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Werk:Phaidon (Platon)/75

aus AufEinWort, der freien Forschung

—Übrstzng B.Z.

◀▷[1]Notwendig kennen wirfolglich das Gleiche vor jener Zeit, als wir, die gleichen Dinge zum erstenmal sehend, bemerkten, daß zwar alle danach streben, so zu sein wie das Gleiche, aber mangelhafter sind als es.

So ist es.

Aber gewiß stimmen wir auch darin überein, daß wir das nirgendwo andersher bemerkt haben und auch nicht in der Lage sind, es zu bemerken, als durch das Sehen oder Fühlen oder durch irgendeine andere der Wahrnehmungsarten; diese gelten mir dabei alle als gleich.

Sie sind auch gleich, Sokrates, wenigstens in bezug auf das, was unsere Rede zeigen will.

Also durch die Wahrnehmungen muß man doch bemerken, daß alles, [2] was im Bereich der Wahrnehmungen liegt, jenem nachstrebt, was das Gleiche ist, und daß es mangelhafter ist als dieses – oder wie wollen wir sagen?

So.

Bevor wir also anfingen zu sehen und zu hören und die anderen Sinne zu betätigen, mußten wir schon irgendwoher die Erkenntnis des Gleichen selbst, was es ist, gewonnen haben, wenn wir die gleichen Dinge aus den Wahrnehmungen auf jenes beziehen konnten, daß zwar alle derartigen Dinge sich bemühen, so zu sein wie jenes, aber schlechter sind als es.

Notwendig folgt das aus dem vorher Gesagten, Sokrates.

Haben wir nun nicht, nachdem wir geboren waren, sofort auch gesehen und gehört und die anderen Wahrnehmungen gehabt?

Allerdings.

Wir mußten aber, sagen wir, schon [3] vor diesem die Erkenntnis des Gleichen gewonnen haben?

Ja.

Bevor wir geboren wurden, müssen wir sie also notwendig, wie es scheint, gewonnen haben.

Es scheint so.

[4] Wenn wir sie nun vor der Geburt bekommen haben und im Besitz derselben geboren wurden, so erkannten wir auch schon bevor wir geboren wurden und sogleich danach nicht nur das Gleiche und das Größere und das Kleinere sondern auch alles andere von dieser Art? Denn es ist jetzt vom Gleichen nicht in höherem Maß die Rede als auch vom Schönen selbst und [5] dem Guten selbst und dem Gerechten und Frommen und, wie ich sage, von allem, das wir mit dem Begriff »das selbst, was ist« bezeichnen, sowohl in den Fragen, die wir stellen, als auch in den Antworten, die wir geben;[6] so daß wir notwendig die Erkenntnisse von diesem allen schon vor der Geburt gewonnen haben.

So ist es.

Und daß wir, wenn wir sie nicht jedesmal wieder vergäßen, nachdem wir sie gewonnen haben,[7] immer wissend geboren würden und während unseres Lebens immer wüßten. Denn Wissen heißt, eine erworbene Erkenntnis behalten und nicht verloren zu haben – oder nennen wir nicht dies »vergessen«, Simmias, den Verlust einer Erkenntnis?

[8] Ganz ohne Zweifel, sprach er, Sokrates.

Wenn wir sie aber, meine ich, vor der Geburt erworben und, als wir geboren wurden, verloren haben, später aber beim Gebrauch unserer Sinne an den Dingen eben jene Erkenntnisse wiedererlangt haben, die wir vorher einmal hatten, sollte dann nicht das, was wir »lernen« nennen, das Wiedererlangen einer uns angehörigen Erkenntnis sein? Indem wir dies als »Sich-Erinnern« bezeichnen, bezeichnen wir es doch wohl richtig?

Allerdings.▷

—Übrstzng F.S.

  1. ↑ [75.A]
  2. ↑ [B]
  3. ↑ [C]
  4. ↑ 20.
  5. ↑ [D]
  6. ↑
  7. ↑
  8. ↑ [C]