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Werk:De docta ignorantia/149

aus AufEinWort, der freien Forschung

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Nos autem rerum diversitates videntes admiramur, quomodo unica ratio simplicissima omnium sit etiam diversa singulorum. Quod tamen necessarium scimus ex docta ignorantia, quae diversitatem in Deo ostendit identitatem. In hoc enim, quod videmus diversitatem ratio num [2] rerum omnium verissime esse, tunc in hoc, quod hoc est verissimum, apprehendimus unam omnium rationem verissimam, quae est ipsa veritas maxima. Quando igitur dicitur Deum alia ratione creasse hominem, alia lapidem, verum est habendo respectum ad res, non ad creantem, – sicut in numeris videmus: Ternarius est ratio simplicissima [3] non recipiens nec magis nec minus, in se una; ut autem ad res diversas refertur, secundum hoc alia ratio existit. | Nam alia est ratio [4] ternarii triangulorum in triangulo; alia materiae, formae et compositi in substantia; alia patris, matris et filii, aut trium hominum et trium asinorum. Unde necessitas complexionis non est, ut posuerunt Platonici [5], scilicet mens minor gignente, sed est Verbum et Filius aequalis Patri in divinis, et dicitur logos seu ratio, quoniam est ratio omnium. Nihil est ergo illud, quod de imaginibus formarum Platonici dixerunt, quoniam non est nisi una infinita forma formarum, cuius omnes formae sunt imagines, ut superius quodam loco diximus.

[6]Wenn wir jedoch die Verschiedenheit der Dinge sehen, erstaunen wir darüber, daß der einzige, einfachste Bestimmungs- und Wesensgrund von allem auch der unterschiedene der Einzeldinge ist. Daß das dennoch notwendig ist, erkennen wir auf Grund der wissenden Unwissenheit, die zeigt, daß die Verschiedenheit in Gott Identität ist. Vermittels der Erkenntnis, daß die Verschiedenheit der Bestimmungsgründe aller Dinge durchaus wahr ist, begreifen wir in dieser Tatsache den einen, wahrsten Wesensgrund von allem, die größte Wahrheit selbst.

Wenn also gesagt wird, Gott habe nach dem einen Bestimmungsgrund den Menschen, nach einem andern den Stein geschaffen, dann ist das wohl in Hinblick auf die Dinge, nicht aber hinsichtlich des Schöpfers wahr. Wie wir an den Zahlen erkennen: Der Dreier ist der einfachste, weder mehr noch weniger annehmende, in sich eine Wesenssinn. Wird er aber auf verschiedene Dinge bezogen, ist er diesen gemäß jeweils ein anderer. Denn ein anderer ist der Wesenssinn des Dreiers bei den Winkeln des Dreiecks, ein anderer bei Materie, Form und der Zusammensetzung in der Substanz, ein anderer bei Vater, Mutter und Sohn oder bei drei Menschen und drei Eseln. Daher ist die Notwendigkeit der Beschaffenheit nicht, wie die Platoniker annahmen, ein geringerer Geist als der Zeugende, sondern das Wort und der dem Vater gleiche Sohn im Göttlichen. Er heißt Logos oder Wesensgrund, da er aller Dinge Wesensgrund ist. Es stimmt also nicht, was die Platoniker von den Abbildern der Gestalten sagten, denn es gibt nur eine unendliche Gestalt der Gestalten, deren Abbilder, wie wir oben ausgeführt haben, alle Gestalten sind.== Einzelnachweise ==

  1. ↑ [p.95]
  2. ↑ 95.5
  3. ↑ 95.10
  4. ↑ fol.20r
  5. ↑ 95.15
  6. ↑ [p.381]