Werk:Die Psychologie und Erkenntnisslehre des Johannes Duns Scotus/48–49
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1. Juli 2026 n. Chr. bear.
18:40 Uhr überarbeitet
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Auktor behandelt, wie aus dem Gesagten hervorleuchtet, das Erinnern durchwegs nur als einen freien, selbsttätigen Akt der Seele, woraus dann freilich mit Notwendigkeit folgt, daß es eine intellektive Tätigkeit sei und den Tieren abgesprochen werden müsse.
Man kann seine Erklärungsweise im Gegensatze zu jener anderer Scholastiker, welche an der aristotelischen Grundauffassung festhielten, die intellektualistische Erklärungsweise nennen, die von einer pragmatisch-psychologischen Auffassung und Beleuchtung des Vorganges des Erinnerns wohl am allerweitesten entfernt ist.
Daß es außer der selbsttätig gewollten Wiedererinnerung auch eine unfreiwillige und unwillkürliche Erinnerung gebe, und daß diese nach gewissen Gesetzen vor sich gehe, lag völlig außer dem Bereiche seiner Beachtung.
Die philosophische Lehre vom Gedächtniss beginnt geschichtlich mit der platonischen Lehre von der Wiedererinnerung, welche man sofort auch als einen ahnungsvollen Griff in die tiefste Mitte der Sache, als Versuch einer tiefsten spekulativen Fassung der Idee des menschlichen Gedächtnisses ansehen dart.
Das Gedächtniss erscheint hier als Besinnung der Seele auf sich selbst, auf ihr tiefstes Wesen, und auf all das Hohe und Tiefe, was in der Idee desselben liegt.
Aber freilich wird diese Selbstbesinnung der Seele noch nicht nach ihrer vollen, wahrhaften Tiefe gefaßt; Plato verlegt den Gegenstand der Seelenerinnerung außer die Seele, und so beschränkt sich die Erinnerung nach ihrem eigentlichen Gedankengehalte nur auf den himmlischen Ursprung und Adel der Seele, ohne Erkenntniss dessen, was im Wesen der Seele als solcher liegt.
Diese einseitig idealistische Auffassung der Seelenerinnerung rief als ihren Gegensatz die vorwiegend empiristische aristotelische Auffassung des Gedächtnisses hervor; der Erinnerung an das vorzeitliche Sein wird die Erinnerung an das zeitlich Vorbhergegangene substituiert, und der Sitz derselben in das sinnliche Vorstellungsleben verlegt.
Das eigentliche Gegenbild der platonischen Wiedererinnerung ist bei Aristoteles die vom Gedächtniss (μνήμη) unterschiedene Reminiscentia (ἀνάμνησις) oder das Besinnen auf das im Schatze des Gedächtnisses Hinterlegte.
Die Wiedererinnerung erfolgt durch eine Reihe von Bewegungen, durch welche wir der dem gesuchten Objekte der Wiedererinnerung nächstliegenden Vorstellung nabezukommen streben, in der Erwartung, daß durch diese die gesuchte Vorstellung aufgeweckt werde.
Gelingt es uns, von dem Ausgangspunkte unseres Suchens durch uns selber, d. h. durch eine wenigstens teilweise Reproduktion jener Bewegungen, in deren Abfolge wir zuerst auf die gesuchte Vorstellung hingeführt wurden, dieselbe zu erreichen, so hat die Wiedererinnerung statt; im entgegengesetzten Falle sind wir an das Neu-Lernen des Gesuchten durch Hilfe eines Anderen angewiesen.

Dem gegenüber heißt es in Plato's Menon,"[1] daß alles Forschen und Lernen Wiedererinnerung sei.
Bei Augustinus verwandelte sich dieses durch menschlichen Unterricht angeregte Wiedererinnern Plato's in ein Erkennen im Lichte der göttlichen Wahrheit,[2] dessen Höhengrad Augustinus von der ethischen Disposition es Menschen abhängig macht.
Mit dieser augustinischen Auschauung ließ sich recht wohl die aristotelische Auffassung des Gedächtnisses vereinbaren, daber Goethals[3] im Einklange mit Aristoteles das Gedächtniss der Phantasia, d. h. dem sinnlichen Vorstellungsvermügen zuwies, in dessen Kraft der Intellekt sich erinnere.
