Werk:Werk:Phaidon (Platon)/58
◀▷Phaid.: Auch von dem Prozeß[1] habt ihr demnach nicht erfahren, wie er verlief?
Ech.: Doch, das hat uns allerdings jemand berichtet, und wir wunderten uns, daß Sokrates, obwohl derselbe schon lange stattgefunden hatte, erst viel später gestorben zu sein scheint.[2] Wie war das nun, Phaidon?
Phaid.: Ein Zufall, Echekrates, fügte es so. Es traf sich nämlich, daß am Tag vor dem Prozeß das Heck des Schiffes bekränzt worden war, das die Athener nach Delos schicken.
Ech.: Was hat es denn damit auf sich?
Phaid.: Das ist das Schiff, wie die Athener sagen, in dem Theseus einst[3] fortfuhr, um jene »zweimal sieben« nach Kreta zu bringen[4] und sowohl sie rettete als auch selbst gerettet wurde. Dem Apollon[5] hatten sie, wie man sagt, damals gelobt, sie werden, wenn sie gerettet würden, jedes Jahr einen Festzug nach Delos führen. Den also senden sie seitdem immer und auch jetzt noch jedes Jahr dem Gott. Sobald sie nun mit dem Festzug begonnen haben, ist es bei ihnen Gesetz, die Stadt in dieser Zeit rein zu halten und im Namen des Staates niemanden zu töten, bevor das Schiff nach Delos gefahren ist und auch wieder hierher zurück. Das dauert aber manchmal lange Zeit,[6] wenn widrige Winde aufkommen, die sie festhalten. Der Anfang des Festzuges ist, wenn der Priester des Apollon das Heck des Schiffes bekränzt; das ereignete sich, wie gesagt, zufällig am Tag vor dem Prozeß. Dadurch hatte Sokrates im Gefängnis auch so viel Zeit zwischen dem Prozeß und seinem Tod.
2. Echekrates: Wie waren denn die näheren Umstände bei seinem Tod selbst, Phaidon? Was wurde gesagt und getan und welche von seinen Vertrauten waren bei dem Mann? Oder hinderte die Behörde sie, bei ihm zu sein, und er starb getrennt[7] von den Freunden?
Phaid.: Keineswegs, sondern so manche von ihnen, viele sogar, waren anwesend.
Ech.: Bemühe dich doch, uns das alles so genau wie möglich zu berichten, wenn es dir nicht gerade an Muße fehlt.
Phaid.: Nun, ich habe Muße und will versuchen, es euch zu erzählen. Denn mich an Sokrates zu erinnern, sowohl von ihm zu sprechen als auch einem anderen zuzuhören, ist mir immer von allem das Liebste.
Ech.: Nun, Phaidon, als Zuhörer hast du ebensolche. Darum versuche, uns alles so genau, wie du kannst, zu schildern.▷
PHAIDON: Auch von der Klage also habt ihr nichts erfahren, wie es dabei hergegangen ist?
ECHEKRATES: Ja, das hat uns jemand erzählt, und wir haben uns gewundert, dass, da sie schon längst abgeurteilt war, er offenbar erst weit später gestorben ist. Wie war doch das, o Phaidon?
PHAIDON: Durch Zufall fügte es sich so, Echekrates. Es traf sich nämlich, dass gerade an dem Tage vor dem Gericht das Schiff geschmückt worden war, welches die Athener nach Delos senden.
ECHEKRATES: Was hat es damit auf sich?
PHAIDON: Dies ist das Schiff, wie die Athener sagen, worin einst [B] Theseus fuhr, um jene zweimal sieben nach Kreta zu bringen, die er rettete und sich selbst auch. Damals nun hatten sie dem Apollon gelobt, wie man sagt, wenn sie gerettet würden, ihm jedes Jahr einen Aufzug nach Delos zu senden, welchen sie nun seitdem immer und auch jetzt noch jährlich an den Gott senden. Sobald nun dieser Aufzug angefangen hat, ist gesetzlich, während dieser Zeit die Stadt rein zu halten und von Staats wegen niemanden zu töten, bis das Schiff in Delos angekommen ist und auch wieder zurück. Und dies währt bisweilen lange, [C] wenn widrige Winde einfallen. Des Aufzuges Anfang ist aber, wenn der Priester des Apollon das Vorderteil des Schiffes bekränzt, und dies, wie ich sage, war eben den Tag vor dem Gerichtstage geschehen. Daher hatte Sokrates so viel Zeit in dem Gefängnis zwischen dem Urteil und dem Tode.
ECHEKRATES: Wie war es aber bei seinem Tode selbst, o Phaidon? Was wurde gesprochen und vorgenommen? Welche von seinen Vertrauten waren bei dem Manne? Oder ließ die Behörde sie nicht zu ihm, und er starb [D] ohne Beisein von Freunden?
PHAIDON: Keineswegs, sondern es waren deren, und zwar ziemlich viele, zugegen.
ECHEKRATES: Alles dieses bemühe dich doch uns recht genau zu erzählen, wenn es dir nicht etwa an Muße fehlt!
PHAIDON: Nein, ich habe Muße und will versuchen, es euch zu erzählen. Denn des Sokrates zu gedenken, sowohl selbst von ihm redend als auch anderen zuhörend, ist mir immer von allem das Erfreulichste.
ECHEKRATES: Und eben solche, o Phaidon, hast du jetzt zu Hörern. Also versuche nur, alles, so genau du immer kannst, uns vorzutragen!