Werk:Phaidon (Platon)/65
◀▷Also vor allem in diesen Dingen zeigt sich der Philosoph als einer, [1]der die Seele so weit er kann von der Gemeinschaft mit dem Körper loslöst, anders als die anderen Menschen.[2] Offenbar.
Und doch glauben wohl die meisten Menschen, Simmias, für den, der an solchen Dingen kein Vergnügen findet und auch nicht an ihnen teilhat, lohne es nicht zu leben, sondern ganz nahe sei schon dem Tot-Sein, wer sich nicht um die Lüste kümmert, die durch den Körper kommen.[3]
Du hast völlig recht.
[4] Wie steht es aber mit dem Erwerb von Einsicht? Ist der Körper dabei mi Weg oder nicht, wenn man ihn zur Suche nach ihr als Gefährten miteinbezieht?[5] Was ich damit sagen will, ist: bieten das Sehen und das Hören den Menschen irgendeine Wahrheit oder schwatzen uns derartiges nicht auch die Dichterimmer vor, daß wir nichts Genaues hören und sehen? Wenn nun aber von den Wahrnehmungen, die zum Körper gehören, schon diese nicht genau und sicher sind, dann wohl schwerlich die anderen; denn sie alle sind ja wohl schlechter als diese. Oder erscheinen sie dir nicht so?
Allerdings, sagte er.
Wann also, fragte er, erfaßt die Seele die Wahrheit? Denn wenn sie versucht, mit dem Körper etwas zu untersuchen, wird sie offenbar von ihm getäuscht.
[6] Du hast recht.
Wird ihr also nicht im Denken, wenn überhaupt irgendwo, etwas vom Seienden offenbar?
Ja.
Sie denkt aber doch dann am besten, wenn nichts davon sie stört: weder Hören noch Sehen, weder Schmerz noch irgendeine Lust, sondern wenn sie so weit wie möglich ganz für sich ist, den Körper beiseite läßt und, so sehr sie kann, ohne Gemeinschaft oder Berührung mit ihm nach dem Seienden strebt.
So ist es.
Nicht wahr, auch hierin achtet die Seele des Philosophen den Körper am geringsten und flieht ihn,[7] bemüht sich hingegen, ganz für sich zu sein?[8]
Offenbar.
Wie ist es nun mit dem folgenden, Simmias? Behaupten wir, daß das Gerechte selbst etwas ist oder nichts?[9]
Das behaupten wir allerdings, bei Zeus!
Und daß auch das Schöne etwas ist und das Gute?
Wieso denn nicht?
Hast du nun schon jemals etwas davon mit den Augen gesehen?
Niemals, sprach er.
Aber mit irgendeiner anderen der Wahrnehmungen, die man durch den Körper hat, hast du es erfaßt? Ich meine all dies wie zum Beispiel Größe, Gesundheit, Stärke, mit einem Wort: das[10] Wesen aller Dinge, was jedes wirklich ist. Wird durch den Körper das eigentlich Wahre an ihnen gesehen oder verhält es sich so: Wer sich von uns am meisten und am sorgfältigsten darauf einrichtet, jegliches selbst zu denken, was er untersucht, der dürfte doch wohl der Erkenntnis eines jeden am nächsten kommen.
Allerdings.▷