Werk:De ven. sap./61
61▷Neque potest esse multitudo, quae non participet unitate. Nam si foret simile, esset dissimile in non participare unitatem. Omnia multa similia forent et similiter dissimilia ex eadem ratione, quia non participarent unitate. Cessarent igitur omnia multa et plura et [1] numerus omnis et quae unum dici possunt, uno sublato, ut haec in Parmenide Platonis mira subtilitate ostenduntur. Non potest igitur unum esse factum, cum ipsum antecedat. Neque potest corrumpi nec alterari nec multiplicari, cum praecedat posse fieri et sit omne quod esse potest. Verum, ut ait Dionysius, «unum, quod est, [2] multiplicari dicitur multas ex se producens substantias; manet tamen unum, quod deus, et multiplicatione unus et procedendo coniunctus.» Omnia igitur quae fieri possunt, participatione invariabilis et immultiplicabilis unitatis fieri possunt et fiunt actu.
Et quia non potest esse nisi una unitas, quae, ut dicit Dionysius, est sensu [3] eminentior et menti incomprehensibilis et antecedens ipsam, | ideo [4] ipsa est unum, quod omnia unit, ut quodlibet in tantum sit, in quantum est unum. Non est etiam nisi unum aeternum ante posse fieri.
Übs. Sg.
Es kann keine Vielheit geben ohne Teilhabe an der Einheit. Angenommen sie wäre ähnlich, so wäre sie doch unähnlich infolge der fehlenden Teilhabe an der Einheit. Alle in Vielheit vorhandenen Gegenstände wären ähnlich und gleicherweise unähnlich aus ein und demselben Grunde, der mangelnden Teilnahme an der Einheit. Folglich würden alle in Vielzahl und Mehrzahl vorkommenden Gegenstände, jede Zahl und alle Dinge, die man unter einer Einheit zusammenfassen kann, aufhören zu sein, wenn das Eine nicht wäre; ein Sachverhalt, der im Parmenides des Platon[5] mit wunderbarer Genauigkeit aufgezeigt wird. Das Eine kann füglich nicht geworden sein, da es dem Werden vorausgeht. Ebensowenig kann es dem Vergehen, der Veränderung und Vermehrung unterliegen, da es dem Werden-Können vorangeht und alles ist, was sein kann. »Indes«, wie Dionysius sagt,[6] »spricht man beim seienden Einen von Vervielfachung, weil es viele Substanzen aus sich hervorbringt; es bleibt jedoch das Eine, das Gott ist, in der Vervielfachung ein Einer und mi Hervorgang verbunden.« Alles, was werden kann, kann folglich nur vermöge der Teilhabe an der wandellosen und unvermehrbaren Einheit werden und wird nur so wirklich seiend.
Und da es nur eine Einheit geben kann, die, wie Dionysius sagt,[7] »über die Wahrnehmung erhaben, dem Geiste unfaßbar und früher als er ist«, deshalb ist sei das Eine, das alles eint, so daß jedweder Gegenstand insofern Sein hat, als er ein Einer ist. Außer dem Einen gibt es kein Ewiges vor dem Werden- Können.
Übs. Dp.
Auch kann es keine Vielheit geben, die nicht an der Einheit teilhätte, denn wenn es sie gäbe, wäre das Ähnliche dadurch, daß es nicht an der Einheit teilhätte, unähnlich. Alles Viele wäre ähnlich und aus demselben Grund – weil es nicht an der Einheit teilhätte – in ähnlicher Weise unähnlich. Es würde alles Viele und Vielfältige, jede Zahl und alles, was Eines genannt werden kann, aufhören, wenn dieses Eine, wie dies im Parmenides des Plato ausgezeichnet nachgewiesen wird, getilgt würde.
Das Eine kann nicht geworden sein, da es dem Gewordenen vorausgeht. Und es kann nicht zerstört, nicht geändert, nicht vervielfältigt werden, da es dem Werden-Können vorausgeht und alles ist, was es sein kann. Wohl sagt man, wie Dionysius richtig bemerkt, daß sich das Eine vervielfältige, indem es viele Substanzen hervorbringt. Dennoch bleibt dieses Eine, das Gott ist, auch in der Vervielfältigung Einer, und im Hervorgehen ein Verbundener.
Auf Grund der Anteilhabe an der unveränderlichen und nicht vermehrbaren Einheit können und werden tatsächlich alle Dinge, die werden können. Und weil, wie Dionysius sagt, nur eine Einheit sein kann, ist sie höher als es der Sinn zu begreifen vermag; sie bleibt für den menschlichen Geist unfaßlich, da sie ihm vorangeht. Daher ist sie das Eine, das alles eint, so daß jedes beliebige nur insoweit ist, als es eines ist.
Vor dem Werden-Können ist nur das ewige Eine.