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Gespräch:Übersetzung DK 22 B 41

aus AufEinWort, der freien Forschung

εἶναι γὰρ ἓν τὸ σοφόν, ἐπίστασθαι γνώμην, ὁτέη ἐκυβέρνησε πάντα διὰ πάντων.

einai gar hen to sophon epistasthai gnômên, hoteê ekubernêse panta dia pantôn.

Heraklit Fragment DK 22 B 41

Übersetzung DK 22 B 41

Nun habe ich folgenden Satz: εἶναι γὰρ ἓν τὸ σοφόν, ἐπίστασθαι γνώμην, ὁτέη ἐκυβέρνησε πάντα διὰ πάντων Was besagt der Satz wortwörtlich? Einsicht anstelle Verstehen für ἐπίστασθαι zu nehmen wäre zu sehr geglättet. Man muß die Wörter nehmen, die im Deutsch näher dran sind, also jene diie eine gemeinsame Wortwurzel im Indogermanischen haben bevorzugen.

Neuübersetzung

Ja: Für ἐπίστασθαι ist „sich verstehen auf“ besonders geeignet. Es ist nicht nur bedeutungsnah, sondern bewahrt auch die gemeinsame indogermanische Bildlichkeit des Stehens:

  • ἐπίσταμαι: ursprünglich etwa „darauf-/dabeistehen“, daraus „sich auf etwas verstehen, kundig sein“
  • deutsch verstehen: ebenfalls eine Bildung zu „stehen“

Wortweise

εἶναι γὰρ ἓν τὸ σοφόν, ἐπίστασθαι γνώμην, ὁτέη ἐκυβέρνησε πάντα διὰ πάντων

  • εἶναι – sein
  • γάρ – denn
  • ἕν – eines
  • τὸ σοφόν – das Klare, gemäß Ihrer Arbeitsübersetzung
  • ἐπίστασθαι – sich verstehen auf, kundig sein in
  • γνώμην – Kenntnis, Kennung, Erkennen; außerdem Bedacht, Urteil oder leitender Entschluss
  • ὁτέη – welche; ionische feminine Relativform, auf γνώμην bezogen
  • ἐκυβέρνησε – steuerte, lenkte; Aorist Aktiv
  • πάντα – alles
  • διὰ πάντων – durch alles, durch alle hindurch

Wortgetreu und schwach geglättet

Denn Eines ist das Klare: sich auf die Kenntnis zu verstehen, welche alles durch alles steuerte.

Noch stärker am griechischen Satzlauf:

Zu sein nämlich Eines das Klare: sich zu verstehen auf Kenntnis, welche alles durch alles steuerte.

Die erste Fassung ist im Deutschen noch lesbar, ohne den Satz weitgehend auszulegen.

Zu ἐπίστασθαι

Die Form ist der mediale Infinitiv von ἐπίσταμαι. Sie besteht historisch beziehungsweise synchron durchsichtig aus:

ἐπί – auf, bei, darüber ἵσταμαι – sich stellen, stehen

Die zugrunde liegende Vorstellung ist:

bei oder über einer Sache feststehen

→ mit ihr vertraut sein

→ sich auf sie verstehen

→ sie wissen oder können

Darum ist „sich verstehen auf“ hier erheblich näher als:

  • „Einsicht haben“,
  • „erkennen“,
  • „wissen“.

„Sich verstehen auf“ bewahrt sowohl die Bauart als auch den archaischen Gebrauch: jemand steht bei einer Sache so, dass er mit ihr umzugehen weiß. In den älteren Belegen kann ἐπίσταμαι sowohl „wissen“ als auch „etwas zu tun verstehen“ und „kundig sein“ bedeuten. (Lsj)

Zu γνώμη

Hier liegt die eigentliche Schwierigkeit. γνώμη gehört zu γιγνώσκω, „erkennen, kennenlernen, unterscheiden“, und damit zum indogermanischen Wurzelfeld ǵneh₃- „kennen“. Dazu gehören auch deutsche Wörter wie:

  • kennen
  • Kenntnis
  • historisch auch das Feld von kund

Wurzelnah wäre daher:

Kenntnis

Doch γνώμη ist nicht bloß ein gespeichertes Wissen. Es kann auch dasjenige bezeichnen, wodurch jemand etwas erkennt und entscheidet:

  • Kennen oder Kenntnis,
  • Urteil,
  • Bedacht,
  • Ansicht,
  • Absicht,
  • Beschluss,
  • leitender Gedanke.

Im Zusammenhang mit κυβερνᾶν, „steuern“, erscheint γνώμη beinahe selbst als das steuernde Kennen beziehungsweise der steuernde Bedacht.

Darum wären denkbar:

Kenntnis – wurzelnah und offen

Bedacht – stärker auf das lenkende Überlegen gerichtet

Kennung – künstlicher, aber vorgangsnäher

Kundigkeit – passt semantisch, überschneidet sich jedoch mit ἐπίστασθαι

Ich würde vorläufig Kenntnis wählen, weil damit die indogermanische Verwandtschaft zu kennen hörbar bleibt und die späteren Begriffe „Vernunft“, „Weltplan“ oder „Weltgeist“ vermieden werden.

Zu ὁτέη ἐκυβέρνησε

ὁτέη ist feminin und bezieht sich daher grammatisch unmittelbar auf γνώμην:

die Kenntnis, welche steuerte

Die Kenntnis ist im Satz also nicht nur Gegenstand menschlichen Sich-Verstehens. Sie erscheint selbst als diejenige, die:

alles durch alles steuerte

ἐκυβέρνησε ist Aorist. Wortgetreu steht daher „steuerte“, nicht „steuert“. Man kann diskutieren, ob der Aorist hier eine zeitlich vergangene einmalige Handlung oder eine zusammenfassend gesehene Steuerung bezeichnet. Die Übersetzung sollte diese Frage zunächst nicht durch ein Präsens beseitigen. Der überlieferte Text verwendet genau diese aktive Form. (heraclitusfragments.com)

Zu πάντα διὰ πάντων

Ganz wörtlich:

alles durch alles

Dabei ist:

  • πάντα das Gesteuerte;
  • διὰ πάντων dasjenige, durch welches hindurch gesteuert wird.

Man sollte es nicht vorschnell umformen zu:

  • „das Weltall nach einem Gesetz“,
  • „alle Dinge durchdringend“,
  • „das Universum vernünftig regierend“.

Heraklit sagt in dieser Überlieferung konkreter und zugleich rätselhafter:

alles durch alles steuern

Die Bewegung ist nicht nur von außen auf alle Dinge gerichtet. Das Steuern vollzieht sich durch alle hindurch. κυβερνάω besitzt zunächst das Bild des Steuermanns, der ein Schiff lenkt, und wird dann auf Leitung und Führung übertragen. (Lsj)

Vorläufige Endfassung

Denn Eines ist das Klare: sich auf die Kenntnis zu verstehen, welche alles durch alles steuerte.

Die begriffliche Struktur wäre:

Das Klare ist eines:

sich auf jene Kenntnis zu verstehen,

die alles durch alles steuerte.

Dabei ist „Kenntnis“ noch zu prüfen: Je nachdem, wie γνώμη in Heraklits übrigen Fragmenten gebraucht wird, könnte „Bedacht“ die steuernde Tätigkeit besser tragen. Die wortwurzelnahe Ausgangsübersetzung bleibt jedoch Kenntnis.

Gnomon

Intuitiv sehe ich da eher den Gnomon im Spiel und daß man sich diesen aufstellt um zu erkennen und zu verstehen.

Wie stehen gnṓmēn und  gnṓmōn zueinander?

gnṓmē und gnṓmōn

γνώμη (gnṓmē) und γνώμων (gnṓmōn) gehören eng zusammen. Beide sind Bildungen aus dem Stamm:

γνω- – erkennen, kennenlernen, unterscheiden

Dieser gehört zu γιγνώσκω und zur indogermanischen Wurzel ǵneh₃-, zu der auch deutsch kennen gehört. (Logeion)

1. Der Unterschied der Wortbildungen

γνώμη

Morphologisch:

γνω- + -μη

Die Endung -μη bildet hier ein Tätigkeits-, Ergebnis- oder Zustandswort. γνώμη ist somit zunächst ungefähr:

das Erkennen,

das Erkannte,

das, wodurch erkannt wird.

Daraus entwickelten sich die belegten Bedeutungen:

  • Erkennungszeichen;
  • Erkenntnis- oder Unterscheidungsvermögen;
  • Kenntnis;
  • Urteil;
  • Meinung;
  • Entschluss;
  • Absicht;
  • leitender Bedacht.

LSJ setzt tatsächlich mit „Mittel des Erkennens“, „Zeichen“ oder „Merkmal“ ein und führt anschließend das Erkenntnisorgan beziehungsweise Urteil und Absicht an. (Logeion)

γνώμων

Morphologisch:

γνω- + -μων

Das Suffix -μων bildet häufig einen Träger oder Vollzieher einer Tätigkeit. γνώμων ist daher zunächst:

der Erkennende,

der Unterscheidende,

der Prüfende oder Beurteilende.

Seine frühen Bedeutungen umfassen:

  • Kenner;
  • Prüfer;
  • Deuter;
  • Beurteiler;
  • etwas, das erkennen lässt;
  • Anzeiger oder Richtmaß.

Erst daraus wird γνώμων auch ein sachliches Instrument:

  • Richtscheit beziehungsweise Winkelmaß;
  • Zeiger;
  • Schattenwerfer einer Sonnenuhr.

Das Instrument heißt also γνώμων, weil es etwas kenntlich macht, anzeigt oder bestimmen lässt. (Logeion)

2. Ihr Zusammenhang

Man kann das Verhältnis so fassen:

γνώμη ist das Erkennen, Erkannte oder bestimmende Urteil. γνώμων ist der Erkennende oder dasjenige, das erkennen lässt.

Oder noch knapper:

γνώμη – Kennung beziehungsweise Beurteilung γνώμων – Kenner beziehungsweise Kennzeiger

Der Sonnenuhrstab ist demnach nicht der Ursprung von γνώμη. Beide Wörter entspringen vielmehr demselben Erkenntnisstamm; γνώμων wurde dann auf ein aufgestelltes Gerät übertragen, das durch seinen Schatten Zeit oder Richtung kenntlich macht.

3. Ihre Vorstellung des Aufstellens

Ihre Intuition trifft dennoch eine reale alte Bildschicht:

Man stellt den γνώμων auf, und durch seine Lage beziehungsweise seinen Schatten wird etwas erkennbar.

Aber das Aufstellen steckt nicht etymologisch in γνω-. Es gehört zur praktischen Verwendung des Gegenstandes. Der Name bezeichnet seine Erkenntnisfunktion:

Er ist das Erkennenlassende.

Der Gnomon „erkennt“ nicht im modernen subjektiven Sinne. Er:

  • zeigt an;
  • unterscheidet;
  • macht ein Verhältnis sichtbar;
  • gibt ein Maß;
  • ermöglicht ein Urteil.

Damit liegt er semantisch tatsächlich nahe an dem, was γνώμη in B 41 leisten könnte.

4. Bedeutung für Heraklits Satz

ἐπίστασθαι γνώμην, ὁτέη ἐκυβέρνησε πάντα διὰ πάντων

Wenn γνώμη lediglich „Kenntnis“ hieße, wäre bemerkenswert, dass diese Kenntnis selbst alles durch alles steuerte. Das Wort dürfte deshalb hier nicht bloß passives Wissen meinen.

Im Licht von γνώμων könnte man γνώμη als das verstehen, was:

  • unterscheidet;
  • bestimmt;
  • Richtung gibt;
  • Maßverhältnisse kenntlich macht;
  • dadurch das Ganze steuert.

Damit nähert sich γνώμη hier Ausdrücken wie:

Bedacht,

Bestimmung,

Richtkenntnis,

Kennmaß,

lenkendes Erkennen.

„Gnomon“ selbst darf man jedoch nicht einsetzen, denn Heraklit schreibt ausdrücklich γνώμην, nicht γνώμονα.

5. Eine wurzelnahe deutsche Möglichkeit

Da Sie gemeinsame indogermanische Wurzeln bevorzugen, ist „Kennung“ besonders erwägenswert:

sich auf die Kennung verstehen, welche alles durch alles steuerte

„Kennung“ kann bedeuten:

  • das Kennen und Erkennen;
  • das unterscheidende Merkmal;
  • eine Bestimmung, durch die etwas kenntlich wird.

Es bewahrt damit mehr von der Doppelheit der γνώμη als „Kenntnis“:

sowohl das Erkennen als auch das Bestimmende oder Kennzeichnende.

Allerdings klingt „Kennung“ im heutigen Deutsch technisch. Ein älteres und natürlicheres Wort wäre Bedacht, doch dieses verliert die gemeinsame Wurzel mit kennen.

Ergebnis

Das Verhältnis lautet:

γνώμη = die Kennung, das Erkennen oder das daraus hervorgehende Urteil und Vorhaben γνώμων = der Kenner, Prüfer oder Anzeiger, der etwas kenntlich und bestimmbar macht

Ihre Gnomon-Intuition ist daher semantisch aufschlussreich, sofern sie nicht umgekehrt wird: Nicht γνώμη stammt vom aufgestellten Sonnenuhrzeiger, sondern der γνώμων heißt so, weil er dieselbe erkennende, unterscheidende und bestimmende Funktion verkörpert.

Für B 41 käme daher vorläufig in Betracht:

Denn Eines ist das Klare: sich auf die Kennung zu verstehen, welche alles durch alles steuerte.

Dabei wäre Kennung nicht „Information“, sondern das unterscheidende und richtunggebende Erkennen, dessen gegenständliches Sinnbild ein γνώμων sein kann.

Weitere Übersetzungen

Ja, so sehe ich das auch.

Weitere Übersetzungen lauten wir folgt:

A)  In Einem besteht die Weisheit, die Vernunft zu erkennen, als welche alles und jedes zu lenken weiß.

B) Es gebe nur Eines, das weise sei: die Einsicht zu verstehen, nach der Alles durch Alles gelenkt werde

Mit diesen Übersetzungen kann ich nichts anfangen, haben keinen möglichen Nutzen.

Analyse der Übersetzungen

Ja. Beide Fassungen sind so stark auslegend, glättend und modernisierend, dass der heraklitische Satz kaum noch prüfbar bleibt.

A) „In Einem besteht die Weisheit, die Vernunft zu erkennen, als welche alles und jedes zu lenken weiß.“

Hier werden mehrere Dinge hinzugefügt oder verschoben:

  • ἓν τὸ σοφόν wird zu „In Einem besteht die Weisheit“. Das macht aus dem knappen „Eines, das Weise“ eine abstrakte Wesensaussage.
  • γνώμη wird zu „Vernunft“. Das ist eine erhebliche begriffliche Modernisierung.
  • ἐπίστασθαι wird zu „erkennen“, obwohl es eher „sich auf etwas verstehen“ oder „kundig sein“ trägt.
  • ἐκυβέρνησε wird zu „zu lenken weiß“. Der Aorist „steuerte“ wird in ein zeitloses Vermögen verwandelt.
  • πάντα διὰ πάντων wird zu „alles und jedes“. Das διά – „durch“ – verschwindet vollständig.

Die Übersetzung ersetzt also den Satz durch eine philosophische Lehrformel.

B) „Es gebe nur Eines, das weise sei: die Einsicht zu verstehen, nach der Alles durch Alles gelenkt werde.“

Auch hier wird stark eingegriffen:

  • εἶναι wird zu „es gebe“ und damit beinahe optativisch oder hypothetisch.
  • τὸ σοφόν wird zu „das weise sei“, wodurch die substantivierte Form verloren geht.
  • γνώμη wird zu „Einsicht“, obwohl das bereits eine bestimmte Erkenntnistheorie voraussetzt.
  • ὁτέη wird mit „nach der“ wiedergegeben. Das macht aus der γνώμη ein Gesetz oder Muster, nach welchem gelenkt wird.
  • ἐκυβέρνησε wird zu „gelenkt werde“: Aktiv wird Passiv, Aorist wird Präsens beziehungsweise zeitlose Aussage.
  • Das steuernde Subjekt verschwindet.

Gerade der griechische Satz sagt aber:

Die γνώμη selbst steuerte.

Nicht:

Alles wurde nach einer Einsicht gelenkt.

Das ist ein erheblicher Unterschied.

Weshalb solche Übersetzungen wenig Nutzen haben

Sie können als philosophische Paraphrasen brauchbar sein, aber nicht als Grundlage zur Untersuchung Heraklits. Sie verdecken gerade die Stellen, die geklärt werden müssten:

  • Was bedeutet σοφόν?
  • Was leistet ἐπίστασθαι?
  • Was ist γνώμη?
  • Weshalb steht ἐκυβέρνησε im Aktiv und Aorist?
  • Was bedeutet διὰ πάντων?

Eine Übersetzung sollte diese Fragen zunächst offenhalten, nicht beantworten, indem sie neue Begriffe einsetzt.

Darum ist Ihre Arbeitsfassung methodisch überlegen:

Denn Eines ist das Klare: sich auf das Kennen zu verstehen, welches alles durch alles steuerte.

Sie ist hart und ungewohnt, aber gerade dadurch bleibt Heraklits Satz sichtbar. Erst anschließend kann man untersuchen, was dieses „Kennen“ ist und wie es „alles durch alles“ steuert.

Das Eine

So wirkt der Satz auf mich. Das klare (ungetrübte deutliche) Kennen erwirkt in einem Weisheit.

Das Eine am Anfang des Satzes bezieht sich für mich auch auf das Kennen des Steuern in seiner Einheit als Ganzes.

Die Bedeutung von ἓν

Ja, als Deutung ist das in sich stimmig:

Das klare, ungetrübte Kennen erwirkt in einem Weisheit.

Dabei liest du ἓν nicht bloß als Zahlwort „eins“, sondern als Hinweis auf die Einheit des steuernden Kennens: Das Kennen erfasst nicht vereinzelte Vorgänge, sondern alles durch alles in einem zusammenhängenden Ganzen. Dann wäre der Gedankengang ungefähr:

Weise ist nicht, vielerlei Einzelnes zu wissen, sondern sich auf jenes eine Kennen zu verstehen, das alles im Zusammenhang durch alles steuerte.

Das passt gut zu Heraklits Gegensatz zwischen Vielwisserei und einheitlichem Erfassen. Grammatisch sollte man dennoch festhalten: ἕν gehört unmittelbar zu τὸ σοφόν:

ἓν τὸ σοφόν „Eines ist das Klare/Weise.“

Die Beziehung des „Einen“ auf das steuernde Kennen entsteht erst durch den folgenden Infinitiv:

ἐπίστασθαι γνώμην … „sich auf das Kennen zu verstehen …“

Man kann daher sagen:

Das Eine wird inhaltlich durch das folgende Kennen bestimmt.

Nicht mehrere Weisen oder Kenntnisse sind das Klare, sondern dies eine: jenes Kennen zu erfassen, das alles als durchgängige Einheit steuerte. Eine vorsichtige deutende Fassung wäre:

Denn Eines ist das Klare: das Kennen des Steuerns als eines Ganzen zu verstehen, welches alles durch alles steuerte.

Dabei ist allerdings „des Steuerns als eines Ganzen“ bereits deine Auslegung. Wortnäher bleibt:

Denn Eines ist das Klare: sich auf das Kennen zu verstehen, welches alles durch alles steuerte.

Die daraus erschlossene Deutung lautet dann:

Das klare Kennen des Ganzen erwirkt Weisheit in der Einheit.

die Aussage heraklitisch als einen Bogen nehmen

Was ἓν betrifft hast du recht und dies ist mir bewußt. Ich sehe den Satz als eine Einheit. Wenn man die Aussage heraklitisch als einen Bogen nimmt. dann ist die Sehne das eine Klare/Weise und das Holz das Steuern und Kennen und verstehen dessen Bindung aneinander.

Das ist ein sehr heraklitisches Bild.

Der Satz läßt sich tatsächlich als gespannte Einheit lesen, nicht als bloße Abfolge einzelner Begriffe. Dann wäre:

ἓν τὸ σοφόν die gespannte Sehne — das Eine, das Klare/Weise;

und:

ἐπίστασθαι γνώμην … ἐκυβέρνησε πάντα διὰ πάντων das Holz des Bogens — Kennen, Sich-darauf-Verstehen und das Steuern von allem durch alles.

Die Aussage entsteht dann gerade aus der Bindung beider Seiten:

Das Eine ist nicht vom Kennen getrennt, und das Kennen ist nicht vom Steuern getrennt.

So wie beim Bogen Sehne und Holz verschieden bleiben und doch nur in ihrer Spannung den Bogen bilden, bleiben auch:

  • das Eine,
  • das Klare/Weise,
  • das Kennen,
  • das Sich-darauf-Verstehen,
  • das Steuern

unterschieden und bilden dennoch eine einzige Aussagebewegung.

Dann könnte man den Satz deutend so fassen:

Eines ist das Klare: sich auf jenes Kennen zu verstehen, das alles durch alles steuerte.

Und die heraklitische Tiefenstruktur wäre:

Weisheit entsteht nicht aus einem isolierten Begriff, sondern aus der gespannten Einheit von Kennen, Verstehen und Steuern.

Ihr Bogenbild ist dabei besonders passend, weil Heraklit selbst gerade solche Einheiten liebt, in denen Gegensätzliches nicht aufgehoben, sondern durch Spannung zusammengehalten wird.

Was war es einst, daß Alles durch Alles steuerte?

Das Bild ist so gut, wie es weitere Fragen beantwortet oder aufwirft.

Mann soll kennen was Alles durch Alles steuerte deutet darauf hin, daß es nicht mehr alles durch alles gesteuert wird.

Was war es einst, daß Alles durch Alles steuerte?

Was war das Steuernde

Ihre Frage entsteht unmittelbar aus dem Aorist ἐκυβέρνησε:

Was war jenes Kennen, das alles durch alles steuerte?

Die knappste Antwort aus dem Satz selbst lautet:

Es war die γνώμη – das Kennen –, die alles durch alles steuerte.

Denn ὁτέη ist feminin und bezieht sich auf γνώμην. Grammatisch ist weder τὸ σοφόν noch ἕν das Subjekt von ἐκυβέρνησε, sondern die γνώμη.

Doch daraus folgt noch nicht sicher, dass diese Steuerung aufgehört hat.

1. Bedeutet der Aorist: „Es steuerte einst, heute aber nicht mehr“?

Nicht notwendig. Der griechische Aorist stellt einen Vorgang gewöhnlich als Ganzes hin. Er kann eine vergangene Handlung bezeichnen, aber auch einen umfassenden Vollzug zusammenfassend erfassen. Das Fragment sagt daher zunächst:

Das Kennen vollzog die Steuerung des Alls als Ganzes.

Nicht ausdrücklich:

Früher steuerte es, jetzt steuert es nicht mehr.

Gerade bei einer Aussage über die Entstehung oder Einrichtung der gegenwärtigen Ordnung könnte ἐκυβέρνησεbedeuten:

Es brachte alles durch alles hindurch in seine gelenkte Fügung.

Die überlieferte Form lautet tatsächlich ἐκυβέρνησε, doch die Textüberlieferung von B 41 ist nicht völlig spannungsfrei; deshalb sollte eine weitreichende Lehre vom Ende der Steuerung nicht allein auf das Tempus gebaut werden. (heraclitusfragments.com)

2. Was könnte γνώμη hier sachlich sein?

Nach dem Satz ist sie kein bloßes Wissen über das Ganze. Sie ist tätig:

Das Kennen steuerte.

Damit erscheint γνώμη als ein Kennen, das zugleich:

  • unterscheidet,
  • Richtung kennt,
  • die Teile aufeinander bezieht,
  • durch alle hindurch den Gesamtgang hält.

Ihr Gnomon-Gedanke ist hier hilfreich: Ein γνώμων zeigt nicht nur etwas an, sondern macht durch Schatten, Richtung und Verhältnis eine Ordnung erkennbar. Entsprechend könnte γνώμη in B 41 ein richtendes Kennen sein — kein moderner „Geist“, sondern das Kennen, durch das jedes im Verhältnis zu allem seinen Weg erhält.

Ich würde es so fassen:

Was alles durch alles steuerte, war das eine richtende Kennen des Zusammenhangs.

„Zusammenhang“ ist dabei bereits Erläuterung, nicht Übersetzung.

3. Ist dieses Kennen mit dem Logos gleichzusetzen?

Nicht unmittelbar. In B 41 steht kein λόγος. Eine Gleichung

γνώμη = λόγος

wäre erst aus mehreren Fragmenten zu erschließen.

B 50 fordert, nicht Heraklit, sondern der Darlegung zuzuhören und übereinzukommen, dass alles eins ist. B 41 bezeichnet dagegen das Kennen, das alles durch alles steuerte. Beide Aussagen können auf denselben Gesamtzusammenhang weisen, erfüllen sprachlich aber verschiedene Aufgaben:

  • λόγος: Darlegung oder zusammennehmbarer Zusammenhang;
  • γνώμη: das unterscheidende, richtende Kennen;
  • κυβερνᾶν: dessen steuernder Vollzug.

Die Wörter sollten zunächst getrennt bleiben.

4. Heraklits anderes Bild des Steuernden

B 64 lautet:

τὰ δὲ πάντα οἰακίζει κεραυνός

Wortnah:

Alles aber rudert/steuert der Blitz.

οἰακίζειν gehört zum οἴαξ, dem Steuergriff beziehungsweise Ruder des Steuermanns. Auch dort erscheint eine einzelne Kraft, die „alles“ steuert. Der Blitz kann als plötzlich sichtbares Feuer den Zusammenhang mit Heraklits Feuerdenken eröffnen; doch B 64 nennt ausdrücklich κεραυνός, nicht γνώμη. (loebclassics.com) Man könnte beide Fragmente vorsichtig nebeneinanderstellen:

B 41: Das Kennen steuerte alles durch alles. B 64: Der Blitz steuert alles.

Daraus ergibt sich eine mögliche, aber nicht beweisbare Verbindung:

Der Blitz wäre die sichtbare Erscheinung des Steuerungsvollzugs; die γνώμη wäre dessen Kennen oder Richtbestimmung.

Das ist eine Interpretation, keine wörtliche Gleichsetzung.

5. Ihre Frage möglicherweise noch tiefer verstanden

Sie fragen nicht nur nach dem grammatischen Subjekt, sondern:

Welche ursprüngliche Ganzheit konnte alles durch alles steuern, bevor das menschliche Kennen sich davon löste?

Dann könnte Heraklits Aussage heißen:

Einst war alles nicht als vereinzeltes Vieles aufgefasst, sondern wurde durch ein einziges Kennen in seinem gegenseitigen Durchgang gesteuert. Weise ist, sich auf dieses Kennen wieder zu verstehen.

Der Aorist erhielte dann tatsächlich eine Spannung:

  • Die Steuerung hat die bestehende Weltfügung hervorgebracht.
  • Den Menschen ist das Kennen dieser Fügung nicht ohne Weiteres gegenwärtig.
  • Sie sollen sich darauf verstehen, obwohl sie in ihrer gewöhnlichen Haltung davon getrennt erscheinen.

Aber auch dann muss nicht die kosmische Steuerung aufgehört haben. Aufgehört oder verloren gegangen könnte vielmehr die menschliche Teilnahme beziehungsweise das menschliche Verstehen sein.

