Werk:De docta ignorantia/43
Unde hic videtur magna speculatio, quae de maximo ex isto trahi [1] potest: quomodo ipsum est tale, quod minimum est in ipso maximum, ita quod penitus omnem oppositionem per infinitum supergreditur. Ex quo principio possent de ipso tot negativae veritates elici, quot scribi aut legi possent; immo omnis theologia per nos apprehensibilis ex hoc tanto principio elicitur. Propter quod maximus [2] ille divinorum scrutator Dionysius Ariopagites in Mystica sua [3] theologia dicit beatissimum Bartholomaeum mirifice intellexisse theologiam, qui aiebat eam maximam pariter et minimam. Qui hoc enim intelligit, omnia intelligit; omnem intellectum creatum ille supergreditur. Deus enim, qui est hoc ipsum maximum, ut idem [4] Dionysius De divinis nominibus dicit, non istud quidem est et aliud non est, neque alicubi est et alicubi non. Nam sicut omnia est, ita quidem et nihil omnium. Nam – ut idem in fine Mysticae theologiae concludit – tunc ipse super omnem positionem est perfecta et singularis omnium causa, et super ablationem omnium est [5] excellentia illius, qui simpliciter absolutus ab omnibus et ultra omnia est. Hinc concludit in Epistola ad Gaium ipsum su|per omnem mentem [6] atque intelligentiam nosci.
Hieraus erhellt auch eine wichtige Überlegung, die – von hier ausgehend – über das Größte angestellt werden kann: das Größte ist so beschaffen, daß das Kleinste in ihm das Größte ist, so daß jeder Gegensatz unendlich weit überschritten wird. Aus diesem Ursprung können über das Größte so viele negative Wahrheiten gewonnen werden, wie man nur schreiben oder lesen kann. Es wird sogar jede für uns begreifliche Theologie aus eben diesem Ursprung ermittelt. Deswegen sagt der große Erforscher göttlicher Geheimnisse, Dionysius der Areopagite in der «Mystischen Theologie», daß der heilige Bartholomäus auf wunderbare Weise in die Theologie Einblick gewonnen habe, da er erkannte, daß sie die größte und gleicherweise kleinste sei. Wer das einsieht, sieht alles ein und übersteigt jeden geschaffenen Geist.
Gott nämlich ist, wie Dionysius in der Schrift «De divinis nominibus» sagt, als das Größte selbst, weder das eine noch das andere, noch ist er irgendwo und irgendwo nicht; denn wie er alles ist, so ist er auch nichts von allem. Er selbst ist, wie Dionysius gegen Ende der Mystischen Theologie folgert, der über alle Einstufung vollkommene und einzige Grund von allem. Seine Erhabenheit liegt jenseits der Entfernung aller Dinge, er ist von allem schlechthin absolut und steht jenseits aller Dinge. Daher schließt Dionysius im Brief an Gaius, daß Gott nur jenseits jedes menschlichen Geistes und Verständnisses erkannt werden kann.