinior, eo semper morbis abundat, et educandis minus est apta mortalibus. Unde fit ut tantae populorum multitudines, Arctoo sub axe oriantur: ut non immerito universa illa regio Tanai tenus, usque ad occiduum, licet et propriis loca in ea singula nuncupentur nominibus, generali tamen vocabulo Germania vocitetur; quamvis et duas ultra Rhenum provincias Romani, (0435A)cum ea loca occupassent, superiorem, inferioremque Germaniam dixerint. Ab hac ergo populosa Germania, saepe innumerabiles captivorum turmae abductae meridianis populis pretio distrahuntur; multae quoque ex ea, pro eo quod tantos mortalium germinat, quantos alere vix sufficit, saepe gentes egressae sunt, quae nihilominus, et partes Asiae, sed (0436A)maxime sibi contiguam Europam, affixerunt. Testantur hoc ubique urbes erutae, per totam Illyricum, Galliamque: sed maxime miserae Italiae, quae pene omnium illarum est gentium experta saevitiam Gothi siquidem, Wandalique, Rugi, Heruli, atque Turcilingi, nec non etiam aliae feroces, et barbarae nationes e Germania prodierunt." Übersetzung: Über Germanien, weil es viele Völker hervorbringt und deshalb viele Völker daraus hervorgehen. (0433A) Je mehr die nördliche Region von der Hitze der Sonne entfernt und durch die Kälte des Schnees gefroren ist, desto gesünder für die Körper der Menschen und für die Nationen durch Fortpflanzung zugänglicher: genauso Im Gegenteil, jede südliche (0434A) Region, die näher an der Hitze der Sonne liegt, ist immer anfällig für Krankheiten und eignet sich weniger für die Ausbildung von Sterblichen. Daher kam es, dass unter der Achse des Árctos so viele Scharen von Völkern entstanden, so dass nicht unverdienterweise die gesamte Region Tanais bis zum Westen, obwohl jeder Ort darin seinen eigenen Namen trägt, dennoch den Namen trägt allgemeiner Begriff Germania; Obwohl die Römer auch die beiden Provinzen jenseits des Rheins besetzten (0435 n. Chr.), nannten sie bei der Besetzung dieser Orte Ober- und Untergermanien. Aus diesem bevölkerungsreichen Gemanien werden daher oft unzählige Scharen von Gefangenen von den Völkern des Südens um einen Preis fortgeführt; Auch viele Nationen sind oft ausgezogen, weil es so viele Sterbliche hervorbringt, dass es kaum ausreicht, sie zu ernähren, was jedoch Teile Asiens, vor allem aber (0436A) Europa, das an sie grenzt, betroffen hat. Dies wird überall durch die geplünderten Städte in ganz Illyrien und Gallien bezeugt; am elendsten aber ist Italien, das fast alle diese Nationen darstellt und die Grausamkeiten der Goten, der Vandalen, der Rugier, der Heruler und der Turkilinger erlebt hat, und nicht aus Germanien kamen nur andere wilde und barbarische Nationen.
- ↑ "Deutsche Pferdezäume, sächsische Sättel geschmiedet."