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Werk:De docta ignorantia/68

aus AufEinWort, der freien Forschung

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Unde, quamvis Deus multa potuisset providisse, quae non [1] providit nec providebit, multa etiam providit, quae potuit non providere, tamen nihil addi potest divinae providentiae aut diminui. Ut in simili: Humana natura simplex et una est; si nasceretur homo, qui etiam numquam nasci exspectabatur, nihil adderetur naturae humanae; sicut nihil demeretur ab illa, si non nasceretur, sicut nec cum [2] nati moriuntur. Et hoc ideo, quia humana natura complicat tam eos qui sunt, quam qui non sunt neque erunt, licet esse potuerunt. | Ita fol.10r licet eveniret, quod numquam eveniet, nihil tamen adderetur providentiae divinae, quoniam ipsa complicat tam ea, quae eveniunt, [3] quam quae non eveniunt, sed evenire possunt. Sicut igitur multa sunt in materia possibiliter, quae numquam evenient, ita per contrarium, quaecumque non evenient, sed evenire possunt, si in Dei sunt providentia, non sunt possibiliter, sed actu; nec inde sequitur, quod ista [4] sint actu. Sicut ergo dicimus, quod humana natura infinita complicat et complectitur, quia non solum homines, qui fuerunt, sunt et erunt, sed qui possunt esse, licet numquam erunt, et ita complectitur mutabilia immutabiliter, sicut unitas infinita omnem numerum: ita Dei providentia infinita complicat tam ea, quae evenient, quam quae non [5] evenient, sed evenire possunt, et contraria, sicut genus complicat contrarias differentias. Et ea, quae scit, non scit cum differentia temporum, quia non scit futura ut futura, nec praeterita ut praeterita, sed aeterne et mutabilia immutabiliter.

Und obwohl Gott vieles hätte vorhersehen können, das er nicht vorhersah noch vorhersehen wird, und vieles vorhersieht, das er hätte nicht vorhersehen können, so kann der göttlichen Vorsehung dennoch nichts hinzugefügt oder hinweggenommen werden.

In einem Gleichnis: Die menschliche Natur ist einfach und eine. Wenn ein Mensch geboren wird, dann fügt er der menschlichen Natur, auch wenn er niemals erwartet wurde, nichts hinzu, wie er auch, wenn er nicht geboren würde oder, wenn die Geborenen sterben, ihr keinen Abbruch tut. Und das ist deshalb so, weil die menschliche Natur sowohl jene, die leben, als auch jene, die nicht mehr sind noch sein werden, auch wenn sie sein könnten, umfaßt.

Wenn das, was niemals geschieht, zuträfe, würde dennoch der göttlichen Vorsehung nichts hinzugefügt, da sie sowohl das, was sich ereignet, als auch das, was sich nicht ereignet, aber sich ereignen kann, einschließt. Wie also vieles, das niemals in Erscheinung tritt, in der Materie der Möglichkeit nach ist, so ist umgekehrt das, was nicht erscheint, aber erscheinen kann, nicht der Möglichkeit nach, sondern als Wirklichkeit, wenn es in der Vorsehung Gottes ist. Daraus folgt aber nicht, daß dies wirklich ist.

Wie wir also sagen, daß die menschliche Natur unendlich viel umgreift und umfaßt – da nicht nur die Menschen, die waren, sind und sein werden zu ihr gehören, sondern auch jene, die sein können, auch wenn sie niemals sein werden – und zwar so, daß sie, wie die unendliche Einheit jede Zahl, Vergängliches unvergänglich umfaßt, so schließt die unendliche Vorsehung Gottes das, was sich ereignet, ebenso wie das, was sich nicht ereignet, aber ereignen kann, und das Gegenteil in derselben Weise ein, wie die Gattung entgegengesetzte Unterschiede einschließt. Und das, was sie weiß, weiß sie nicht im Unterschied der Zeiten, sondern ewig, weil sie das Zukünftige nicht als Zukünftiges noch das Vergangene als Vergangenes weiß. Sie weiß das Vergängliche auf unvergängliche Weise.

Einzelnachweise

  1. ↑ 44.20
  2. ↑ 44.25
  3. ↑ [p.45]
  4. ↑ 45.5
  5. ↑ 45.10