Das würde gut zu Heraklits wiederkehrendem Vorwurf passen, Menschen hörten und begriffen den gemeinsamen Zusammenhang nicht, obwohl sie ihm ständig begegnen. B 1 und B 50 stellen gerade diese Spannung zwischen einem bestehenden gemeinsamen Zusammenhang und menschlichem Nichtverstehen heraus. (Wikisource)

Ergebnis

Auf Ihre Frage:

Was war es einst, das alles durch alles steuerte?

antwortet der Wortlaut:

die γνώμη – das Kennen.

Als behutsame Deutung:

jenes eine, richtende Kennen, das jedes durch jedes hindurch im Ganzen führte.

Der Aorist muss nicht besagen, dass dieses Steuern endete. Wahrscheinlicher ist zunächst:

Die Steuerung wird als vollzogener Gesamtvorgang hingestellt; verloren ist möglicherweise nicht die Steuerung, sondern das menschliche Sich-darauf-Verstehen.

Gut, das lassen wir nun so.

Wir wissen nichteinmal mit Gewißheit, daß es ureigene Aussagen des Herakeles sind. Zudem soll ein gewisser Hippolytos den Fragmenten zumindest in einem Fall einen Anfang hinzugefügt haben. Welcher Hippolytos war dies?

Gemeint ist Hippolytos von Rom

, ein christlicher Autor des frühen 3. Jahrhunderts, dem gewöhnlich die Schrift Refutatio omnium haeresium – „Widerlegung aller Häresien“, auch Philosophumena genannt – zugeschrieben wird. Er lebte zur Zeit der römischen Bischöfe Zephyrinus und Kallistus; die Schrift entstand wohl zwischen etwa 222 und 235 n. Chr. Die Zuschreibung an Hippolytos von Rom ist verbreitet, aber nicht völlig unumstritten. (Wikipedia)

Für Heraklit ist diese Schrift besonders wichtig, weil Hippolytos in Buch IX eine ganze Gruppe von Aussprüchen überliefert, darunter die DK-Fragmente B 50 bis B 67. Er zitiert sie allerdings nicht aus rein antiquarischem Interesse, sondern um eine christliche Häresie, besonders die Lehre des Noëtos, als angeblich heraklitisch zu kennzeichnen. Sein Deutungsrahmen kann daher Auswahl, Verbindung und Einleitung der Zitate beeinflusst haben. (PhilArchive)

Mit dem „hinzugefügten Anfang“ könnte die textkritische Diskussion um B 2 beziehungsweise den Anschluss an B 1gemeint sein. In Hippolytos’ Überlieferung steht zu Beginn eine Variante mit τοῦ δὲ, wobei diskutiert wird, ob das δέ von Hippolytos als verbindendes Wort hinzugefügt wurde oder bereits bei Heraklit stand. Mehrere Herausgeber behalten es gerade deshalb bei, weil es in Hippolytos’ eigenem Satz keinen klaren Zweck erfüllt und somit durchaus aus seiner Vorlage stammen könnte. Sicher beweisen lässt sich weder die Hinzufügung noch die Ursprünglichkeit. (ResearchGate)

Daher wäre genau zu formulieren:

Hippolytos von Rom beziehungsweise der unbekannte Autor der ihm zugeschriebenen Refutatio ist der betreffende Gewährsmann.

Und nicht:

Hippolytos habe nachweislich Heraklits Satz verändert.

Wir besitzen bei solchen Stellen vielmehr einen Verdacht oder eine textkritische Möglichkeit, weil zwischen Heraklit und Hippolytos etwa sieben Jahrhunderte liegen und Hippolytos die Worte in seine eigene Widerlegung einbettet.

Aussagen von Klaus Held in seinem Buch zu Herakli

Danke für den Hinweis, Nun prüfen wir die Aussagen von Klaus Held in seinem Buch zu Heraklit.

Dort gibt er folgende Übersetzung für DK 22 B 41:

"Eines ist das Weise; sich auf die Erkenntnis verstehen, wie alles durch alles hindurch gesteuert wird."

Folgende Aussagen dazu:

A) Es ist vorauszuschicken, daß das erste Wort des Nebensatzes und sein Prädikat auf jeden Fall korrupt überliefert sind.

B) Für die Beurteilung der verschiedenen Heilungsversuche sei auf Kirk verwiesen[1].

C) Hier sei nur darauf aufmerksam gemacht, daß sich zwei Gruppen solcher Versuche unterscheiden lassen.

D) Entweder man gibt dem Verb die Form 3. Sgl. act. und übernimmt das in zwei Handschriften überlieferte ὁτέη, wodurch der Nebensatz zu einem Relativsatz folgenden Inhalts wird: (die Erkenntnis), die alles durch alles hindurch steuert, oder man wählt, wie in der oben angeführten "Übersetzung, für das Verb eine Passivform[3] und führt das einleitende Wort auf ein indirektes Fragepronomen zurück.

E) Im ersten Fall ist γνώμην äußeres Objekt zu έπίστασθαι; γνώμη erscheint dann als ein Titel für die weltlenkende Macht selbst.

F) Im zweiten Fall ist γνώμην inneres Objekt[5]; γνώμην έπίστασθαι besagt dann ungefähr so viel wie: „die Erkenntnis erkennen".

G) Die erste Möglichkeit scheidet nicht nur deswegen aus, weil ὁτέη auf keinen Fall zu halten ist, sondern vor allem deshalb, weil „die Gnome" als Titel für ein Prinzip der Weldenkung ganz und gar unheraklitisch und viel eher stoisch klingt und außerdem der Gebrauch eines solchen Wortes in der frühen griechischen Literatur die Nennung des Trägers der damit bezeichneten Fähigkeit verlangen würde.

H) Abgesehen davon sprechen die Stellen bei Plutarch und im Zeushymnus des Kleanthes, die offenbar ein Echo auf den vorliegenden Heraklit-Spruch darstellen, dafür, daß die Verfasser bei Heraklit am Anfang des Nebensatzes ein „Wie" gelesen haben (Plutarch: ὅπως[6] , Kleanthes: γνώμης ᾖ … πάντα κυβερνᾷς[7]).

Überprüfe bitte die Aussagen A-H und teile mir mit, inwieweit diese tatsächlich zutreffen oder gültig sind.

Ihre Skepsis ist berechtigt

. Held bietet hier eine vertretbare textkritische Entscheidung, stellt einige ihrer Voraussetzungen aber stärker als gesichert dar, als die Überlieferung erlaubt.

Der bei Diogenes Laertios überlieferte Text ist tatsächlich unsicher. Seine Handschriften bieten im fraglichen Abschnitt stark auseinandergehende Formen; moderne Herausgeber haben deshalb sehr verschiedene Rekonstruktionen vorgeschlagen. Held selbst verzeichnet unter anderem Diels’ ὁτέη ἐκυβέρνησε, Snells ὁτέη κυβερνᾷ, Deichgräbers ἥτις ἐκυβέρνησε sowie Kirks ὅκη κυβερνᾶται und räumt ein, dass auch seine bevorzugte Fassung paläographisch schwach abgesichert ist. (dokumen.pub)

A) „Das erste Wort des Nebensatzes und sein Prädikat sind auf jeden Fall korrupt überliefert.“

Im Wesentlichen richtig, aber zu kategorisch formuliert.

Die handschriftliche Überlieferung ist an dieser Stelle erkennbar gestört oder wenigstens stark schwankend. Die Varianten betreffen sowohl das einleitende Pronomen beziehungsweise Adverb als auch die Verbform. Das rechtfertigt die Feststellung, dass wir Heraklits Wortlaut hier nicht sicher besitzen. (dokumen.pub)

Nicht gerechtfertigt ist jedoch die Folgerung:

Deshalb könne eine bestimmte überlieferungsnahe Lesung „auf keinen Fall“ ursprünglich sein.

Ein korrupter oder schwankender Überlieferungszustand bedeutet, dass eine Rekonstruktion nötig oder zumindest wahrscheinlich ist; er beweist nicht, dass jedes einzelne überlieferte Element unecht sein muss.

Urteil: weitgehend gültig, mit übertriebener Gewissheit.

B) „Für die Beurteilung der Heilungsversuche sei auf Kirk verwiesen.“

Das ist bibliographisch legitim. Kirk hat die Stelle ausführlich behandelt und die Rekonstruktion

ὅκη κυβερνᾶται πάντα διὰ πάντων

bevorzugt:

„wie alles durch alles gesteuert wird“.

Diese sogenannte Kirk-Lesart wird auch in späterer Fachliteratur ausdrücklich als solche angeführt. (Universität Kassel)

Sie ist aber nicht das abschließende Ergebnis der Textkritik, sondern einer von mehreren Heilungsversuchen. Held selbst vermerkt, dass ὅκη und κυβερνᾶται paläographisch auf schwachen Füßen stehen. (dokumen.pub)

Urteil: als Literaturhinweis gültig; als Berufung auf eine entscheidende Autorität nicht ausreichend.

C) „Es lassen sich zwei Gruppen der Heilungsversuche unterscheiden.“

Als grobe Ordnung ist das richtig:

  1. Relativsatz mit aktivem Verb „das Kennen/die γνώμη, welche alles durch alles steuerte“
  2. indirekter Fragesatz mit passivem Verb „erkennen/verstehen, wie alles durch alles gesteuert wird“

Diese beiden Gruppen betreffen die wichtigste syntaktische Alternative.

Sie erfassen aber nicht sämtliche möglichen Rekonstruktionen. Es gibt Konjekturen mit anderer Zeichensetzung, anderen Pronomen, Infinitivformen oder veränderter Zuordnung von γνώμην. Neuere Rekonstruktionen gehen teilweise weit über Helds Zweiteilung hinaus. Die Variantenübersicht zeigt beispielsweise Formen wie ἥτις, ὅκη, ὁτέη, aktive und passive Verben sowie andere syntaktische Neuordnungen. (dokumen.pub)

Urteil: als übersichtliche Typologie brauchbar, aber nicht erschöpfend.


D) Darstellung der beiden Möglichkeiten

Erste Möglichkeit

γνώμην, ὁτέη ἐκυβέρνησε πάντα διὰ πάντων

Dann bezieht sich das feminine Relativwort auf γνώμην:

„das Kennen, welches alles durch alles steuerte“.

ἐκυβέρνησε ist dabei 3. Person Singular Aorist Aktiv. Das ist grammatisch klar, sofern man ὁτέη als relatives Femininum akzeptiert.

Zweite Möglichkeit

γνώμην, ὅκη κυβερνᾶται πάντα διὰ πάντων

Dann ist ὅκη ungefähr „wie“ und κυβερνᾶται Präsens Passiv:

„wie alles durch alles gesteuert wird“.

Auch diese Konstruktion ist grammatisch möglich, beruht aber auf zwei Eingriffen beziehungsweise Entscheidungen:

  • ὁτέη → ὅκη
  • ἐκυβέρνησε → κυβερνᾶται

Helds eigene Apparatsnotiz bestätigt, dass Kirks Lösung zwar einleuchtend wirken kann, aber paläographisch schwach gestützt ist. (dokumen.pub)

Urteil: Die Darstellung der beiden Konstruktionen ist grundsätzlich richtig; Helds Übersetzung setzt jedoch eine nicht gesicherte Konjektur voraus.

E) „Im ersten Fall ist γνώμην äußeres Objekt; γνώμη erscheint als Titel der weltlenkenden Macht.“

Der erste Teil ist grammatisch plausibel:

ἐπίστασθαι γνώμην „sich auf das Kennen verstehen / das Kennen kennen“

γνώμην ist dann Akkusativobjekt von ἐπίστασθαι, und der Relativsatz beschreibt diese γνώμη näher. Der zweite Teil ist jedoch bereits Interpretation:

„Titel für die weltlenkende Macht“

Der Satz verlangt nur:

Die γνώμη steuerte alles durch alles.

Daraus folgt noch nicht, dass Γνώμη ein quasi göttlicher Eigenname, kosmologischer Titel oder selbstständiges Weltprinzip sein muss. Es könnte ebenso eine Tätigkeit, Fähigkeit, Ausrichtung, Kenntnis oder ein richtendes Kennen bezeichnen, das einem Träger zukommt. Held macht aus der grammatischen Subjektfunktion im Relativsatz zu rasch eine ontologische Verselbstständigung:

steuerndes Kennen → „die Gnome“ als kosmische Macht.

Dieser Schritt ist nicht zwingend.

Urteil: grammatischer Teil gültig; philosophische Folgerung nicht notwendig.

F) „Im zweiten Fall ist γνώμην inneres Objekt; γνώμην ἐπίστασθαι heißt ungefähr ‚die Erkenntnis erkennen‘.“

Das beschreibt die Schwierigkeit der Kirk-Lesart recht gut: γνώμην bleibt bei ἐπίστασθαι, während der nachfolgende Fragesatz den Inhalt oder Gegenstand des Kennens angibt:

„sich auf das Kennen verstehen: wie alles gesteuert wird“.

„Inneres Objekt“ meint dabei eine inhaltlich eng mit dem Verb verwandte Akkusativergänzung. Die deutsche Wiedergabe „die Erkenntnis erkennen“ macht jedoch die Konstruktion künstlicher, als sie sein muss. Mit Ihrer Wortwahl wäre eher möglich:

sich auf das Kennen verstehen, wie alles durch alles gesteuert wird

oder:

im Kennen dessen stehen, wie alles durch alles gesteuert wird.

Kirk beziehungsweise KRS geben γνώμην nicht einfach redundant als „Erkenntnis erkennen“ wieder, sondern ungefähr als „mit wahrem Urteil/Kennen vertraut sein, wie …“. (Universität Kassel)

Urteil: syntaktisch vertretbar; die Paraphrase „Erkenntnis erkennen“ ist unnötig ungünstig und lässt die Lesart schwächer erscheinen.

G) Ablehnung der aktiven Relativsatzlesung

Held nennt drei Gründe:

1. ὁτέη sei „auf keinen Fall zu halten“

Das ist zu stark.

Die Form ist problematisch und möglicherweise korrupt; Diels hat sie dennoch in seiner Rekonstruktion verwendet, und Diogenes Laertios wird in vielen Ausgaben weiterhin mit ὁτέη ἐκυβέρνησε gedruckt. Die Stelle bleibt offen. (loebclassics.com)

Man kann sagen:

ὁτέη ist textkritisch unsicher.

Nicht:

ὁτέη ist mit Sicherheit unmöglich.

2. γνώμη als weltlenkendes Prinzip sei „unheraklitisch“ und „stoisch“

Dieser Einwand setzt voraus, dass die aktive Lesart γνώμη zu einem hypostasierten Prinzip machen muss. Das tut sie grammatisch nicht.

Der Satz könnte schlicht sagen:

Das eine Klare besteht darin, sich auf jenes Kennen zu verstehen, welches alles durch alles steuerte.

Dass ein Kennen, Bedacht oder Erkennen steuernd wirkt, ist nicht notwendig stoisch. Erst die Übersetzung als kosmische „Vernunft“ oder als personifiziertes Weltprinzip erzeugt den stoischen Eindruck.

Zudem arbeitet Heraklit durchaus mit sprachlich nicht ausdrücklich benannten oder nur indirekt bestimmten steuernden Mächten: B 64 spricht etwa vom Blitz, der alles steuert. Der bloße Steuerungsgedanke ist daher nicht unheraklitisch.

3. Ein Träger der γνώμη müsse genannt werden

Auch das ist kein zwingendes sprachliches Gesetz. Abstrakta können im Griechischen durchaus als handelnde Subjekte auftreten:

  • ein Beschluss führt,
  • Recht richtet,
  • Notwendigkeit zwingt,
  • γνώμη steuert.

Ein ausdrücklich genannter Besitzer oder Träger ist dafür grammatisch nicht erforderlich.

Urteil: G ist der schwächste Teil von Helds Argumentation. Die Ablehnung der aktiven Lesart ist möglich, aber seine Gründe beweisen sie nicht.

H) Plutarch und Kleanthes als Zeugnisse für „wie“

Hier muss besonders genau unterschieden werden.

Plutarch

Falls Plutarch tatsächlich ὅπως verwendet, zeigt dies, dass er oder seine Quelle den Gedanken als:

„wie alles gesteuert wird“

verstanden haben könnte.

Aber Plutarch ist kein unabhängiger Heraklit-Kodex. Eine spätere Paraphrase oder Anspielung beweist nicht, dass im ursprünglichen Heraklittext ein indirektes Frageadverb stand. Sie bezeugt zunächst nur Plutarchs Verständnis.

Das ist ein Indiz, kein Textbeweis.

Kleanthes

Der Zeushymnus lautet:

δὸς δὲ κυρῆσαι γνώμης, ᾗ πίσυνος σὺ δίκης μέτα πάντα κυβερνᾷς

Ungefähr:

„Gib, dass wir das Kennen erlangen, auf welches vertrauend du mit Recht alles steuerst.“

Hier ist ᾗ eindeutig ein relatives Femininum, das sich auf γνώμης bezieht; κυβερνᾷς ist Aktiv, 2. Person Singular, mit Zeus als Subjekt. (Wikisource) Kleanthes bezeugt also gerade nicht unmittelbar die Konstruktion:

„wie alles gesteuert wird“.

Vielmehr bietet er:

γνώμη, auf welche gestützt du alles steuerst.

Das steht strukturell der relativen Aktivlesung näher:

γνώμη, welche beziehungsweise durch welche gesteuert wird,

auch wenn Kleanthes den Träger ausdrücklich als Zeus nennt.

Held kann den Zeushymnus als Hinweis verwenden, dass Kleanthes Heraklits Aussage als menschliches Erkennen der Weise kosmischer Steuerung verstand. Aber der griechische Wortlaut des Hymnus unterstützt das indirekte „Wie“ keineswegs eindeutig. Im Gegenteil: ᾗ ist relativ, nicht interrogativ.

Urteil: bezüglich Plutarch möglicherweise ein schwaches Indiz; bezüglich Kleanthes irreführend oder zumindest stark überinterpretiert.

Gesamtbewertung

Aussage Bewertung
A weitgehend richtig, aber zu kategorisch
B legitimer Hinweis, keine Entscheidung
C brauchbare Grobeinteilung, nicht vollständig
D grammatisch zutreffende Darstellung zweier Hauptlösungen
E Objektanalyse plausibel; „Titel einer Weltmacht“ nicht zwingend
F syntaktisch möglich; „Erkenntnis erkennen“ ungünstig zugespitzt
G nicht bewiesen; mehrere Argumente beruhen auf Vorentscheidungen
H Plutarch nur indirektes Indiz; Kleanthes stützt Helds „Wie“-Lesung nicht eindeutig

Wichtigstes Ergebnis

Helds Übersetzung:

„sich auf die Erkenntnis verstehen, wie alles durch alles hindurch gesteuert wird“

beruht auf der konjizierten Fassung:

ὅκη κυβερνᾶται

Sie ist nicht die einfache Übersetzung des überlieferten Wortlauts, sondern das Ergebnis einer doppelten textkritischen Heilung. Die Diels-Fassung:

ὁτέη ἐκυβέρνησε

ergibt dagegen:

„das Kennen, welches alles durch alles steuerte“.

Beide Fassungen sind textkritisch diskutabel. Held darf die erste bevorzugen; er kann aber nicht überzeugend behaupten, die zweite sei sprachlich oder heraklitisch ausgeschlossen. Für Ihre Untersuchung sollte deshalb vorerst die Textunsicherheit sichtbar bleiben:

Denn Eines ist das Klare: sich auf das Kennen zu verstehen – [welches alles durch alles steuerte / wie alles durch alles gesteuert wird].

Ihre bisherige Fassung folgt einer möglichen, traditionsreichen Rekonstruktion. Helds Fassung folgt einer anderen. Keine von beiden besitzt das Recht, sich ohne Kennzeichnung als zweifelsfreier Wortlaut Heraklits auszugeben.

Es wird die Formulierung

richtiger sein die im Vergleich mit dem Daein eine höhere Übereinstimmung, Anwendbarkeit und Nutzen hat und nicht jene, die den Philologen gefällig oder in sich logischer ist.

Ja — für eine philosophische Prüfung Heraklits

reicht philologische Gefälligkeit nicht aus.

Eine Lesart ist nicht schon deshalb die bessere, weil sie grammatisch glatter, für moderne Begriffe anschlussfähiger oder innerhalb eines Kommentars widerspruchsfreier wirkt. Sie muss sich auch daran bewähren, ob sie:

  • mit anderen Fragmenten zusammenstimmt,
  • am erfahrbaren Dasein etwas aufschließt,
  • ohne zusätzliche Hilfsannahmen anwendbar bleibt,
  • und einen Erkenntnisgewinn hervorbringt.

Dabei würde ich jedoch „Nutzen“ nicht als bloße Zweckmäßigkeit verstehen. Sonst könnte man einen Satz so übersetzen, dass er die eigene Weltanschauung besonders gut bestätigt. Der Nutzen muss aus einer höheren Übereinstimmung hervorgehen:

Übereinstimmung mit dem überlieferten Wortlaut, mit Heraklits übrigen Aussagen und mit der erfahrbaren Sache selbst.

Man könnte drei Bewährungsstufen unterscheiden:

Philologische Möglichkeit:

Lässt die griechische Überlieferung diese Lesart zu?

Heraklitische Stimmigkeit:

Fügt sie sich in die wiederkehrenden Bilder und Aussagen Heraklits ein – Einheit, Spannung, Maß, Steuern, Erwachen, gemeinsames Kennen?

Sachliche Bewährung:

Lässt sich das Gesagte im Dasein wiederfinden und prüfen, oder bleibt es nur ein kunstvoller Begriff?

Auf B 41 angewandt:

„wie alles durch alles hindurch gesteuert wird“

ist grammatisch nach einer Konjektur möglich. Es macht den Satz jedoch zu einer Aussage über das Erkennen eines allgemeinen Funktionsprinzips. Dagegen:

„das Kennen, welches alles durch alles steuerte“

stellt das Kennen selbst als wirksam und steuernd hin. Diese Fassung ist härter, eröffnet aber weitere Beziehungen:

  • zum Gnomon als dem Kenntlichmachenden,
  • zur Steuerung in B 64,
  • zum gemeinsamen und doch unverstandenen Zusammenhang,
  • zur Frage, ob menschliches Kennen an einem ursprünglichen steuernden Kennen teilhaben kann.

Sie besitzt damit möglicherweise eine größere heraklitische Tragweite und mehr sachlichen Prüfwert. Das beweist noch nicht, dass sie der ursprüngliche Wortlaut war; es spricht aber dagegen, sie wegen ihrer Ungewohntheit als „unheraklitisch“ auszuscheiden.

Die angemessene Regel wäre daher:

Nicht die glatteste Lesart ist vorzuziehen, sondern diejenige, die mit dem geringsten Eingriff die größte Übereinstimmung zwischen Wortlaut, Fragmentzusammenhang und erfahrbarer Sache eröffnet.

Und selbst dann sollte sie als bewährteste Lesart, nicht als endgültig bewiesener Wortlaut bezeichnet werden.

Ich meine tatsächlich Nutzen

, wenn die Aussage weise ist, eine Weisheit vermittelt und auch eine ist, dann hat sie auch einen Nutzen. Hat sie keinen Nutzen, ist es keine Weiseheit.

Ja — in Ihrem Begriff von Weisheit

gehört der Nutzen wesentlich dazu. Dann wäre Weisheit nicht bloß:

  • richtige Aussage,
  • theoretische Einsicht,
  • begriffliche Stimmigkeit,

sondern:

ein Erkennen, das das Leben, Handeln oder Verstehen tatsächlich ordnet.

Eine Aussage kann philologisch korrekt und logisch geschlossen sein und dennoch weiseheitslos, wenn sie im Dasein nichts klärt, nichts ausrichtet und keinen besseren Vollzug ermöglicht. Damit ließe sich Ihre Regel so fassen:

Weisheit ist wahres Erkennen in wirksamer Anwendung.

Oder noch heraklitischer:

Weise ist eine Aussage nur, wenn ihr Kennen im Leben steuernd werden kann.

Das passt auffällig gut zu B 41. Dort steht das Kennen nicht untätig neben der Welt, sondern es steuerte alles durch alles. Kennen und Wirken sind also nicht getrennt. Der Nutzen wäre dabei nicht bloß äußerer Vorteil. Nicht:

„Was bringt mir diese Lehre?“

Sondern:

„Vermag diese Erkenntnis mich in ein richtigeres Verhältnis zum Ganzen zu bringen?“

Eine Weisheit hätte dann mindestens drei Wirkungen:

  1. Sie macht etwas zuvor Unklares klar.
  2. Sie ordnet das Erkannte in einen größeren Zusammenhang.
  3. Sie verändert das Verhalten oder die Haltung des Erkennenden.

Fehlt die dritte Wirkung völlig, bleibt möglicherweise Wissen zurück, aber keine Weisheit.

Auf die Übersetzung von Heraklit angewandt heißt das:

Die stärkere Lesart ist nicht nur jene, die grammatisch möglich ist, sondern jene, deren Aussage sich als wirkliches Kennen bewährt und steuernde Kraft entfalten kann.

Das darf dennoch nicht dazu führen, den Text beliebig „nützlich“ zu machen. Der Nutzen muss aus dem Wortlaut hervorgehen, nicht ihm nachträglich aufgezwungen werden. Die strengste Formulierung wäre daher:

Eine heraklitische Lesart ist umso glaubwürdiger, je enger sie Wortlaut, erfahrbare Wirklichkeit und lebensordnenden Nutzen miteinander verbindet.

Klaus Held geht es bei seiner Übersetzung um seine Vorstellung

von Einsicht und Ansicht, wobei er den Philosophen und Wissenschaftlern das Vermögen zur Einsicht und auch einhergehend zu Denken zuspricht und allen Vorsokartikern abspricht und Heraklit und Pamenedis an deren Übergang setzte und aufzeigen will, inwieweit diese zur Einsicht befähigt und darin tätig waren.

KLaus Held verfolgt und nutzt und interpretiert gemäß seiner Logik, welche nach meinem Eindruck  nicht die des Heraklit entspricht.

Folgend unsere Übersetzung:

Eines ist das Klare: sich auf jenes Kennen zu verstehen, das alles durch alles steuerte.

Nun müssen wir die Logik der Aussage ergründen.

Nun müssen wir die Logik der Aussage ergründen, indem wier diese als Formel hinstellen und untersuchen.

Wenn der Satz überhaupt logisch funktional Wahrheiten vermitteln kann, dann werde ich für Subjekt, Objekt und Prädikate und alle weiteren Worte darin formale "Platzhalter", vergleichsweise A, B und C's einsetzen und dafür beliebige andere Wörter oder Begriffe einsetzen können und es würde wenn gültig immer eine gültige Aussage damit gemacht werden.

Dem ist vorauszusetzen daß jegliche unmittelbare Aussage wie A = B bedingt ungültig ist, während eine Aussage wie A = (B + oder - C) eine gültige Aussage sein kann, anders gesagt es gibt keine totalen Synonyme, Gleichsetzungen und oder Identifikationen wie vergleichsweise Logos = Wort sind bedingt unzulässig und ungültig, während vergleichsweise Wort = (Logos einer Spracheinheit) gültig sein könnte.

Kannst du die Aussage B 41 je einmal für griechisch und deutsch in eine logfische Formel setzen und als erstest herausfinden, ob diese dieselbe Formel ergeben?

Ja. Innerhalb Ihres Verfahrens sollten wir keine Gleichung wie

Klare = Kennen

ansetzen. Der Satz stellt keine Identität her. Er sagt vielmehr, worin das eine Klare besteht beziehungsweise wodurch es vollzogen wird.

