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Werk:De ven. sap./97

aus AufEinWort, der freien Forschung

97▷Si cuncta profunda meditatione ponderas, reperies venatores ad vim vocabuli diligenter perspexisse, quasi vocabulum sit praecisa [1] rerum figuratio. Sed quia vocabula sunt per primum hominem rebus imposita ex ratione, quam homo concepit, non sunt vocabula praecisa, quin res possit praecisiori vocabulo nominari. Non enim ratio, quam homo concipit, est ratio essentiae rei, quae omnem rem antecedit. Et si quis huius rationis nomen cognosceret, omnia proprie [2] nominaret et omnium perfectissimam scientiam haberet. Unde in substantifica ratione rerum non est dissensio, sed in vocabulis ex variis rationibus varie rebus attributis. Et in configuratione essentiae rei, quae similiter varia est, omnis est disputantium diversitas; quemadmodum Plato in Epistulis ad Dionysium tyrannum [3] elegantissime scribit veritatem vocabula, orationes seu vocabulorum diffinitiones atque sensibiles figurationes anteire, uti de circulo picto, eius vocabulo et oratione atque conceptu exemplificat. Ideo Dionysius Areopagita potius ad intentionem quam ad vim vocabuli adverti mandat, licet ipse in Divinis nominibus – quemadmodum [4] et Plato – multum significato nominis inhaereat.

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Übs. Sg.

Wenn du alles in gründlicher Überlegung abwägst, wirst du finden, daß die Jäger sorgfältig auf die Bedeutung des Wortes achteten, gerade als ob das Wort eine genaue Darstellung der Dinge wäre. Doch da die Worte durch den ersten Menschen den Dingen zugelegt wurden, dem Begriff entsprechend, den der Mensch erfaßte, deshalb sind die Worte so wenig genau, daß man immer den Gegenstand noch mit einem genaueren Worte bezeichnen könnte. Der Begriff, den der Mensch erfaßt, ist ja nicht der Wesensgrund des Gegenstandes. Dieser liegt jedem Gegenstand voraus. Würde jemand den Namen dieses Wesensgrundes kennen, so würde er allem die ihm zukommende Benennung geben und das allervollkommenste Wissen besitzen. Deshalb liegen die Widersprüche nicht im substantialen Wesensgrund der Dinge, sondern in den Worten, die man infolge verschiedener Begriffe in verschiedener Weise den Dingen zulegt. Um die Darstellung des Wesens der Dinge, die in ähnlicher Weise voneinander abweicht, geht aller Meinungsstreit beim wissenschaftlichen Gespräch. Sehr treffend schreibt Platon in seinen Briefen an den Tyrannen Dionysius,[5] die Wahrheit liege den Worten, den Sätzen oder Begriffsbestimmungen der Worte und den anschaulichen Darstellungen voraus, wie er das am Beispiel des gezeichneten Kreises, seiner Wortbezeichnung, seiner Verbaldefinition und seinem Begriff dartut. Demgemäß mahnt der Areopagite Dionysius,[6] mehr auf Absicht als auf die Wortbedeutung zu achten, obschon er selbst in der Schrift Von den göttlichen Namen – so wie Platon – sich sehr mit der Wortbedeutung beschäftigt.

Übs. Dp.

Wenn du alles genau überlegst und erwägst, wirst du finden, daß die Philosophen auf die Bedeutung des Wortes so genau geachtet haben, als wenn das Wort die genaue Bildung der Dinge wäre. Aber die Worte sind, da sie vom ersten Menschen den Dingen auf Grund des Wesenssinnes, den der Mensch erfaßte, gegeben wurden, keine so genauen Bezeichnungen, daß die Dinge nicht noch genauer bezeichnet werden könnten. Denn der Wesenssinn, den der Mensch denkend erfaßt, ist nicht der Bestimmungsgrund der Wesenheit der Sache, der jeder Sache vorausgeht.

Wenn jemand den Namen dieses Bestimmungsgrundes wüßte, könnte er alles richtig benennen und hätte von allem die vollkommenste Kenntnis. Die Unstimmigkeit liegt daher nicht in dem den Grundbestand vermittelnden Wesenssinn der Dinge, sondern alle Meinungsverschiedenheit der Disputierenden stammt aus Bezeichnungen, die den Dingen aus verschiedenen Gründen verschieden gegeben wurden und aus der Darstellung der Wesenheit der Sache, die ebenso verschieden ist. So schreibt auch Plato in seinen Briefen an den Tyrannen Dionysius sehr gut, daß die Wahrheit den Wörtern, der Rede oder den Worterklärungen und den sinnlichen Bildungen vorausgehe, wie er am Beispiel des gemalten Kreises und seiner Bezeichnung bzw. seiner Definition und seines Begriffes zeigt. Daher empfiehlt Dionysius Areopagita, mehr auf den beabsichtigten Sinn als auf die wörtliche Bedeutung zu achten, wenn er auch selbst in «De divinis nominibus» genau wie Platon sehr an der Wortbedeutung hängt.


  1. ↑ Z.5
  2. ↑ Z.10
  3. ↑ Z.15
  4. ↑ Z.20
  5. ↑
  6. ↑