Werk:De docta ignorantia/53
Et in hoc aperitur intellectus illius, quod dicitur substantiam non capere magis nec minus. Nam hoc est ita verum, sicut linea recta [1] finita in eo, quod recta, non suscipit magis et minus; sed quia finita, tunc per diversam participationem infinitae una respectu alterius maior aut minor est, nec umquam duae reperiuntur aequales. Curvum vero, quoad participationem rectitudinis, recipit magis et minus; et consequenter per ipsam participatam rectitudinem sicut rectum recipit [2] magis et minus. Et hinc est, quod accidentia, quanto magis participant substantiam, sunt nobiliora; et adhuc, quanto magis participant substantiam nobiliorem, tanto adhuc nobiliora. Et in hoc videtur, quomodo non possunt esse nisi entia aut per se aut per alia entitatem primi participantia, sicut non inveniuntur nisi lineae aut rectae aut [3] curvae. Et propterea recte divisit Aristoteles omnia, quae in mundo sunt, in substantiam et accidens.
Daraus erschließt sich der Sinn des Satzes, daß die Substanz weder mehr noch weniger aufnehme. Denn das ist auf dieselbe Weise wahr, wie es wahr ist, daß die gerade, endliche Linie hinsichtlich der Tatsache, daß sie eine gerade ist, nicht mehr und weniger aufnimmt. Weil sie jedoch endlich ist, ist infolge der verschiedenen Teilhabe an der unendlichen Linie eine größer oder kleiner als eine andere. Auch werden niemals zwei gleiche gefunden. Die Krümmung aber nimmt in Hinblick auf die Teilhabe an der Geradheit Mehr und Weniger an. Folgerichtig nimmt sie vermittels der partizipierten Geradheit wie das Gerade Mehr und Weniger an.
Und daher kommt es, daß die Akzidentien um so edler sind, je größer der Anteil ist, den sie am Grundbestand haben; und weiter, daß sie, an je edlerem Grundbestand sie teilhaben, selbst auch edler sind. Daraus ersieht man, daß es nur Seiendes geben kann, das durch sich oder durch anderes an der Seiendheit des Ersten teilhat, wie man auch nur gerade oder gekrümmte Linien findet. Und darum schied Aristoteles mit Recht alles, was es in der Welt gibt, in Substanz und Akzidenz.