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Altgriechische Grammatik

aus AufEinWort, der freien Forschung
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Auszug Altgriechische Sprache https://de.wikipedia.org/wiki/Altgriechische_Sprache#Grammatik 8. November 2023 um 01:39 Uhr

Die ersten Grammatiklehrbücher des Abendlandes wurden zu hellenistischer Zeit in der philologischen Schule von Alexandria abgefasst. Aristarch von Samothrake schrieb eine 'technē grammatikē' des Griechischen. Die vermutlich erste autonome grammatische Schrift ist die 'technē grammatikē' des Dionysios Thrax (2. Jahrhundert v. Chr.), welche die Phonologie und Morphologie einschließlich der Wortarten umfasst. Die Syntax ist Gegenstand eines sehr systematischen Werks des zweiten bedeutenden griechischen Grammatikers, des Apollonios Dyskolos (2. Jahrhundert n. Chr.). Angeblich im Jahre 169/68 „importierten“ die Römer die griechische Grammatiklehre und adaptierten sie.

Die Grammatik des Altgriechischen ist auf den ersten Blick recht ähnlich zum Lateinischen, was Partizipialkonstruktionen und sonstige satzwertige Konstruktionen (AcI etc.) anbelangt, so dass Lateinkenntnisse beim Erlernen des Altgriechischen sehr hilfreich sind – und umgekehrt. Gutes Verständnis der deutschen Grammatik hilft allerdings auch; in vielen Fällen ist das Altgriechische dem Deutschen strukturell ähnlicher als dem Lateinischen, beispielsweise sind bestimmte Artikel im Griechischen vorhanden, während sie im Lateinischen fehlen. Es gibt auch Fälle, in denen die Ähnlichkeit mit dem Lateinischen eher oberflächlicher Art ist und mehr Verwirrung stiftet als hilft – beispielsweise werden die Zeitformen der Verben im Griechischen oft anders verwendet als im Lateinischen.

Im Westen und auch in diesem Artikel werden oft lateinisch-basierte Begriffe (wie Substantiv, Dativ, Aktiv, Person …) zur Bezeichnung von altgriechischen grammatischen und semantischen Kategorien verwendet, die (oft) direkte Übersetzungen (Lehnübersetzungen) der griechischen Begriffe darstellen. In Griechenland werden dagegen bis heute griechisch-basierte Begriffe aus der 'technē grammatikē' des Dionysios Thrax verwendet.

Deklination

Im Altgriechischen werden Substantive, Adjektive, Pronomina, der (definite) Artikel und einige Zahlwörter dekliniert. Besonders Zahl und Formenreichtum der Verbaladjektive ist hoch.

Grammatikalische Kategorien der Nomina

Die altgriechischen Nomina (deklinierbaren Wörter) werden in den folgenden grammatischen Kategorien dekliniert:

Auch Partizipien, Verbaladjektive und Infinitive werden dekliniert, sie gelten als Zwischenformen (sogenannte Nominalformen des Verbs). Substantive können mit einem Artikel (ὁ, ἡ, τό ho, hē, to „der, die, das“) bestimmtwerden; einen unbestimmten Artikel gibt es nicht.

Kasus

Von den acht Kasus des Indogermanischen haben sich im Altgriechischen fünf erhalten: Nominativ, Akkusativ, Genitiv, Dativ und Vokativ (Anredeform). Nach ihrer Verwendungsweise werden zahlreiche verschiedene Kasusfunktionen unterschieden. Das altgriechische Kasussystem ähnelt in seinen Grundzügen dem deutschen.