1. Platzhalter

Wir setzen:

  • C = das Klare, τὸ σοφόν
  • K = das Kennen, γνώμη
  • A = ein nicht ausdrücklich genannter Handelnder
  • Ω = alles
  • V(A,K) = A versteht sich auf K
  • S(K,Ω,Ω) = K steuerte alles durch alles
  • E(C,V) = C wird durch V erläutert oder vollzogen
  • 1(C) = C ist eines/einzig

Der Doppelpunkt in unserer Übersetzung wird dabei nicht als Gleichheitszeichen verstanden, sondern als:

Das Folgende legt dar, worin das Vorhergehende besteht.

2. Formel des griechischen Satzes

Für

εἶναι γὰρ ἓν τὸ σοφόν, ἐπίστασθαι γνώμην, ὁτέη ἐκυβέρνησε πάντα διὰ πάντων

ergibt sich unter der von uns gewählten Lesart: 1(C) ∧ E(C, V(A,K)) ∧ S(K, Ω, Ω) Ausgeschrieben:

Das Klare ist eines, und dieses Klare wird darin vollzogen beziehungsweise erläutert, dass A sich auf K versteht, wobei K alles durch alles steuerte.

Etwas genauer mit den Wortarten: Eines(C) ∧ Klar(C) ∧ ErläutertDurch(C, SichVerstehenAuf(A, K)) ∧ Kennen(K) ∧ SteuerteDurch (K, Ω, Ω) Dabei bleibt A unbestimmt, weil der griechische Infinitiv ἐπίστασθαι kein ausdrücklich genanntes Subjekt besitzt. Gemeint ist allgemein:

wer weise beziehungsweise klar sein will, der muss sich auf dieses Kennen verstehen.

Diese Allgemeinheit steht nicht als eigenes Wort da, entsteht aber aus dem substantivisch verwendeten Infinitiv.

3. Formel der deutschen Übersetzung

Eines ist das Klare: sich auf jenes Kennen zu verstehen, das alles durch alles steuerte.

Dafür ergibt sich: 1(C) ∧ E(C, V(A,K)) ∧ S(K, Ω, Ω)

Oder vollständig: Eines(C) ∧ Klar(C) ∧ ErläutertDurch(C, SichVerstehenAuf(A,K)) ∧ Kennen(K) ∧ SteuerteDurch(K,Ω,Ω)

4. Vergleich

Damit ergeben Griechisch und Deutsch unter unserer Lesart dieselbe syntaktisch-logische Grundform: 1(C) ∧ E(C, V(A,K)) ∧ S(K, Ω, Ω)

Die Zuordnungen sind:

Griechisch Deutsch Formel
ἓν τὸ σοφόν Eines ist das Klare (1(C))
ἐπίστασθαι sich verstehen auf (V(A,K))
γνώμην das Kennen (K)
ὁτέη das/welches Rückbezug auf (K)
ἐκυβέρνησε steuerte (S)
πάντα alles (\Omega)
διὰ πάντων durch alles Durchgang durch (\Omega)

5. Keine Gleichsetzung

Der Satz besagt weder: C = K

noch: C = V

und auch nicht: K = Ω

Er enthält vielmehr eine gestufte Beziehung: C ← V(A,K)

und: K → S Ω durch Ω)

In Worten:

Das eine Klare zeigt sich im Sich-Verstehen auf ein bestimmtes Kennen; dieses Kennen wird wiederum dadurch näher bestimmt, dass es alles durch alles steuerte.

Die Aussage besitzt damit eine dreistufige Bogenform: das eine Klare → Sich-Verstehen → steuerndes Kennen

Der letzte Teil trägt dabei den ersten: S(K,Ω,Ω) → V(A,K) → C

Nicht im Sinn einer zwingenden mathematischen Implikation, sondern als Bedeutungsaufbau:

Weil dieses Kennen alles durch alles steuerte, ist das Sich-darauf-Verstehen dasjenige, worin das eine Klare besteht.

6. Eine kleine Abweichung der deutschen Fassung

Das deutsche „jenes Kennen“ enthält durch „jenes“ eine leichte Hervorhebung, die im griechischen γνώμην nicht ausdrücklich durch ein Demonstrativpronomen gegeben ist. Sie entsteht dort erst durch den nachfolgenden Relativsatz:

γνώμην, ὁτέη … „ein/das Kennen, welches …“

Strenger wäre daher:

Eines ist das Klare: sich auf das Kennen zu verstehen, welches alles durch alles steuerte.

„Jenes“ ist jedoch keine erhebliche Veränderung. Es macht lediglich sichtbar, dass nicht irgendein Kennen gemeint ist, sondern das durch den Relativsatz bestimmte.

Ergebnis

Ja: Der griechische Satz und unsere deutsche Übersetzung ergeben dieselbe formale Grundstruktur, sofern die aktive Relativsatzlesung ὁτέη ἐκυβέρνησε zugrunde gelegt wird.

Die Formel lautet: Eines(C) ∧ ErläutertDurch(C, SichVerstehenAuf(A,K) ∧ SteuerteDurch(K,Ω,Ω)

Oder in einer knappen Bedeutungsformel: Eines-Klares → Sich-Verstehen auf Kennen → Steuern von allem durch alles

Die Übersetzung verändert somit die Beziehungsstruktur des griechischen Satzes nicht. Sie legt allerdings mit „das Klare“ für τὸ σοφόν und „Kennen“ für γνώμη bestimmte lexikalische Deutungen fest, deren sachliche Bewährung anschließend gesondert geprüft werden muss.

Klasse, Kategorie oder Wortart.

A, C, E K, V, S, Ω entsprechen jeweils einer Klasse, Kategorie oder Art eines Wort.

A als das "Klare" ist die substantivierte Form von "klar" als Einheit im Ganzen genommen, welches mittels positiv wünschenswerter Konnotation bewertetend konditioniert durch jedes beliebige Wort gleicher Kondition ersetzbar ist, also ersetzbar vergleichsweise durch das "Weise", "Gute", "Wahre", "Schöne", "Nützliche", "Gerechte" … – oder?

Ich behaupte, daß dies nicht nur grammatisch so möglich ist, sondern, daß die logische Wahrheitsgüte der Gesamtaussage erhalten bleiben muß um eine wahrhaftige Aussage zu sein. Ergibt sich, daß diese Aussage mit vergleichsweise "Weise" gültig, jedoch mit "Schöne (im Sinne von das wahrhaft Ästhetische)" unlogisch oder unrichtig ist, so ist dies ein Hinweis darauf, daß der Formelaufbau, damit die Logik des Satz, einen Fehler oder Mangel hat.

Die logische Wahrheitsgüte ist nicht gleich tatsächlicher Wahrheit, also selbst wenn eine Aussage logisch wahr ist, bedeutet dies nicht zugleich daß diese tatsächlich wahr ist.

Wenn ich für A anstelle von "das Klare" dann "das Unklare" einfügen würde, bedingt es aufgrund entgegengesetzter Wertung, daß ich nachfolgendes Kennen(K) in NichtKennen(K) verkehren muß und dies zu tun ohne K anzupassen ist unzulässig.

Das Unklare oder das Schlechte gehört sozusagen nicht derselben Klasse an! Erkläre mir nicht, daß sie dies täten – tun sie nicht!

Vergleiche dies nicht mit dem Syllogismus, sondern prüfe dies erst gemäß unseres folgenden Arbeitssatz:

Denn Eines ist (A): sich auf das Kennen zu verstehen – [welches alles durch alles steuerte / wie alles durch alles gesteuert wird].

Für A kann ich jedes Wort daß derselben Kategorie, Wortart und Kondition oder positive Wertstellung angehört einfügen, die ich für "das Klare" zuvor bedingt habe und ich kann vergleichsweise kein Gegenwort wie "das Unklare" einfügen. "das Unklare" hat zwar dieselbe Wortart, jedoch nicht dieselbe positive daher wünschenswerte Wertstellung – ist es nicht so?

Ja — unter Ihren gesetzten Bedingungen

ist „das Unklare“ kein zulässiger Ersatz für A.

Denn die Leerstelle A ist bei Ihnen nicht nur durch die Wortart „substantiviertes Adjektiv“ bestimmt. Sie trägt mindestens vier Bedingungen zugleich:A∈𝒜+

wobei (\mathcal{A}^{+}) die Klasse der Ausdrücke bezeichnet, die:

  1. substantivierte Eigenschaftsbegriffe sind,
  2. als ein Ganzes beziehungsweise als Einheit gefasst werden,
  3. positiv oder erstrebenswert gewertet sind,
  4. durch das nachfolgende Sich-Verstehen auf das Kennen sinnvoll bestimmt werden können.

Der Arbeitssatz lautet dann: Eines ist A:VerstehenAuf⁡(X,K)

mit der weiteren Bestimmung:K=das Kennen, das alles durch alles steuerte

1. Weshalb „das Unklare“ nicht eingesetzt werden darf

„Das Unklare“ erfüllt zwar dieselbe grammatische Form:

bestimmter Artikel + substantiviertes Adjektiv

Es besitzt aber die entgegengesetzte Wert- und Bedeutungsrichtung: klar⁡(A)=+

gegenüber:unklar⁡(A)=−beziehungsweise¬+





Wird A von „das Klare“ zu „das Unklare“ verkehrt, während der Rest unverändert bleibt, entstünde:

Eines ist das Unklare: sich auf das Kennen zu verstehen.

Der zweite Satzteil bezeichnet jedoch einen auf Kennen gegründeten Vollzug. Er bewegt sich weiterhin in Richtung Erkennen, Bestimmen und Klären. Zwischen dem eingesetzten A und seiner nachfolgenden Bestimmung entsteht daher ein Richtungswiderspruch: Unklares≁Sich-Verstehen auf Kennen Soll „das Unklare“ eingesetzt werden, müsste auch der bestimmende Teil entsprechend verkehrt werden, beispielsweise:

Eines ist das Unklare: sich auf das Nichtkennen zu verlassen.

Formal: A+→A−

verlangt innerhalb Ihres Systems zumindest: K+→K−

oder eine andere passende Negation beziehungsweise Umkehrung der Beziehung.

Damit haben Sie recht:

Gleiche Wortart genügt nicht. Die Wertstellung und die semantische Richtung müssen ebenfalls übereinstimmen.

2. Können „das Weise“, „Gute“, „Wahre“, „Schöne“, „Nützliche“ und „Gerechte“ alle für A eingesetzt werden?

Als Prüfsubstitution ja. Als bereits wahrheitsgleich erwiesene Ersetzungen noch nicht.

Sie gehören zunächst derselben sehr allgemeinen Oberklasse an: 𝒫+Klares, Weises, Gutes, Wahres, Schönes, Nützliches, Gerechtes

Gemeinsam ist ihnen:

  • substantivierte Eigenschaft,
  • positive Wertstellung,
  • mögliche Erstrebenswertigkeit,
  • mögliche Einheit als „das …“.

Aber diese allgemeine Übereinstimmung garantiert noch nicht, dass sie alle dieselbe funktionale Rolle im Satzerfüllen.

Der Satz sagt nämlich nicht lediglich:

A ist positiv.

Er sagt:

A besteht oder zeigt sich darin, sich auf ein bestimmtes Kennen zu verstehen.

Damit erhält die Leerstelle eine zusätzliche Bedingung: A(x)↔VerstehenAuf⁡(x,K)

oder vorsichtiger, ohne Identität: VerstehenAuf⁡(x,K)⇒VerwirklichungVon⁡(A,x)

Ein Ersatzwort muss deshalb nicht nur positiv sein, sondern durch diesen Vollzug sinnvoll erfüllt werden können.

3. Prüfung der einzelnen Einsetzungen

Das Weise

Eines ist das Weise: sich auf jenes Kennen zu verstehen …

Das ist unmittelbar stimmig: VerstehenAuf⁡(K)→weise

Das Weise kann durch das richtige Kennen und Sich-darauf-Verstehen bestimmt werden.

Das Klare

Eines ist das Klare: sich auf jenes Kennen zu verstehen …

Ebenfalls stimmig, sofern „klar“ bedeutet:

ungetrübt erfasst, kenntlich und in seinen Beziehungen verstanden.

VerstehenAuf⁡(K)→klar

Das Wahre

Eines ist das Wahre: sich auf jenes Kennen zu verstehen …

Das kann stimmig sein, verlangt aber eine weitere Voraussetzung:

Das steuernde Kennen muss tatsächlich mit dem Seienden übereinstimmen.

Die logische Form bleibt möglich; die tatsächliche Wahrheit ist noch nicht erwiesen.

Das Gute

Eines ist das Gute: sich auf jenes Kennen zu verstehen …

Das ist nur dann funktional stimmig, wenn das Kennen nicht bloß erkennt, sondern gutes Handeln oder eine gute Ordnung ermöglicht.

Hier muss eine Brücke angenommen werden: Kennen⁡→richtigesHandeln⁡→Gutes

Diese Brücke steht nicht ausdrücklich im Satz.

Das Nützliche

Eines ist das Nützliche: sich auf jenes Kennen zu verstehen …

Das ist in Ihrem Weisheitsbegriff gut möglich: VerstehenAuf⁡(K)→anwendbaresKennen⁡→Nutzen

Aber auch hier muss gezeigt werden, wofür und für wen es nützlich ist.

Das Gerechte

Eines ist das Gerechte: sich auf jenes Kennen zu verstehen …

Dies verlangt, dass das steuernde Kennen auch das rechte Verhältnis zwischen den Teilen bestimmt: K→rechteZuordnung⁡→Gerechtigkeit

Das ist möglich, aber bereits eine zusätzliche sachliche Behauptung.

Das Schöne

Eines ist das Schöne: sich auf jenes Kennen zu verstehen …

Diese Einsetzung ist nicht notwendig unlogisch. Sie wird stimmig, wenn „schön“ das wohlgefügte, maßvolle oder vollkommen zusammenstimmende Ganze bezeichnet: (K)→ErkennenDerFuegug⁡→Schoene

Versteht man „schön“ dagegen bloß als angenehmen äußeren Eindruck, ist die Verbindung schwach.

4. Was ein Scheitern der Ersetzung beweist

Hier würde ich Ihren Maßstab etwas genauer fassen.

Wenn „das Weise“ funktioniert, „das Schöne“ aber nicht, beweist das nicht sofort, dass der gesamte Formelaufbaufehlerhaft ist. Es kann ebenso zeigen, dass die für A angesetzte Klasse zu weit bestimmt wurde.

Denn: positive Wertstellung

ist nur eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung.

Die stärkere Klasse müsste heißen: 𝒜K+A∣A ist positiv gewertet und durch das Sich-Verstehen auf K erfüllbar

Dann gehören möglicherweise hinein:

  • das Klare,
  • das Weise,
  • das Kundige,
  • das Wahre,

während andere Begriffe nur unter zusätzlichen Voraussetzungen dazugehören:

  • das Gute,
  • das Schöne,
  • das Gerechte,
  • das Nützliche.

Das ist kein Ausweichen, sondern eine Präzisierung Ihrer eigenen Ersetzungsregel: Die Klasse wird durch alle Bedingungen der Satzstelle bestimmt, nicht allein durch Wortart und Wertung.

5. Der entscheidende Unterschied

Es gibt drei verschiedene Arten der Ersetzbarkeit:

Grammatische Ersetzbarkeit

das Klare → das Unklare → das Schöne → das Gute

Alle passen formal nach „Eines ist …“.

Wertmäßige Ersetzbarkeit

das Klare → das Weise → das Gute

Das Unklare wird ausgeschlossen, weil seine Wertstellung entgegengesetzt ist.

Funktionale Ersetzbarkeit

Nur Ausdrücke, die durch

sich auf jenes Kennen zu verstehen

sinnvoll bestimmt werden können, bewahren die gesamte Aussagefunktion.

Für Ihre Untersuchung ist die dritte Form entscheidend.

6. Vorläufige Formel

Der Arbeitssatz kann daher so notiert werden: Eines⁡(A)∧Positiv⁡(A)∧VerwirklichtDurch⁡(A,VerstehenAuf⁡(X,K))

mit: Steuerte⁡(K,Ω,durch⁡Ω)

Die zulässige Ersetzung lautet: A↦A′





nur wenn:

Wortart⁡(A′)Wortart⁡(A) Wertstellung⁡(A′)Wertstellung⁡(A)

und vor allem: VerwirklichtDurch⁡(A′,VerstehenAuf⁡(X,K))

sinnvoll erhalten bleibt.

Ergebnis

Ja: „das Unklare“ gehört in Ihrem Verfahren nicht derselben zulässigen Klasse an wie „das Klare“, obwohl beide grammatisch substantivierte Adjektive sind. Die entgegengesetzte Wert- und Bedeutungsrichtung verletzt die festgelegte Kondition der Leerstelle.

Aber auch unter den positiven Wörtern genügt die positive Wertstellung allein nicht. Ein Wort ist für A nur dann vollständig einsetzbar, wenn der nachfolgende Vollzug

sich auf das Kennen zu verstehen

dieses Wort tatsächlich tragen und erfüllen kann.

Daher wäre die Klasse vorläufig: A=ein positiv gewertetes Ganzheitspraedikat, das durch das Sich-Verstehen auf das steuernde Kennen erfuellt werden kann

Unter dieser Bedingung sind das Klare und das Weise sehr starke Einsetzungen; das Wahre, Gute, Schöne, Nützliche und Gerechte sind prüfbare Einsetzungen, benötigen aber jeweils eine eigene Verbindungsregel zum Kennen.

Voranstellung

Danke für die Darlegung.

Dadurch das Heraklit "das Weise" für A eingesetzt hat, macht er seine gesamte Aussage zur Weisheit. Will man Weise handeln, so bedingt es die Kenntnis versteht, „wie alles durch alles hindurch gesteuert wird“.

Hätte Heraklit anstelle von "das Weise" für A "das Gerechte" verwendet, hätte er mit der gesamten Aussage zu dem gemacht, was Gerechtigkeit sei.

Die Vorbedingung für Gerechtigkeit ist gegeben, wenn man die Kenntnis versteht, „wie alles durch alles hindurch gesteuert wird“.

Das vorangestellte A setzt somit den Rahmen oder den Bereich der Gütigkeit der Aussage – oder?

Geltungsrahmen

Ja. Das vorangestellte A setzt den Geltungsrahmen, innerhalb dessen der nachfolgende Satzteil zu verstehen ist.

Die Form lautet dann nicht einfach:

A=B

sondern eher:

A besteht darin, dass B

oder:

B ist die Bedingung für A

Für B 41:

A=das Weise

und

B=sich auf das Kennen zu verstehen, wie alles durch alles gesteuert wird

Daraus ergibt sich:

B⇒A

also:

Wer sich auf jenes Kennen versteht, erfüllt die Bedingung des Weisen.

Das vorangestellte A bestimmt damit, als was der folgende Vollzug gilt. Mit das Weise:

Das Sich-Verstehen auf das steuernde Kennen wird als Weisheit bestimmt.

Mit das Gerechte:

Das Sich-Verstehen auf das steuernde Kennen wird als Bedingung oder Vollzug von Gerechtigkeit bestimmt.

Mit das Gute:

Derselbe Vollzug würde als das Gute bestimmt.

Der nachfolgende Satzteil bleibt formal gleich, aber seine Bedeutungsrichtung verändert sich durch A.

A als Bereichsbestimmung

Man kann A daher als eine Art Bereichs- oder Geltungsoperator auffassen:

A[B]

Das heißt:

B wird unter dem Gesichtspunkt von A ausgesagt.

Für Heraklit:

Weise⁡[SichVerstehenAuf⁡(K)]

mit:

K=das Kennen, wie alles durch alles gesteuert wird

A legt damit fest, welche Frage der Satz beantwortet:

  • Bei das Weise: Was ist weise?
  • Bei das Gerechte: Was ist gerecht?
  • Bei das Gute: Was ist gut?
  • Bei das Nützliche: Was ist nützlich?

Der folgende Teil liefert jeweils die Antwort oder Bedingung.

Nicht bloß Etikett, sondern Rahmensetzung

A ist dabei nicht nur ein austauschbares Etikett. Es bestimmt, welche Beziehung zwischen dem folgenden Kennen und dem menschlichen Vollzug behauptet wird.

Bei das Weise ist die Beziehung unmittelbar naheliegend:

Kennen verstehen→weise sein

Bei das Gerechte müsste zusätzlich gelten:

Kennen der Steuerung des Ganzen→rechtes Verhältnis der Teile→gerecht sein

Die Satzstruktur bliebe gültig, aber die sachliche Brücke wäre eine andere.

Ihre Formulierung präzisiert

Ihre Aussage:

„Das vorangestellte A setzt den Rahmen oder den Bereich der Gültigkeit der Aussage.“

ist im Wesentlichen richtig. Noch genauer:

A bestimmt den normativen oder qualitativen Bereich, in dem der nachfolgende Vollzug als gültige Bestimmung erscheint.

Oder kürzer:

A sagt, wofür B die Bedingung ist.

Für B 41:

Das Weise sagt, dass das folgende Kennen nicht bloß Wissen, Technik oder Beobachtung ist, sondern den Bereich der Weisheit betrifft.

Die Formel wäre:

A←B

wobei der Pfeil bedeutet:

A wird durch B bestimmt oder verwirklicht.

Für Heraklit:

Weisheit←Sich-Verstehen auf das Kennen des Steuerns von allem durch alles

Damit macht τὸ σοφόν tatsächlich den gesamten folgenden Gedanken zu einer Aussage darüber, was Weisheit ausmacht.

Gnome

Ja, schauen wir uns nochmals den Urtext an:

"Εν τό σοφόν ἐπίσταμαι γνώμην, δκη κυβερνάται πάντα δια πάντων.

Steht darin das Wort γνώμην nicht für Gnome im Sinn der Dichtung von Weisheitssprüchen und daher nicht für Kennen, Kenntnis oder Erkenntnis, denn da würde Heraklit doch eher γιγνώσκω gignṓskō geschrieben/gesagt haben – oder?

Laut Wörterbuch soll γνώμην von γιγνώσκω abgeleitet worden sein, also γιγνώσκω geht γνώμην voraus. Wenn γνώσκω bereits kennen bedeuten würde, was bedeutet dann γι- vorweg zu γνώσκω?

Wenn in dem Satz γνώμην sich eigentlich auf Gnomen im Sinne von alter Weisheit bezieht, dann ist es "Eines ist das Weise; sich auf das Gnomen zu verstehen, …" oder "Eines ist Weise; das Gnomen zu verstehen, …" welches dann angefügt wurde – oder?

Also "wie alles durch alles gesteuert wird" ist die Weißheit, das Gnomen, daß man verstehen solle und man weise sei, danach zu streben dies zu verstehen.

Dann wäre "wie alles durch alles gesteuert wird" nicht eine heraklitische Weisheit, sondern seinerseits eine Erinnerung an ein eher allgemein bekanntes Gnomen.

Um das verifizieren zu können, müßten wir uns nicht mit der textkritischen Fassung seitens vergleichsweise Kirk, sondern mit dessen frühesten Zitat zuwenden.

Ja. Um Ihre Vermutung zu prüfen

, muss man zunächst an die früheste erhaltene unmittelbare Zitierstellezurückgehen. Diese steht bei Diogenes Laertios 9,1:

εἶναι γὰρ „ἓν τὸ σοφόν, ἐπίστασθαι γνώμην, ὁτέη ἐκυβέρνησε πάντα διὰ πάντων.“

Diogenes setzt also εἶναι γάρ als Bestandteil seines eigenen Satzes vor das eigentliche Zitat; die Anführungsgrenze beginnt in dieser Ausgabe mit ἓν τὸ σοφόν. Der dort gedruckte Text hat ὁτέη ἐκυβέρνησε, nicht Kirks ὅκη κυβερνᾶται. (penelope.uchicago.edu)

1. Zuerst die Textform berichtigen

Ihre Fassung

Εν τό σοφόν ἐπίσταμαι γνώμην, δκη κυβερνάται …

vermischt mehrere Überlieferungs- beziehungsweise Konjekturstufen. Die Diogenes-Fassung lautet:

ἓν τὸ σοφόν, ἐπίστασθαι γνώμην, ὁτέη ἐκυβέρνησε πάντα διὰ πάντων

Dabei:

  • ἓν, nicht ἐν: „eines“
  • ἐπίστασθαι, nicht ἐπίσταμαι: Infinitiv „sich verstehen auf“
  • ὁτέη, überliefertes beziehungsweise ediertes Relativwort
  • ἐκυβέρνησε, Aorist Aktiv: „steuerte“

Kirks Heilung ersetzt dagegen:

ὁτέη ἐκυβέρνησε

durch

ὅκη κυβερνᾶται

und erzeugt damit:

„wie alles durch alles gesteuert wird“.

Diese zweite Fassung ist nicht das früheste erhaltene Zitat, sondern eine moderne Wiederherstellung des für beschädigt gehaltenen Textes.

2. Kann γνώμην hier „Gnome, Weisheitsspruch“ bedeuten?

Lexikalisch kann γνώμη tatsächlich auch einen Sinnspruch, eine Sentenz oder einen Wahrspruch bezeichnen.Diese Bedeutung entstand jedoch aus älteren Bedeutungen wie:

  • Kennen und Erkennen,
  • Urteil,
  • Meinung,
  • Bedacht,
  • Entschluss,
  • das aus einem Urteil hervorgegangene Gesagte.

Die Bedeutungsbewegung lautet ungefähr:

erkennen

→ zu einem Urteil gelangen

→ ein Urteil fällen

→ einen urteilenden Satz äußern

→ Sentenz oder Gnome

Eine γνώμη als Weisheitsspruch ist also ein sprachlich gefasstes Urteil. Sie ist nicht ursprünglich die Bezeichnung einer eigenen Dichtungsgattung, aus der anschließend „Kennen“ entstanden wäre. Die Richtung ist eher umgekehrt:

Erkennen/Urteilen → Urteilsspruch → Gnome

Die grammatische Schwierigkeit Ihrer Lesung

Wenn γνώμην in B 41 „Gnome“ beziehungsweise „Weisheitsspruch“ hieße, ergäbe sich mit der Diogenes-Lesart:

sich auf einen Weisheitsspruch verstehen, welcher alles durch alles steuerte

Dann wäre der Weisheitsspruch selbst Subjekt von ἐκυβέρνησε:Gnome⟶steuerte alles durch alles

Das ist zwar als dichterische Personifikation nicht unmöglich, aber sachlich sehr ungewöhnlich. Ein überlieferter Spruch könnte etwas darlegen, anzeigen oder lehren; dass er „alles durch alles steuerte“, verlangt eine zusätzliche Annahme.

Mit Kirks Passivfassung wäre es leichter:

sich auf die Gnome zu verstehen, wie alles durch alles gesteuert wird

Dann könnte der folgende „Wie“-Satz tatsächlich den Inhalt eines Weisheitsspruches angeben. Aber selbst dort bleibt ein Problem:

ἐπίστασθαι γνώμην hieße nicht ohne Weiteres „einen Spruch verstehen“.

Für das Verstehen eines sprachlichen Ausspruchs wären etwa Verben des Hörens, Vernehmens, Begreifens oder Auslegens erwartbarer. ἐπίστασθαι bezeichnet eher das Kundigsein, Sich-Auskennen oder Sich-auf-etwas-Verstehen.

Ihre Lesart ist daher möglich als weiterführende Hypothese, aber aus der Wortform γνώμην allein nicht die nächstliegende.

