GULR/Einleitung/6
▷Wind stammt nicht ab von ventus, sondern ventus von Wind. Dies ist nämlich das Participium von wehn – wehend, zusammengezogen Wind. – Die lateinische Sprache hat kein Wort wehen.
Ordo – Ordinj – ōrdināre – Ordnung und ordnen stammen ab von dem in allen germanischen Dialecten befindlichen Wort Ort, und bezeichnen das Streben, jedem seinen Ort anzuweisen. Die Wurzel kennt also die lateinische Sprache nicht.
Fenestra, Fenster bedentet mi Latein und Deutschen amfangs nicht die Öffnung des Hauses, durch welche das Licht fällt, denn diese heisst Lucke, sondern den Laden, der verschliesst (daher anch Horat. 1,25: junctas quatiunt fenestras) und der, da man das Glas nicht kennt, verfinstert; es kommt also von finster, einem deutschen Worte.
Urbs (wahrscheinlich mit dem Digamma gesprochen) kommt von dem altdeutschen huuarban, hwarban Kero, im Kreise herumgehen, einen Kreis machen. Bei Erbauung einer Stadt[1] machte man nämlich mit dem Pfluge einen Kreis Teut. – warbes – urbes – urbs (daher auch orbis, wir haben noch Wirbel, Wirbelwind) wo ein Thor sein sollte, wurde der Pflug getragen – daher vom alten bürden (portāre) Bürde - porta - Pforte.
Vir, isländisch ver, teutonisch war, waer, stammt vom gothischen vair, Wehr, englisch war, der Krieg; es bedeutet also vir und ver, Wehrmann – Krieger.
Virtus, = vir – tut heisst daher Wehrthat, Kriegsthat, Tapferkeit. Noch haben wir Wehrwolf, welches einen in einen Wolfverwandelten Menschen bedeutet.
Cāpō, = cap-on, Kapaun, richtiger Kaphahn; zusammengesetzt aus Hahn und kappen. Kappa, schwed. – abschneiden; das Ankertau kappen. Nur aus dem Germanischen erklärt sich der Name.
Mulgēre, melken; von Milch, milchen – Milch geben – melken das Causat, die Milch abziehen. Den Lateinern fehlt der Stamm – Milch.
Andere Wörter stehen im Latein vereinzelt oder mur in wenigen Formen, während sie bei uns vollständig und in mancherlei Zusammensetzungen sich finden.
Herus, Herr, steht dort vereinzelt, bei uns Herrscher, Herrschaft, herrschen, herrlich etc. und hängt mit Ehrezusammen.
Libet, es (beliebet, libitum sind vereinzelte Formen, die deutsche Sprache hat lieben vollständig.
Praesāgīre – praesāgit mēns und sāgus – vorhersagen, Wahrsager, sehr alte lateinische Worte, die vereinzelt dastehen, während im deutschen sagen ein vollständiges verbum mit mancherlei Zusammensetzungen – ver – ent – vorsagen ist. Auch persisch heisst es sachun.
Mūscipula, Mäusefalle. Das Wort Falle hat in dieser Bedeutung die lateinische Sprache sonst nicht, auch sind ihr Zusammensetzungen dieser Art später fremd.
Esse – velle haben eine der lateinischen Sprache ganz ungewöhnliche Infinitivform, und deuten, da sie die ersten Begriffe des Menschen ausdrücken, auf ein hohes Alter. In vielen Gegenden Deutschlands hört man auch heute noch esse – wolle, statt essen und wollen. Auch die Dänen bilden den Infinitiv auf e.
Sum – sunt, sim bis sint stehen im Latein vereinzelt, während die deutsche Sprache, wenn auch nicht alle, doch bei weiter mehr Formen von dieser Stamme und den Infinitiv sein hat.
Je älter das Latein ist, desto näher ist es mit dem Deutschen verwandt. In der lex Numae findet sich das Wort loebesom. Sei quips homonem loebesom mortei duit[2] etc. So heisst es im Lied der arvalischen Brüder: Nere luervem, Marmar, sins incurrere in pleores.[3] Lasse, Mars, keine Pest – Verderben – auf unsre Fluren kommen. Man erklärte pleores bald durch plūrēs, bald durch flores, und doch passt hier keins, wohl aber das alte Flor oder Flur, Boden, Acker. Somner Dict. Anglos. und Stiler Thesaur. L. Germ. – Wir haben Stadtflur, Dorfllur, Flurschütz, Hausflur, was keinesweges vom latein. flores kommt.
Lingua und Zunge haben wenig Ähnlichkeit. Aber Marius Victorinus sagt: Antiquos dixisse dinguam pro lingua[4]. Des Ulphilas Tugga, das schwedische tunga, das angelsächsische tung haben also wit dem altlateinischen dingua die grösste Ähnlichkeit.
Mittō und līs scheinen keine Verwandschaft mit dem Deutschen zu haben; aber die ältern Formen waren smilto (noch in der Zusammensetzung cōsmittō) und stlīs = stlit (Fest. et Paul. stlitem antiqui pro litem dicebant[5]. Conr. Schneiders Grammat. I, 493) und zeigen die Verwandschaft mit schmeissen -– engl. to smite, schwed. smita – und Streit.
- ↑ •) "Cato in originibus. Qui urbem novam condit, tauro et racca aret: ubi araveris murum faciat: ubi portam vult esse aratrum sustollat et portet et portam vocet." (Cato in den Ursprüngen. Wer eine neue Stadt baut, pflügt einen Stier und einen Pflug. Wo er pflügt, baut er eine Mauer) Serv, ad Aen. Nach Festus hiess das Furcheziehen vom urvum aratri, dem Kümmel, urvare. Aber es stammt wold urvare wie urvum von hwarban ab.
- ↑ Er ist schnell dabei, einen ehrenwerten Mann zu töten
- ↑ Marmar, habe keine Angst davor, in die Menge zu stürzen. Enos, Lases, iuvate! Ne velue rue, Marmar, sins incurrere in pleores! Satur fu, fere Mars! limen sali! sta! berber! Semunis alternei advocapit conctos! Enos, Marmar, iuvato! Triumpe!
- ↑ Die Alten sagten, dass ich Dingo als Sprache verwenden würde
- ↑ Die Alten sagten dasselbe für einen Anzug