Werk:De ven. sap./1
▶[1]Propositum est meas sapientiae venationes, quas usque ad hanc senectam mentis intuitu veriores putavi, summarie notatas posteris relinquere, cum nesciam, si forte longius et melius cogitandi tempus concedatur; sexagesimum enim primum transegi annum. Conscripsi dudum [2] conceptum de quaerendo deum; profeci post hoc et iterum signavi coniecturas. Nunc vero cum in Diogenis Laërtii De vitis philosophorum libro varias philosophorum legissem sapientiae venationes, concitatus ingenium totum contuli tam gratae speculationi, qua nihil dulcius homini potest advenire. Et quae [3] diligentissima meditatione repperi, licet parva sint, ut acutiores moveantur ad melius mentem profundandum, peccator homo timide verecundeque pandam, hocque ordine procedam:
Sollicitamur appetitu naturae nostrae indito ad non solum scientiam, sed sapientiam seu sapidam scientiam habendum. Circa huius [4] rationem primo pauca praemittam. Deinde volenti philosophari, quod venationem sapientiae voco, regiones et in illis loca quaedam describam in camposque ducam, <quos> praedae, quam quaerunt, apprime puto refertos.
Vorliegendes ist meine Weisheitsbeute, was bis zu diesem hohen Alter schauenden Denkens für wahrer gehalten, Sammlung der Vermerke als Nachlaß, im ungewissen, ob noch Zeit für längeres und besseres Erwägen verbleibt; habe das einundsechzigste Jahr überschritten. Einst Vernommenes Vom Gottsuchen verschriftet; zeichnete weitere Mutmaßungen[5] auf
Übs. Sg.
Da ich nicht weiß, ob mir noch geraume und dem Denken förderlichere Frist beschieden sein wird, möchte ich in dieser Schrift eine kurze Darstellung meiner Jagdzüge nach Weisheit der Nachwelt hinterlassen, soweit ich diese bis zu meinem schon vorgerückten Alter durch geistige Einsicht als einigermaßen ergiebig hinsichtlich der Wahrheitsfindung beurteilt habe. Ich habe das 61. Lebensjahr vollendet.[6] Einst schrieb ich eine Abhandlung Vom Gottsuchen.[7] Dann durfte ich Fortschritte machen und konnte abermals Mutmaßungen zum Abschluß bringen.[8] Jetzt aber ließ ich mich durch die mannigfachen Jagdzüge der Philosophen nach Weisheit, von denen ich in den Lebensbeschreibungen der Philosophen bei Diogenes Laërtius las,[9] anregen, meine ganze Kraft einer so hochwillkommenen Betrachtung zu widmen, die dem Menschen höchste Befriedigung gewährt. Und um scharfsinnigere Geister zur Vertiefung anzuregen, will ich, ein sündiger Mensch, in Ehrfurcht und Bescheidenheit die geringe Frucht meines angestrengten Nachdenkens vorlegen. Dabei will ich folgende Ordnung einhalten:
Ein uns natürliches Verlangen läßt uns nicht nur nach dem Besitz von Wissen, sondern nach dem Besitz von Weisheit oder köstlichem Wissen streben. Nach einigen einleitenden Bemerkungen zur Erklärung dieser Tatsache möchte ich dem, der philosophieren will, was ich Jagd nach Weisheit nenne, Gebiete und in ihnen bestimmte Plätze beschreiben und ihn in Gefilde führen, die meiner Auffassung nach überreich sind an der gesuchten Beute.
Übs. Dp.
Da ich das einundsechzigste Lebensjahr bereits überschritten habe und nicht weiß, ob mir noch eine längere und bessere Zeit der Besinnung gegönnt ist, habe ich die Absicht, meine Jagdzüge nach Weisheit, die ich bis zu diesem Alter durch geistiges Betrachten für immer richtiger hielt, kurz zusammengefaßt der Nachwelt zu überliefern. Vor langer Zeit habe ich die Grundgedanken über das Suchen nach Gott ausgeführt. Daraufhin forschte ich weiter und habe noch andere Mutmaßungen niedergeschrieben. Da ich aber nun im Werk des Diogenes Laertius «Das Leben der Philosophen» von deren verschiedenen Jagdzügen nach Weisheit gelesen habe, hat mich dies dazu bestimmt, meinen Geist dieser so angenehmen Betrachtung, der köstlichsten, die ein Mensch nur finden kann, ganz zuzuwenden; was ich durch eifrigstes Nachsinnen gefunden habe, will ich, wenn es auch nur wenig ist, als unvollkommener Mensch in Bescheidenheit und Ehrfurcht darlegen, auf daß Scharfsinnigere dadurch angeregt werden, ihren Geist besser zu vertiefen. Ich werde in folgender Weise vorgehen:
Ein unserer Natur angeborenes Verlangen führt uns dazu, nicht nur nach Wissen, sondern auch nach Weisheit (oder «schmackhaftem Wissen») zu streben und sie besitzen zu wollen. Zuerst werde ich über deren Wesenssinn einiges vorausschicken, dann werde ich dem, der philosophieren will – dies nenne ich die Jagd nach Weisheit –, die Ebenen und in diesen bestimmte Plätze beschreiben und ihn zu den Feldern leiten, die meiner Meinung nach voll der von ihm gesuchten Beute sind.