Die Erwiderung des Scotus, daß nach Aristoteles auch das intellektive Denken nicht ohne sinnliches Vorstellen statthabe, beweist nicht, daß Goethals mit Ungrund auf Aristoteles sich berufe; im Gegenteile durfte Goethals' Behauptung, daß der Intellekt die Erinnerung in Kraft des sinnlichen Vorstellungsvermögens vollziehe, die aristotelische Lehre vom Erinnern und Wiedererinnern ziemlich genau wiedergeben.
Auktor urgiert, wie wir hörten, daß Erinnerung und Wiedererinnerung derselben Potenz angehören müssen, die Wiedererinnerung aber von Aristoteles selber ausdrücklich dem Intellekte zuerkannt werde.
Diess Letztere ist jedoch nur mit Einschränkung zuzugeben; Aristoteles sagt, daß die Wiedererinnerung dem Menschen zukomme, weil er zu schließen und zu überlegen vermöge und die Wiedererinnerung eine Art von Schlußverfahren sei.
Daraus folgt aber bloß so viel, daß das Wiedererinnern ein unter Obmacht des Denkens in der Seele zu Stande kommender Vorgang sei; dieser erscheint zugleich auch als Naturvorgang, wenn man Aristoteles sagen hört, daß man behufs Wiedergewinnung einer bestimmten Erinnerung von etwas ausgehe, was demselben nahe, ähnlich oder auch entgegengesetzt sei.
Denn da handelt es sich doch gewiß nicht um eine logische Verkettung zwischen dem Ausgangspunkte und dem aufzuspürenden Objekte der Wiedererinnerung, sondern um Erwirkung einer nach den Gesetzen der Ideenassoziation erfolgenden Resuszitation der Vorstellung oder des Objektes, dessen man sich entsinnen will.
Man muß sich wundern, daß Auktor, der den Willen so sehr betont, nicht darauf kam, die Reminiszenz, soweit sie die aktive Resuszitation einer aus der Erinnerung geschwundenen Vorstellung bedeuten soll, als einen durch einen Willensact bedingten Vorgang im Seelenleben zu fassen.
Freilich hätte dann dasselbe auch vom aktiven Erinnern an eine noch nicht aus dem Gedächtniss geschwundene Vorstellung gesagt werden müssen, und es hätte insgemein zwischen willentlicher und unwillkürlicher Erinnerung und Wiedererinnerung unterschieden werden müssen.
In beiden Fallen aber ist das Erinnern als ein Naturvorgang in der Seele zu fassen, nur mit dem Unterschiede, daß derselbe entweder von selbst erfolgt oder durch den selbettätigen Willen des Menschen sollizitiert wird.
Die Unterscheidung zwischen bewußter, absichtlicher Erinnerung und unwillkürlichem Aufleben gehabter Vorstellungen würde dem Scotus zum Teile vielleicht auch über seine Bedenken gegen ein tierisches Gedächtniss hinweggeholfen haben, obschon es richtig ist, daß in wahrhaftem Sinne nur dem Menschen das Erinnern zukommen könne, weil nur er eine wahrhafte Innerlichkeit hat.
Daraus folgt aber, daß das wahrhafteste, tiefste Erinnern des Menschen Selbsterinnerung, Besinnung auf sich selbst, auf sein eigenstes Wesen sei, Besinnung auf das, was in den Tiefen seines Wesene ruht.

Auktor, der die geistige Vergegenwärtigung vorausgegangener Akte und Erfahrungserlebnisse dess sich Erinnernden als das eigentliche Wesen der Erinnerung ansieht, hält sich an die rein empirische Seite des Gedächtnisses, und bekundet hiemit, daß ihm der spekulative Begriff deselben fremd ist.
Thomas Aquinas[4] streift gelegentlich einmal an den Versuch an, das intellektive Gedächtniss der Seele aus dem Wesen derselben zu erklären; es handelt sich nämlich für ihn darum, die Ansicht des Avicenna zurückzuweisen, welcher das intellektive Gedächtniss der menschlichen Seele durch die Erleuchtungen des außerhalb und überhalb der Seele wesenden Intellectus agens ersetzen will.