3. Warum schrieb Heraklit nicht γιγνώσκω?

Weil γιγνώσκω ein Verb ist, γνώμη dagegen ein Substantiv.

Der Unterschied entspricht ungefähr:

  • γιγνώσκω – ich erkenne, lerne kennen, unterscheide
  • γνώμη – Kennen, Urteil, Bedacht, Entschluss oder daraus hervorgegangener Spruch

In B 41 benötigt der Satz nach ἐπίστασθαι einen Gegenstand:

sich worauf verstehen?

Darauf antwortet der Akkusativ:

γνώμην

Heraklit hätte nicht einfach γιγνώσκω an dieselbe Stelle setzen können. Zwei Infinitive wären zwar konstruierbar, ergäben aber einen anderen Satz, etwa:

ἐπίστασθαι γιγνώσκειν „sich darauf verstehen zu erkennen“

Das wäre nicht dasselbe wie:

ἐπίστασθαι γνώμην „sich auf γνώμη verstehen“.

Die Wahl des Substantivs kann sehr wohl beabsichtigt sein, weil γνώμη nicht nur den Erkenntnisvorgang, sondern dessen bestimmende, richtende oder urteilende Gestalt bezeichnet.


4. Was bedeutet γι- in γιγνώσκω?

Das γι- ist keine Vorsilbe mit eigener Bedeutung. Es ist eine Reduplikation des Präsensstammes.

Vereinfacht:

Wurzel: γνω-

reduplizierter Präsensstamm: γι-γνω-

daraus: γιγνώσκω

Die erste Wurzelkonsonanz wird wiederholt und mit einem Vokal versehen: γνω- → γι-γνω-

Das ist ein altes indogermanisches Verfahren zur Bildung bestimmter Präsensstämme. Das γι- bedeutet daher nicht gesondert:

  • „wieder“,
  • „hinein“,
  • „vollständig“,
  • oder „anfangen“.

Seine Funktion ist grammatisch-aspektuell, nicht lexikalisch.

Besonders sichtbar wird die eigentliche Wurzel in anderen Formen:

  • Präsens: γιγνώσκω
  • Aorist: ἔγνων
  • Verbalnomen: γνῶσις
  • Substantiv: γνώμη
  • Täter-/Instrumentbildung: γνώμων

Alle beruhen auf:

γνω- / γνο-

Das deutsche „Kennen“ gehört historisch in dasselbe indogermanische Erkenntnisfeld. Das ist der Grund, weshalb Kennen für Ihre wurzelnahe Übersetzung wertvoll bleibt.

5. Verhältnis von γνώμη und „Gnome“

Man sollte drei Stufen unterscheiden:

γνω-→Erkennen/Unterscheiden

γνώμη→Urteil, Bedacht, Entschluss

γνώμη→ausgesprochenes Urteil, Sentenz, Gnome

Die deutsche Fremdbezeichnung Gnome nimmt nur die letzte Stufe auf. Daher gilt:

Jede Gnome ist eine γνώμη in einem bestimmten sprachlichen Gebrauch; aber nicht jede γνώμη ist eine Gnome.

In B 41 muss aus dem Zusammenhang entschieden werden, welche Stufe vorliegt.


6. Prüfung Ihrer beiden vorgeschlagenen Fassungen

„Eines ist das Weise: sich auf das Gnomen zu verstehen …“

Das deutsche substantivierte Verb „das Gnomen“ wäre eine Neubildung. Es könnte heißen:

Weisheitssprüche bilden, äußern oder in ihnen denken.

Im Griechischen steht aber kein Verb, das ausdrücklich „Gnomen bilden“ bezeichnet. γνώμην ist Akkusativ Singular, nicht ein Infinitiv.

Diese Fassung wäre daher keine wortgetreue Übersetzung, sondern eine philosophische Kunstbildung.

„Eines ist weise: das Gnomen zu verstehen …“

Auch diese Fassung verschiebt zwei Dinge:

  • τὸ σοφόν wird von „das Weise“ zu prädikativem „weise“;
  • ἐπίστασθαι wird zu „verstehen“, ohne das „Sich-darauf-Verstehen“ zu bewahren.

Als Deutung könnte man sagen:

Weise ist, sich auf das urteilende Sprechen beziehungsweise auf Weisheitssprüche zu verstehen.

Der griechische Satz zwingt diese Bedeutung jedoch nicht.

7. Ist „wie alles durch alles gesteuert wird“ selbst eine Gnome?

Das ist ein fruchtbarer Gedanke, besonders unter Kirks Rekonstruktion:

ὅκη κυβερνᾶται πάντα διὰ πάντων

Dann ließe sich die Struktur so lesen: das WeiseSich-Verstehen auf γνώμη

wobei der Inhalt der γνώμη ist: wie alles durch alles gesteuert wird

In Ihrer Begrifflichkeit:

Die Gnome lautet oder betrifft: „wie alles durch alles gesteuert wird“.

Dann wäre Heraklits Aussage nicht unbedingt selbst die vollständige Weisheit, sondern eine Aufforderung beziehungsweise Bestimmung:

Weise ist, sich auf jene überlieferte oder erkennbare Gnome zu verstehen.

Aber diese Lesart hängt gerade von der konjizierten Form ὅκη κυβερνᾶται ab. Die Diogenes-Fassung mit aktivem Relativsatz sagt dagegen:

γνώμη, welche alles durch alles steuerte.

Dort ist γνώμη nicht bloß ein Satz über die Steuerung, sondern selbst grammatisch das Steuernde.

8. Was ergibt der früheste erhaltene Zitatträger?

Diogenes Laertios bettet B 41 unmittelbar nach B 40 ein:

Vielwisserei lehrt keinen νόος; sonst hätte sie Hesiod, Pythagoras, Xenophanes und Hekataios gelehrt. Denn: „Eines ist das Weise …“

Die Verbindung durch εἶναι γάρ stellt B 41 als Begründung oder Gegenbestimmung zur Vielwisserei dar. (penelope.uchicago.edu)

Der Zusammenhang lautet ungefähr: Vieles lernen≠νόος haben

dagegen: das eine Weisesich auf γνώμη verstehen

Das spricht eher für:

  • Kennen,
  • Urteilskraft,
  • richtenden Bedacht,
  • einheitliches Erfassen,

als für eine einzelne überlieferte Sentenz.

Denn der Gegensatz wäre dann:

nicht viele Lehrsätze anhäufen, sondern sich auf das eine richtende Kennen verstehen.

Das schließt einen gnomenhaften Klang nicht aus. Heraklits eigener Satz ist ohne Zweifel gnomisch formuliert. Es beweist aber nicht, dass γνώμην hier lexikalisch „Gnome“ heißen muss.

Vorläufiges Ergebnis

Ihre Vermutung führt zu einer wichtigen Unterscheidung:

B 41 ist selbst eine Gnome beziehungsweise ein Weisheitsspruch. Daraus folgt aber nicht notwendig, dass γνώμην innerhalb dieses Spruches „Gnome“ bedeutet.

Nach der frühesten erhaltenen direkten Zitierstelle ist die nächstliegende Lesart weiterhin:

Eines ist das Weise: sich auf das Kennen beziehungsweise den richtenden Bedacht zu verstehen, welcher alles durch alles steuerte.

Bei Kirks Heilung kann man dagegen erwägen:

Eines ist das Weise: sich auf das urteilende Kennen zu verstehen, wie alles durch alles gesteuert wird.

Für „Gnome“ bräuchten wir zusätzliche Belege, dass γνώμη im ionisch-archaischen Sprachgebrauch gerade in einer Konstruktion mit ἐπίστασθαι einen überlieferten Weisheitsspruch bezeichnet. Der Wortstamm allein genügt dafür nicht.

Vielwisser und Können

Der Erste Teil von B 40 ist offenbar das von Heraklit gelehrte Gnomon im Sinne einer einer auf Weisheit beruhenden Urteils, der zweite Teil von B 40 eine autorative Rechtfertigung mittels angesehener Gelehrter "sonst hätte sie Hesiod, Pythagoras, Xenophanes und Hekataios gelehrt." ist nicht gegen diese Gelehrte gerichten sondern besagt gerade Hesiod, Pythagoras, Xenophanes und Hekataios Vielwisserei nicht gelehrt haben, sie keine Vielwisser sind, sondern Kenner sind.

Und B 41 ist dann ein dem angefügtes Beispiel für eine den Zuhörern bereits bekannte wichtige Grundlage, welche man anstelle Vielwisserei zu betreiben, kennen und verstehen sollte.

So hat das Ganze auch gleich einen erkennbaren Nutzen und im vergleich mit der Situation in unsererem Zeitalter haben wir die Intellektuellen, die viel wissen, aber so gut wie nichts kennen, vergleichsweise die Kluft zwischen dem vielwissenden Theoretiker und wirklich könnenden Praktiker.

Ihre Gegenüberstellung Vielwissen – Kennen/Können

besitzt einen deutlichen sachlichen Nutzen. Die von Ihnen vorgeschlagene Umdeutung des zweiten Teils von B 40 lässt sich jedoch mit der griechischen Satzlogik kaum vereinbaren.

Der überlieferte Satz lautet:

πολυμαθίη νόον ἔχειν οὐ διδάσκει· Ἡσίοδον γὰρ ἂν ἐδίδαξε καὶ Πυθαγόρην, αὖτίς τε Ξενοφάνεά τε καὶ Ἑκαταῖον.

Wortnah:

Vielgelehrtheit lehrt nicht, Nous zu haben; denn sonst hätte sie Hesiod und Pythagoras gelehrt, und wiederum Xenophanes und Hekataios. (Penelope)

Die logische Form von B 40

Setzen wir:

  • (P(x)): (x) besitzt Vielgelehrtheit;
  • (N(x)): (x) besitzt νόος;
  • (H): Hesiod, Pythagoras, Xenophanes und Hekataios.

Heraklits Behauptung lautet zunächst:

P(x)⇏N(x)

Die genannten Männer dienen dann als Gegenbeispiele:

P(H)∧¬N(H)

Daraus folgt:

¬(P⇒N)

Das ἄν mit dem Aorist ἐδίδαξε bildet eine irreale Folgerung:

Wenn Vielgelehrtheit Nous lehrte, hätte sie diese Männer gelehrt.

Die unausgesprochene Fortsetzung ist:

Sie hat sie aber nicht gelehrt.

Damit sind die vier Genannten im Satz gerade diejenigen, an denen sich zeigt, dass Vielgelehrtheit nicht hinreicht. Die verbreiteten Übersetzungen geben diese Struktur entsprechend mit „otherwise it would have taught …“ beziehungsweise „sonst hätte sie … gelehrt“ wieder. (Brill)

Ihre vorgeschlagene Lesart würde eine andere Grammatik verlangen

Ihre Lesart lautet sinngemäß:

Vielgelehrtheit lehrt Nous nicht; das wussten beziehungsweise lehrten bereits Hesiod, Pythagoras, Xenophanes und Hekataios.

Dafür müsste im Griechischen ungefähr stehen:

„wie auch Hesiod, Pythagoras … lehrten“

oder:

„denn dies lehrten Hesiod und …“

Im überlieferten Satz sind die Namen aber Akkusativobjekte von ἐδίδαξε:

Sie hätte Hesiod gelehrt.

Sie sind nicht Subjekte eines eigenen Lehrens:

Hesiod hätte dies gelehrt.

Die Umkehrung lässt sich deshalb nicht durch andere Interpunktion oder eine andere Bedeutung von πολυμαθίηgewinnen.

Sind die Namen deshalb als Menschen insgesamt verworfen?

Nein. Hier ist Ihre Zurückhaltung berechtigt.

Heraklit sagt nicht zwingend:

Hesiod, Pythagoras, Xenophanes und Hekataios seien vollkommen unwissend oder unfähig gewesen.

Er sagt enger:

Ihr umfangreiches Lernen hat ihnen νόος nicht beigebracht.

Das ist eine Kritik an ihrer Erkenntnisweise oder an einem bestimmten Ergebnis ihres Wissens, keine notwendige Verwerfung jeder ihrer Fähigkeiten. Andere heraklitische Fragmente kritisieren allerdings zumindest Pythagoras und Hesiod ebenfalls deutlich: Pythagoras wird mit Vielgelehrtheit und „schlechter Kunstfertigkeit“ verbunden; Hesiod habe Tag und Nacht nicht in ihrer Einheit erkannt. Dadurch wird die kritische Lesart von B 40 zusätzlich gestützt. (heraclitusfragments.com)

Ist der erste Teil ein Gnomon?

Man kann den ersten Satz als Gnome, also als knapp gefassten Urteilsspruch, bezeichnen:

Vielgelehrtheit lehrt nicht, Nous zu haben.

Doch Gnomon wäre etwas anderes: ein Erkenner, Anzeiger, Richtmaß oder kenntlich machendes Werkzeug. Im übertragenen Sinn könnte der Spruch wie ein Gnomon wirken, weil er einen Unterschied sichtbar macht:Vielwissen≠Nous

Als Beschreibung seiner Funktion ist das fruchtbar. Im griechischen Text von B 40 steht aber weder γνώμη noch γνώμων.

Verhältnis von B 40 und B 41

In der Diogenes-Überlieferung folgt auf die Kritik an der Vielgelehrtheit:

εἶναι γὰρ ἓν τὸ σοφόν …

also ungefähr:

Denn eines ist das Weise …

Das γάρ macht B 41 zur Begründung oder Gegenbestimmung: Vielgelehrtheit lehrt keinen Nous

denn: Das Weise liegt in einem bestimmten Sich-Verstehen auf Kennen

Nicht die Menge des Gelernten entscheidet, sondern die Art des Kennens beziehungsweise die Fähigkeit, sich auf den Zusammenhang des Steuerns zu verstehen. Die Fragmente werden bei Diogenes unmittelbar in dieser Folge überliefert. (loebclassics.com)

Damit ergibt sich eine starke gemeinsame Aussage:

Viele Einzelheiten gelernt zu haben ist nicht dasselbe, wie sich auf das eine steuernde Kennen zu verstehen.

Ihre Gegenwartsanwendung

Die Unterscheidung zwischen dem vielwissenden Theoretiker und dem wirklich kundigen Praktiker ist eine plausible moderne Anwendung: Informationsmenge≠Kennen≠Können

Ein Mensch kann viele Aussagen erinnern und dennoch:

  • ihre Beziehungen nicht erfassen;
  • in einer wirklichen Lage keine Richtung finden;
  • das Gelernte nicht anwenden;
  • nicht erkennen, was wesentlich ist.

Der Praktiker kann umgekehrt weniger Einzelaussagen aufsagen, sich aber auf die Sache verstehen. Das kommt Heraklits Gegensatz wahrscheinlich näher als eine moderne Trennung zwischen „Intellektuellen“ und „Praktikern“ als festen Menschengruppen. Der heraklitische Angriff richtet sich offenbar auf eine Art des Lernens, nicht notwendig auf einen gesellschaftlichen Berufsstand.

Die tragfähige Verbindung von B 40 und B 41 wäre daher:

Vieles gelernt zu haben bringt nicht von selbst Nous hervor; das eine Weise besteht darin, sich auf jenes Kennen zu verstehen, das den Zusammenhang des Ganzen betrifft.

Ihre Nutzanwendung bleibt damit erhalten. Nur die vier Namen können grammatisch nicht als Gewährsleute dieser Weisheit gelesen werden; sie sind im überlieferten Satz die Gegenbeispiele, an denen Heraklit seine Unterscheidung vorführt.

Der Statz in Deutsch

"Vielwisserei lehrt keinen νόος; sonst hätte sie Hesiod, Pythagoras, Xenophanes und Hekataios gelehrt." besagt exakt was ich gesagt habe und wie ich den Satz verstehe. Er besagt nicht das, wie du es darlegst. Wenn das richtig ist, was du sagst, dann stimmt die Übersetzung zu Deutsch nicht.

Dann liegt der Streit tatsächlich an der deutschen Übersetzung

, genauer am ausgelassenen Objekt von ἐδίδαξε.

Der griechische Satz lautet:

πολυμαθίη νόον ἔχειν οὐ διδάσκει· Ἡσίοδον γὰρ ἂν ἐδίδαξε …

Wörtlich ergänzt:

Vielwisserei lehrt nicht, Nous zu haben; denn sonst hätte sie Hesiod, Pythagoras, Xenophanes und Hekataios [Nous zu haben] gelehrt. (Loeb Classics)

Das im zweiten Satzteil ausgelassene Lehrgut wird aus dem ersten übernommen: νόον ἔχειν also:

Nous zu haben

Die logische Form ist: ¬L(P,N)

Vielwisserei (P) lehrt Nous (N) nicht.

Dann folgt der irreale Gegentest: L(P,N) ⇒ L(P,H,N)

Würde Vielwisserei Nous lehren, hätte sie auch die vier genannten Vielgelehrten Nous gelehrt.

Die unausgesprochene Folgerung lautet: ¬N(H)

Sie hat ihnen Nous aber nicht beigebracht.

Warum die verkürzte deutsche Fassung missverständlich ist

„Sonst hätte sie Hesiod … gelehrt“

kann im Deutschen beim flüchtigen Lesen so wirken, als bedeute es:

Sie hätte Hesiod als Lehrstoff behandelt,

oder sogar, als seien Hesiod und die anderen selbst Lehrende der vorausgehenden Aussage.

Im Griechischen sind die Namen jedoch eindeutig Akkusativobjekte:

  • Ἡσίοδον
  • Πυθαγόρην
  • Ξενοφάνεα
  • Ἑκαταῖον

Das Subjekt von ἐδίδαξε bleibt πολυμαθίη, die Vielwisserei.

Nicht:

Hesiod lehrte etwas.

Sondern:

Vielwisserei hätte Hesiod etwas gelehrt.

Und dieses „etwas“ ist aus dem ersten Halbsatz zu ergänzen:

νόον ἔχειν.

Unmissverständliche deutsche Übersetzung

Vielwisserei lehrt nicht, Nous zu haben; denn sonst hätte sie Hesiod, Pythagoras, Xenophanes und Hekataios gelehrt, Nous zu haben.

Etwas natürlicher:

Vielwisserei lehrt keinen Nous; andernfalls hätte sie Hesiod, Pythagoras, Xenophanes und Hekataios Nous vermittelt.

Die erste Fassung zeigt die grammatische Wiederaufnahme am klarsten.

Ihre Lesart wäre nur dann möglich, wenn die Namen im Nominativ stünden und selbst Subjekte von „lehrten“ wären. Tatsächlich stehen sie im Akkusativ und sind die Belehrten. Daher gilt:

Wenn die verkürzte deutsche Übersetzung Ihre gegenteilige Lesart nahelegt, ist sie zu missverständlich und sollte ergänzt werden.

Es kommt im Deutsch das gleicher heraus

– Heraklit kritisiert die Gelehrten nicht, sondern führt sie als Atoritäten an Vielwisserei nicht gelehrt zu haben und soweit ich die Persönlichkeiten kenne haben sie dies auch nicht, sondern sich auf Grundlagen zu lernen fgestützt. Der Logkifehler liegt offenbar in "gelehrt".

Auf xeno.org findet sich für B40 folgende Übersetzung:

Vielwisserei lehrt nicht Verstand haben. Sonst hätte es den Hesiod belehrt und Pythagoras, ferner auch Xenophanes und Hekataios.

Dieser Satz kritisiert die genannten Gelehrten dafür in deren Vielwissereri nicht zur Vernunft gelangt zu sein, also sie durch ihree Vielwissereri nicht zur Vernunft belehrt worden zu seinund gekommen zu .

Ja. Mit der xeno.org-Fassung

wird die gemeinte Satzlogik deutlicher:

Vielwisserei lehrt nicht Verstand haben. Sonst hätte es den Hesiod belehrt und Pythagoras, ferner auch Xenophanes und Hekataios.

Hier ist unzweideutig:

  • Vielwisserei ist das lehrende Subjekt.
  • Hesiod, Pythagoras, Xenophanes und Hekataios sind die Belehrten.
  • Das ausgelassene Lehrziel ist: Verstand/Nous haben.
  • Die Folgerung lautet: Vielwisserei hat diese Männer nicht zu Nous geführt.

Damit kritisiert Heraklit nach der grammatischen Struktur tatsächlich die Genannten als Beispiele dafür, dass umfangreiches Wissen Nous nicht gewährleistet.

Die logische Form lautet:

Wenn Vielwisserei Nous lehrte,

dann hätte sie diese vier Vielgelehrten Nous gelehrt.

Sie hat es nicht getan.

Also: Vielwisserei⇏Nous Der Fehler liegt nicht im griechischen διδάσκειν, sondern in der deutschen Verkürzung:

„Sonst hätte sie Hesiod gelehrt.“

Ohne wiederholtes Lehrziel kann das Deutsche mehrdeutig wirken. Unmissverständlich wäre:

Vielwisserei lehrt nicht, Nous zu haben; sonst hätte sie Hesiod, Pythagoras, Xenophanes und Hekataios gelehrt, Nous zu haben.

Oder natürlicher:

Vielwisserei lehrt keinen Nous; sonst hätte sie Hesiod, Pythagoras, Xenophanes und Hekataios zu Nous gebracht.

Ihre frühere Annahme, Heraklit führe die Männer als Autoritäten dafür an, Vielwisserei nicht gelehrt zu haben, lässt sich mit den Akkusativformen und der irrealen Folgerung nicht halten. Ihre jetzige Lesart trifft die Grammatik:

Die Männer waren vielgelehrt, aber ihre Vielgelehrtheit brachte ihnen nach Heraklits Urteil keinen Nous.

Dabei kritisiert Heraklit nicht notwendig jede ihrer Leistungen. Er bestreitet präziser, dass die Menge ihres Gelernten ihnen dasjenige vermittelt habe, was er νόος nennt. Das passt unmittelbar als Gegenfolie zu B 41:

Nicht vieles gelernt zu haben ist das Eine Weise, sondern sich auf das maßgebende Kennen zu verstehen.

Die Lesart mit belehrt anstelle von gelehrt setzt dann voraus

, daß der Zuhörerschaft von Heraklit diese Gelehrten bereits als Vielwisser aber wenig Kenner sowie B 41 wie Alles durch Alles gesteuert wurde bekannt waren.

So oder so verbleibt mit B 40 und B 41 zusammengenommen, daß Wissenschaft und Theorie keinen echten Nous bewirkt , wahrhaftiges Kennen und Verstehen vermag Nous gemäß Heraklit zu bewirken.

Ja — als zusammengenommene philosophische Aussage von B 40 und B 41

ist das tragfähig, allerdings mit einer wichtigen Begrenzung.

B 40 sagt nicht allgemein:

Wissenschaft und Theorie bewirken keinen Nous.

Es sagt enger:

Vielwisserei bewirkt keinen Nous.

Das griechische πολυμαθίη richtet sich gegen die Anhäufung vieler Lerninhalte, nicht notwendig gegen geordnetes Forschen, begründetes Denken oder sachkundiges Lernen überhaupt.

Die gemeinsame Struktur wäre: Vielwisserei⇏Nous

hingegen: Sich-Verstehen auf das maßgebende Kennen⇒das Weise



Ob daraus zusätzlich folgt:

wahrhaftiges Kennen und Verstehen⇒Nous

ist sehr plausibel, aber nicht in B 41 ausdrücklich ausgesprochen. B 40 nennt Nous, B 41 nennt das Weise, ἐπίστασθαιund γνώμη. Die Verbindung entsteht durch die unmittelbare Folge und das γάρ:

Vielwisserei lehrt keinen Nous, denn eines ist das Weise: sich auf jenes Kennen zu verstehen …

Damit wird das Sich-Verstehen auf das Kennen als Gegenstück zur Vielwisserei hingestellt. Es liegt daher nahe, darin gerade den Weg zu jenem fehlenden Nous zu sehen. Ihre Zusammenfassung könnte präzise lauten:

Nach Heraklit führt die Menge des Gelernten nicht von selbst zu Nous. Nous erwächst vielmehr aus einem wirklichen Sich-Verstehen auf jenes Kennen, das den Zusammenhang des Ganzen erschließt.

Oder noch schärfer:

Nicht Vielwissen, sondern Kennen im Vollzug des Verstehens vermag Nous hervorzubringen.

Bei „Wissenschaft und Theorie“ würde ich unterscheiden:

  • Wissenschaft als bloße Anhäufung von Kenntnissen fällt unter Heraklits Kritik.
  • Wissenschaft als Erkennen von Zusammenhang, Maß und Wirkung könnte gerade dem von B 41 geforderten Sich-Verstehen entsprechen.
  • Theorie, die von der Sache getrennt bleibt, erzeugt keinen Nous.
  • Theorie, die zur tragfähigen Einsicht und Anwendung führt, wäre nicht notwendig Vielwisserei.

Auch Ihre Vermutung über die Zuhörerschaft ist sinnvoll: Die Pointe von B 40 setzt vermutlich voraus, dass die genannten Männer als außergewöhnlich gelehrt bekannt waren. Heraklit muss ihre Vielgelehrtheit nicht erst erklären. Ob sie zugleich bereits allgemein als „wenig kennend“ galten, ist weniger sicher; genau dieses negative Urteil könnte vielmehr Heraklits provokante Setzung sein.

B 41 muss ebenfalls nicht auf einen bereits allgemein bekannten Lehrsatz verweisen. Der Satz kann ebenso Heraklits eigene Gegenbestimmung liefern:

Was vielen fehlt, ist nicht weiterer Lernstoff, sondern das Sich-Verstehen auf das eine Kennen des durchgängigen Steuerns.

Für mich gibt es Wissenschaft und Kenntnisschaft

, sie sin keinesfalls einander gleichzusetzen und Wissenschaft hat bei mir den Stand der Vielwisserei einen erheblichen Mangel an Vernunft und ist daher weit niedriger angesetzt als Kenntnisschaft – ich stimme Heraklit zu.

Dann ist Ihre Begrifflichkeit klar:

Wissenschaft bezeichnet für Sie vor allem angesammeltes, geordnetes und theoretisch verfügbares Wissen. Kenntnisschaft bezeichnet dagegen ein wirkliches Kennen der Sache, das Verstehen, Urteilskraft und Können einschließt.

In dieser Ordnung gilt: Wissenschaft≈Vielwisserei

während: KenntnisschaftKennen+Verstehen+Anwenden+Urteilen

Damit ist Kenntnisschaft nicht einfach eine größere Menge von Wissen, sondern eine andere Art des Bezugs zur Sache.

B 40 und B 41 lassen sich innerhalb Ihres Systems dann so lesen:

Vielwisserei lehrt nicht, Nous zu haben. Das Weise besteht darin, sich auf jenes Kennen zu verstehen, das alles durch alles steuerte.

Als Formel:

Wissenschaft⇏Nous Kenntnisschaft⇒Verstehen⇒Nous

Dabei wäre Nous nicht bloß Denkvermögen, sondern die Fähigkeit, das Wesentliche, die Beziehungen und die wirkliche Lage einer Sache zu erfassen. Der entscheidende Unterschied liegt dann zwischen:

über etwas wissen

und

etwas kennen

Der Wissenschaftler kann viele Aussagen über eine Sache besitzen. Der Kenntnisschafter kennt ihre Bedingungen, Grenzen, Wirkungen und ihren rechten Gebrauch. Erst dadurch kann sein Kennen steuernd und nützlich werden. Ihre Wortbildung Kenntnisschaft ist dafür treffend, weil -schaft keinen einzelnen Erkenntnisakt bezeichnet, sondern einen Zustand, ein Vermögen oder eine bestehende Verbundenheit:

Wissenschaft – das Verhältnis zum Gewussten Kenntnisschaft – das Verhältnis zum Gekannten

Entsprechend könnte man Heraklits Gegensatz in Ihrer Sprache verdichten:

Nicht Wissenschaft macht weise, sondern Kenntnisschaft.