Numerus

Neben dem Singular (Einzahl) und Plural (Mehrzahl) hat das Altgriechische noch in Resten den Dual (Zweizahl) behalten. Die Artikel des Duals lauten oft in allen Genera τὼ tō im Nominativ und Akkusativ und τοῖν toin im Genitiv und Dativ. Seltenere Formen des femininen Duals sind entsprechend τὰ ta und ταῖν tain. In der o-Deklination (s. u.) hat er die Endungen -ω -ō im Nominativ und Akkusativ und -οιν -oin im Genitiv und Dativ. In der a-Deklination lauten die Endungen entsprechend -ᾱ -ā und -αιν -ain, in der 3. Deklination -ε -e und -οιν -oin. Der Dual war schon zu vorklassischer Zeit (vor dem 5. Jahrhundert v. Chr.) im Schwinden begriffen, und die ursprüngliche Verwendungsweise (nur für wirklich in der Zweizahl Zusammengehöriges, wie Zwillinge, die beiden Hände, Augen und so weiter) ging verloren. In der klassischen Literatur wurden vorsichtige Wiederbelebungsversuche unternommen, die den Dual jedoch nicht wieder etablierten und außerdem seiner ursprünglichen, spezifischen Verwendungsweise entfremdeten. Aufgrund seiner Seltenheit ist der Dual in den untenstehenden Deklinationsbeispielen nicht aufgenommen.

Beispiele:

Genus

Wie die meisten indogermanischen Sprachen kennt das Altgriechische drei Genera: Maskulinum (männlich), Femininum (weiblich) und Neutrum (sächlich). Männliche Personen sind oft maskulin, weibliche oft feminin.[1][2]Winde, Flüsse und Monate sind oft maskulin, Länder, Inseln und Städte oft feminin.[2] Eine Besonderheit des Neutrums ist, dass bei einem neutralen Subjekt das Prädikat stets im Singular steht. Dies lässt sich damit erklären, dass das Neutrum Plural sprachhistorisch auf ein Kollektivum zurückgeht.

Das Genus commune ist bei einigen Vokabeln ebenfalls erhalten, etwa bei ὁ/ἡ βοῦς ho/hē bous, das sowohl „Rind“ als auch „Ochse“ oder „Kuh“ heißen kann. Einige Wörter sind Epicöna wie ἡ ἀλώπηξ hē alōpēx der Fuchs, was sowohl männliche als auch weibliche Füchse einschließt.[3][4]

Deklination der Substantive

Das Altgriechische kennt drei grundlegende Deklinationsklassen: die o-Deklination, die a-Deklination und eine dritte, konsonantische Deklination.

Zur a-Deklination (oder ersten Deklination) gehören Feminina auf kurzes -ᾰ -ă (wie δόξᾰ doxă „Ruhm, Ansicht“), langes -ᾱ -ā (etwa χώρᾱ chōrā „Land“) und -η -ē (etwa νίκη nikē „Sieg“) sowie Maskulina auf -ᾱς -ās (etwa νεανίᾱς neaniās „Jüngling“) und -ης -ēs (etwa ποιητής poiētēs „Dichter“). Endet der Wortstamm auf ein ε e, ι i oder ρ r, haben die Endungen in allen Formen ein α a (Alpha purum), andernfalls wird ein langes ᾱ ā zu einem η ē (Alpha impurum). Die Maskulina haben im Genitiv die Endung -ου -ou, im Vokativ enden sie auf -ᾰ -ă, ansonsten werden sie genauso dekliniert wie die Feminina.

Beispielwort: δόξᾰ doxă „Ruhm, Ansicht“ (Femininum, mit kurzem Alpha impurum)
  Singular Plural
Nominativ ἡ δόξα hē doxa αἱ δόξαι hai doxai
Genitiv τῆς δόξης tēs doxēs τῶν δοξῶν tōn doxōn
Dativ τῇ δόξῃ tē doxē ταῖς δόξαις tais doxais
Akkusativ τὴν δόξαν tēn doxan τὰς δόξας tas doxas
Vokativ ὦ δόξα ō doxa ὦ δόξαι ō doxai

Zur o-Deklination (oder zweiten Deklination) gehören Maskulina auf -ος -os (wie φίλος philos„Freund“) und Neutra auf -ον -on (wie τέκνον teknon „Kind“). Die Deklinationsendungen sind dieselben, außer dass Wörter auf -ον -on wie alle Neutra im Nominativ und Akkusativ Plural auf -α -a enden und im Vokativ dieselbe Form wie im Nominativ haben. Ganz vereinzelt kommen auch Feminina auf -ος -os vor (etwa νῆσος nēsos „Insel“), die ebenso dekliniert werden wie die Maskulina. Dazu kommen als Sonderfälle Kontrakta (etwa νοῦς nous „Sinn“), bei denen der vokalische Stamm mit der Deklinationsendung verschmolzen ist, und die sogenannte attische Deklination (wie νεώς neōs „Tempel“).

