Werk:Phaidon (Platon)/94b-95b
◀▷[1] Vielmehr, Simmias, wird bei richtiger Uberlegung keine Seele an der Schlechtigkeit Anteil haben, wenn sie wirklich eine Stimmung ist. Denn da eine Stimmung doch wohl vollkommen eben dies ist, Stimmung, könnte sie niemals an der Verstimmung Anteil haben.
Allerdings nicht.
Und doch wohl auch nicht die Seele, da sie vollkommen Seele ist, an der Schlechtigkeit.[2]
Wie sollte das wohl möglich sein nach dem, was vorher gesagt wurde?
Dieser Rede zufolge werden also alle Seelen aller Lebewesen gleich gut sein, wenn doch die Seelen von Natur aus in gleichem Maße eben dies sind, Seelen.
Mir wenigstens scheint es so, Sokrates, sagte er.
Scheint es dir denn auch gut, fragte er, wenn das behauptet wird und deiner Rede dies widerfahren würde, wenn die Voraussetzung richtig wäre, [3] daß die Seele eine Stimmung ist?
In keiner Weise, sagte er.
[4] Wie aber? fragte er. Meinst du, daß es etwas anderes gibt, das über alles herrscht, was im Menschen ist, als die Seele, zumal die vernünftige?[5]
Ich nicht.
Indem sie den Zuständen des Körpers nachgibt oder sich ihnen auch widersetzt? Ich meine es in der Weise, daß sie, wenn zum Beispiel Hitze im Körper ist oder Durst, ihn auf die Gegenseite zieht, zum Nicht-Trinken, und wenn Hunger in ihm ist, zum Nicht-Essen. Und bei tausend anderen Dingen sehen wir doch, [6] daß die Seele sich den Zuständen des Körpers widersetzt – oder nicht?
Allerdings.
Haben wir nun nicht wiederum in den vorigen Überlegungen zugestanden, daß sie, wenn sie eine Stimmung ist, niemals in entgegengesetzter Weise dazu klingen könne, wie jenes angespannt, losgelassen und gezupft wird und was ihm sonst noch widerfährt, aus dem sie eben besteht, sondern daß sie jenem folge und es niemals führe?
Das haben wir zugestanden, sagte er. Wie sollten wir denn nicht?
Wie also? Zeigt sich uns jetzt nicht, daß sie genau das Gegenteil davon betreibt, weil sie all jenes führt, von dem man sagt, daß sie aus ihm bestehe, [7] und sich ihm in fast allem das ganze Leben hindurch widersetzt und es auf jede Weise beherrscht, indem sie das eine härter zügelt und mit Schmerzen, wie bei der Gymnastik und der Heilkunst, das andere aber sanfter, einmal drohend, einmal ermahnend, und sich mit den Begierden, Trieben und Ängsten unterredet wie einer mit einem ganz anderen?[8] So, wie auch Homer in der Odyssee gedichtet hat, wo er von Odysseus sagt:Glaubst du denn, daß er das in der Meinung gedichtet habe, sie sei eine Stimmung und dazu geeignet, von den Zuständen des Körpers geführt zu werden, und nicht vielmehr, sie zu führen und zu beherrschen, weil sie eine viel göttlichere Sache ist, als es der Vergleich mit einer Stimmung erkennen läßt?Er aber schlug an die Brust und schalt sein Herz mit den Worten: [9] Ertrage es also, mein Herzschon Schlimm'res hast einst du ertragen.[10]
Bei Zeus, Sokrates, mir wenigstens scheint es so.▷
—Übrstzng F.S.◀▷Folglich, Bester, ist es keineswegs richtig von uns zu behaupten, daß die Seele eine Stimmung ist. [11] Denn weder würden wir, wie es scheint, mit Homer, dem göttlichen Dichter, übereinstimmen noch mit uns selbst.
So ist es, sprach er.
[12] Nun gut, sagte Sokrates, die Sache mit der Thebanischen Harmonia[13] ist für uns, wie es scheint, noch ganz leidlich ausgegangen. Wiesteht es aber nun mit der des Kadmos,[14] Kebes, wie versöhnen wir uns damit und durch welche Rede?
Das wirst du, glaube ich, schon herausfinden, sprach Kebes, die Rede gegen die Stimmung jedenfalls hast du für mich wider Erwarten ganz wunderbar ausgeführt. Denn als Simmias sagte, was ihn ratlos machte, fragte ich mich ganz verwundert, ob jemand mit seiner Rede etwas anfangen könne. [15] Ganz unfaßbar schien es mir daher, daß sie gleich dem ersten Anlauf deiner Rede nicht standhielt. Also würde ich mich auch nicht wundern, wenn dies auch der Rede des Kadmos widerfahren würde.
