GULR/Einleitung/8
▷Aber wie konnten die Römer, wird man fragen, diese germanische Abstammung so ganz vergessen? – Wir antworten, weil die Einwanderung so viele Jahrhunderte vor Einführung der Schreibekunst und besonders vor Entstehung der römischen Literatur Statt fand, und die Sage, zumal bei dem Gewirr und den Kämpfen kleiner Völker grösstentheils verhallt oder entstellt war, auch der Name Germanen, als Name einer gēns, wie schon angeführt ist, noch fehlte, vielmehr der Name Kelten allen von Norden hereingedrungenen Stämmen gegeben war.
Aber wie hätten dies germanische Element so viele geistreiche Forscher der römischen Geschichte übersehen können, und ist daher diese Darstellung nicht Dichtung? Wir erwidern: Es ist eine gewöhnlicle Erscheinung, dass man zu leicht übersieht, was uns zu nahe liegt. Hatte man für nasus, auris, gula, habeo, esse, velle ähnliche Töne in einer andern Sprache gefunden, so hätte man gleich auf Verwandschaft geschlossen; so aber übersah man es, weil wir an diese Wörter zu sehr gewöhnt sind. Übrigens haben mehrere Stimmen wie Buxhorn, Schoettel, Praasch, Leibnitz, Bardettiund Muratorleine Berölkerung Italiens durch germanische Stämme behauptet, doch nicht hinlänglich sie bewiesen; andere haben sie geahnet, waren aber nicht dreist genug, es auszusprechen, aus Furcht, durch eine solche Meinung sich lächerlich zu machen. So meint Scheller bei praesāgit, die Lateiner müssten unser Sagen gekannt haben, und bei gallusder Hahn – es sei mit gällen verwandt. Hätte er noch gewusst, dass dänisch jeg galer heisst, ich krähe, so hätte er ohne Zweifel gesagt, es heisse Kräher. Auch Adelung zeigt immer die Verwandschaft der deutschen Wörter mit dem Latein, ohne eine 'Abstammung aus dem Latein zuzugeben. So sagt Adelung das Wort digitus – Finger ist wahrscheinlich vom alten tiggagebildet, welches noch im Schwedischen sich findet. Aber es blieben solche Meinungen ohne wesentlichen Einfluss auf historische Forschung, weil der grösste Theil der den Studium des Alterthums sich widmenden Gelehrten aller Länder meist nur auf das Lateinische und Griechische, nicht aber auf die nordischen Sprachen achtete, woron erst die neuere Zeit eine rühmliche Ausnahme macht, weil man meist nur auf das sah, was mit ausdrücklichen Worten in den Werken der Alten ausgesprochen war, und doch viel Falsches in die Geschichte sich eingeschlichen hatte, da die Römer gern eine Abstammung von berühmten durch griechische Dichter verherrlichten Völkern suchten, wie von Aeneas und den Trojanern, durch eine Abkunft von Barbaren aber sich zu entehren glaubten[1], auch kürzere Zeit mit den nördlichen als mit den südlichen Völkern in Verbindung standen, und dem Stammvolke sich entfremdet hatten; hiezu kam, dass die einwandernden Griechen aus Nationaleitelkeit überall Griechen suchten, und endlich, dass man in neuern Zeiten sich die Germanen oft als ein erst kurz vor ihrem feindlichen Zusammentreffen mit den Römern in Deutschland eingewandertes Volk dachte, ein Vorurtheil, was fast allgemein Wurzel gefasst hatte.
- ↑ * ) Dies ist auch die Meinung Maratori's. Antiq. Ital. vol. VI. 571.