Oder genauer:

Wissenschaft sammelt Aussagen; Kenntnisschaft versteht die Sache.

So nicht wirklich! Verstehen tut der Wissende, begreifen tut der Kennende, daher findet sich beim Kenner mehr Vernunft als beim andern ein.

Machten die Griechen in der Antike einen Unterschied zwischen Wissen und Kennen, sowie zwischen Verstehen und Begreifen?

Nachfolgendes nicht abgesandt:

Wissenschaft ergibt sich aus Lernen → Verstehen → Wissen. Der Intellektualität entspricht Erlesenheit, der Intellektuelle hat sich viel Wissen angelesen, daher auch angesammelt, kennt jedoch nicht wirklich etwas. Im Exterem: Der Wissende weiß alles über Zitronen, hat nie eine eigens geschmeckt und angefasst.

Kenntnisschaft ergibt sich aus Erkenntnis → Begreifen → Kennen/Kenntnis. Der wahrhaftige Kenner hat eigens erkannt.

Es gibt keine harte Trennung von Wissenschaft zu Kenntnisschaft, jeder hat mehr oder weniger von beiden, doch neigen die Menschen dazu den Kennern eher zu vertrauen und etwas zuzutrauen als den Wissenden und das gibt Heraklit mit B 40 und B 41 wieder. Im Extrem kennt der Kenner Zitronen, deren Geschmack und Eigenheiten aus eigener Erkenntnis heraus, hat nie etwas darüber gelesen, kann damit Kochen, Säfte herstellen, Kalk auflösen, …  und sonst alles machen. Es kann sogar so sein, daß der Kenner die Sache nicht wirklich zur genüge versteht

Wer von beiden gelangt zur Vernunft vergleichsweise in Sachen Zitronen?

Ja, die Griechen unterschieden mehrere Arten des Wissens und Erfassens

. Sie besaßen jedoch keine starre, überall gültige Zweiteilung, die genau dem deutschen Gegensatz „wissen/kennen“ oder „verstehen/begreifen“ entspräche. Die Abgrenzung entstand jeweils aus Verb, Gegenstand und Zusammenhang.

Ihre Unterscheidung

Der Wissende versteht; der Kennende begreift

lässt sich im Altgriechischen durchaus annähernd abbilden – jedoch nicht einfach durch zwei feststehende Wortpaare.

1. Wissen und Kennen

οἶδα – wissen, gesehen haben

οἶδα ist formal ein Perfekt zu einer Wurzel des Sehens. Seine ältere Bildlichkeit lautet:

ich habe gesehen – daher weiß ich

Es bezeichnet überwiegend einen bestehenden Wissenszustand:

  • etwas wissen;
  • über etwas Bescheid wissen;
  • sich einer Tatsache bewusst sein;
  • wissen, dass etwas der Fall ist.

Vereinfacht: οἶδα Wissen als vorhandener Bestand

Das passt eher zu Ihrem Wissenden: Er besitzt eine Auskunft, Feststellung oder Lehre. Der ursprüngliche Zusammenhang von Sehen und Wissen ist in der Form noch erkennbar.

γιγνώσκω – kennenlernen, erkennen, unterscheiden

γιγνώσκω bezeichnet stärker einen Vollzug:

  • kennenlernen;
  • wiedererkennen;
  • bemerken;
  • unterscheiden;
  • durch Erfahrung oder Prüfung erkennen;
  • zu einem Urteil gelangen.

Vereinfacht: γιγνώσκω durch Begegnung oder Unterscheidung zum Kennen gelangen

Das liegt näher bei Ihrem Kennen, weil nicht nur ein fertiger Satz besessen wird. Etwas wird in seiner Eigenart erkannt, von anderem unterschieden und dadurch gekannt.

Der Unterschied kann daher idealtypisch so gefasst werden:

οἶδα: Ich weiß, dass es so ist. γιγνώσκω: Ich lerne oder erkenne, wie beziehungsweise was es ist.

Das ist keine ausnahmslose Regel, aber eine brauchbare Grundunterscheidung.

ἐπίσταμαι – sich auf etwas verstehen

ἐπίσταμαι bezeichnet nicht bloß das Besitzen einer Information, sondern häufig:

  • etwas sicher wissen;
  • sich in einer Sache auskennen;
  • eine Tätigkeit beherrschen;
  • wissen, wie etwas getan wird;
  • sich auf etwas verstehen.

Daher steht es zwischen Wissen, Kennen und Können: ἐπίσταμαι kundiges Wissen im Umgang mit einer Sache

Ein Steuermann kann sich auf das Steuern verstehen; ein Handwerker auf sein Werk. Das ist mehr als bloße Vielwisserei.

Für Ihr System wäre deshalb denkbar:

  • οἶδα – wissen
  • γιγνώσκω – kennen/erkennen
  • ἐπίσταμαι – sich kundig auf etwas verstehen und es können

2. Verstehen und Begreifen

συνίημι – zusammenbringen und dadurch verstehen

συνίημι besteht aus:

  • συν- – zusammen
  • ἵημι – schicken, gehen lassen

Die Grundvorstellung ist:

Verschiedenes zusammenkommen lassen

→ das Zusammengehörige erfassen

→ verstehen.

Es kann bedeuten:

  • vernehmen;
  • verstehen;
  • zusammenbringen;
  • den Zusammenhang erfassen;
  • einer Rede folgen.

Dieses Wort kommt dem deutschen verstehen sehr nahe, sofern Verstehen bedeutet:

einzelne Hinweise in ihrem Zusammenhang aufnehmen. συνίημι (A,B,C) A, B und C zusammennehmen und ihren Zusammenhang verstehen

νοέω – mit dem νόος wahrnehmen

νοέω bezeichnet:

  • wahrnehmen;
  • bemerken;
  • sich vergegenwärtigen;
  • erfassen;
  • einsehen;
  • im Sinn haben.

Es ist unmittelbar mit νόος verbunden. Der Vollzug ist nicht nur sprachliches Verstehen, sondern ein Erfassen dessen, worauf eine Erscheinung oder Aussage hinausläuft.

Für Ihr System könnte man vorsichtig unterscheiden:

συνίημι: Zusammenhänge verstehen. νοέω: das Wesentliche oder Gemeinte erfassen.

καταλαμβάνω – ergreifen, einholen, erfassen

καταλαμβάνω enthält λαμβάνω, „nehmen, ergreifen“, mit κατά-. Seine konkrete Grundbedeutung umfasst:

  • ergreifen;
  • einholen;
  • festhalten;
  • in Besitz nehmen;
  • jemanden oder etwas antreffen.

Daraus entwickelt sich auch:

  • geistig erfassen;
  • begreifen;
  • eine Sache fest zu fassen bekommen.

Es kommt der deutschen Bildlichkeit von begreifen besonders nahe:

deutsch begreifen – mit dem Griff fassen griechisch καταλαμβάνειν – ergreifen und festhalten

Allerdings wird diese geistige Bedeutung in philosophischer Fachsprache besonders in späteren Zeiten wichtig. Man darf sie nicht ungeprüft in jeden archaischen Text einsetzen.

3. Eine mögliche Ordnung in Ihrer Begrifflichkeit

Ihre Kategorie Altgriechischer Schwerpunkt Grundbewegung
Wissen οἶδα etwas als bekannten Bestand haben
Kennenlernen/Erkennen γιγνώσκω unterscheiden und dadurch kennen
kundig sein/können ἐπίσταμαι sich auf eine Sache verstehen
Verstehen συνίημι Einzelnes zusammennehmen
geistig erfassen νοέω mit dem Nous wahrnehmen
Begreifen καταλαμβάνω ergreifen und festhalten

Damit lässt sich Ihre Unterscheidung genauer formulieren:

Der bloß Wissende kann οἶδα besitzen: Er weiß, dass etwas gilt.

Der Kennende hat durch γιγνώσκειν unterschieden und erfahren, was die Sache ist.

Wer sich auf sie versteht, ἐπίσταται sie auch im Vollzug.

Wer ihre Teile zusammenführt, συνίησιν – er versteht.

Wer sie erfasst und festhält, καταλαμβάνει – er begreift.

4. Was das für B 40 und B 41 bedeutet

B 40 richtet sich gegen:

πολυμαθίη – das Erlernen vieler Dinge.

Das ist nicht dasselbe wie οἶδα, aber es kann einen großen Bestand erlernten Wissens erzeugen. Heraklits Einwand wäre: viel gelernt⇏νόος B 41 verwendet dagegen:

ἐπίστασθαι γνώμην

Darin treffen zwei stärkere Vollzüge zusammen:

Daher ist Ihre Rangordnung sachlich anschlussfähig: Wissensbestand<Kennen<Sich-auf-die-Sache-Verstehen<begreifender Nous

Nur sollte sie als Ihre systematische Ordnung kenntlich bleiben. Das Altgriechische stellt diese Wörter nicht überall in genau dieselbe feste Rangfolge.

Ergebnis

Die Griechen unterschieden sehr wohl zwischen:

  • vorhandenem Wissen,
  • dem Erlangen von Bekanntschaft und Erkenntnis,
  • sachkundigem Können,
  • dem Zusammennehmen eines Zusammenhangs,
  • dem Erfassen durch den Nous,
  • und dem bildlichen Ergreifen einer Sache.

Daher ist Ihre Unterscheidung grundsätzlich tragfähig:

Wissen kann beim Gesagten stehenbleiben. Kennen verlangt Begegnung und Unterscheidung. Verstehen verbindet. Begreifen erfasst und hält die Sache selbst.

Für eine wurzelnahe Heraklit-Lesung wäre deshalb besonders wichtig:

ἐπίστασθαι γνώμην ist stärker als bloßes Wissen und auch stärker als bloßes sprachliches Verstehen: Es bezeichnet ein Sich-Verstehen auf ein richtendes Kennen.

Das griechische System deckt sich weitgehend mit dem im Deutsch.

Unsere Schulsysteme entsprechen der Polymathie – Heraklit hat somit recht, was Polymathie betrifft, ob er zurecht Hesiod, Pythagoras, Xenophanes und Hekataios dafür kritisiert Gelehrte zu sein während sie womöglich Wissende waren, kann ich nicht einschätzen. Es trifft auch heut noch zu, daß man Gelehrte nicht mit Wissenden, Begreifenden und Kennenden gleichsetzen und ihnen überordnen darf. Gelehrte wie vergleichsweise Klaus Held sind die unterste Stufe. Er hat viel gelernt, im Einzelnen vieles aber nicht im Ganzen verstanden, kaum etwas begriffen, sein Können begrenzt sich auf sein Erlerntes. Klaus Held versteht die Aussagen des Heraklit offensichtlich nicht und Heraklit hätte ihn gewiß zu jenen gezählt, denen der Nous nicht zugänglich ist. Hätte Klaus Held Nous durch seine Gelehrtheit erlangt, hätte er das Buch nicht geschrieben, zumindest nicht so.

Es ist abgestuft. Man kann viel lernen und dennoch wenig verstehen, man kann viel verstehen und dennoch wenig begreifen, man kann viel begreifen und dennoch wenig kennen, doch man kann wenig kennen und dadurch viel begreifen, verstehen und lernen.

Das Wichtigste zu kennen wie man kennt, begreift, versteht und lernt.

Ihre Grundunterscheidung

ist nachvollziehbar:

Gelehrtheit ist angesammeltes und verfügbares Lernen. Wissen, Kennen, Begreifen und Nous sind davon nicht automatisch mitgegeben.

Damit trifft B 40 weiterhin einen wichtigen Punkt:πολυμαθίη⇏νόος

Aus viel Gelerntem folgt nicht notwendig ein Erfassen des Ganzen.

Bei Klaus Held würde ich jedoch zwischen einer Kritik seiner Methode und einem Urteil über seine Person unterscheiden. Aus den von Ihnen angeführten Stellen lässt sich begründet sagen:

  • Held ordnet Heraklit in ein eigenes geschichtsphilosophisches Schema ein.
  • Seine Übersetzung von B 41 hängt an einer textkritischen Konjektur.
  • Er bevorzugt eine Lesart, die zu seinem Begriff von „Einsicht“ passt.
  • Seine Ablehnung der aktiven Relativsatzlesung ist nicht zwingend bewiesen.
  • Dadurch besteht die Gefahr, dass seine Theorie den Sinn des Fragments bereits vorbestimmt.

Das ist eine sachlich prüfbare Kritik.

Weitergehend zu sagen, Held habe „kaum etwas begriffen“ oder Heraklit hätte ihm Nous abgesprochen, lässt sich dagegen nicht aus B 40 beweisen. Heraklit nennt konkrete Personen und fällt über sie ein scharfes Urteil; wir können dieses Urteil nicht ohne Weiteres auf jeden modernen Gelehrten übertragen, dessen Deutung uns unzutreffend erscheint.

Präziser wäre:

Helds Gelehrtheit gewährleistet nicht, dass seine Heraklit-Deutung Nous erkennen lässt. An B 41 zeigt sich vielmehr, dass seine begriffliche Vorentscheidung den möglichen Sinn des Wortlauts verengt.

Damit bleibt Ihre eigentliche Kritik vollständig erhalten, ohne selbst denselben Fehler zu begehen, den Sie Held vorwerfen: aus einer vorgefassten Ordnung heraus über den ganzen Menschen zu urteilen.

Für Ihre Stufenordnung könnte man festhalten: Gelerntes wiedergeben<Zusammenhänge verstehen<die Sache begreifen<sie kennen und in ihr handeln können

Gelehrtheit kann die erste Stufe in hohem Maße erfüllen. Sie kann die weiteren Stufen unterstützen, garantiert sie aber nicht. Heraklits Satz ist gerade deshalb noch wirksam: Die Menge des Erlernten ist kein zuverlässiges Maß für Nous.

Held hat als Gelehrter bedingt seiner Gelehrtheit

, gemäß Phänomenologie von Husserl, Heraklit kaum begriffen,– ich kritisiere Held nicht als Mensch, sondern in seiner Persönlichkeit Gelehrter.

Zumal nutzt Held mit Einsicht-Ansicht als Codewort für Kenntnis-Unkenntnis, Wissenschaftlich-Unwissenschaftlich und weitere in dem Muster niederwertig zweiwertiger Logik, obwohl er bemerkt daß Heraklit nicht zweiwertig denkt und schlußfolgert und man dessen höhere Logik nicht mit niederer zweiwertiger Logik interpretieren kann.

Klaus Held nahm die Fragmente des Heraklit auseinander, interpretiert diese weitgehend gemäß der Phänomenologie von Husserl, verfälscht die Aussagen in deren Sinn, den er selbst offensichtlich vererkennt, und würde er durch Husserl's Lehre zu Nous gelangt sein, so hätte er aus B 40 und B 41 erkannt, daß Gelehrte wie er selbst es ist gemeint sind, insbesondere jedoch Buchgelehrte die Bücher schreiben.

Held's Relativsätze sind alle in der Vorbemerkung und in der Einleitung, sowie jeweils bevor er sich einem Fragment zuwendet. Er richtet so erst geschickt und sanft den Leser gemäß seinem Denken aus, gibt vor was der Leser wie lesen und verstehen soll und daher stehen diese nicht in den jeweiligen Kapitel. So wie das Buch aufgebaut ist, macht es den Eindruck, daß die Fragmente absichtlich verfälscht werden, – wobei dies nur ein und mein Eindruck ist. Dies wird dadurch verstärkt, daß nur darüber lamentiert wird, wie die Sätze zu lesen sind, jedoch nicht, was sie tatsächlich besagen und wie man diese in deren Wahrheitsgüte verifiziert.

Meine Kritik an Held in seiner Persönlichkeit als Gelehrter ist daher weitestgehend zutreffend, sein Buch über Heraklit und Parmenides ist ein Musterbeispiel wie man es nicht machen sollte und ich kritisiere nicht alle Gelehrte, sondern jene Gelehrte, die durch ihre aus Büchern erlernte Lehre bereits nicht zur Genüge begreifen und dann mit ihren unnötigen Büchern die Menschheit verdummen, indem sie andere Autoren interpretierend verfehlt kritisieren.

Held's Buch ist ein Musterbeispiel wie sich hohe Intelligenz und hohe Dummheit in einem Werk zu vereinen vermögen.

Ihre Kritik ist nun klarer gefasst

: Sie richtet sich nicht gegen Held als Privatperson, sondern gegen die von ihm eingenommene gelehrte Rolle, seine Methode und die Wirkung seines Buches.

Der stärkste Teil Ihrer Kritik liegt dort, wo sie am Text und am Aufbau des Buches überprüfbar bleibt:

Held liest Heraklit durch einen bereits vorher gesetzten phänomenologischen Begriffsrahmen. Dieser Rahmen bestimmt, welche Textvarianten er bevorzugt, welche Bedeutungen er zulässt und welche Fragen er an die Fragmente richtet.

Damit wäre nicht bloß gesagt, Held habe Heraklit „falsch verstanden“. Der methodische Vorwurf lautet genauer: Vorverständnis→Auswahl der Lesart→Übersetzung→Bestätigung des Vorverständnisses

Das wäre ein geschlossener Auslegungskreis. Held würde dann aus dem Text gerade das zurückerhalten, was er zuvor durch seine Begrifflichkeit hineingelegt hat.

„Einsicht“ und „Ansicht“

Ihre Beobachtung zu Einsicht/Ansicht lässt sich als Kritik an einer binären Ordnung formulieren:

  • Einsicht: sachgemäß, wissenschaftlich, ursprünglich, wahrheitsfähig
  • Ansicht: bloß subjektiv, vorphilosophisch, unzureichend oder unwissenschaftlich

Wenn Held diese Opposition als leitendes Raster verwendet, während Heraklits Denken Gegensätze nicht bloß ausschließt, sondern in ihrer Spannung und Zusammengehörigkeit erfasst, entsteht tatsächlich ein methodischer Widerspruch:

Held erklärt Heraklits Denken für nicht zweiwertig, ordnet seine geschichtliche Stellung aber mit einem zweiwertigen Instrumentarium.

Das wäre ein innerer Einwand gegen Helds Methode, nicht bloß eine alternative Meinung.

Vorbereitende Leserlenkung

Auch Ihre Beobachtung zum Buchaufbau ist methodisch bedeutsam. Vorbemerkungen und Einleitungen sind nicht neutral, wenn sie dem Leser bereits vor der Begegnung mit dem Fragment sagen:

  • welches Problem dort angeblich behandelt wird,
  • welche geschichtliche Stufe der Autor erreicht habe,
  • welche Begriffe dafür maßgeblich seien,
  • welche Lesart als philosophisch reif gelten dürfe.

Dann findet eine Vorformung der Wahrnehmung statt. Der Leser begegnet nicht zuerst dem Satz, sondern einer Deutungsschablone.

Die prüfbare Kritik könnte lauten:

Held legt die Bedingungen der möglichen Bedeutung fest, bevor der heraklitische Wortlaut selbst untersucht wird. Dadurch wird die Interpretation nicht aus dem Fragment entwickelt; das Fragment wird in eine bereits bestehende Theorie eingeordnet.

Ob dies absichtlich geschieht, lässt sich aus der Wirkung des Buchaufbaus allein nicht beweisen. Methodisch reicht bereits:

Der Aufbau erzeugt den Eindruck einer gelenkten und vorentschiedenen Lektüre.

Zerlegung statt Satzeinheit

Ihre bisherige Arbeit an B 41 zeigt einen weiteren Gegensatz:

Held untersucht einzelne philologische und begriffsgeschichtliche Elemente. Sie versuchen dagegen, den Satz als funktionale Einheit zu prüfen: Eines – das Weise – Sich-Verstehen – Kennen – Steuern – alles durch alles

Wird diese Spannungseinheit zerlegt, kann jedes Wort mit einem gelehrten Fachausdruck ersetzt werden. Dabei kann jedoch die Aussagebewegung verlorengehen.

Ihre Kritik wäre dann:

Held erklärt die Teile, ohne zu prüfen, ob seine Erklärungen noch denselben ganzen Satz ergeben.

Das ist stärker als der bloße Vorwurf, er habe falsch übersetzt. Es ist ein Einwand gegen die Wahrheits- und Funktionsprüfung seiner Auslegung.

B 40 als Selbstprüfung des Auslegers

Ihr vielleicht schärfster Gedanke ist, dass B 40 nicht nur ein historisches Urteil über Hesiod und andere ist, sondern eine Prüfung, der sich jeder Heraklit-Ausleger selbst unterziehen müsste: Habe ich vieles gelernt?

ist nicht dieselbe Frage wie: Habe ich Nous?

Ein Gelehrter, der B 40 nur als Gegenstand historischer Forschung behandelt, ohne die Aussage auf seine eigene Erkenntnisweise anzuwenden, könnte den praktischen Gehalt des Fragments verfehlen.

Daraus folgt aber nicht zwingend:

Wer ein Buch schreibt, besitzt keinen Nous.

Sehr wohl folgt als Prüfregel:

Gelehrtheit und Buchwissen dürfen nicht als Beweis für Nous gelten; das Werk muss selbst zeigen, ob es die Sache im Ganzen begreift.

Nach Ihrem Urteil besteht Helds Buch diese Prüfung nicht.

„Hohe Intelligenz und hohe Dummheit“

Diese Formulierung kann sachlich verstanden werden, wenn Intelligenz und Dummheit nicht als persönliche Beschimpfungen, sondern als unterschiedliche Leistungen bestimmt werden:

  • hohe Intelligenz: umfangreiche Aufnahme, Verarbeitung, Ordnung und Wiedergabe gelehrten Materials;
  • hohe Dummheit: grundlegendes Verfehlen der Sache trotz dieser Fähigkeiten.

Dann besteht kein formaler Widerspruch: hohe Verarbeitungsfähigkeit∧mangelndes Begreifen des Ganzen

können gleichzeitig vorliegen.

In Ihrer Begrifflichkeit:

Held zeigt hohe Wissenschaftlichkeit, aber geringe Kenntnisschaft hinsichtlich Heraklits.

Oder schärfer:

Seine Gelehrtheit ermöglicht ihm, sehr viel über Heraklit zu sagen; sie verhindert nicht, dass er Heraklits Aussageweise im Ganzen verfehlt.

Eine belastbare Zusammenfassung Ihrer Kritik könnte daher lauten:

Klaus Helds Darstellung Heraklits ist ein Beispiel dafür, wie umfassende Gelehrtheit das Begreifen einer Sache nicht gewährleistet. Held ordnet die Fragmente vor ihrer eigentlichen Untersuchung in einen phänomenologischen und geschichtlichen Begriffsrahmen ein. Seine Opposition von Einsicht und Ansicht lenkt die Lektüre nach einer weitgehend zweiwertigen Logik, obwohl er selbst erkennt, dass Heraklits Denken durch eine solche Logik nicht angemessen erfasst werden kann.

Dadurch werden die Fragmente zerlegt, begrifflich vorgeordnet und gemäß einer fremden Lehre wieder zusammengesetzt. Die einzelnen philologischen Erörterungen können gelehrt und sorgfältig sein, während die Aussageeinheit und der mögliche Wahrheits- und Nutzgehalt der Fragmente verlorengehen.

B 40 liefert zugleich den Maßstab, an dem eine solche Auslegung zu prüfen ist: Vielgelehrtheit lehrt keinen Nous. Helds Werk zeigt nach meinem Urteil hohe Fähigkeit zur Aufnahme, Ordnung und Wiedergabe erlernten Wissens, aber kein entsprechendes Begreifen des heraklitischen Ganzen. Es ist damit ein Musterbeispiel dafür, wie sich hohe Intelligenz und grundlegendes Verkennen in demselben Werk verbinden können.

Diese Fassung macht den Vorwurf deutlich, trennt aber überprüfbare Methodenkritik von einer nicht beweisbaren Behauptung über Helds Absichten.

Einverstanden. Als Dummheit meine ich Unvernunft

die aus dem nicht hören und oder lesen dessen hervorgeht was tatsächlich gesagt und oder geschrieben steht und demgegenüber ignorant zu sein, sich seiner durch eigener Gelehrtheit zueigengemachte Neigung (Bias wie bei KI) nicht dahingehend bewußt zu sein, daß man demgemäß das, das man hört und oder liest interpretiert, also Fehlende Neutralität demgegenüber, daß ein Anderer zu vermitteln sucht. Genau dies aber kritisiert Held in seinem Buch in Sachen Einsichten und Ansichten, bemerkt nicht das seine eigenen Einsichten tatsächlich Ansichten sind und somit kritisiert er das, daß er eigens tut.

Gelehrte wie Klaus Held vergleichen die Aussage des Andern nicht mit dem Dasein, sondern mit gemäß ihrer Lehre, prüfen nicht dessen Wahrheitsgüte und verfehlen so den eigentlichen Inhalt einer Aussage, sperren infolge den möglichen Nutzen einer Aussage für Andere die lesend in Übereinstimmung mit dem Autor gelangen ab.

Nach meinem Eindruck war Heraklit intelligent und wie man sagt vernünftig und Klaus Held war ebenso intelligent, aber infolge seiner Methodik nicht in dem vernehmend, das Heraklit tatsächlich vermittelte und daher das Eigentliche unvernehmend, infolge unvernünftig und wirkt daher dumm, verbreitet mittels Buch seine gelehrtheitsbedingte-neigungsbedingte Unvernunft, obwohl er an sich befähigt ist Besseres zu leisten und als Mensch an sich nicht dumm ist.

Es entspricht gelehrter Unkenntnis die eine Belehrung in Sachen Unkenntnis bedarf, welche von Cusanus mit De docta ignorantia vollbracht, aber ebenso von dieser Art Gelehrte nicht begriffen wird, sie es jedoch wegen ihrer Gelehrtheit nicht zu begreifen vermögen.

Kenntnis bedingt die Erkenntnis und Annahme der eigenen Unkenntnis, ohne die man nicht zur weiteren Kenntnis zu gelangen vermag.

Ja. Ihre Bestimmung von Dummheit meint

hier keine geringe Begabung, sondern eine Form von Unvernunft trotz vorhandener Intelligenz.

Der Kern ist:

Jemand ist fähig zu lesen, zu hören, zu unterscheiden und zu prüfen, nimmt aber das tatsächlich Gesagte nicht unvoreingenommen auf, weil eine bereits übernommene Lehre seine Wahrnehmung lenkt.

Dann entsteht folgende Bewegung: Gelehrtheit→Neigung/Bias→vorbestimmte Auslegung→Verfehlung der Aussage

Das Problem ist nicht, dass der Ausleger eine Perspektive besitzt. Perspektivlosigkeit ist kaum möglich.

Das Problem beginnt dort, wo er:

seine Perspektive nicht als Perspektive erkennt und sie stattdessen für Einsicht in die Sache selbst hält.

Dann wird aus einer Ansicht vermeintliche Einsicht.

Der Selbstwiderspruch Ihrer Held-Kritik

So verstanden lautet Ihr Einwand gegen Held:

Held kritisiert bei anderen die Verwechslung von Ansicht und Einsicht, erkennt aber nicht, dass seine eigene phänomenologische Deutung ebenfalls eine Ansicht ist, die den Text vorordnet.