Beispielwort: φίλος philos „Freund“ (maskulinum)
  Singular Plural
Nominativ ὁ φίλος ho philos οἱ φίλοι hoi philoi
Genitiv τοῦ φίλου tou philou τῶν φίλων tōn philōn
Dativ τῷ φίλῳ tō philō τοῖς φίλοις tois philois
Akkusativ τὸν φίλον ton philon τοὺς φίλους tous philous
Vokativ ὦ φίλε ō phile ὦ φίλοι ō philoi

Die 3. Deklination umfasst eine Vielzahl von konsonantischen Stämmen. Je nach Stammauslaut lassen sie sich in Muta-Stämme (etwa γύψ gyps m. „Geier“ [Stamm γύπ- gyp-], αἴξ aix f. „Ziege“ [Stamm αἴγ- aig-], ὄρνις ornis m.„Vogel“ [Stamm ὄρνιθ- ornith-]), Liquida- und Nasalstämme (etwa ῥήτωρ rhētōr m. „Redner“, μήτηρ mētēr f. „Mutter“, λιμήν limēn m. Hafen), Sigma-Stämme (wie γένος genos n. „Geschlecht, Art“) und Vokalstämme (etwa πόλις polis f. „Stadt“, βασιλεύς basileus m. „König“) unterteilen. Aus sprachhistorischen Gründen unterliegt die Deklination der einzelnen Untergruppen Unregelmäßigkeiten, auf die hier nicht eingegangen werden kann. Zur 3. Deklination gehören Maskulina, Feminina und Neutra. Der Nominativ ist bei den Maskulina und Feminina entweder durch die Endung -ς -s oder die Dehnstufe des Stammes (etwa ῥήτωρ rhētōr zum Stamm ῥητορ- rhētor-) gekennzeichnet, bei den Neutra besteht er aus der Grundstufe des Stammes. Manche Liquidastämme unterliegen dem quantitativen Ablaut (so hat μήτηρ mētēr im Nominativ die Dehnstufe, im Akkusativ μητέρα mētera die Grundstufe und im Genitiv μητρός mētros die Schwundstufe).

Beispielwort Maskulinum: ῥήτωρ rhētōr „Redner“ (maskulinum, Liquida-Stamm ohne Ablaut)
  Singular Plural
Nominativ ὁ ῥήτωρ ho rhētōr οἱ ῥήτορες hoi rhētores
Genitiv τοῦ ῥήτορος tou rhētoros τῶν ῥητόρων tōn rhētorōn
Dativ τῷ ῥήτορι tō rhētori τοῖς ῥήτορσι(ν) tois rhētorsi(n)
Akkusativ τὸν ῥήτορα ton rhētora τοὺς ῥήτορας tous rhētoras
Vokativ ὦ ῥῆτορ ō rhētor ὦ ῥήτορες ō rhētores

Das eingeklammerte Ny im Dativ Plural wird bewegliches Ny genannt (ν ἐφελκυστικόν n ephelkystikon bzw. νῦ ἐφελκυστικόν ny ephelkystikon) und kann unter anderem angefügt werden, wenn das nachfolgende Wort mit einem Vokal beginnt.[5]

Adjektive

Adjektive werden entweder nach der o/a-Deklination oder nach der 3. Deklination dekliniert. Erstere enden im Maskulinum auf -ος -os, im Femininum auf -α -a oder -η -ē und im Neutrum auf -ον -on (etwa νέος, νέα, νέον neos, nea, neon „neu“). Manche (vor allem zusammengesetzte) Adjektive sind auch zweiendig, d. h., sie enden sowohl im Maskulinum als auch im Femininum auf -ος -os (etwa εὔκολος, εὔκολον eukolos, eukolon „leicht“). Adjektive der 3. Deklination werden teils im Femininum nach der a-Deklination dekliniert (wie πᾶς, πᾶσα, πᾶν pas, pasa, pan „ganz“), teils sind sie auch zweiendig (etwa σαφής, σαφές saphēs, saphes „klar, deutlich“).

