Zum Inhalt springen

GULR/Einleitung/11/10

aus AufEinWort, der freien Forschung

Beim Deutschen ist zu bedenken, dass nur die Stammsylbe, nicht aber die Vorschlags- oder Anhängesylben in Betracht kommen. So wird z. B. unsere Vorschlagssylbe ge in vielen deutschen Volksdialecten, dem Scandinavischen und in der englischen Sprache weggelassen; so heisst Schwedisch und Dänisch Gesund sund, Gewalt vaelda. Oft ist im das e beim G im Deutschen herausgefallen, so dass man es kaum als Vorschlag erkennt, wie bei Glied – statt Gelied. Schwed. und auch im Schlesischen lit. Gnade Daenisch Naade und Nåel. Glück: Friesisch Lock, Nieders. Luck. Ob Wörter aus dem Latein ins Deutsche oder aus dem Deutschen ins Latein gegangen sind, lässt sich an mancherlei erkennen.

  1. An der Aussprache, besonders des C. Zentner, Zelle, Zeder, Zins, Karzer stammen von centēnārius, cella, cedrus, cēnsus, carcer, was durch die später entstandene Aussprache sich ergiebt. Dagegen sind cella und carcer selbst aus Keller und Kerker entstanden, und waren auch früher so ausgesprochen worden. Ebenso cent, was weiter unten erklärt werden wird.
  2. Aus dem Tone. Wörter, die den Ton auf der Stammsylbe haben, können wir als ächt deutsche betrachten. Die es nicht sind, verrathen, auch wenn sie noch so verbreitet sind, durch den Ton, ihre fremde Abkunft, so Musik und Natur, denn ohnerachtet das letztere Wort von einer germanischen Wurzel stammt, ist diese Form uns doch durch die Lateiner gegeben worden.
  3. Durch die Form des Infinitiv. Sind sie aus dem Latein, so machen sie gewöhnlich iren, so contribuiren, spazie-ren, referiren. Wo dagegen die rein deutsche Infinitivform sich findet, wie bei haben und mahlen, ist gewiss das Deutsche das ältere, selbst wenn wir die Kunst durch die Römer bekamen, wie z. B. Schreiben; denn aus unserm graben – an manchen Orten Schaben und Schraben – war das lateinische scrībō entstanden, was uns nur wieder zurückgegeben wurde; so poliren von polīre, dagegen poliō selbst von feilen; imprimiren von imprimere, aber primo – press – selbst von pressen, Notker hressen, Holländisch parsen und Schwedisch prässa, so auch ferō von bären (noch im Niedersächsischen), im Allemannischen peran, im Gothischen bairan, im Schwedischen baera, im Dänischen bäre. Der unregelmässige und dem Dänischen ähnliche Infinitiv ferre zeigt das hohe Alter des Worts im Latein, daher auch nicht alle Formen desselben sich erhalten haben. So stammen auch regieren und Regent aus dem Latein; das Lateinische regō aber kommt vom Deutschen regen, richten, so dass wir die Wurzel, sie die Form uns geben. Ebenso Siegel von sigillum; allein dies ist ein Diminutiv von signum, dessen Stamm signō, ich zeichne, ist.

Wir werden nun in beiden Sprachen die Wörter, welche an Ton und Bedeutung sich ähnlich sind, durchnehmen, und zwar nach Begriffen geordnet, weil sich so die grosse Menge der die ersten Lebensverhältnisse bezeichnenden ähnlichen Wörter ergeben wird, auch leichter Schlüsse auf den frühern Culturzustand der Volksstämme bei ihrer Einwanderung in Italien gemacht werden können.