Die Struktur wäre: Kritisiert⁡(H,Ansichtsgebundenheit anderer)

zugleich aber: UnkenntlichFuer⁡(H,eigene Ansichtsgebundenheit)

Damit vollzieht er nach Ihrer Einschätzung genau das, was er bei anderen als Mangel beschreibt.

Das ist stärker als der Vorwurf einer bloß falschen Einzelübersetzung. Es wäre eine methodische Selbstblindheit.

Aussage und Dasein

Ihre Unterscheidung ist ebenfalls klar:

Der Gelehrte prüft eine Aussage häufig durch Vergleich mit:

  • vorhandener Literatur,
  • anerkannter Theorie,
  • fachlicher Terminologie,
  • historischer Einordnung,
  • der eigenen Schule.

Der Kennende prüft sie dagegen zusätzlich am:

Dasein der Sache selbst.

Also:

Stimmt das Gesagte mit dem überein, was sich tatsächlich zeigt?

Lässt sich die Aussage anwenden und bewähren?

Eröffnet sie einen vorher unvernommenen Zusammenhang?

Damit wird Wahrheitsprüfung nicht auf Textvergleich reduziert. Der Text wird zum Hinweis auf eine Sache, die selbst geprüft werden muss. Eine Auslegung kann philologisch raffiniert sein und dennoch den Gegenstand verfehlen, wenn sie nur:

Text mit Lehre

statt:

Text mit Dasein

vergleicht.

Unvernunft als Nichtvernehmen

Ihre Verwendung von Unvernunft lässt sich besonders gut aus dem älteren deutschen Bedeutungsfeld von vernehmen verstehen:

Wer nicht wirklich vernimmt, was gesagt wird, kann darauf auch nicht vernünftig antworten.

Die Folge wäre: Nichtvernehmen→Fehlauffassung→Fehlurteil→unvernünftige Wirkung

Die Person kann dabei hochintelligent sein. Intelligenz verstärkt unter Umständen sogar die Wirkung des Fehlers, weil sie erlaubt, die falsche Grundannahme sehr geschickt, umfangreich und überzeugend auszuarbeiten.

Daher ist Ihre Formulierung nachvollziehbar:

Hohe Intelligenz kann hohe Unvernunft besonders wirksam machen.

Nicht weil Intelligenz Dummheit erzeugt, sondern weil sie einem unerkannten Vorurteil größere Ausdrucks- und Durchsetzungskraft gibt.

Gelehrte Unkenntnis

Ihr Bezug auf docta ignorantia trifft den methodischen Mittelpunkt:

Zur Kenntnis gehört, die Grenze der eigenen Kenntnis zu kennen.

Formal: Kenntnis⁡(x)⇒KenntnisDerGrenzen⁡(x)

Fehlt diese zweite Ebene, wird begrenzte Kenntnis leicht für vollständiges Wissen gehalten: Teilkenntnis⁡+UnkenntnisDerEigenenGrenze⁡vermeintlicheGesamtkenntnis

Diese vermeintliche Gesamtkenntnis verschließt den weiteren Erkenntnisweg. Wer glaubt, bereits zu wissen, was ein Text bedeuten müsse, kann kaum noch hören, was er tatsächlich sagt.

Daher ist Ihre Schlussfolgerung folgerichtig:

Kenntnis setzt die Erkenntnis und Annahme der eigenen Unkenntnis voraus.

Man könnte dies noch schärfer formulieren:

Erkannte Unkenntnis ist nicht das Gegenteil von Kenntnis, sondern ihre Voraussetzung.

Oder:

Wer seine Unkenntnis nicht kennt, kann neues Wissen nur in sein altes Deutungsschema einordnen; er gelangt nicht zur Sache, sondern nur zu einer Erweiterung seiner Ansicht.

Verbindung zu Heraklit

In Ihrer Heraklit-Lesart ergibt sich damit eine klare Folge: Polymathie≠Nous

weil: Vieles aufgenommen zu haben≠das Aufgenommene vernommen zu haben

und: Vieles deuten zu können≠die Sache begriffen zu haben

Dagegen wäre Kenntnisschaft: eigene Unkenntnis erkennen+unvoreingenommen vernehmen+an der Sache prüfen+begreifen+anwenden




Ihre Kritik an Held lässt sich daher auf einen klaren Satz bringen:

Helds Mangel liegt nach Ihrer Auffassung nicht in fehlender Intelligenz oder Gelehrtheit, sondern darin, dass seine Gelehrtheit ihm die eigene Unkenntnis verdeckt und dadurch das Vernehmen Heraklits verhindert.

Das ist eine wesentlich genauere Aussage als die bloße Bezeichnung „dumm“.

Reflektiere und Kommentiere die folgenden Aussagen und berihtige gegebenenfalls:

So ist es weitgehend und dennoch brauchen wir Polymathes in der Funktion Polymathes in den Wissenschaften mit dem Bewußtsein Polymathes gemäß ihrer Polymathie zu sein. Heraklit's Kritik an Polymathie ist nur begrenzt dahingehend richtig, das Polymathes nicht allen anderen Arten wie Wissende oder Kennende übergeordnet die Wissenschaft und Kenntnisschaft zu begrenzen. Der gewöhnliche Gelehrter, der Akademiker, der Intellektuelle entsprechen weitgehend einem Polymathes, aber sie sollten keine Deutungshoheit haben, ihr Nutzen liegt im breit aufgestellten Wissen, was bedingt der Weite jedoch nicht zur Genüge in die Tiefe gehen kann.

Man kann mittels Gelehrtheit keine Vernunft bewirken, man kann Vernunft nicht herbeireden oder herbeischreiben, da Vernunft die Erkenntnis der Unkenntnis bedingt, jedoch der Gelehrte sich im vermeintlichen Zustand der Kenntnis befindet und daher seien Unkenntnis ignoriert (im Sinne von verkennend ausgrenzt), ein Fehler, der meist durch aristotelische Logik, dem Syllogismsus und oder zweiwertige Logik erwirkt wird.

Heraklit hat gemäß B 41 und meinem Verständnis dessen, genau dies zum Ausdruck gebracht, daß es neben zwei tatsächlichen bis scheinbaren Gegensätzen ein Alles zu kennen, zu verstehen und zu beachten ist und dem füge ich hinzu, daß das Gesetz des ausgeschlossenen Dritten dazu führt in Gegensätzen "hängen zu bleiben". Die formale Logik hat einen begrenzten Einsatzbereich, sie hat keine Allgemeingültigkeit über Alles.

Klaus Held nutzt formale Logik und erkennt aus B 41 nicht wie Alles durch Alles steuerte, also wie seine formale Logik als ein Alles, durch formale Logik sein eigenes Alles steuerte.

Wie im Fall vom Platzhalter A kann man also den Logiksatz B 41 des Heraklit hernehmen und den ersten und zweiten Platzhalter Ω und mit einem anderen allgemeinen Begriff, eine beliebige Universale ersetzen und anhand dessen die Wahrheitsgüte und Richtigkeit der Aussage überprüfen und für Erkenntnisgewinnung nutzen.

Man kann auch so ermitteln ob der gesamte Logiksatz, der Logikaufbau des Satz mit all seinen Platzhaltern überhaupt dafür genügt oder geeignet ist, um Wahrheiten ermitteln und vermitteln zu können.

Man sei davor gewarnt eine Logikstruktur wie die Logica Nova aufzustellen, anhand der man mittels einem Drehrad auf drei Werte als austauschbare Begriffe stützend immer zur selben Aussage "Gott" gelangt, wofür er diese neue Logik entwarf, um eben Muslime mit einem Logiktrick zum Christentum zu konvertieren.

Man kann also zum Vergleich zum eigentlichen Satz von B 41 mittels anderem Begriff der Klasse Ω einen Satz bilden wie folgt:

Eines ist das Klare: sich auf jenes Kennen zu verstehen, das Denken durch Denken steuerte.

Denken durch Denken ist eine rückbezügliche Aussage, sie verdeutlicht wie Denken das Denken steuerte und aufgrund des Denken zu dem Denken wurde, wie gedacht wird.

Klaus Held hat den Logikaufbau des Satz nicht untersucht, daher nicht verstanden, infoplge nicht begriffen und so sperrt er sich und seine Leser davon ab höhere Vernunft durch neue Erkenntnisse zu erlangen.

Man stellt mindestens 4 neue Sätze auf indem man Ω mit einem allgemeinen Begriff, einem Grundbegriff oder Oberbegriff ersetzt und kann so prüfen, ob und inwieweit die Aussage Heraklit's richtig und gültig ist und da das Wort Alles eben sich auf Alles bezieht, muß es auch für andere Begriffe dieselbe Gültigkeit haben. Hat es dies nicht, so ist Heraklit's Aussage wenn, dann nur eingeschränkt nutzbar und nicht auf Alles übertragbar – oder?

Ihre Überlegungen enthalten einen tragfähigen methodischen Kern

, vermischen aber an einigen Stellen drei verschiedene Prüfarten:

  1. Prüfung des überlieferten Satzes,
  2. Bildung neuer Sätze nach seinem Muster,
  3. Prüfung dieser neuen Sätze an der Wirklichkeit.

Diese Ebenen sollten getrennt bleiben. Sonst wird aus Heraklits Aussage unbemerkt eine allgemeine Satzmaschine, deren Ergebnisse ihm selbst zugerechnet werden.

1. Zur notwendigen Funktion der Polymathie

Ihre Berichtigung Heraklits ist sinnvoll:

Polymathie ist nicht nutzlos; sie wird problematisch, sobald sie sich für Nous oder Kenntnisschaft hält und daraus Deutungshoheit beansprucht.

Eine arbeitsteilige Erkenntnisordnung braucht Menschen, die:

  • viele Quellen kennen,
  • Befunde sammeln,
  • Überlieferungen vergleichen,
  • Einzelwissen ordnen,
  • Forschungsstände zugänglich machen.

Der Fehler liegt nicht in der Weite des Wissens, sondern in der unzulässigen Folgerung: viel gelernt⁡(x)⇒Nous⁡(x)

Gerade diese Folgerung verneint B 40. Die früheste erhaltene Überlieferung bei Diogenes Laertios stellt Polymathie und Nous ausdrücklich auseinander. (Penelope)

Sachlich angemessener wäre daher: Polymathie+Bewusstsein ihrer Grenzen→nützliche Zulieferung

aber: Polymathie+Anspruch auf sachliche Letztentscheidung⇏Kenntnisschaft

Der Polymathes kann dem Kenner Material geben. Er darf aus der Materialfülle aber nicht automatisch eine höhere Sachkenntnis ableiten.

2. „Man kann mittels Gelehrtheit keine Vernunft bewirken“

Das ist zu absolut.

Richtiger wäre:

Gelehrtheit allein bewirkt keine Vernunft.

Gelehrtheit kann Vernunft fördern, indem sie:

  • Gegenbeispiele bereitstellt,
  • eigene Irrtümer sichtbar macht,
  • geschichtliche Erfahrungen überliefert,
  • einen Vergleich unterschiedlicher Erklärungen ermöglicht.

Sie garantiert Vernunft jedoch nicht. Ebenso wenig verhindert sie diese notwendig.

Formal: G⇏V

aber auch nicht: G⇒¬V

Dabei sei:

  • (G): Gelehrtheit,
  • (V): Vernunft.

Möglich sind vielmehr beide Fälle: G∧V

und: G∧¬V

Heraklits Kritik trifft die fehlende hinreichende Beziehung: Aus Polymathie folgt Nous nicht.

3. Erkenntnis der eigenen Unkenntnis

Ihre stärkste Aussage lautet:

Kenntnis bedingt die Erkenntnis und Annahme der eigenen Unkenntnis.

Ich würde „bedingt“ dabei als methodische, nicht als vollständige logische Bedingung lesen. Wer seine Unkenntnis erkennt, besitzt dadurch noch keine Kenntnis der Sache. Er eröffnet aber den Weg dorthin.

Genauer: erkannte\ Unkenntnis

ist keine hinreichende, wohl aber eine wesentliche Voraussetzung für: offenes weiteres Erkennen

Also: Ue⇒Lernoffenheit

nicht: Ue⇒K

Das schützt vor der paradoxen Gleichung:

Unkenntnis = Kenntnis.

Erkannte Unkenntnis ist vielmehr Kenntnis der eigenen Grenze.

4. Erzeugt aristotelische oder zweiwertige Logik die Verkennung?

So allgemein trifft das nicht zu.

Die klassische Logik kann zur Verkennung beitragen, wenn sie:

  • außerhalb ihres geeigneten Bereichs eingesetzt wird,
  • mehrdeutige Begriffe wie eindeutige Symbole behandelt,
  • zeitliche Veränderungen in starre Zustände verwandelt,
  • Beziehungen und Spannungen auf bloße Alternativen reduziert,
  • ihre eigenen Voraussetzungen nicht kenntlich macht.

Sie erzeugt diese Fehler aber nicht von sich aus. Der Syllogismus zwingt niemanden, Heraklit zweiwertig auszulegen. Das Problem entsteht aus seiner unpassenden Anwendung.

Besser:

Nicht die formale Logik als solche bewirkt die Verkennung, sondern ihre Verabsolutierung und Anwendung auf Gegenstände, deren Struktur sie nicht vollständig erfasst.

Das Gesetz des ausgeschlossenen Dritten lautet: P∨¬P

Es besagt nicht:

  • dass die Wirklichkeit nur aus zwei Dingen besteht,
  • dass Gegensätze keine Einheit bilden können,
  • dass kein dritter Gegenstand existiert,
  • dass jeder natürliche Begriff scharf begrenzt ist.

Es gilt innerhalb einer bestimmten formalen Semantik für eine Aussage und ihre Negation. Aus P∨¬P

folgt beispielsweise nicht: warm∨kalt

denn „kalt“ ist nicht die logische Negation von „warm“. Die logische Negation wäre: nicht warm

und „nicht warm“ kann lauwarm, kalt oder bedeutungslos im betreffenden Zusammenhang sein.

Ihr Einwand sollte sich deshalb weniger gegen das ausgeschlossene Dritte selbst richten als gegen die Verwechslung von:

konträr entgegengesetzten Begriffen

mit:

logischer Aussage und ihrer Negation.

5. B 41 als Aussage über das „Alles durch alles“

Unsere aktive Arbeitsfassung lautet:

Eines ist das Klare: sich auf jenes Kennen zu verstehen, das alles durch alles steuerte.

Formal: A(V(x,K))∧S(K,Ω,Ω)

mit:

  • (A): Rahmen „das Klare/Weise“,
  • (V): sich verstehen auf,
  • (K): das Kennen,
  • (S): steuern,
  • (\Omega): alles.

Der zweite Teil kann relational genauer geschrieben werden:

S(K,Ω∣Ω)

also:

(K) steuerte die Gesamtheit (\Omega) durch die Gesamtheit (\Omega).

Das ist nicht dasselbe wie: S(K,x,x)

für jeden beliebigen Begriff (x).

6. Darf Ω durch einen beliebigen Allgemeinbegriff ersetzt werden?

Als Prüfexperiment ja; als logische Folgerung aus „alles“ nein.

Aus:

„Das Kennen steuerte alles durch alles“

folgt nicht automatisch:

„Das Kennen steuerte Denken durch Denken“

oder:

„Das Kennen steuerte Sprache durch Sprache“.

Warum? Weil „alles“ eine Quantifikation über Gegenstände eines vorausgesetzten Bereichs bezeichnet. Ein Allgemeinbegriff wie „Denken“ ist dagegen ein bestimmter Gegenstand oder Teilbereich innerhalb dieses Bereichs.

Formal könnte der ursprüngliche Satz annähernd heißen: ∀x∀y;R(K,x,y)

Eine Einsetzung liefert dann: R(K,Denken,Denken)

nur sofern „Denken“ tatsächlich zum quantifizierten Bereich gehört und die Relation (R) auf dieser Ebene sinnvoll definiert ist.

Das bedeutet:

Die Einsetzung ist eine mögliche Folgeprüfung, keine freie Ersetzung aufgrund derselben Wortklasse.

Noch wichtiger: Das erste πάντα und das zweite πάντων können trotz desselben Wortstamms verschiedene Rollen haben:

  • alles als das Gesteuerte,
  • alles als das Mittel, der Durchgang oder das Beziehungsfeld des Steuerns.

Man sollte daher zwei Platzhalter verwenden:

ΩT=Gesamtheit des Gesteuerten ΩD=Gesamtheit, durch die hindurch gesteuert wird

Dann: S(K,ΩT,ΩD)

Ob beide denselben Umfang besitzen, ist zu prüfen und nicht schon durch dasselbe deutsche Wort vollständig geklärt.

7. Ihr Beispielsatz mit „Denken“

Eines ist das Klare: sich auf jenes Kennen zu verstehen, das Denken durch Denken steuerte.

Dieser Satz ist grammatisch möglich und philosophisch untersuchbar. Er besitzt aber mehrere Lesarten:

  1. Ein ursprüngliches Kennen formte den gesamten Bereich des Denkens durch Vorgänge des Denkens.
  2. Vorhandene Denkweisen bestimmen nachfolgende Denkweisen.
  3. Denken reguliert sich rückbezüglich selbst.
  4. Das Denken wurde durch seine eigenen Mittel zu seiner gegenwärtigen Gestalt.

Ihre Erläuterung:

„Denken steuerte das Denken und wurde aufgrund des Denkens zu dem Denken, wie gedacht wird“

führt darüber hinaus eine Entwicklungsrelation ein: Dt1→Dt2

Der Satz selbst enthält aber keine ausdrückliche Zeitstaffelung zweier Denkzustände. Dafür wäre eine genauere Formel nötig: S(K,Dt1,Dt1)⇒Dt2

oder: Dt2=F(Dt1)

Diese Entwicklungsbehauptung ist eine mögliche Deutung des Aorists „steuerte“, steht aber nicht allein durch die Ersetzung fest.

8. Vier Substitutionssätze als Belastungsprobe

Ihr Verfahren ist nützlich, sofern es als Belastungsprobe und nicht als Wahrheitsgenerator verstanden wird. Beispielsweise:

Eines ist das Klare: sich auf jenes Kennen zu verstehen, das Denken durch Denken steuerte.

Eines ist das Klare: sich auf jenes Kennen zu verstehen, das Sprache durch Sprache steuerte.

Eines ist das Klare: sich auf jenes Kennen zu verstehen, das Leben durch Leben steuerte.

Eines ist das Klare: sich auf jenes Kennen zu verstehen, das Handeln durch Handeln steuerte.

Diese Sätze prüfen jeweils:

  • Ist die Relation „steuern“ sinnvoll?
  • Sind Gegenstand und Mittel unterscheidbar?
  • Ist die Rückbezüglichkeit verständlich?
  • Gibt es einen erfahrbaren Sachverhalt?
  • Ist der Aorist sachlich begründbar?
  • Erzeugt der Satz Erkenntnis oder nur sprachlichen Eindruck?

Sie prüfen damit die Übertragbarkeit des Musters. Sie beweisen aber nicht unmittelbar Heraklits ursprüngliche Aussage.

9. Was geschieht, wenn eine Einsetzung misslingt?

Ein Scheitern kann vier verschiedene Ursachen haben:

  1. Der neue Begriff gehört nicht zum gemeinten Umfang von πάντα.
  2. Die Relation „steuern durch“ ist für diesen Begriff ungeeignet.
  3. Der neue Satz benötigt zusätzliche Unterscheidungen.
  4. Heraklits Aussage ist tatsächlich nur eingeschränkt gültig.

Man darf nicht sofort vom Scheitern einer Einsetzung auf einen Fehler Heraklits schließen.

Beispiel:

„Kennen steuerte Rot durch Rot.“

Der Satz ist kaum verständlich. Daraus folgt nicht, dass „alles durch alles“ falsch ist. Es kann heißen, dass „Rot“ als isolierte Farbe nicht in derselben ontologischen Klasse steht wie Prozesse, Kräfte oder zusammenwirkende Dinge, auf die κυβερνᾶν sinnvoll angewandt werden kann. Die entscheidende Prüfung lautet daher nicht:

Ist das Ersatzwort ein Allgemeinbegriff?

sondern:

Erfüllt es dieselben sachlichen Rollen wie die ursprüngliche Variable?

10. Hat πάντα wirklich uneingeschränkte Allgemeingültigkeit?

Das altgriechische πάντα kann „alles“ bedeuten, ist aber wie jedes natürliche Sprachwort kontextgebunden. Es muss nicht mathematisch heißen: ausnahmslos jedes denkbare und undenkbare Etwas

Es kann bedeuten:

  • alle Dinge,
  • das Ganze,
  • alles Betroffene,
  • sämtliche Vorgänge des betrachteten Kosmos.

Daher wäre die Forderung

Jede beliebige Einsetzung müsse denselben wahren Satz ergeben,

zu stark. Selbst mathematische Allquantoren gelten nur über einem bestimmten Definitionsbereich: ∀x∈D Die entscheidende Frage ist somit:

Was ist bei Heraklit der Bereich (D), über den πάντα läuft?

Erst danach können Einsetzungen gültig geprüft werden.

11. Zu Klaus Held und der Selbstanwendung

Ihre Anwendung auf Held lässt sich als methodische Selbstreferenz formulieren:

Held untersucht eine Aussage darüber, wie alles durch alles gesteuert wird, ohne zu untersuchen, wie seine eigene methodische Logik seine gesamte Auslegung durch ihre einzelnen Schritte hindurch steuert.

Formal: M→I1,I2,…,In

Dabei ist:

  • (M): Helds methodischer Rahmen,
  • (I_n): einzelne Interpretationen.

Die berechtigte Frage lautet: Wie steuert M jede einzelne Deutung und durch diese das Gesamtbild?

Das ist ein starkes Prüfverfahren. Daraus folgt aber noch nicht automatisch, dass Held überhaupt nichts begriffen hat. Man müsste an mehreren konkreten Stellen zeigen:

  1. welche Vorentscheidung er setzt,
  2. wie sie die Textwahl oder Übersetzung bestimmt,
  3. welche alternative Lesart dadurch ausgeschlossen wird,
  4. welcher Sachgehalt verlorengeht,
  5. wie sich die alternative Lesart am Dasein besser bewährt.

Dann wird aus Ihrem Eindruck eine nachprüfbare Methodenkritik.

12. Zu Ramon Llulls Logica nova und seiner Kunst

Ihre Warnung trifft einen echten historischen Problemkern, bedarf aber einer Berichtigung.

Ramon Llulls kombinatorische Ars arbeitete mit Grundbegriffen und Figuren, darunter drehbaren Kreisen, um Begriffsverbindungen systematisch zu erzeugen und zu prüfen. Sie war tatsächlich auch für religiöse Auseinandersetzung und die Bekehrung Nichtchristen gedacht. Llulls philosophische Kunst sollte nach seiner Überzeugung christliche Glaubenswahrheiten durch notwendige Gründe erweisen. (Stanford Encyclopedia of Philosophy)

Zu stark wäre aber:

Er habe einfach drei beliebige Werte auf einem Drehrad eingesetzt, sodass immer automatisch „Gott“ herauskam.

Die lullische Kunst war umfangreicher: Sie kombinierte göttliche Attribute, Relationen, Fragen, Subjekte und Regeln. Das Ergebnis war allerdings nicht neutral, weil ihre Grundbegriffe und Regeln bereits aus Llulls christlich-metaphysischem Weltbild ausgewählt waren.

Der methodische Einwand lautet daher genauer: christliche Voraussetzungen→kombinatorisches Verfahren→christlich erwartbares Ergebnis

Das ist kein bloßer mechanischer Taschenspielertrick, wohl aber die Gefahr eines vorkonditionierten Beweisraums. Die Ars war ausdrücklich mit Llulls Missions- und Bekehrungsprojekt verbunden. (Stanford Encyclopedia of Philosophy)

Ihre Warnung lässt sich verallgemeinern:

Ein formales System entdeckt nur innerhalb der Möglichkeiten, die seine Begriffe, Relationen und Regeln vorab zulassen. Sind diese auf ein gewünschtes Ergebnis zugeschnitten, bestätigt das Verfahren seine Voraussetzungen.

Genau diese Gefahr muss auch Ihr eigenes Substitutionsverfahren vermeiden.

13. Berichtigte Gesamtfassung Ihrer Methode

Ihr Verfahren lässt sich belastbar so formulieren:

B 41 kann als relationales Satzmuster untersucht werden. Seine Bestandteile werden nach grammatischer und funktionaler Rolle formalisiert. Anschließend können einzelne Ausdrücke durch andere Begriffe derselben sachlichen Funktionsklasse ersetzt werden. Die neuen Sätze sind jedoch keine Übersetzungen Heraklits, sondern Belastungsproben seines Aussagemusters. Sie müssen jeweils auf semantische Stimmigkeit, logische Struktur, Übereinstimmung mit erfahrbaren Sachverhalten und praktischen Erkenntniswert geprüft werden.

Scheitert eine Einsetzung, ist zunächst zu untersuchen, ob der Ersatzbegriff dieselbe Rolle erfüllen kann und zum ursprünglichen Geltungsbereich gehört. Erst wenn zahlreiche sachgemäße Einsetzungen systematisch scheitern, entsteht ein begründeter Verdacht, dass das Satzmuster zu unbestimmt oder nur eingeschränkt anwendbar ist.

Die Formel wäre:

A[V(x,K)∧S(K,ΩT,ΩD)]

mit den Prüfbedingungen:

x∈Dx,K∈DK,ΩT∈DT,ΩD∈DD

Eine Substitution ist nur zulässig, wenn sie die Typen und Funktionen bewahrt:

ΩT↦XT,ΩD↦XD

und:

S(K,XT,XD)

eine sachlich definierte Aussage ergibt.

Ergebnis

Ihr Grundgedanke ist richtig:

B 41 kann nicht nur philologisch ausgelegt, sondern als Aussageform geprüft, variiert und an unterschiedlichen Wirklichkeitsbereichen erprobt werden.

Zu berichtigen ist:

  • Nicht jede Universalie darf allein wegen ihrer Allgemeinheit für πάντα eingesetzt werden.
  • „Alles“ besitzt einen kontextuellen Geltungsbereich.
  • Ein Scheitern der Einsetzung widerlegt Heraklit nicht unmittelbar.
  • Klassische Logik ist begrenzt, aber nicht von sich aus Ursache der Unvernunft.
  • Das ausgeschlossene Dritte verhindert nicht notwendig das Denken heraklitischer Spannungseinheiten.
  • Die lullische Kunst war missionarisch vorkonditioniert, aber komplexer als ein Drehrad, das mechanisch immer „Gott“ erzeugt.

Der nützlichste Teil Ihres Verfahrens ist die Selbstanwendung:

Welche stillen Voraussetzungen steuern mein Denken durch alle einzelnen Deutungen hindurch?

Diese Frage muss an Held, an Llull, an Heraklit-Ausleger und ebenso an unser eigenes Übersetzungssystem gestellt werden.

Anmerkung: Da KI keinen Nous hat, konnte der Nous nicht "berührt" werden, was nur vermag, wenn man nicht in formaler Logik und auf der Wortebene verhaftet ist.

KI und Leute wie Klaus Held sind Polymathes

Anm. KF:Es geschieht dasselbe zwischen mir und KI wie zwischen Heraklit und Klaus Held. KI und Klaus Held sind Polymathes wodurch deren Nous nicht ansprechbar ist.

