Werk:De docta ignorantia/94
[1] Praeterea, si regulam nostram arithmeticae applicemus, nulla duo in numero convenire posse videmus; et quoniam ad varietatem numeri compositio, complexio, proportio, harmonia, motus et omnia variantur extendendo infinita, ex hoc nos ignorare intelligimus. Quoniam nemo est ut alius in quocumque – neque sensu neque [2] imaginatione neque intellectu neque operatione aut scriptura aut pictura vel arte –: etiam si mille annis unus alium imitari studeret in quocumque, numquam tamen praecisionem attingeret, licet differentia sensibilis aliquando non percipiatur. Ars etiam naturam [3] imitatur, quantum potest, sed numquam ad ipsius praecisionem poterit pervenire. Carent igitur medicina, alchimia, magica et ceterae artes transmutationum veritatis praecisione, licet una verior in comparatione ad aliam, ut medicina verior quam artes transmutationum, ut ista ex se patent.
Wenn wir unsere Regel auf die Arithmetik anwenden, sehen wir, daß auch in der Zahl keine zwei Dinge übereinkommen können. Da Zusammensetzung, Zusammenhang, Verhältnis, Harmonie, Bewegung und alles andere sich durch Erweiterung ins Unendliche hinsichtlich der Verschiedenheit der Zahl abwechseln, so sehen wir daraus, daß wir unwissend sind. Kein Mensch ist in irgendeiner Beziehung einem anderen gleich – weder in Sinn, noch Vorstellung, noch Einsicht, noch Handlung, noch Schrift, noch Bild oder Kunst; und wenn er sich tausend Jahre bemühen würde, einen andern in irgend etwas nachzuahmen, würde er dennoch keine Genauigkeit erreichen, auch wenn kein sinnlich wahrnehmbarer Unterschied mehr bestünde.
Die Kunst ahmt die Natur nach, soweit sie kann, doch wird sie niemals zu einer genauen Übereinstimmung mit ihr gelangen können. Medizin, Chemie, Magie und die übrigen Künste der Umwandlungen entbehren also der genauen Wahrheit, wenn auch die eine im Vergleich zur anderen wahrer ist; z. B. ist die Medizin selbstverständlich wahrer als die Umwandlungskünste.== Einzelnachweise ==