Werk:Phaidon (Platon)/66
◀▷Wird dies also nicht der am reinsten tun, der so weit wie möglich mit dem Denken selbst zu jedem geht und weder das Sehen beim Denken[1] zur Hilfe nimmt noch irgendeine andere[2] Wahrnehmungsart zu seiner Überlegung heranzieht, sondern versucht, indem er das reine Denken ganz für sich gebraucht, rein ganz für sich auch das Seiende zu fassen – so weit wie möglich getrennt von Augen und Ohren und, um es kurz zu sagen, vom ganzen Körper, der nur verwirrt und die Seele nicht Wahrheit und Einsicht erwerben läßt, wenn er mit dabei ist? Ist es nicht dieser, wenn überhaupt jemand, der das Seiende treffen wird?
Überaus richtig, was du sagst, Sokrates, sprach Simmias.
[3] Ist es nun nicht unvermeidlich, sagte er, daß durch dies alles eine solche Meinung bei den »echten« Philosophen aufkommt,[4] daß sie untereinander derartiges reden wie: »Es scheint so, als führte uns beim Untersuchen mit der Vernunft gewissermaßen ein Pfad hinaus, weil wir, solange wir den Körper haben und unsere Seele mit diesem Übel vermengt ist, niemals hinreichend besitzen werden, was wir begehren; dies aber, sagen wir, sei das Wahre. Denn tausendfachen Mangel an Muße bereitet uns der Körper wegen der für ihn notwendigen Nahrung;[5] ferner, wenn uns irgendwelche Krankheiten befallen, hindern sie uns an der Jagd nach dem Seienden. Aber auch mit Liebesverlangen und Begierden, mit Ängsten, mancherlei Bildern und vielen Kindereien erfüllt er uns, so daß uns in Wahrheit, wie man zu sagen pflegt, unter seiner Einwirkung niemals auch nur irgendwelche Einsichten entstehen. Denn auch Kriege, Zwietracht und Kämpfe verursacht uns nichts anderes als der Körper und seine Begierden. Um den Erwerb von Gütern nämlich entstehen alle Kriege; die Güter zu erwerben, sind wir aber durch den Körper gezwungen,[6] weil wir der Pflege des Körpers zu Diensten sein müssen. Und deshalb mangelt es uns an Muße, Philosophie zu betreiben, al dieser Dinge wegen.[7] Das Schlimmste aber von allem ist, daß, wenn wir auch einmal Muße von ihm haben und wir uns der Prüfung einer Sache zuwenden, er in unseren Untersuchungen wieder überall dazwischentritt und Verwirrung und Unruhe verursacht und uns aus der Fassung bringt, so daß wir seinetwegen das Wahre nicht erkennen können. Vielmehr ist uns in Wirklichkeit ganz klar, daß wir uns, wenn wir jemals etwas rein erkennen wollen, von ihm trennen und mit der Seele selbst die Dinge selbst betrachten müssen. Und dann erst, wie es scheint, werden wir das haben, was wir begehren und dessen Liebhaber wir zu sein behaupten, die Einsicht: wenn wir tot sein werden, wie die Rede andeutet; so lange wir leben aber nicht. Denn wenn es nicht möglich ist, mit dem Körper etwas rein zu erkennen, so bleibt nur eins von beidem – entweder, daß wir niemals in den Besitz des Wissens gelangen oder erst nach dem Tod. …