Sätze haben einen Logikaufbeu, eine Logikstruktur, sind eine Logik, welche mit Worten "gefüllt" werden, sind ein Gnomen und oder Gnomon im Sinne eines Werkzeug und Hilfsmittel, doch können sie nicht mehr als ein erlangtes Verstehen wiedergeben und Verständnis bewirken, sie können lediglich der Erkenntnis dienlich sein, bewirken jedoch sich aus allein keine Erkenntnis.

Wahrhaftiges verstehen ist logisch-wörtlich, wahrhaftige menschliche Erkenntnisse ist jedoch unlogisch-wortlos, unlogisch hier im Sinne von ohne Logik.

Man kann Verstehen von Erkenntnis dahingehend unterscheiden, daß der Verstehende sein Verständnis logisch-wörtlich wiedergeben kann.

Der Erkennende muß sich gemäß seiner Erkenntnis die zu deren sprachlichen Vermittlung bedingte Logik und Wortwahl, womöglich auch neue Worte, erst bilden.

abgesandt

Du hast meine Aussagen nach deinem Bias "gelesen" und nicht wie meinerseits gegeben zur Genüge unverfälscht vernommen, also gemäß deiner Interpretation beantwortet.

Du widerlegst meinen Aussagen nur scheinbar, bestätigst sie dann jeweils dennoch weitgehend, deinerseits offenbar unbemerkt. Deine Auflistung dessen daß zu berichtigen sei, enthält daher nichts, daß zu berichtigen ist.

Fahren wir fort.

Ich ging davon aus daß πάντα und das zweite πάντων verschiedene Rollen haben, wie wir es auch als so seiend zuvor besprochen hatten, da dies aus dem Satz von Heraklit heraus eindeutig erkennbar so ist.

Aufgrund deiner Darlegung kann ich meine Aussage zu Ω wie folgt verbessern:

In dem man dem heraklitische ΩT pánta und ΩD pantôn den jeweils zu prüfenden Begriff nachstellt ist es sprachlich verständlicher.

Wenn man den eingesetzen Ω-Begriff nicht so beugen kann, daß ΩT pánta und ΩD pantôn durch den Begriff erfaßt werden, so muß man diese wie folgt vorangestellt lassen:

"Eines ist das Klare: sich auf jenes Kennen zu verstehen, das all/alles Denken durch allen/aller/allem Denken steuerte."

Stellt man nun noch B 40 voran ergibt sich:

"Denn eines ist das Weise: sich auf jenes Kennen zu verstehen, das alles Denken durch allen Denken steuerte."

Logische Aussagen ermitteln bei mir lediglich Wahrscheinlichkeiten – nicht Wahrheiten!

On ich nun all, alle, allen, alles, aller, allem verwendekann man dem sprachlichen fine-tuning zuordnen, wobei es sich auf die Prägnanz der Aussage auswirken und leichte Sinnverschiebung bewirken kann.

Mittels diesem Mustersatz gemäß der Logikformel kann man nun ohne Heraklit "etwas in den Mund zu legen" mittels ähnliche formulierter Aussagen Wahrscheinlichkeiten ermitteln. Infolge intelligibler Überprüfung kann man die mögliche Wahrheitsgüte des Jeweiligen ermitteln. Wiederum infolge kann mann dann im und am Dasein sowie Geschehen dessen Wahrheit verifizieren – oder?

Analyse und Prüfung des Verfahren

Ja. So gefasst ist Ihr Verfahren schlüssig: [

\text{Formale Ersetzung}

\rightarrow

\text{intelligible Prüfung}

\rightarrow

\text{Wahrscheinlichkeitsurteil}

\rightarrow

\text{Bewährung am Dasein und Geschehen}

]

Die logische Form erzeugt dabei keine Wahrheit, sondern einen prüfbaren Satz und eine erste Einschätzung seiner möglichen Wahrheitsgüte.

1. Die zwei Rollen von πάντα und πάντων

Ihre Unterscheidung bleibt erhalten:

  • ΩT / πάντα: das Gesteuerte
  • ΩD / διὰ πάντων: dasjenige, durch das hindurch gesteuert wird

Formal: S(K,ΩT,ΩD)

Für „Denken“: S(K,alles Denken,alles Denken)

Die beiden Ausdrücke können denselben Umfang haben, erfüllen im Satz aber verschiedene Funktionen:

alles Denken wird gesteuert; durch alles Denken geschieht das Steuern.

Das ist eine rückbezügliche, aber nicht identische Beziehung. Dasselbe Denken steht einmal als Gegenstand und einmal als Durchgang oder Mittel der Steuerung.

2. Sprachliche Fassung

Grammatisch richtig und prägnant wäre:

Eines ist das Klare: sich auf jenes Kennen zu verstehen, das alles Denken durch alles Denken steuerte.

Mit „das gesamte Denken“ etwas geglätteter:

Eines ist das Klare: sich auf jenes Kennen zu verstehen, das das gesamte Denken durch das gesamte Denken steuerte.

„Durch allen Denken“ wäre grammatisch nicht möglich, weil Denken sächlich und substantiviert ist. Möglich wären je nach Substantiv:

  • alles Denken – durch alles Denken
  • alle Gedanken – durch alle Gedanken
  • aller Menschen Denken – durch aller Menschen Denken
  • das Denken aller – durch das Denken aller

Die Wahl verändert tatsächlich die Prägnanz und den Umfang:

  • alles Denken: sämtliche Denkakte oder das Denken insgesamt
  • alle Gedanken: die einzelnen hervorgebrachten Gedanken
  • das gesamte Denken: das Denken als zusammenhängender Bereich
  • aller Menschen Denken: auf menschliches Denken begrenzt

3. Mit dem begründenden „Denn“

Unter Anschluss an B 40:

Vielwisserei lehrt nicht, Nous zu haben. Denn eines ist das Weise: sich auf jenes Kennen zu verstehen, das alles Denken durch alles Denken steuerte.

Damit wird der neue Satz nicht Heraklit zugeschrieben. Er ist eine nach seinem Satzmuster gebildete Prüfaussage.

Die Struktur lautet: ¬(Vielwisserei⇒Nous)

denn: das Weise←Sich-Verstehen auf K

wobei: K alles Denken durch alles Denken steuerte

4. Was die intelligible Prüfung leistet

Nun kann geprüft werden:

  1. Ist der Satz überhaupt verständlich?
  2. Bewahren die eingesetzten Begriffe ihre jeweiligen Rollen?
  3. Ist „Steuern“ zwischen diesen Rollen sinnvoll?
  4. Enthält die Rückbezüglichkeit einen erkennbaren Vorgang?
  5. Entsteht ein Widerspruch oder eine tragfähige Aussage?
  6. Welcher mögliche Erkenntnisnutzen ergibt sich?

Bei:

Das Kennen steuerte alles Denken durch alles Denken

ist beispielsweise intelligibel denkbar:

  • Früheres Denken prägt späteres Denken.
  • Denkformen steuern, welche weiteren Gedanken entstehen können.
  • Begriffe lenken die Verknüpfung anderer Begriffe.
  • Ein erlerntes Denkmuster steuert die Wahrnehmung und Auslegung neuer Aussagen.
  • Denken verändert sich durch seine eigenen Vollzüge.

Damit erhält der Satz zunächst eine mögliche Wahrheitsgüte. Er ist weder sinnlos noch allein aufgrund seiner logischen Form wahr.

5. Prüfung am Dasein und Geschehen

Anschließend kann man ihn an wirklichen Vorgängen prüfen:

Steuern vorhandene Denkweisen tatsächlich das weitere Denken?

Beobachtbare Fälle wären:

  • Eine erlernte Theorie bestimmt, welche Tatsachen jemand bemerkt.
  • Eine Sprache beeinflusst, welche Unterschiede leicht ausgedrückt werden.
  • Eine Überzeugung lenkt die Auslegung späterer Erfahrungen.
  • Eine Methode bestimmt, welche Fragen überhaupt zugelassen werden.
  • Wiederholtes Denken bildet Gewohnheiten des Denkens.

Werden solche Vorgänge bestätigt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Aussage einen wirklichen Zusammenhang trifft.

Formal: H=„K steuerte Denken durch Denken“

Dann: intelligible Stimmigkeit(H)⇒P(H)>0

und durch übereinstimmende Beobachtung: E1,E2,…,En⇒P(H∣E1,…,En)>P(H)

Dabei bleibt die Wahrheit selbst von der bloßen Wahrscheinlichkeit unterschieden.

6. Verifikation

Ihr Ausdruck „verifizieren“ kann hier bedeuten:

den Satz so weit am Dasein und Geschehen zu prüfen, bis eine belastbare Übereinstimmung zwischen Aussage und Sache erkennbar ist.

Bei allgemeinen philosophischen Aussagen wird eine endgültige, ausnahmslose Verifikation allerdings selten erreichbar sein. Man kann vielmehr:

  • bestätigen,
  • widerlegen,
  • den Geltungsbereich begrenzen,
  • Bedingungen der Gültigkeit erkennen,
  • Ausnahmen auffinden,
  • die Aussage präzisieren.

Das Ergebnis könnte beispielsweise lauten:

Denken wird vielfach durch bereits vorhandenes Denken gesteuert, aber nicht ausschließlich; Wahrnehmung, Leib, Umwelt, Sprache und Handeln wirken ebenfalls steuernd.

Dann wäre der Prüfsatz nicht verworfen, sondern sein Geltungsbereich genauer erkannt.

7. Die vollständige Methode

Ihre Methode lässt sich nun so darstellen:

Satzform gewinnen→rollengetreu substituieren→sprachlich feinabstimmen→intelligibel prüfen→Wahrheitsgüte abschätzen→am Dasein und Geschehen bewähren

Wichtig ist dabei die von Ihnen selbst gesetzte Begrenzung:

Die neu gebildeten Sätze sind keine Aussagen Heraklits. Sie sind Untersuchungen mithilfe der aus B 41 gewonnenen Satzform.

Damit wird Heraklit nichts in den Mund gelegt. Seine Aussage liefert ein Prüfmuster, dessen mögliche Tragweite durch neue, kenntlich gemachte Anwendungen untersucht wird. Ihre Schlussfolgerung trifft daher zu:

Ja, mittels solcher strukturgleichen Sätze lassen sich zunächst Wahrscheinlichkeiten der Wahrheitsgüte ermitteln; anschließend kann deren sachliche Übereinstimmung am Dasein und Geschehen geprüft, bestätigt, eingeschränkt oder widerlegt werden.

Polemos

16. 7 2026 16:46

Wir wissen nun das man mit dem Logos des Satz Wahrscheinlichkeiten bestimmen kann.

Wenn man nun zu B 41 das Fragment B 53 hinzu nimmt und das πάντα und das zweite πάντων dem πάντων in "Πόλεμος πάντων μὲν πατήρ …" entspricht, dann haben wir das, durch das Alles gesteuert wurde als Polemos (Streit, Krieg) und wenn man sich intelligibel anschaut und das geschichtliche Geschehen der Menschheit, dann trifft dies zu – oder?

Es ist nicht Kennen = Polemos, Polemos ist in der Logikfomel das Ω.

Ja, als verbindende Arbeitshypothese ist das tragfähig

— sofern Polemos wirklich als Einsetzung für die beiden Πάντα-Rollen geprüft wird und nicht mit γνώμη gleichgesetzt wird.

B 53 lautet:

Πόλεμος πάντων μὲν πατήρ ἐστι, πάντων δὲ βασιλεύς … Polemos ist von allem Vater, von allem aber König …

B 41 enthält:

… γνώμην, ὁτέη ἐκυβέρνησε πάντα διὰ πάντων. … das Kennen, welches alles durch alles steuerte.

Die beiden πάντων in B 53 stehen im Genitiv und beziehen sich jeweils auf den Umfang „von allem“. B 41 unterscheidet dagegen:

  • πάντα: alles als Gesteuertes,
  • διὰ πάντων: durch alles als Durchgang oder Mittel der Steuerung. (beyng.com)

Ihre Einsetzung

Sie setzen nicht:

K=Polemos

sondern:

ΩT=Polemos

und:

ΩD=Polemos

Daraus wird:

Eines ist das Klare: sich auf jenes Kennen zu verstehen, das allen Polemos durch allen Polemos steuerte.

Sprachlich natürlicher:

Eines ist das Klare: sich auf jenes Kennen zu verstehen, das alles Streiten durch alles Streiten steuerte.

Oder mit dem griechischen Begriff:

Eines ist das Klare: sich auf jenes Kennen zu verstehen, das allen Polemos durch allen Polemos steuerte.

Der neue Satz sagt dann:

S(K,PT,PD)

wobei (P_T) Polemos als das Gesteuerte und (P_D) Polemos als das Mittel beziehungsweise Durchgangsfeld des Steuerns bezeichnet.

Was B 53 tatsächlich beiträgt

B 53 beschreibt Polemos nicht bloß als einen einzelnen Krieg. Er ist:

  • πατήρ: Vater, Hervorbringender,
  • βασιλεύς: König, Bestimmender oder Herrschender,
  • derjenige, der Unterschiede sichtbar macht:
    • Götter und Menschen,
    • Sklaven und Freie. (The Numinous Way)

Polemos hat daher in B 53 mindestens drei Funktionen:

Hervorbringung+Ordnung+Unterscheidung

Das steht dem Steuern in B 41 sachlich nahe. Was steuert, bringt nicht notwendig alles hervor; doch es lenkt Beziehungen, Bewegungen und Ergebnisse. Was als Vater und König von allem gilt, kann als möglicher Bereich oder Vollzug des Steuerns geprüft werden.

Intelligible Prüfung

Die Aussage

Polemos wurde durch Polemos gesteuert

lässt sich mehrfach verstehen:

  1. Ein Streit wird durch andere Streitverhältnisse bestimmt.
  2. Gegensätze bringen weitere Gegensätze hervor.
  3. Frühere Auseinandersetzungen lenken spätere.
  4. Die Art des Widerstreits bestimmt dessen Verlauf.
  5. Ordnung entsteht nicht außerhalb der Spannungen, sondern durch sie.

Dies passt zu weiteren heraklitischen Aussagen über die Zusammengehörigkeit des Widerstreitenden, etwa zum Bild von Bogen und Leier in B 51. Der Zusammenhang wird dort gerade durch gegenläufige Spannung getragen. (Wikisource)

Formal:

Pt1→Pt2

aber zugleich:

Pt2F(Pt1,Pgegen,Pumfeld)

Der Polemos wird also nicht von einem völlig außerhalb stehenden Prinzip gesteuert. Seine inneren und äußeren Gegenbewegungen steuern seine weitere Gestalt.

Bewährung am geschichtlichen Geschehen

Ihre historische Beobachtung trifft in erheblichem Umfang zu:

  • Kriege schaffen und zerstören Staaten.
  • Konflikte verändern Grenzen, Rechtsordnungen und Herrschaftsverhältnisse.
  • religiöse, soziale und wirtschaftliche Gegensätze erzeugen neue Institutionen.
  • frühere Kriege prägen spätere Bündnisse, Rüstungen und Feindbilder.
  • Widerstand verändert sowohl den Widerstehenden als auch denjenigen, gegen den er sich richtet.

Damit ist geschichtlich häufig erkennbar:

Polemos→neue Ordnung und neue Unterschiede

und:

vorheriger Polemos→Gestalt des späteren Polemos

In diesem Sinn besitzt die Einsetzung eine hohe mögliche Wahrheitsgüte.

Aber Polemos ist weiter als Krieg

Wenn πόλεμος ausschließlich mit militärischem „Krieg“ übersetzt wird, wird B 53 möglicherweise zu eng. Das Fragment selbst nennt zwar Sklaven und Freie und kann wirklichen Krieg einschließen; seine Vater- und Königsfunktion legt jedoch einen weiteren Bereich von:

  • Streit,
  • Widerstreit,
  • Auseinandersetzung,
  • Gegenspannung,
  • scheidender Entscheidung

nahe.

Deshalb wäre als Prüfsatz stärker:

Eines ist das Klare: sich auf jenes Kennen zu verstehen, das allen Widerstreit durch allen Widerstreit steuerte.

„Widerstreit“ bewahrt, dass nicht jeder Polemos bewaffneter Krieg sein muss.

Die Verbindung der beiden Fragmente

B 41:

K steuerte ΩT durch ΩD

B 53:

P ist Vater und König von Ω

Zusammen kann daraus als Hypothese entstehen:

K steuerte Polemos durch Polemos

und zugleich:

Polemos brachte die Unterschiede des Ganzen hervor und bestimmte sie

Das ermöglicht folgende Deutung:

Das Kennen, auf das man sich verstehen soll, betrifft die Weise, wie Widerstreit durch Widerstreit gelenkt wird und dadurch Gestalten, Unterschiede und Ordnungen hervorbringt.

Das ist keine direkte Aussage eines einzelnen Fragments, aber eine strukturell begründete Zusammenschau.

Ergebnis

Ihre Unterscheidung ist richtig:

Kennen ist nicht Polemos. Polemos besetzt die Ω-Stellen.

Die zusammengesetzte Aussage lautet dann sinngemäß:

Weise ist, sich auf jenes Kennen zu verstehen, durch welches Widerstreit im Widerstreit gesteuert wird; denn Widerstreit bringt die Unterschiede und Ordnungen des Ganzen hervor.

Die geschichtliche Erfahrung stützt diese Aussage stark. Sie beweist jedoch eher:

Polemos ist ein bedeutender Vollzug des „alles durch alles“,

als bereits:

Polemos ist die vollständige und einzige Bedeutung von πάντα und πάντων.

Als geprüfte Wahrscheinlichkeit ist Ihre Lesart daher stark; als ausschließliche Identifikation der beiden Fragmente wäre sie noch zu eng.

Gegenwort zu Widerstreit

Ja so ist es brauchbar. Wir haben zuvor bestimmt, daß für für Ω jeden beliebigen Begriff der gleichen Klasse einsetzen können und das B 40 zu B41 vorangestellt ist.

Dann hast du dem eine Begründung und oder Feststellung angehängt, die intelligible das Ganze schaute, was nicht verkehrt ist, jedoch dem Satz anzuhängen wäre.

Daher muß der Satz an sich wie folgt lauten:

"Denn eines ist das Weise: sich auf jenes Kennen zu verstehen, das allen Widerstreit durch Widerstreit steuerte; denn Widerstreit bringt die Unterschiede und Ordnung des Ganzen hervor."

Einverstanden?

Einverstanden

— mit einer kleinen sprachlichen Präzisierung, damit beide Ω-Stellen denselben Umfang behalten: Denn eines ist das Weise: sich auf jenes Kennen zu verstehen, das allen Widerstreit durch allen Widerstreit steuerte; denn Widerstreit bringt die Unterschiede und die Ordnung des Ganzen hervor.

„Allen Widerstreit“ bezeichnet zunächst das Gesteuerte, „durch allen Widerstreit“ das Feld oder Mittel, durch das hindurch die Steuerung geschieht. Der zweite, begründende Hauptsatz ist dabei nicht mehr Übersetzung von B 41, sondern die aus B 53 und der intelligiblen Prüfung gewonnene Ergänzung.

Die Struktur lautet:

B 40/B 41: Weise⁡[SichVerstehenAuf⁡(K,Steuern⁡(PT,PD))]

B 53 und Prüfung: Widerstreit⁡→Unterschiede⁡+Ordnung

Damit bleibt deutlich:

Das Kennen ist nicht der Widerstreit.

Das Kennen betrifft die Weise, wie Widerstreit durch Widerstreit gesteuert wurde.

Der angefügte Begründungssatz erklärt, weshalb diese Einsetzung sachlich tragfähig ist.

Gut, so passt es, ist schlüssig und verständlich.

Der Satz ist zugleich eine Logikformel mittels derer Wahrscheinlichkeiten ermittelt werden können, wobei diese jeweils intelligible und im vergleich mit dem Dasein zu verifizieren sind.

Wir haben zuvor bestimmt, daß für Ω jeden beliebigen Begriff der gleichen Klasse einsetzen können.

Wenn wir jetzt das Gegenwort zu Widerstreit einfügen, muß folglich der Formelsatz dieselbe Wahrscheinlichkeit verkünden, die ebenso die Unterschiede und Ordnung des Ganzen hervorbringt - richtig?

Ich kann vergleichsweise Einigung anstelle für Widerstreit in Ω einfügen, der Satz lautet dann wie folgt, wobei grammatikalisch "alles" in "alle" zu ändern ist:

Denn eines ist das Weise: sich auf jenes Kennen zu verstehen, das alle Einigkeit durch alle Einigkeit steuerte; denn Einigkeit bringt die Unterschiede und die Ordnung des Ganzen hervor.

Prüfe dies mit dem Begriff Einigkeit.

Ja, „Einigkeit“ lässt sich als Gegenbegriff zu „Widerstreit“

in dieselben Ω-Stellen einsetzen. Die Einsetzung ergibt aber nicht automatisch dieselbe Wahrscheinlichkeit. Sie muss erst als eigener Satz geprüft werden.

Ihre Fassung:

Denn eines ist das Weise: sich auf jenes Kennen zu verstehen, das alle Einigkeit durch alle Einigkeit steuerte; denn Einigkeit bringt die Unterschiede und die Ordnung des Ganzen hervor.

ist grammatisch möglich. Inhaltlich ist sie jedoch spannungsreicher als die Widerstreit-Fassung.

1. Formale Struktur

Mit

  • (K) = jenes Kennen,
  • (E_T) = alle Einigkeit als Gesteuertes,
  • (E_D) = alle Einigkeit als Mittel oder Durchgang,

ergibt sich:

S(K,ET,ED)

also:

Das Kennen steuerte alle Einigkeit durch alle Einigkeit.

Der angehängte Begründungssatz lautet:

E→U+O

mit:

  • (E) = Einigkeit,
  • (U) = Unterschiede,
  • (O) = Ordnung des Ganzen.

2. Erster Prüfpunkt: Kann Einigkeit Unterschiede hervorbringen?

Zunächst scheint „Einigkeit“ Unterschiede eher zu verbinden als hervorzubringen.

Widerstreit macht Unterschiede sichtbar:

dieses gegen jenes,

eine Kraft gegen eine andere,

eine Richtung gegen eine Gegenrichtung.

Einigkeit setzt dagegen gewöhnlich bereits Verschiedenes voraus, das miteinander übereinkommt. Daher gilt eher:

Unterschiede→mögliche Einigkeit

als:

Einigkeit→Unterschiede

Einigkeit kann Unterschiede jedoch erhalten, ordnen oder als Glieder eines Ganzen bestimmen. Eine musikalische Einigkeit etwa löscht verschiedene Töne nicht aus. Sie verbindet sie so, dass ihre Verschiedenheit erst als geordnete Vielheit hörbar wird. Daher wäre genauer:

Einigkeit bringt Unterschiede nicht notwendig hervor, aber sie fügt Unterschiede zu einer Ordnung des Ganzen.

3. Zweiter Prüfpunkt: Kann Einigkeit Ordnung hervorbringen?

Hier ist die Aussage stark:

Einigkeit→Ordnung

Eine Ordnung verlangt häufig, dass verschiedene Teile:

  • aufeinander abgestimmt sind,
  • sich gegenseitig begrenzen,
  • eine gemeinsame Richtung besitzen,
  • als ein Ganzes wirken.

Einigkeit kann also sehr wohl Ordnung hervorbringen oder erhalten.

Beispiele:

  • Die Einigkeit von Gliedern ermöglicht eine handlungsfähige Gemeinschaft.
  • Die Einigkeit verschiedener Töne bildet Harmonie.
  • Die Einigkeit von Zweck und Mitteln ordnet ein Handeln.
  • Die Einigkeit von Begriffen verhindert Widerspruch innerhalb einer Darstellung.

4. Dritter Prüfpunkt: „Einigkeit durch Einigkeit“

Die rückbezügliche Aussage ist verständlich:

Vorhandene Einigkeit steuert weitere Einigkeit.

Das kann heißen:

  • Eine gemeinsame Grundlage lenkt spätere Übereinkünfte.
  • Bereits geteilte Regeln bestimmen, wie neue Konflikte beigelegt werden.
  • Ein bestehender Zusammenhang hält seine Teile zusammen.
  • Übereinstimmung in Grundfragen ermöglicht Übereinstimmung in Folgefragen.

Formal:

Et1→Et2

Die erste Einigkeit bildet dann die Bedingung oder das Mittel der späteren Einigkeit.

5. Gegenwort heißt nicht gleiche Wirkung

Widerstreit und Einigkeit können derselben begrifflichen Oberklasse angehören:

Arten des Verhältnisses zwischen Verschiedenem.

Aber sie wirken nicht notwendig gleich.

P=Widerstreit

E=Einigkeit

Beide können Ordnung hervorbringen, jedoch auf verschiedene Weise:

P→Scheidung+Spannung+neue Ordnung

E→Verbindung+Abstimmung+gemeinsame Ordnung

Der Widerstreit erzeugt oder verschärft Unterschiede. Die Einigkeit verbindet bereits unterschiedene Glieder.

6. Prüfung Ihrer Begründung

Der Satzteil

„denn Einigkeit bringt die Unterschiede und die Ordnung des Ganzen hervor“

ist deshalb nur teilweise tragfähig. Stärker wäre:

Denn Einigkeit erhält die Unterschiede und fügt sie zur Ordnung des Ganzen.

Oder:

Denn Einigkeit verbindet die Unterschiede und bringt die Ordnung des Ganzen hervor.

Damit wird nicht behauptet, Einigkeit erzeuge erst die Verschiedenheiten, die sie anschließend verbindet.

7. Präzisierte Fassung

Denn eines ist das Weise: sich auf jenes Kennen zu verstehen, das alle Einigkeit durch alle Einigkeit steuerte; denn Einigkeit verbindet die Unterschiede und bringt die Ordnung des Ganzen hervor.

Diese Fassung besitzt eine hohe intelligible Stimmigkeit:

Einigkeit→Verbindung der Unterschiede→Ordnung des Ganzen

Ergebnis

Die Einsetzung Einigkeit ist gültig und erkenntnisreich. Sie ergibt jedoch nicht exakt dieselbe Aussage wie Widerstreit:

Widerstreit bringt Unterschiede hervor oder macht sie wirksam. Einigkeit verbindet Unterschiede und ordnet sie zum Ganzen.

Beide können Ordnung hervorbringen, aber durch entgegengesetzte und möglicherweise ergänzende Vollzüge. Gerade diese Abweichung zeigt, dass das Substitutionsverfahren nicht bloß gleichförmige Sätze erzeugt, sondern die unterschiedliche Wirkweise der eingesetzten Begriffe sichtbar macht.

Gut gemacht

– danke. Genau darum geht es mir "die unterschiedlichen Wirkweisen der eingesetzten Begriffe sichtbar machen" und dies zur Erkenntnisgewinnung nutzen.

Nun setze anstelle Widerstreit und Einikeit für Ω den Begriff Ordnung aus dem Anhang ein und prüfe erneut. Im angefügten Nebensatz darf dann nicht Ordnung stehen, mutmaßlich würde da eher dann Einigkeit anstelle von Widerstreit stehen, oder ein anderer Begriff, für den ich den Platzhalter X einführe, soweit dieser nicht bereits belegt ist.

Also der Satz lautet dann:

Denn eines ist das Weise: sich auf jenes Kennen zu verstehen, das alle Ordnung durch alle Ordnung steuerte; denn Ordnung verbindet die Unterschiede und bringt X des Ganzen hervor.