Allein im Gegensatze zu dieser Anschauungsweise kommt Thomas bloß dazu, eine Retentionskraft der intellektiven Seele zu erweisen; wenn bereits rein leibliche Wesen wie die Tiere, empfangene sinnliche Eindrücke in sich zurückbehalten können, so müsse die intellektive Seele, die ungleich höher stehe, um so mehr vermögend sein, die in sich aufgenommenen Eindrücke zurückzubehalten.
Thomas begründet diese seine Argumentation aus dem höheren Grade der Immobilität und Stabilität, welcher der intellektiven Seele als immaterieller Wesenheit im Gegensatze zum materiellen Wesen des Tieres zukommen müsse.[5]
Dieser Auffassung liegt ohne Zweifel die Ansicht zu Grunde, daß die Seele als universale Wesenheit in höherer Weise alles dasjenige sei, was in der Gesamtheit aller besonderen Sinnendinge sich darstelle; woraus dann allerdings von selbst folgt, daß die in ihr suscitierten Gedanken der Sinnendinge dauernd in ihr aufgehoben bleiben müssen, wenn sie auch die Gedanken der einzelnen geistig apperzipierten Dinge nicht jederzeit aktuell sich vergegenwärtiget.[6]
Diess kann indess doch nur von den Ideen der Dinge gelten, die etwas von den empirischen Apperzeptionen der anschaubaren Wirklichkeit durehgreifend Verschiedenes sind, und auf den gedankenhaften Gehalt der Sinnendinge gehen, der eben in diesen nicht aus ihnen hervorgezogen, sondern in sie hineingeschaut wird, indem er auf die in ihnen verwirklichte und darum ihnen zu unterlegende Idee geht.
Die Ideen der Dinge aber kann die Seele nur aus sich selbst schöpfen; und nur diese Ideen sind ihr unverlierbar eigen.
Demnach kann auch die Memoria, im spekulativen Sinne und als ein der Intelligentia und dem intellektiven Seelenwillen ebenbürtiges Vermögen verstanden, nur die lebendige Selbstinnerung und geistige Selbstbesinnung der Seele bedeuten, aus welcher sich das ideelle Verständnis ihrer selbst und der denknotwendigen Korrelate ihres selbsteigenen Wesens herauszusetzen hat.
Die Seele kann nicht mehr und nichts Anderes bleibend in sich aufnehmen, als was sie selbst ist, und alles in sie dauernd Aufgenommene muß die Form ihres eigenen Wesens annehmen, aus welchem sie das in sich Aufgenommene in lebendiger Erinnerung oder Selbstergründung wieder hervorstellt, um es sich aktuell zu vergegenwärtigen.
Wie sie die Welt geistig in sich hineinnimmt, so geht auch Gott in sie ein; und wie sie für die Rezeption Beider als der denknotwendigen Korrelate ihres selbsteigenen Seins geschaffen ist, so stellt sie auch die Gedanken Beider aus sich selbst hervor, und wirkt in der kontinuierlichen Selbsthervorstellung Beider den absoluten Inhalt ihres Lebens aus.

Jede Seele ist ein geistiges Weltzentrum; darin, daß die Seele als ein solches Zentrum in lebendiger Weise und kontinuierlicher Aktivität sich bekundet, besteht das Wesen der nach ihrer spekulativen Bedeutung gefaßten Memoria als eines dem intellektiven Denken und Wollen der Seele kongenialen Vermögens.
Die Seele ist als geistiges Weltzentrum ein lebendiger Spiegel des Universums; jode Seale ein Spiegel, in welchem alle Strahlen der leuchtenden Wirklichkeit konvergieren, auf daß in jeder Seele als Sonderzentrum auf eigenartige Weise das gesamte Weltbild sich heraussetze gemäß dem Spruche: Universum in quolibet diverse.
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Die augustinische Lehre von der Memoria ist nicht vollkommen in sich vermittelt, die empirische und spekulative Auffassung derselben durchdringen sich nicht wechselseitig, oder vielmehr, Augustins Streben nach einer tieferen Fassung der Memoria dringt nicht bis zum spekulativen Begriffe der Memoria vor.
Grund dessen ist sein metaphysisch abstrakter Grundbegriff vom Seelenwesen, welchen er allerdings in der späteren Epoche seines ausgereiften geistigen Schaffens zu verlebendigen strebte, ohne jedoch das Seelenwesen im tiefsten Grunde seiner Vitalität zu ergreifen.