Adjektive können gesteigert werden (Positiv σοφός sophos „klug“, Komparativ σοφώτερος sophōteros „klüger“, Superlativ σοφώτατος sophōtatos „am klügsten“). Der Superlativ kann als absoluter Superlativ (Elativ) auch nur eine absolute Herausgehobenheit („sehr klug“) bezeichnen. Die Endungen des Komparativs und des Superlativs sind meist -τερος -teros und -τατος -tatos, bei einigen Adjektiven auch -ίων -iōn und -ιστος -istos (etwa κακός, κακίων, κάκιστος kakos, kakiōn, kakistos „schlecht, schlechter, am schlechtesten“).

Adverbien werden von den Adjektiven mit der Endung -ως -ōs abgeleitet (vergleiche σοφός ἐστιν sophos estin „er ist klug“ [Prädikatsnomen, Adjektiv] und σοφῶς λέγει sophōs legei „er spricht klug“).

Pronomina

Personalpronomina gibt es in der 1., 2. und 3. Person.[6][7] Die Nominativformen der Personalpronomina (attisch: ἐγώ egō „ich“, σύ sy „du“, ἡμεῖς hēmeis „wir“, ὑμεῖς hymeis „ihr“) sind stets betont, weil die Person im Normalfall schon durch das Verb angegeben ist. In den übrigen Kasus wird zwischen den enklitischen unbetonten Formen (etwa με me) und nicht-enklitischen Formen (ἐμέ eme„mich“), die in betonter Stellung und nach Präpositionen stehen, unterschieden. Als Ersatz für die Personalpronomina der 3. Person werden im Nominativ auch die Formen des Demonstrativpronomens οὗτος houtos („dieser“), in den übrigen Kasus die Formen des Wortes αὐτός autos („selbst“) verwendet. In allen drei Personen gibt es reflexive und nichtreflexive Formen des Personalpronomens, je nachdem, ob sie sich auf das Subjekt des Satzes beziehen (etwa ἐμέ eme „mich“ – ἐμαυτόν emauton „mich [selbst]“). In der 3. Person wird zudem zwischen direkt und indirekt reflexiven Pronomina unterschieden, wobei sich die indirekt reflexiven Pronomina auf das Subjekt des übergeordneten Satzes beziehen. Das Possessivpronomen lautet ἐμός, σός emos, sos. Es existiert im klassischen Griechisch nur in der 1. und der 2. Person.

An Demonstrativpronomina kommen ὅδε, ἥδε, τόδε hode, hēde, tode(„dieser“, wie lateinisch 'hic, haec, hoc'), οὗτος, αὕτη, τοῦτο houtos, hautē, touto („dieser“, wie lateinisch 'is, ea, id') und ἐκεῖνος, ἐκεῖνη, ἐκεῖνο ekeinos, ekeinē, ekeino („jener“, wie lateinisch 'ille, illa, illud') vor. Das Relativpronomen ὅς, ἥ, ὅ hos, hē, ho wird durch Anhängung des Indefinitpronomens zum verallgemeinernden Relativpronomen ὅστις, ἥτις, ὅτι hostis, hētis, hoti. Das verallgemeinernde Relativpronomen ähnelt dem indirekten Fragepronomen. Das direkte Fragepronomen τίς, τί tis, ti („wer, was“) trägt stets den Akut. Das Indefinitpronomen τις, τι tis, ti („irgendjemand, irgendetwas“) entspricht dem direkten Fragepronomen, ist aber enklitisch.