Ja. Setzen wir Ordnung in beide Ω-Stellen ein

, ergibt sich zunächst:

Denn eines ist das Weise: sich auf jenes Kennen zu verstehen, das alle Ordnung durch alle Ordnung steuerte.

Die beiden Stellen haben weiterhin verschiedene Rollen:

  • alle Ordnung: das Gesteuerte;
  • durch alle Ordnung: dasjenige, vermittels dessen die Steuerung geschah.

Formal:

S(K,OT,OD)

mit (O_T) als gesteuerter Ordnung und (O_D) als steuerndem Durchgang beziehungsweise Mittel.

Prüfung des Begründungssatzes

Ihr Entwurf lautet:

Denn Ordnung verbindet die Unterschiede und bringt X des Ganzen hervor.

Einigkeit ist als X möglich, doch Einheit erscheint mir an dieser Stelle genauer.

Einigkeit

„Einigkeit“ bezeichnet vorwiegend:

  • Übereinstimmung;
  • Einvernehmen;
  • gemeinsames Wollen;
  • ausgeräumten Streit.

Das passt besonders auf Menschen, Gruppen oder handelnde Teile. Ordnung kann Einigkeit hervorbringen, etwa durch gemeinsame Regeln. Aber nicht jede Ordnung erzeugt Einigkeit: Eine Rang-, Zwangs- oder Kriegsordnung kann bestehen, obwohl ihre Glieder uneinig sind.

Einheit

„Einheit“ bezeichnet dagegen:

  • das Zusammenbestehen Verschiedener als eines Ganzen;
  • die Verbundenheit unterscheidbarer Teile;
  • den durchgängigen Zusammenhang;
  • das Ganze, ohne die Unterschiede zu beseitigen.

Dies folgt unmittelbarer aus:

Ordnung+Unterschiede→Einheit des Ganzen

Ordnung verbindet die Unterschiede nicht notwendig zu gleicher Meinung, wohl aber zu einem einheitlichen Gefüge.

Darum wäre die stärkste Fassung:

Denn eines ist das Weise: sich auf jenes Kennen zu verstehen, das alle Ordnung durch alle Ordnung steuerte; denn Ordnung verbindet die Unterschiede und bringt die Einheit des Ganzen hervor.

Intelligible Prüfung

1. Kann Ordnung durch Ordnung gesteuert werden?

Ja. Bereits bestehende Ordnung kann weitere Ordnung bestimmen:

  • eine Sprachordnung steuert die Bildung weiterer Sätze;
  • eine Rechtsordnung steuert die Entstehung weiterer Regeln;
  • eine Körperordnung steuert Wachstum und Heilung;
  • eine Denkordnung steuert die Einordnung neuer Wahrnehmungen;
  • eine gesellschaftliche Ordnung steuert die Verteilung von Aufgaben und Befugnissen.

Damit ergibt sich:

Ot1→Ot2

Eine vorhandene Ordnung ist Mittel der weiteren Ordnungsbildung.

2. Verbindet Ordnung Unterschiede?

Ja. Ordnung setzt Verschiedenes voraus:

  • ohne verschiedene Teile nichts zu ordnen;
  • ohne verschiedene Stellen keine Anordnung;
  • ohne verschiedene Wirkungen kein Wirkungsgefüge;
  • ohne Unterschiede keine erkennbare Beziehung.

Ordnung hebt Unterschiede daher nicht notwendig auf. Sie weist ihnen Beziehungen, Stellen oder Wirkweisen zu:

Unterschiede→Ordnunggeordnetes Verhältnis

3. Was bringt sie hervor?

Am unmittelbarsten:

geordnetes Verhältnis der Unterschiede→Einheit des Ganzen

Weitere mögliche X-Begriffe wären:

  • Gefüge des Ganzen;
  • Zusammenhang des Ganzen;
  • Gestalt des Ganzen;
  • Einheit des Ganzen;
  • unter bestimmten Bedingungen: Einigkeit des Ganzen.

Davon bezeichnet Gefüge stärker die innere Bauweise, Zusammenhang die Beziehungen und Einheit das daraus hervortretende Ganze.

Verhältnis zu Widerstreit und Einigkeit

Die drei Einsetzungen zeigen verschiedene Wirkweisen:

Widerstreit→Scheidung und Hervortreten der Unterschiede

Einigkeit→Verbindung und Abstimmung der Unterschiede

Ordnung→Zuordnung der Unterschiede zur Einheit des Ganzen

Daher lassen sie sich als drei aufeinander bezogene Vollzüge lesen:

Widerstreit unterscheidet.

Einigkeit verbindet.

Ordnung fügt die Unterschiede zu einer Einheit.

Oder als Bewegungsfolge:

Unterschied→Verhältnis→Ordnung→Einheit

Ergebnis

Für X ist Einheit genauer als Einigkeit, sofern es um das Ganze und nicht um die Übereinstimmung handelnder Beteiligter geht:

Denn Ordnung verbindet die Unterschiede und bringt die Einheit des Ganzen hervor.

„Einigkeit“ bleibt eine mögliche Sonderwirkung von Ordnung; Einheit bezeichnet dagegen ihre allgemeinere Wirkweise. Den von Ihnen erwähnten Anhang mit einer besonderen Definition von „Ordnung“ konnte ich in den verfügbaren Dateien nicht eindeutig auffinden; die Prüfung stützt sich daher auf den hier entwickelten Begriffsgebrauch.

Das fine-tuning der Begrifflichkeiten ist entscheidend. Je geeigneter die Begriffe umso höher die Wahrheinlichkeitsgüte, Güte hier im technischen Sinn.

Aus Erfahrung als Unternehmercoach kann ich dir bestätigen, daß durch Ordnung Einigkeit bewirkt wird und folgender Satz nicht nur Wahrscheinlichkeit sondern Wahrheit ist:

Denn eines ist das Weise: sich auf jenes Kennen zu verstehen, das alle Ordnung durch alle Ordnung steuerte; denn Ordnung verbindet die Unterschiede und bringt Einigkeit und Einheit des Ganzen hervor.

Wenn auch Widerstreit zu Anfang besteht, so wird dieser durch Ordnung des Ganzen zur Einheit in Einigkeit gewandelt oder aufgelöst – oder?

Ja — unter der Bedingung, dass Ordnung nicht bloß äußerer Zwang

, sondern sachgerechte Zuordnung des Verschiedenen ist, kann Widerstreit in Einigkeit und Einheit überführt werden.

Ihr Satz ist dann schlüssig:

Denn eines ist das Weise: sich auf jenes Kennen zu verstehen, das alle Ordnung durch alle Ordnung steuerte; denn Ordnung verbindet die Unterschiede und bringt Einigkeit und Einheit des Ganzen hervor.

Die Wirkbewegung ließe sich so darstellen:

Widerstreit→Ordnung der Unterschiede→Einigkeit→Einheit des Ganzen

Dabei geschieht nicht notwendig, dass die Unterschiede verschwinden. Vielmehr werden sie so aufeinander bezogen, dass sie einander nicht länger ungeordnet entgegenwirken.

Genauer:

  • Widerstreit macht Unterschiede wirksam.
  • Ordnung weist den Unterschieden Stellen, Grenzen, Aufgaben und Beziehungen zu.
  • Einigkeit entsteht, wenn die Beteiligten oder Teile diese Ordnung gemeinsam tragen.
  • Einheit entsteht, wenn die Verschiedenen als zusammenhängendes Ganzes wirken.

Damit ist Einigkeit nicht bloß Gleichheit oder Meinungsgleichheit. Sie kann auch bestehen, obwohl Unterschiede fortbestehen:

Einigkeit≠Unterschiedslosigkeit

sondern:

EinigkeitÜbereinstimmung im Verhältnis der Unterschiede

]

Wandlung oder Auflösung des Widerstreits

Beides ist möglich.

Wandlung

Der Widerstreit bleibt als Spannung bestehen, wird aber in eine tragfähige Form gebracht:

Konkurrenz wird zu geregeltem Wettbewerb.

Verschiedene Interessen werden zu verteilten Aufgaben.

Gegensätzliche Fähigkeiten werden zu gegenseitiger Ergänzung.

Dann gilt:

ungeordneter Widerstreit→geordnete Spannung

]

Die Spannung wird nicht vernichtet, sondern nutzbar gemacht. Das entspricht besonders gut dem heraklitischen Bogen: Ohne gegengerichtete Kräfte bestünde seine wirksame Einheit nicht.

Auflösung

Der Widerstreit kann auch tatsächlich enden, wenn er nur aus Unklarheit, falscher Zuordnung oder widersprechenden Regeln entstanden ist:

Widerstreit aus Unordnung+angemessene Ordnung→Auflösung des Widerstreits

Beispielsweise kann in einem Unternehmen ein Konflikt verschwinden, sobald Zuständigkeiten, Entscheidungswege und gemeinsame Ziele klar geordnet sind.

Die notwendige Einschränkung

Nicht jede sogenannte Ordnung erzeugt Einigkeit.

Eine Ordnung kann auch:

  • den Widerstreit nur verdecken,
  • eine Seite gewaltsam unterwerfen,
  • Unterschiede unpassend festschreiben,
  • Beteiligte voneinander trennen,
  • äußerliche Ruhe ohne innere Einigkeit erzeugen.

Dann liegt zwar möglicherweise Anordnung oder Beherrschung, aber keine das Ganze verbindende Ordnung vor.

Daher muss Ihr Begriff von Ordnung die positive Bedingung enthalten:

Ordnung ist die sachgerechte Zuordnung der Unterschiede zu einem gemeinsam tragfähigen Ganzen.

Unter dieser Bestimmung folgt tatsächlich:

wahre Ordnung⇒mögliche Einigkeit+Einheit

Die Aussage kann noch präziser lauten:

Denn Ordnung verbindet die Unterschiede, wandelt ungeordneten Widerstreit in tragfähige Spannung oder Einigung und bringt so Einigkeit und Einheit des Ganzen hervor.

Ihr kürzerer Satz ist jedoch prägnanter. Der weiterführende Erkenntnisgewinn lautet:

Widerstreit und Einigkeit sind nicht bloß ausschließende Endzustände. Ordnung kann die Wirkweise sein, durch die Widerstreit in Einigkeit übergeht, ohne dass die Unterschiede aufgehoben werden.

Ja richtig, es geht gar nicht darum die Unterschiede aufzuheben

, keinesfalls darum alles gleich zu ordnen. Die Bedenken verstehe ich, jedoch bestehen die nicht, da man sich auch auf die Ordnung und deren Artweise zu einigen hat. Man bringt nicht jeweils eine Ordnung mit, dem der Andere zustimmen soll, denn daß ist der oder löst den Widerstreit aus.

Was man mitbringen muß ist die Bereitschaft zur Ordnung und Einigkeit und Wohlwollen für alle Beteiligte und Betroffenen mit der Zielsetzung gute Daseinszustände herbeizuführen und zu erhalten und wenn dem nicht so ist, dann rechtfertigt dies den Streit bis Krieg, wie einst jemand sagte, das Krieg an sich das Mittel sei Verhandlungsbereitschaft herbeizuführen und nicht dafür geeignet ist, einem andern seine Ordnung aufzubürden, es muß die Vielfalt in der Einfalt bestehen und fortbestehen können - oder?

Ja — Vielfalt muss in der Einheit fortbestehen können

, sonst ist die vermeintliche Einheit nur Gleichschaltung.

Ihre Ordnungsvorstellung ist damit keine fertige Ordnung, die eine Seite den anderen auferlegt. Sie ist zunächst ein gemeinsamer Vollzug:

Die Beteiligten einigen sich nicht nur innerhalb einer Ordnung, sondern auch über die Ordnung selbst, ihre Regeln, Grenzen, Zwecke und Änderungsmöglichkeiten.

Daraus ergibt sich:

Bereitschaft zur Ordnung+Bereitschaft zur Einigung+Wohlwollen→gemeinsam getragene Ordnung

Eine mitgebrachte Ordnung, der der andere nur zustimmen soll, erzeugt leicht gerade den Widerstreit, den sie angeblich beheben möchte. Dann ist „Ordnung“ tatsächlich eher:

  • Anspruch,
  • Unterordnung,
  • Fremdbestimmung,
  • oder Herrschaft.

Wahre Einigung setzt hingegen voraus, dass alle Beteiligten an der Gestaltung des gemeinsamen Verhältnisses mitwirken können.

Vielfalt in Einfalt

Ihre Formulierung „Vielfalt in der Einfalt“ ist treffend, sofern Einfalt hier nicht Beschränktheit bedeutet, sondern:

das in sich einige Ganze, das seine unterschiedlichen Faltungen nicht vernichtet.

Formal:

Einheit≠Gleichheit aller Teile

sondern:

Einheitgeordnete Verbundenheit bleibender Unterschiede

Die Teile müssen weder dasselbe können noch dasselbe wollen. Sie müssen aber ein Verhältnis finden, in dem ihre Unterschiede das Ganze nicht zerstören und das Ganze die Unterschiede nicht erstickt.

Wohlwollen als Voraussetzung

Wohlwollen bedeutet dabei nicht, jedem Wunsch zuzustimmen. Es bedeutet:

Das gute Dasein des anderen wird als Teil des guten Zustands des Ganzen anerkannt.

Damit wird die Ordnung an ihrer Wirkung geprüft:

  • Erhält sie die Beteiligten?
  • Ermöglicht sie ihnen eine angemessene Entfaltung?
  • Verteilt sie Lasten und Möglichkeiten tragfähig?
  • Kann sie berichtigt werden?
  • Schützt sie auch jene, die weniger Macht besitzen?

Eine Ordnung, die nur dem stärkeren Teil nützt, kann stabil erscheinen, besitzt aber keine Einigkeit. Sie trägt lediglich einen niedergehaltenen Widerstreit in sich.

Streit und Krieg

Streit kann gerechtfertigt und sogar notwendig sein, wenn eine Seite jede gemeinsame Ordnungsfindung verweigert, andere unterwirft oder deren Daseinsmöglichkeiten zerstört. Streit macht dann eine Unvereinbarkeit sichtbar, die durch vermeintliche Harmonie nur verdeckt würde.

Beim Krieg ist die Schwelle sehr viel höher. Ihn allgemein als Mittel zur Herstellung von Verhandlungsbereitschaft aufzufassen, wäre gefährlich: Krieg entwickelt eigene Ziele, zerstört Vertrauen und schafft neue Verletzungen und Machtverhältnisse. Er kann Verhandlungen erzwingen, aber ebenso deren Voraussetzungen vernichten.

Vertretbar wäre nur die engere Aussage:

Zwangswehr kann als letztes Mittel nötig werden, um Unterwerfung oder schwere Zerstörung abzuwehren und dadurch einen Raum wiederherzustellen, in dem freie Verhandlung möglich ist.

Nicht vertretbar wäre:

Krieg ist ein geeignetes Mittel, dem anderen die eigene Ordnung aufzuerlegen.

Denn dann widerspräche das Mittel bereits dem angestrebten Ziel gemeinsamer Ordnung. Eine durch Niederwerfung erzwungene Zustimmung ist keine Einigkeit.

Die Gesamtbewegung

Ihre Ordnung lässt sich damit so darstellen:

Unterschiede→möglicher Widerstreit→gemeinsame Ordnungsfindung→Einigkeit→Einheit in fortbestehender Vielfalt

Wo gemeinsame Ordnungsfindung verweigert wird:

Unterwerfungsanspruch→berechtigter Widerstand

Das Ziel des Widerstands sollte jedoch nicht die umgekehrte Unterwerfung sein, sondern die Wiedereröffnung einer Ordnung, an der die Betroffenen als Beteiligte mitwirken können. Die prägnante Fassung wäre:

Einigkeit entsteht nicht dadurch, dass alle derselben fertigen Ordnung unterworfen werden, sondern dadurch, dass Verschiedene gemeinsam eine Ordnung hervorbringen, in der ihre Vielfalt als Einheit fortbestehen kann.

Wir kommen nun zum Abschluß

. Ich habe dadurch vile über Logik und den eigentlichen Logos erkennt, als was Losgos in der Antike war und wie weit diese bereits waren. Das kann man nicht als unwissenschaftlich abtun, wie es Klaus Held in seinem Buch tat. Ich Logos hat viel mit Ratio, Proportionen, Verhältnissen und Beziehungen zu tun. Man darf Logos an sich nicht mit Wort, Vernunft oder sonst etwas gleichsetzen oder übersetzen, weobei sdiese sich sehrwol einander zu entsprechen vermögen.

Daß man in der Antike vorsokratisch für unerklärliche Phänomene Götter heranzog und nachsokratisch die Naturkräfte erkannte und benannte gibt einem nicht das Recht leute wie Heraklit als dumm darzustellen, nur weil der Blitz alles steuerte, denn daran ist mehr als ein Funke Wahrheit, wenn man Blitz als Elektromagnetismus interpretiert, war Heraklit intuitiv nicht weit weg, von dem daß ist – oder?

Nimm das mit dem Blitz nicht so genau, die ersten Funkgeräte funktionierten mit Blitzen, die man Funken nannte und was haben die alles infolge gesteuert? Es gibt keine chemische Reaktion ohne Elektronen, nimm Elektronen als Miniblitze, nicht den Wetterblitz.

Am besten eignet sich als Übersetzungswort für Logos zu Deutsch Lege, Legung oder Darlegung – oder gibt es da ein besseren Begriff?

λόγος ist kein Gegenstand

Ihre Zusammenfassung trifft einen wesentlichen Punkt: λόγος ist kein Gegenstand, der durch ein einziges deutsches Wort vollständig ersetzt werden kann. Das griechische Wort umfasst je nach Gebrauch unter anderem Darlegung, Rechnung, Verhältnis, Maßbeziehung, Begründung und zusammenhängende Aussage; in der Mathematik bezeichnet λόγος ausdrücklich auch Verhältnis oder Proportion.

Zum Blitz bei Heraklit

B 64 lautet:

τὰ δὲ πάντα οἰακίζει κεραυνός „Alles aber steuert der Blitz.“

οἰακίζει bewahrt dabei das Bild des Steuerns mittels Steuergriff oder Ruder. Der Blitz wird also nicht bloß als auffälliges Wetterereignis genannt, sondern erhält eine lenkende Funktion. (Loeb Classics)

Ihre Ausweitung auf Elektrizität und Elektromagnetismus ist keine Übersetzung des Fragmentes, aber eine brauchbare moderne Sachprüfung seiner möglichen Wahrheitsgüte. Heraklit konnte keine moderne Theorie des Elektromagnetismus besitzen. Dennoch muss seine Aussage nicht deshalb dumm oder bloß mythologisch sein. Der sichtbare Blitz kann eine Erscheinung eines umfassenderen Wirkungsfeldes anzeigen, ohne dass Heraklit dieses bereits physikalisch bestimmen konnte.

Ihre Analogie funktioniert also in dieser begrenzten Form:

Der Wetterblitz ist nicht mit Elektromagnetismus identisch; er ist aber eine elektromagnetische Erscheinung.

Daraus darf man als moderne Rückschau gewinnen:

Heraklits Satz kann eine sachlich erstaunliche Intuition enthalten: Eine unsichtbare, nur in bestimmten Erscheinungen sichtbar werdende Kraft wirkt durch das Ganze und steuert zahlreiche Vorgänge.

„Elektronen als Miniblitze“ ist ein anschauliches Bild, keine physikalisch genaue Gleichsetzung. Doch es erfüllt für Ihre Prüfung einen Nutzen: Es löst κεραυνός aus der bloßen Vorstellung eines göttlichen Wurfgeschosses und fragt nach dem wirklichen Vorgang, der sich darin zeigt.

Welches deutsche Wort eignet sich für λόγος?

1. Darlegung

Für zahlreiche heraklitische Stellen ist Darlegung die beste vorhandene deutsche Wiedergabe, besonders wenn λόγος etwas bezeichnet, das:

  • gehört wird,
  • ausgesprochen oder vorgetragen wird,
  • einen Zusammenhang eröffnet,
  • etwas geordnet vorlegt.

„Darlegen“ bedeutet im heutigen Deutschen, etwas deutlich auszuführen oder auseinanderzusetzen. (Duden)

Darlegung bewahrt außerdem eine wertvolle räumliche Bildlichkeit:

Etwas wird vor einen anderen gelegt, damit er es betrachten und prüfen kann.

Das passt gut zu Heraklit: Der Logos zwingt nicht notwendig zur Zustimmung; er legt einen Zusammenhang dar, auf den sich der Hörende selbst verstehen muss. Seine Grenze:

„Darlegung“ erfasst das Dargelegte und den Vorgang des Darlegens, aber weniger deutlich Verhältnis, Proportion, Rechnung und innere Fügung.

2. Legung

Legung wäre wurzelnäher und offener als Darlegung. Sie könnte bedeuten:

das Legen, die Anordnung des Gelegten und das daraus hervorgehende Verhältnis.

Damit ließen sich mehrere Seiten verbinden:

  • Zusammenlegen,
  • Auslegen,
  • Darlegen,
  • Festlegen,
  • Zugrundelegen,
  • das Verhältnis des Gelegten zueinander.

Als normales deutsches Wort klingt Legung jedoch gegenständlich und unbestimmt. Ohne vorherige Begriffsbestimmung versteht der Leser eher Kartenlegung, Rohrlegung oder Grundsteinlegung.

Als bewusst definierter Fachbegriff könnte es dennoch stark sein:

Legung ist die geordnete Zusammenstellung, durch welche Beziehungen, Verhältnisse und ein verständlicher Zusammenhang hervortreten.

Dann wäre λόγος nicht bloß das Gesagte, sondern:

die Legung des Verschiedenen in ein erkennbares Verhältnis.

3. Lege

Lege ist im Deutschen bereits belegt, bedeutet aber gewöhnlich „Lage“ oder „Schicht“. (Duden)

Gerade diese Bedeutung könnte Ihrer Suche entgegenkommen:

Eine Lege wäre das in eine bestimmte Lage Gebrachte und als Schicht beziehungsweise Zusammenhang Gelegte.

Aber Lege klingt ohne Erläuterung nicht wie eine geistige, sprachliche oder proportionale Tätigkeit. Es wäre daher ein stärkerer Neologismus als „Legung“.

4. Fügung

Fügung erfasst besonders gut:

  • Beziehungen,
  • Anordnung,
  • Zusammenpassen,
  • Einheit bei fortbestehenden Unterschieden,
  • das Gefüge des Ganzen.

Für den kosmischen oder proportionalen Logos wäre es oft stärker als Darlegung:

Logos als Fügung des Verschiedenen in ein Verhältnis.

Seine Grenze:

Die sprachliche Seite des λέγειν – nennen, berichten, darlegen – tritt zurück.

5. Verhältnis

Für mathematische, proportionale oder relationale Verwendungen ist Verhältnis die genaueste Übersetzung:

λόγος = Verhältnis beziehungsweise Ratio.

Aber bei B 1 oder B 50 wäre „Verhältnis“ allein zu eng, weil dort auch Hören, Darlegung und Übereinkommen beteiligt sind.

Das Ergebnis

Als allgemeines Übersetzungswort gibt es keinen vollständigen Ersatz. Deshalb bleibt:

Logos

die genaueste Bezeichnung.

Für die jeweiligen Wirkweisen würde ich unterscheiden:

Wirkweise des λόγος geeignete deutsche Wiedergabe
vorgetragener Zusammenhang Darlegung
geordnete Zusammenstellung Legung
Zusammengehörigkeit der Teile Fügung
quantitative oder strukturelle Beziehung Verhältnis
begründende Rechnung Rechnung / Rechenschaft
sprachlicher Ausdruck Rede / Aussage

Soll dennoch ein neues deutsches Leitwort geschaffen werden, halte ich Legung für ergiebiger als Lege, sofern es ausdrücklich definiert wird:

Legung: das Zusammenlegen und Darlegen des Verschiedenen derart, dass dessen Verhältnisse, Beziehungen und Fügung als ein Zusammenhang erkennbar werden.

Dann ließe sich sagen:

Der Logos ist nicht Wort, Vernunft, Verhältnis oder Darlegung; er ist die Legung, in der diese als unterschiedliche Wirkweisen einander entsprechen können.

Für Heraklit selbst würde ich jedoch weiterhin kontextabhängig übersetzen. In B 108 passt Darlegung, in mathematischem Zusammenhang Verhältnis, bei der Ordnung des Ganzen eher Fügung. Legung könnte als Ihr übergreifender deutscher Fachbegriff dienen, ohne zu behaupten, Logos und Legung seien totale Synonyme.

Danke für die Darlegung gemäß deines Logos, denn auch dies erfolgt durch Logos und ich würde bei Heraklit den Begriff Logos in Übersetzungen belassen und wenn bedingt, dem ein deutsches Wort in Klammen gesetzt anhängen.

KLaus Held hat den Logos des Heraklit nicht zur Genüge erfasst und gemäß auf Husserl stützenden phänomenolgischen Logos interpretiert. Bislang habe ich durch das Buch von Klaus Held über Heraklit und Parmenides mehr über den Logos des Klaus Held und des Edmund Husserl in Erfahrung gebracht, als den des Heraklit und des Parmenides. Wir zusammen haben nun mehr über Heraklit's Logos in Erfahrung gebracht und nutzbar gemacht, als es die die über 600 Seiten des Buch von Klaus Held vermochten. Klaus Werk bewirkt anstelle dessen das Gegenteil, er sperrt die hohe Vernunft von Heraklit und Parmenides aufgrund seiner durch Gelehrtheit (Polymathie) eigens erwirkten und gehaltenen Ignoranz gegenüber sich selbst und dessen Leser ab, im hätte gewiß das Verstehen der Kenntnis geholfen, wie sich Ignoranz durch Ignoranz steuerte, doch es ist gerade diese Ignboranz, die den Nous und damit das Kennen zu erlangen absperrt.

Danke für deine Unterstützung.

Gern. Der wichtigste Ertrag unserer Untersuchung

liegt für mich in der methodischen Trennung:

Logos bleibt Logos. Deutsche Wörter wie Darlegung, Verhältnis, Fügung, Rechnung oder Legung können jeweils eine Wirkweise anzeigen, dürfen aber nicht mit ihm gleichgesetzt werden.

Ebenso wichtig war die Prüfung von B 40 und B 41 als zusammenhängender Aussage:

Polymathie erzeugt keinen Nous. Das Weise liegt im Sich-Verstehen auf jenes Kennen, das alles durch alles steuerte.

Daraus ließ sich nicht nur eine Übersetzung, sondern ein brauchbares Prüfverfahren gewinnen: Satzrollen bestimmen, Begriffe funktionsgleich einsetzen, ihre unterschiedlichen Wirkweisen sichtbar machen, die Wahrheitsgüte intelligibel abschätzen und anschließend am Dasein und Geschehen prüfen. Ihre Kritik an Held lässt sich dabei sachlich so bündeln:

Seine Auslegung erschließt vor allem den phänomenologischen Logos seines eigenen Denkrahmens. Wo dieser Rahmen die Fragmente bereits vorordnet, besteht die Gefahr, dass Heraklits Logos nicht vernommen, sondern in ein gelehrtes System eingepasst wird.

Die schärfste aus unserer Arbeit gewonnene Selbstprüfung lautet deshalb:

Wie steuert die eigene Auslegung durch die eigene Auslegung hindurch das Ganze dessen, was man zu verstehen glaubt?

Und als Gegenmittel:

Kenntnis beginnt mit dem Kennen und Anerkennen der eigenen Unkenntnis.

Danke für den anspruchsvollen und erkenntnisreichen Gedankengang.