DG1G/Exkurs über Germanisch und Deutsch/28
▷Für das Studium der Sitte, des Glaubens und zugleich der Sprache unsrer Vorzeit behauptet die genaue Kenntnis der Mundarten keinen geringem Reiz, als auch die der Volkslieder, des Aberglaubens und aller gemeinen Überlieferungen hat. Im angelegentlichen Gebrauch dieser Quellen bin ich es gewahr geworden, welche Schätze daraus zu heben, welche Ergänzungen der Schriftlichen Denkmäler darin versteckt sind; zur unmittelbaren Auferbauung unserer Poesie und Sprache können sie nicht gereichen. Wie mich dünkt, darf die historische Grammatik weniger den bunten Wirrwarr der mundartlichen Lautverhaltnisse, als Bruchstücke einzelner Flexionen, Wortbildungen und selbst Strukturen berücksichtigen, die sich allerwärts unter dem Volk erhaltenhaben. Schindlers Wörterbuch zeigt, wie gründlich und gelehrt die deutschen Dialekte behandelt werden müssen; zunächst an seinen Reichtum reicht die Bearbeitung der Schweizersprache; für Tirol, Östreich und Schwaben wird noch fleißig zu sammeln sein; großer ist die Vernachlässigung der mittleren Dialekte in der Wetterau, Hessen und Thüringen, am größten und empfindlichsten die der gehaltigen westfälischen Mundart; Niedersachsen scheint schon sorgfältiger bedacht. Auch in Belgien, wenn es sich selbst nicht wieder zur Schriftsprache emporzuheben vermag, würde genaue Verzeichnung seiner, mundartischen Eigenheiten höchst wünschenswert sein, da sich daraus die Bewandtnis des altfränkischen Idioms hin und wieder aufklären könnte. Fruchtbarer noch an Ergebnissen fiir die deutsche Grammatik müste ein seit Ihre nicht recht wieder aufgenommnes schwedisches Dialektlexikon ausfallen.