Konjugation

Grammatische Kategorien des Verbsystems

Tempus- und Aspektsystem

Das altgriechische Tempussystem unterscheidet sich grundlegend von dem deutschen oder lateinischen. Die in der Grammatik übliche Einteilung in sechs Tempora (sieben bei Berücksichtigung des seltenen Perfektfuturs) ist genau genommen irreführend, da nicht die zeitliche Bedeutung, sondern der Aspekt im Vordergrund steht. Im Altgriechischen gibt es drei Tempusstämme, die einen bestimmten Aspekt ausdrücken. Zu jedem Tempusstamm gehört im Indikativ ein Haupttempus mit Gegenwarts- und ein Nebentempus mit Vergangenheitsbedeutung. (Der Aoriststamm ist der älteste Tempusstamm und hat ein Haupttempus im Indikativ nie ausgebildet.) Zum Beispiel drückt der Indikativ Präsens eine durative Handlung der Gegenwart, der Indikativ Imperfekt eine durative Handlung der Vergangenheit aus. Dazu kommt der sprachhistorisch jüngere Futurstamm, der kein Nebentempus kennt und tatsächlich eine rein zeitliche Bedeutung hat.

Mit der Handhabung dieser drei Aspekte stellt der Griechischsprechende durch Flexionsaffixe die zeitlichen Bezüge her, die von den Aspekten selbst nicht ausgedrückt werden. Die Aspekte gelten generell, während es eine direkt zeitliche Bedeutung nur im Indikativ gibt (bis auf das Futur: siehe unten).

Die Vergangenheit wird im Indikativ mit Hilfe der Nebentempora gebildet. Das sind im Präsensstamm das Imperfekt, im Perfektstamm das Plusquamperfekt und im Aoriststamm der Aorist.

Die Tempora (χρόνοι chronoi) des Altgriechischen lassen sich nach folgendem Schema darstellen:

Tempusstamm Haupttempus Nebentempus Aspekt Aktionsart
Präsensstamm Präsens

(ἐνεστὼς χρόνος, ἐνεστώς enestōs chronos, enestōs)

Imperfekt

(παρατατικὸς χρόνος paratatikos chronos)

imperfektiv durativ, frequentativ, iterativ,

habituativ, konativ

Aoriststamm – Aorist

(ἀόριστος aoristos)

perfektiv/

aoristisch

punktuell, egressiv, effektiv,

inchoativ, ingressiv, gnomisch

Perfektstamm Perfekt

(παρακείμενος parakeimenos)

Plusquamperfekt perfektisch resultativ
Futurstamm Futur

(μέλλων mellōn)

– – –

Die übrigen Modi werden jeweils dem Haupttempus des Tempusstammes (wenn vorhanden, sonst dem Nebentempus) zugeordnet. Sie haben aber keinerlei zeitliche Bedeutung. Dadurch erklärt sich auch die auf den ersten Blick paradox wirkende Tatsache, dass mit dem Imperativ Aorist eine Befehlsform zu einem Vergangenheitstempus existiert.

Das altgriechische Verb bildet also vier Tempusstämme:

Der Präsensstamm – auch linearer oder paratatischer Stamm genannt – ist besser als Imperfektivstamm zu behandeln. Er übernimmt die Funktionen der durativen, iterativen, habituativen und konativen Aktionsart. Das bedeutet, es wird mit diesem Aspekt u. a. der Verlauf oder das Andauern einer Handlung ausgedrückt.

Beispiele:

Der Aoriststamm bezeichnet Punktuelles. Das bedeutet, es wird der bloße Vollzug einer Handlung vermeldet. (Die Bezeichnung punktuell wird benutzt, um den Gegensatz zum linearen sogenannten Präsensstamm auszudrücken. Der Aoriststamm ist die Normalform und benennt eine Handlung oder ein Ereignis, ohne ausdrücken zu wollen, ob diese Handlung in Wirklichkeit punktuell oder linear war/ist.) Bei diesem Aspekt wird in der Sprachpraxis gern ein bestimmter Punkt des Verbalbegriffs ins Auge gefasst, nämlich der Abschluss (resultativ) oder der Beginn (ingressiv, inchoativ) einer Handlung.

Beispiele:

Die Formen des Perfektstamms haben vorzeitig-ergebnisbezogene Bedeutung. Das heißt: Da, wo andere Sprachen Verben resultativer Aktionsart setzen, steht im Altgriechischen eine Perfektform. Das bedeutet, es wird mit diesem Aspekt ein (erreichter) Zustand oder einfach ohne jede nähere Bestimmung die Qualität einer Sache ausgedrückt.

Beispiele:

Der vierte Tempusstamm des Altgriechischen, der Futurstamm, ist eine jüngere Entwicklung und hat in der Tat in allen Modi zeitliche Bedeutung.

