Werk:De docta ignorantia/32
Nonne Pythagoras, primus et nomine et re philosophus, omnem veritatis inquisitionem in numeris posuit? Quem Platonici et nostri 23.10 etiam primi in tantum secuti sunt, ut Augustinus noster et post ipsum Boethius affirmarent indubie numerum creandarum rerum in animo conditoris principale exemplar fuisse. Quomodo Aristoteles, qui singularis videri voluit priores confutando, aliter nobis in Metaphysicis specierum differentiam tradere potuit quam quod ipsas [1] numeris compararet? Et idem dum de formis naturalibus, quomodo una sit in alia, scientiam tradere vellet, ad formas mathematicas necessario convolavit dicens: «Sicut trigonus in tetragono, ita inferior in superiori.»[2] Taceo de innumeris exemplis suis similibus. Aurelius etiam Augustinus Platonicus, quando de quantitate animae [3] et eiusdem immortalitate et ceteris altissimis investigavit, ad mathematica pro adiutorio convolavit. Ista via Boethio nostro adeo placere visa est, ut constanter assereret omnem veritatis doctrinam in multitudine et magnitudine comprehendi. Et si velis, ut compendiosius [4] dicam: Nonne Epicurorum de atomis et inani sententia, quae et Deum negat et cunctam veritatem collidit, solum a Pythagoricis et Peripateticis mathematica demonstratione periit? Non posse scilicet ad atomos indivisibiles et simplices deveniri, quod ut principium [5] Epicurus supposuit.
Hac veterum via incedentes, cum ipsis concurrentes dicimus, cum ad divina non nisi per symbola accedendi nobis via pateat, quod tunc mathematicalibus signis propter ipsorum incorruptibilem certitudinem convenientius uti poterimus.
Hat nicht Pythagoras, der erste Philosoph dem Namen und der Sache nach, jede Erforschung der Wahrheit an die Zahlen geknüpft? Ihm sind die Platoniker und unsere ersten Philosophen so sehr gefolgt, daß Augustinus, und nach ihm Boethius, behauptete, zweifellos sei die Zahl der zu schaffenden Dinge das erste Urbild im Geiste des Schöpfers gewesen. Wie hätte Aristoteles, der scheinbar einzig dastehen wollte, indem er die früheren widerlegte, uns in der Metaphysik den Unterschied der Arten anders darlegen können, als daß er sie mit den Zahlen verglich? Ebenso mußte er, als er das Wissen darüber, wie die natürlichen Formen eine in der anderen enthalten sind, vermitteln wollte, sich zu den mathematischen Formen wenden, indem er sagte: «Wie das Dreieck im Viereck, so ist das Niedere im Höheren enthalten.» Unzählige andere Beispiele übergehe ich.
Auch der Platoniker Aurelius Augustinus wandte sich der Mathematik als einem Hilfsmittel zu, als er die Quantität der Seele und deren Unsterblichkeit und die übrigen tiefen Dinge erforschte. Dieser Weg scheint unserem Boethius so sehr gefallen zu haben, daß er stets versicherte, die ganze Lehre von der Wahrheit sei in Vielheit und Größe zusammengefaßt. Um es kürzer zu sagen: ging nicht die Ansicht der Epikuräer über die Atome und das Leere – sie leugnet Gott und widerspricht der Wahrheit – allein durch mathematisches Beweisverfahren von Seiten der Pythagoräer und Peripatetiker zugrunde? Denn man kann ja nicht, wie es Epikur als Prinzip voraussetzte, zu unteilbaren und einfachen Atomen gelangen. Diesen Weg der Alten beschreiten wir mit ihnen zusammen und sagen, daß wir die mathematischen Zeichen wegen ihrer unvergänglichen Gewißheit entsprechend werden gebrauchen können; denn zum Göttlichen steht uns nur der Weg des symbolischen Aufstiegs offen.