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GULR/Wortbildung

aus AufEinWort, der freien Forschung

Auch die Wortbildung hat in beiden Sprachen viel Ähnliches.

Substantive, welche das Geschäft, das jemand treibt, anzeigen, enden sich im Deutschen auf er, im Latein auf or und er; wahrscheinlich ist es das angehängte wair oder vir.

script-or Schreib-er
rapt-or Räub-er
pisca-t-or Fisch-er
o-rat-or Redn-er

Wörter, welche eine Eigenschaft bezeichnen, hängen im Deutschen heit, im Lat. -tās – -tat an; so

veri-t-at wahr-heit
sani-t-at (ge-)sund-heit
leni-t-at Lindig-keit
humani-t-at Altgoth. Koma-heit

Abstracte, besonders solche, welche eine Thätigkeit bezeichnen, bilden sich im Deutschen auf ung, im Latein auf -io – oder vielmehr ionj; denn die letzten Buchstaben sind nur im Nominativ Sing. weggefallen, und das g hat sich in den Vocal i aufgelöst.

ord-o = ord-inj Ordnung. Streben, jedem seinen Ort anzuweisen
rect-io = recti-onj Richtung – in thätiger Bedeutung, statt Leitung.
tect-io = tect-ionj Deckung – das Decken.
rapt-io = rapt-ionj (Be)raubung.

Ein Werkzeug, ein Geräth wird angezeigt im Deutschen oft durch -el, im Lat. durch ulum – culum und -le; so

teg-ulum der Deckel
cing-ulum Gürtel
sedi-le Sessel

Ein Mittel zur Erreichung eines Zwecks wird angezelgt im Latein durch die Anhängung -mentum oder -men.

tegu-mentum Deck(ungs)mittel
experi-mentum Erfahr(ungs)mittel

Das Diminutiv hat im südlichen Deutschland allgemein lein, el – li – le; im Latein lus oder ellus - a, um. "

catena Kette catella Ketteln oder Kettel
hortus Garten hortul-us Gärtlein – Gärtel
rota Rad rot-ula Rädel
copia Haufen copiola Häuflein
granum Korn granulum Körnlein
vas Gefäß vasculum Fäßlein

Aber auch das Deminutiv in chen ist der lateinischen Sprache nicht fremd; sie scheint es mur mit dem in -t zu verbinden, wie im Deutschen bei manchen Wörtern. Z. B. Büchelchen etc. ; so

homo – homin Altd. Goman – Mann
hommuncul-us Männelchen

Bei den Adjectiven entspricht -icus unserm -ig.

mod-icus mäß-ig
un-icus einz-ig

-āceus dem -icht.

rosaceus rosicht

-lis unserm -lich

fragilis (zer)brechlich, agilis (be)weglich)
hostilis früher gastlich, später feindlich

-īnus unserm -en und -ern,

faginus, buchen

cuprinus, kupfern

In Zusammensetzungen finden sich Ähnlichkeiten;

bei ples – voll.

locuples, reich an Grundstücken; wie bei uns ehrenvoll.

füssig, pes.

tripes, dreifüssig.

fer, bar, von ferre – baren.

frugifer, fruchtbar.

Von den abgeleiteten Verben scheinen die Desiderativa entstanden zu sein durch Anhängung des Worts – geron – begehren –

es-urio, (be)gehre zu essen.

pariturio, ich will gebären.

Die Inchoativa auf -īscō, -āscō, -escō hängen wohl mit unsern Wörtern auf -isch zusammen; so kindisch. – Goth. barniski. Kindheit. -– puerāscō – Kind werden. Während die german. Sprachen aber dies -sk – oder -sch häufig bei Adject. brauchen, bedienten sich die Lateiner desselben fast nur bei Verben.

Mehr entsprechen wieder die Deminutiva der Verba beider Sprachen sich. Wie wir von fachen und lachen bilden fächeln und lächeln, so die Lateiner von canto und sorbeo, cantillo und sorbillo, von conscribo, conscribillo – zusammen scribeln, von peto – petulo – postulo – bitten – betteln; Fränkisch petolan. Von Vacillo – wackeln – hat die lateinische Sprache das Primitiv verloren, die deutsche ihr – wanken – Fränkisch vanchon, behalten; daher wussten die Grammatiker gewöhnlich nicht, ob sie das Wort vacillo zu einem Stamm oder abgeleiteten Verbum machen sollten.

Im Allgemeinen muss man gestehen, dass die lateinische Sprache in der Fähigkeit, abgeleitete Verba zu bilden, mehr benutzt hat, als die hierin sehr beschränkte deutsche.

In der Fähigkeit, zusammengesetzte Wörter zu bilden, hat dagegen die deutsche Sprache einen eben so grossen Vorzug, als die lateinische zurücksteht; ja das Latein scheint fast nur im hohen Alterthum zusammengesetzte Wörter gebildet, dagegen später durch Adjective und Genitive sich geholfen zu haben. Sehr alt sind gewiss daher Wörter wie patricida, Vatermörder; arespex, Aarspäher; Duumvir, Zweimann etc.; muscipula, Mäusefalle; manifestus – wahrscheinlich von munt – Altdeutsch, und mund – Angelsächsisch Hand, und fassen – was man mit der Hand fasst, handgreiflich. Spätere Zusammensetzungen wie res publica, Senatus consultum sind nicht als solche zu betrachten, da im ersten Wort beide Theile durchflectirt werden, und im zweiten Senatus ein Genitiv ist.

Die häufigste Zusammensetzung ist die durch Praepositionen und Verba, wo beide Sprachen sich sehr ähnlich sind.

ab-eo, abgehen.

umb-eo, umgehen.

amb-edo, umessen, umfressen.

ad-eo, angehen.

ad-esse. Goth, at-visan, ad-est, at-ist.

ad-cendo, anzünden.

ar-rigo, anregen.

ex-eo, ausgehen. Ital. uscire.

dis-sono, miss-tönen.

dir-imō, zernehmen; hier zeigt sich in dir- ganz unser zer-, und der leichte Übergang des r und s.

Das lateinische In hat die doppelte Bedeutung – in- – ein- und un-, welches bekanntlich die Verneinung anzeigt, wie das Griech, a privativum, so

in-eo, eingehen.

in-scribo, einschreiben.

aber auch

insanire, unsinnig sein.

concordo. Kero Kahirzo.

de-claro, erkläre.

po- ist unser be-.

possideō, besitze.

pos-sīdō, besetze.

per- ist ver- und er-.

per-do, ver-thun.

per-eo, ver-gehen.

per-ferre, er-tragen und vertragen.

por-rigo, dar-reichen,

pro-dire, vorgehen.

prae-sideo, vor-sitzen.

re-duco, (zu)rückführen – ziehen; re- ist wohl rück,

se-ligo, (bei) Seite legen.

super-esse, über-sein – überleben.

Mehr hier zu erwähnen oder besondere Bemerkungen zu machen, ist nicht nöthig, da Alles klar ist, auch eine Übereinstimmung der meisten europäischen Sprachen sich findet.