Modussystem

Es gibt im Altgriechischen (nach Ansicht moderner Linguisten)[8] vier Modi: Indikativ, Optativ, Konjunktiv, Imperativ. Die Funktionen, welche diese Formen syntaktisch und semantisch erfüllen, sind sehr vielfältig. Hier kann nur eine grundsätzliche Bestimmung ihrer Bedeutung vorgenommen werden.

Der Modus bringt die geistige Einstellung des Sprechenden gegenüber dem Verbalinhalt zum Ausdruck:

  • Mit dem Indikativ drückt der Sprecher aus, dass ihm ein Vorgang oder Zustand als wirklich (real), gegeben erscheint. Allerdings wird auch der Indikativ verwendet, wenn etwas fast Geschehenes bezeichnet wird.
  • In den anderen Modi drückt der Sprecher aus, dass ihm der Vorgang oder Zustand nur als vorgestellt, modal eingeschränkt, gilt:
    • Der Imperativ drückt einen Befehl, eine Aufforderung, aus, etwa Φέρε μοὶ τόδε. Phere moi tode. „Bring mir das her!“
    • Der Konjunktiv drückt einen Willen (Voluntativ) oder eine Erwartung (Prospektiv) aus (er hat also leicht futurische Bedeutung, was umgekehrt für das Futur in Bezug auf den Konjunktiv auch gilt), ähnelt aber auch dem Konjunktiv des Lateinischen, etwa Ἴωμεν. Iōmen. „Lasst uns gehen!“ (Vergleiche lateinisch (coniunctivus hortativus): 'eamus!'.)
    • Der Optativ drückt einen Wunsch (Kupitiv) oder eine Möglichkeit (Potentialis) aus, etwa Εἴθε τις λύοι. Eithe tis lyoi „Möge [das] jemand lösen“.

Diathese, Genus verbi

Von den drei Diathesen sind zwei (Aktiv und Medium) aus dem Indogermanischen geerbt. Das Passiv ist eine jüngere Entwicklung.

Das Aktiv ist die unmarkierte Struktur.

Das Medium drückt aus, dass das Subjekt an der Handlung beteiligt oder an ihr interessiert ist, dass also eine nähere Beziehung zwischen Subjekt und Handlung besteht (transitives Medium). Ferner kann es ausdrücken, dass das Subjekt von seiner eigenen Handlung betroffen ist (intransitives Medium).[9] Der Begriff Medium (lateinisch 'medius' „der Mittlere“) soll ausdrücken, dass diese Form zwischen Aktiv und Passiv stehe. Das ist jedoch weder sprachgeschichtlich noch morphologisch richtig.[10] Das Passiv ist im Griechischen der Grenzfall des Mediums, denn:

Das Passiv drückt die Wirkung einer Handlung auf das Subjekt aus, die nicht von ihm ausgeht. Insofern die Handlung nur noch auf das Subjekt wirkt, ohne von ihm auszugehen, bildet es den Grenzfall des Mediums. (Außerhalb des Futur- und Aoriststamms hat das Passiv keine eigenständige Form. Formal übernimmt dort das Medium neben der eigenen Funktion auch die des Passivs, was nur aus dem syntaktischen Zusammenhang oder bei genauer Kenntnis der Beschaffenheit des entsprechenden Verbums zu unterscheiden ist.)

Beispiele:

Numerus- und Personsystem

Aufgrund der Personalflexion des altgriechischen Verbs werden die Personalpronomina des Nominativs wie in vielen anderen indogermanischen Sprachen (so auch im Lateinischen) meist ausgelassen, wenn sie nicht besonders betont – etwa in Adversativsätzen – werden sollen. Es muss also nicht zwangsläufig ein das Subjekt ausdrücklich nennendes Bezugswort (Pronomen oder Substantiv) beim Verb stehen – die Endung reicht aus, um die Person und damit das Subjekt zu identifizieren. Das Altgriechische ist also eine Pro-Drop-Sprache.

