Werk:Phaidon (Platon)/91
◀▷… du nun und die anderen um des ganzen weiteren Lebens willen, ich selbst aber um des Todes willen, [1] weil es mir scheint, daß ich mich im Augenblick gerade in bezug auf diese Sache nicht weisheitsliebend, sondern wie die völlig unwissenschaftlichen Menschen streitliebend verhalte. Auch jene nämlich kümmern sich, wenn sie sich über etwas streiten, nicht darum, wie sich die Sache verhält, von der die Rede ist; wie das hingegen, was sie selbst aufgestellt haben, den Anwesenden erscheint, darum bemühen sie sich. Und ich unterscheide mich, wie mir scheint, gegenwärtig nur in folgendem von jenen: nicht darum, daß den Anwesenden das, was ich sage, wahr zu sein scheint, werde ich mich bemühen – es sei denn nebenbei –,sondern daß es sich mir selbst am ehesten so zu verhalten scheint. [2] Ich rechne nämlich so, mein lieber Freund – sieh nur, wie eigennützig –: Wenn tatsächlich wahr ist, was ich sage, ist es doch schön, davon überzeugt zu sein. Wenn es aber nichts mehr gibt für den Verstorbenen, werde ich wenigstens während dieser Zeit vor dem Tod für die Anwesenden weniger durch Klagen unangenehm sein. Dieser mein Unverstand aber dauert nicht mit mir fort, denn das wäre ein Übel, sondern er wird wenig später untergehen. So vorbereitet, Simmias und Kebes, gehe ich alsoan die Rede; ihr aber, die ihr euch, wenn ihr auf mich hört, [3] wenig um Sokrates kümmert, um die Wahrheit aber weit mehr,[4] stimmt zu, wenn ich euch etwas Wahres zu sagen scheine, wenn jedoch nicht, so widersetzt euch auf jede Weise und nehmt euch in acht, daß ich nicht aus Eifer mit mir selbst zugleich auch euch täusche und wie eine Biene den Stachel zurücklassend fortgehe.
[5] Also, laßt uns darangehen, sprach er. Zuerst ruft mir ins Gedächtnis zurück, was ihr gesagt habt, wenn es sich zeigen sollte, daß ich mich nicht recht erinnere. Simmias, wie ich meine, hat Zweifel und fürchtet, daß die Seele, [6] obwohl sie etwas Göttlicheres und Schöneres ist als der Körper, vor ihm zugrundegehen könnte, weil sie eine Art von Stimmung sei. Kebes hingegen schien mir zwar zuzugestehen, daß die Seele dauerhafter sei als der Körper, aber es sei doch für jeden ungewiß, ob die Seele nicht, nachdem sie viele Male viele Körper aufgerieben habe, den letzten Körper zurücklasse und nun selbst zugrundegehe, und ob nicht eben dies der Tod sei, der Untergang der Seele, da ja der Körper niemals aufhöre unterzugehen. Ist es etwas anderes oder dieses, Simmias und Kebes, was wir untersuchen müssen?
Beide stimmten zu, es sei dieses.
Nehmt ihr nun, fragte er, alle früheren Reden nicht an oder einige schon, andere nicht?
Einige schon, sagten sie, andere nicht.▷