Guter, sagte Sokrates, keine großen Worte, damit uns nicht ein Zauber die Rede verdrehe,[16] die wir führen wollen. Doch dafür möge Gott sorgen, wir aber wollen, indem wir in Homerischer Weise[17] näher treten, prüfen, ob du wohl etwas sagst. Offenbar ist die Hauptsache von dem, was du suchst, dieses: Du willst, es solle gezeigt werden, daß unsere Seele unvergänglich und unsterblich ist, wenn ein [18] philosophischer Mensch, der mi Begriff ist zu sterben und dabei zuversichtlich ist und glaubt, es gehe ihm, wenner gestorben ist, dort gut, anders, als wenn er einer anderen Lebensweise folgend gestorben wäre, nicht auf törichte und einfältige Weise zuversichtlich sein soll. Aufzuzeigen aber, daß die Seele etwas Starkes und Gottgleiches ist und schon war, bevor wir Menschen geboren wurden, das alles hindere nicht daran, sagst du, nicht etwa Unsterblichkeit anzuzeigen, sondern nur, daf die Seele dauerhaft ist und früher irgendwo unvorstellbar lange gewesen ist und viele Dinge gewußt und getan hat. Aber [19] deswegen sei sie noch um nichts mehr unsterblich, sondern gerade, daß sie in den menschlichen Körper gekommen ist, sei für sie der Anfang vom Untergang gewesen, so wie eine Krankheit.[20] Und große Leiden erduldend bringe sie dieses Leben zu und gehe zuletzt in dem, was man Tod nennt, unter. Es mache also keinen Unterschied, behauptest du, ob sie einmal in einen Körper kommt oder oftmals, in Hinsicht darauf jedenfalls, daß jeder von uns sich fürchten müsse. Denn es sei für jeden angebracht, sich zu fürchten – sofern er nicht töricht ist –, der nicht weiß und auch keine Rechenschaft darüber geben kann, daß sie unsterblich ist. [21] Dieses etwa ist es, glaube ich, Kebes, was du meinst; absichtlich nehme ich es mehrfach wieder auf,[22] damit uns nicht etwas entgehe und du, wenn du willst, noch etwas hinzufügen oder wegnehmen kannst.
Da sagte Kebes: Aber ich habe im Augenblick weder etwas wegzunehmen noch hinzuzufügen; es ist das, was ich meine.[23]▷
—Übrstzng F.S.- ↑ [94.A]
- ↑ ▷ 122. Nun erfolgt die umgekehrte Anwendung (vgl. Anm. 121). Die Seelenstruktur wird auf die Stimmung projiziert. Die Seele ist Träger von Eigenschaften, deren Gradunterschiede also nichts an ihrem Sein ändern. Ist die Stimmung Seele, dann darf sie aber gar keine Gradunterschiede aufweisen, weil sie ja Träger der Eigenschaft, nicht Eigenschaft sein soll. Es gibt keine verschiedenen Seelenzustände, sondern nur gute Seelen.
- ↑ [B]
- ↑ 43.
- ↑ ▷ 123. Die Herrschaft über den Körper ist also ein Soll- und nicht einfach ein Ist-Zustand, ansonsten wäre die philosophische Bemühung darum (s. 64d-65a, 81b-c) gar nicht nötig. Daß solche Herrschaft aber möglich ist, zeigt, daß die Seele nicht vom Körper her zu verstehen ist, also kein Zusammenstimmen körperlicher Elemente sein kann.
- ↑ [C]
- ↑ [D]
- ↑ ▷ 124. Die in der ›Politeia‹ entwickelte Seelenteilungslehre liegt hier zugrunde: Die Seele ist zwar unzusammengesetzt im physischen Sinne (s. 80bff.), hat aber dennoch verschiedene Kräfte, die sich aufeinander beziehen können.
- ↑ [E]
- ↑ ▷ 125. Odyssee, XX, 17. Dasselbe Zitat findet sich auch in ›Politeia‹ 390d in einem Gedankengang, mit dem Sokrates erklärt, warum man verschiedene Seelenkräfte annehmen muß.
- ↑ [95.A]
- ↑ 44.
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.126
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.128
- ↑ [B]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.128
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.129
- ↑ [C]
- ↑ [D]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.130
- ↑ [E]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.131
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.132