Das Altgriechische kennt beim Verb einen Singular, einen Plural und einen Dual (als Schwundform). Der Dual mit eigenen Endungen wird nur für die 2. und 3. Person gebildet, während die 1. Person des Duals mit der ersten Person Plural zusammenfällt. In den folgenden Beispielen wird nur das Aktiv behandelt.

Konjugationstabellen

Konjugationstabelle für das regelmäßige Verb λύω lyō (Infinitiv λύειν lyein „lösen“) im Aktiv.

Der Dual wurde aufgrund seiner Seltenheit nicht berücksichtigt.

Haupttempora des Indikativs Nebentempora des Indikativs Konjunktiv Optativ Imperativ
Präsens/

Imperfekt

λύω, λύεις, λύει,
λύομεν, λύετε, λύουσι(ν)

lyō, lyeis, lyei,
lyomen, lyete, lyousi(n)

ἔλυον, ἔλυες, ἔλυε(ν),
ἐλύομεν, ἐλύετε, ἔλυον

elyon, elyes, elye(n),
elyomen, elyete, elyon

λύω, λύῃς, λύῃ,
λύωμεν, λύητε, λύωσι(ν)

lyō, lyējs, lyēj,
lyōmen, lyēte, lyōsi(n)

λύοιμι, λύοις, λύοι,
λύοιμεν, λύοιτε, λύοιεν

lyoimi, lyois, lyoi,
lyoimen, lyoite, lyoien

—, λῦε, λυέτω,
—, λύετε, λυόντων

—, lye, lyetō,
—, lyete, lyontōn

Futur λύσω, λύσεις, λύσει,
λύσομεν, λύσετε, λύσουσι(ν)

lysō, lyseis, lysei,
lysomen, lysete, lysousi(n)

— — λύσοιμι, λύσοις, λύσοι,
λύσοιμεν, λύσοιτε, λύσοιεν

lysoimi, lysois, lysoi,
lysoimen, lyseite, lysoien

—
Aorist — ἔλυσα, ἔλυσας, ἔλυσε(ν),
ἐλύσαμεν, ἐλύσατε, ἔλυσαν

elysa, elysas, elyse(n),
elysamen, elysate, elysan

λύσω, λύσῃς, λύσῃ,
λύσωμεν, λύσητε, λύσωσι(ν)

lysō, lysējs, lysēj,
lysōmen, lysēte, lysōsi(n)

λύσαιμι, λύσαις, λύσαι,
λύσαιμεν, λύσαιτε, λύσαιεν

lysaimi, lysais, lysai,
lysaimen, lysaite, lysaien

—, λῦσον, λυσάτω,
—, λύσατε, λυσάντων

—, lyson, lysatō,
—, lysate, lysantōn

Perfekt/

Plusquam- perfekt

λέλυκα, λέλυκας, λέλυκε(ν),
λελύκαμεν, λελύκατε, λελύκασι(ν)

lelyka, lelykas, leluke(n),
lelykamen, lelykate, lelykasi(n)

ἐλελύκειν, ἐλελύκεις, ἐλελύκει,
ἐλελύκεμεν, ἐλελύκετε, ἐλελύκεσαν

elelykein, elelykeis, elelykei,
elelykemen, elelykete, elelykesan

λελύκω, λελύκῃς, λελύκῃ,
λελύκωμεν, λελύκητε, λελύκωσι(ν)

lelykō, lelykējs, lelykēj,
lelykōmen, lelykēte, lelykōsi(n)

λελύκοιμι, λελύκοις, λελύκοι,
λελύκοιμεν, λελύκοιτε, λελύκοιεν

lelykoimi, lelykois, lelykoi,
lelykoimen, lelykoite, lelykoien

Zusammengesetzt:

—, λελυκὼς ἴσθι, λελυκὼς ἔστω,
—, λελυκότες ἔστε, λελυκότες ἔστων
—, lelykōs isthi, lelykōs, estō,
—, lelykotes este, lelykotes estōn

Entsprechende Tabelle für das wichtige unregelmäßige Hilfsverb εἰμί eimi (Infinitiv εἶναι einai „sein“).