Denn seine Trilogie Memoria, Intellectus, Voluntas betrifft doch nur das bewußte intellektive Denkleben der Seele, abstrahiert aber[7] von dem, diesen drei Haupttätigkeiten zu Grunde liegenden intellektiven Grundtriebe des Seelenwesens, dessen Berücksichtigung ihn wobl hätte dazu führen müssen, die Memoria noch tiefer zu fassen, als er sie in der Tat faßt, wenn er sie als Selbstbewußtsein der Seele versteht.
Dieser Auffassung ist in unvermittelter Äußerlichkeit die empirische Auffassung der Memoria als Gedächtniss im gowöhnlichen Sinne des Wortes angefügt, und hiemit schon angezeigt, daß jenes Dritte, in welchem als der lebendigen Memoria Selbstgedanke und habituelles Wissen um Anderes Eins sind, im Denken noch nicht ergriffen ist, obschon es bei Augustinus nicht an Äußerungen fehlt, in welchen die Koinzidenz der Erfassung des außer der Seele Seienden mit der lebendigen Selbsterfassung der Seele und des Menschen durchklingt, aber freilich nicht durchdringt.
Er ist eben, selbst in seiner vorgerücktesten Lebensepoche, noch zu sehr von platonischen Reminiszenzen abhängig, als daß er den von ihm schon frühzeitig betonten Selbstgedanken des Geistes mit der Idee der Seele als Ortes der Intelligibilien harmonisch zu vermitteln gewußt hätte.
Der Selbstgedanke der Seele bedeutet bei ihm nicht Ergreifen der Seele im Grunde ihres Wesens, sondern eben nur Reflexion der Seele auf sich selbst, und diese Reflexion bringt es nicht weiter, als zur Apperzeption des unmittelbaren Beisichseins der Seele, steigt also nicht in die Tiefen des Vitalgrundes der Seele als lebendigen Agens hinab, dessen innerstes Wesen Schaffens- und Wirkensdrang ist; eben so wenig läßt sein platonischer Spiritualismus es zu, den plastischen Grundtrieb der Seele zu erfassen, der in Verbindung mit dem Begriffe der Seele als eines lebendigen Totum die Unterlage für die Erklärung der unbewußten und bewußten Tätigkeiten der Seele, für Wesen, Grund und Ziel ihres naturnotwendigen Schaffens und Wirkens darzubieten hat.
Indem er bei der zuerst von ihm vollwichtig betonten Spiritualität des Seelenwesens stehen bleibt, kommt er nicht dahin, auch die Allgemeinheit und reale Konkretheit desselben zum expliziten Ausdrucke zu bringen; es ringt sich also bei ihm noch nicht der Gedanke eines Wesens hervor, das als volle Monas dem Vermögen nach eine ganze Welt in sich faßt, und dieselbe im lebendigen Schaffen und Gestalten aus sich selbst hervorstellen, in dieser Hervorstellung aber ihr selbsteigenes grundhaftes Wesen vollkommen aktualisieren soll.

Die Nichtvermittelung seines psychologischen Spiritualismus mit der Idee der Seele als eines lebendigen konkreten Totum ist der Grund, weßhalb er das Lernen als Erinnern faßt,[8] womit er vom Gedanken eines aktiven geistigen Produzierens auf die Lehre von angebornen Ideen abgleitet.[9]
Eben dieser spiritualistische Idealismus rief als Gegenwirkung den realistischen Empirismus hervor, welchen wir in der peripatetischen Scholastik fast ausnahmslos vorwalten sehen, und der daher auch bei Auktor trotz seiner, mit einer gewissen Vorliebe hervorgestellten Zurückbeziehung auf Augustinus die Scheidewand zwischen ihm und Augustinus bildet.
In dem, was wir Auktor über die Memoria, Recordatio, Reminiscentia sagen hörten, liegen unverkennbar Anklänge an augustinische Ideen vor, aber mit den entschiedensten Reduktionen und Einschränkungen; an die Stelle des augustinischen Spiritualismus ist bei ihm ein empiristischer Intellektualismus getreten, der an jenen zeitweilig anstreift, niemals aber mit ihm sich deckt.