DG1G/Einleitung/08
▷Seitdem unter den Karolinger Einheit und Zusammenhang der innern deutschen Volksstämme sich festigten, konnte eine Wirkung dieser lebhafter als vorher gefühlten Gemeinschaft auch für unsre Sprache nicht ausbleiben. Im sechsten und siebenten Jh. muste die der Franken, Burgunden, Alamannen, Bajuwaren und Thüringer merkbar von einander abstehn; auch im achten und neunten Jh. lassen sich einzelne Unterschiede grammatisch erfassen, und doch, wer vermöchte die auf uns gekommnen einzelnen Denkmäler durchgreifend nach ihnen zu sondern? Man gewahrt bloß daß die alamannische Mundart zu überwiegen beginnt, die Bairische ihr sehr nahe tritt, wie schon die geschriebnen Volksrechte beider Stämme in vielen Bestimmungen zusammentreffen, kein burgundisches Stück läßt sich aufweisen, kaum ein thüringisches. Das schwierigste scheint zwischen alamannischer und fränkischer Sprache die Grenze zu finden. Wenn Alamannen (wie teilweise Burgunden) lange Jahrhunderte hindurch die Strecke des Oberrheins bis zum Main hinab besessen hatten; muß auch noch unter den Karolingen einer hälfte der Schweiz, dem Elsaß und einer Seite des nun bald so heißenden Lothringens alamannische Bevölkerung zustehn. Der Umfang Alamanniens war durch Siege der Franken geschmälert worden, und am Rhein, am Neckar bis gegen Thüringen hieß das Land nun Franken; doch welchen Begrif hatte uns altfränkische Sprache? Die Franken waren vom Niederrhein her durch Belgien und die Ardennen in Gallien eingedrungen, ihre älteste Spracheigenheit muß aus den zerrütteten malbergischen Glossen und aus Namen bei Schriftstellern des 6. 7. 8 Jh. geschöpft werden; diese dürftigen Behelfe reichen nicht zur Grammatik hin, zeigen aber schon in dem Lautelement merklichen Abstand von alamannischer Mundart. Entschieden fränkische Sprachdenkmäler sind uns misgönnt, aus der Zeit der Merowinger wie der Karolinger, und die von Karl dem Großen veranstaltete Sammlung vaterländischer Gedichte ist verloren. Aber die Macht der deutschen Zunge im fränkischen Reich scheint frühe schon aus dem innern Gallien nach Austrasien und dem Rheinland hin gewichen; Benennungen der Monate und Winde bei Einhart, der zu Straßburg geschworne Königseid nähern sich dem Alamannischen und nur die Übersetzung der Kapitularien in der Trierer hs. steht ihm etwas ferner. Herrschte nun in Sanktgallen, Konstanz, Sindleozesouwa (Reichenau), Straßburg unbezweifelt alamannische Sprache, so wird im vosagischen Gebiet bis nach Tull, den Rhein hinab bis nach Speier, Worms und Mainz, auf dem rechten Ufer bis gegen Fulda und Würzburg keine große Verschiedenheit von ihr stattgefunden haben. Otfried zu Weißenburg, hart ander damaligen Marke zwischen Alamannien und Franken, nennt seinen Dialekt selbst einen fränkischen, und bei ihm, noch mehr bei den Übersetzern Isidors und Tatians, deren Heimat wir nicht wissen, die ich aber nach Lothringen setzen möchte, zeigen sich Vermittlungen zwischen alamannischcr und sächsischer Sprache, doch mit dem Übergewicht jener. Das ließe sich Fränkisch nennen, nur in der Grammatik ebenso schwer getrennt behandeln als das Bairische neben dem Alamannischen. Bedarf es folglich, um diese drei Mundarten zusammenzufassen, einer allgemeinen Benennung, so war sie damals bestimmt im Gang, und kann keine andre sein als Deutsch, was, wie hernach ausgeführt werden soll, mit Fränkisch beinahe zusammenfiel.