Haupttempora des Indikativs Nebentempora des Indikativs Konjunktiv Optativ Imperativ
Präsens/

Imperfekt

εἰμί, εἶ, ἐστί(ν),
ἐσμέν, ἐστε, εἰσί(ν)

eimi, ei, esti(n),
esmen, este, eisi(n)

ἦ, ἦσθα, ἦν,
ἦμεν, ἦτε, ἦσαν

ē, ēstha, ēn,
ēmen, ēte, ēsan

ὦ, ᾖς, ᾖ,
ὦμεν, ἦτε, ὦσι(ν)

ō, ēs, ē,
ōmen, ēte, ōsi(n)

εἴην, εἴης, εἴη,
εἴημεν, εἴητε, εἴησαν

eiēn, eiēs, eiē,
eiēmen, eiēte, eiēsan

—, ἴσθι, ἔστω,
—, ἔστε, ἔστων

—, isthi, estō,
—, este, estōn

Futur ἔσομαι, ἔσῃ, ἔσται,
ἐσόμεθα, ἔσεσθε, ἔσονται

esomai, esē, estai,
esometha, esesthe, esontai

— — ἐσοίμην, ἔσοιο, ἔσοιτο,
ἐσοίμεθα, ἔσοισθε, ἔσοιντο

esoimēn, esoio, esoito,
esoimetha, esoisthe, esointo

—

Die restlichen Tempora sind für die Benutzung als Hilfsverb irrelevant. Sie werden eigentlich aus dem Stamm des Verbs γίγνομαι gignomai („werden“; gleichbedeutend mit englisch 'to become') abgeleitet.

  1. ↑ Herbert Weir Smyth, Gordon M. Messing: Greek Grammar. Harvard University Press, Cambridge 1956, S. 45 f.
  2. ↑ a b William W. Goodwin: A Greek Grammar. Revised and enlarged. Boston 1900, S. 35. “159 The gender must often be learned by observation. But
    (1) Names of males are generally masculine, and names of females feminine.
    (2) Most names of
    rivers, winds, and months are masculine; and most names of countries, towns, trees, and islands are feminine.
    […]
    (4) Diminutive nouns are neuter […].
    ”
  3. ↑ Herbert Weir Smyth, Gordon M. Messing: Greek Grammar. Harvard University Press, Cambridge 1956, S. 46. Zitat: “198. Common Gender. – Many nouns denoting persons are either masculine or feminine. […]”
  4. ↑ William W. Goodwin: A Greek Grammar. Revised and enlarged. Boston 1900, S. 35. Zitat: “158. Nouns which may be either masculine or feminine are said to be of the common gender as (ὁ, ἡ) θεός, God or Goddess. Names of animals which include both sexes, but have only one grammatical gender, are called epicene (ἐπίκοινος); as […] ἡ ἀλώπηξ, the fox; […] including males and females.”
  5. ↑ Herbert Weir Smyth, Gordon M. Messing: Greek Grammar. Harvard University Press, Cambridge 1956, S. 84. Zitat: “134. Moveable N may be added at the end of a word when the next word begins with a vowel. […] 135 Moveable ν is usually written at the end of clauses, and at the end of a verse in poetry. To make a syllable long by position (144) the poets add ν before words beginning with a consonant. Prose inscriptions frequently use ν before a consonant.”
  6. ↑ Herbert Weir Smyth, Gordon M. Messing: Greek Grammar. Harvard University Press, Cambridge 1956, S. 90.
  7. ↑ William W. Goodwin: A Greek Grammar. Revised and enlarged. Boston 1900, S. 82.
  8. ↑ Herbert Weir Smyth: A Greek Grammar For Colleges. 1920, §.357: „The infinitive […] is sometimes classed as a mood.“
  9. ↑ Günther Zuntz: Griechischer Lehrgang. Band 3: Appendix grammatica, Summa grammatica, Sachregister. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1983, ISBN 3-525-25320-6, S. 114 f. (digitale-sammlungen.de [abgerufen am 15. April 2019]).
  10. ↑ Martin Holtermann: Medio tutissimus ibis. Zur Didaktik der Diathesen im Griechischunterricht. In: Forum Classicum. Nr. 3, 2019, S. 180–192 (uni-heidelberg.de [abgerufen am 16. Dezember 2019]).