De docta ignorantia Liber primus Capitulum X.
Capitulum X.
Quomodo intellectus trinitatis in unitate supergreditur omnia.
Nunc inquiramus, quid sibi velit Martianus, quando ait Philosophiam ad huius trinitatis notitiam ascendere volentem circulos [2] et sphaeras evomuisse.
[3] Ostensum est in prioribus unicum simplicissimum maximum; et quod ipsum tale non sit nec perfectissima figura corporalis, ut est sphaera, aut superficialis, ut est circulus, aut rectilinealis, ut est triangulus, aut simplicis rectitudinis, ut est linea. Sed ipsum super [4] omnia illa est, ita quod illa, quae aut per sensum aut imaginationem aut rationem cum materialibus appendiciis attinguntur, necessario evomere oporteat, ut ad simplicissimam et abstractissimam intelligentiam perveniamus, ubi omnia sunt unum; ubi linea sit triangulus, circulus et sphaera; ubi unitas sit trinitas et e converso; ubi accidens 20.10 sit substantia; ubi corpus sit spiritus, motus sit quies et cetera huiusmodi. Et tunc intelligitur, quando quodlibet in ipso uno intelligitur, unum; et ipsum unum omnia; et per consequens quodlibet in ipso omnia. Et non recte evomuisti sphaeram, circulum et huiusmodi, si non intelligis ipsam unitatem maximam necessario esse trinam. [5] Maxima enim nequaquam recte intelligi poterit, si non intelligatur trina.
Kapitel X.
Der Gedanke der Dreiheit in der Einheit übersteigt alles.
Jetzt wollen wir untersuchen, was Martianus Capella will, wenn er sagt, die Philosophie habe, als sie zur Erkenntnis dieser Dreieinigkeit emporsteigen wollte, die Kreise und Kugeln von sich geworfen.
Im Vorhergehenden wurde das einzige, einfachste Größte aufgewiesen und gezeigt, daß dieses weder die vollkommenste körperliche Gestalt ist, wie die Kugel, noch die Fläche wie der Kreis, noch die gradlinige Gestalt wie das Dreieck, sondern vielmehr über allem steht; infolgedessen muß man das, was mit Stoff behaftet, durch Sinnlichkeit, Vorstellung oder Verstand erreichbar ist, von sich werfen, um zur einfachsten und von allem gelöstesten Einsicht zu gelangen, in der alles eins ist; wo die Linie Dreieck, Kreis und Kugel ist, wo die Einheit Dreiheit und umgekehrt ist, wo das äußerlich Hinzukommende das Beständige ist, wo der Körper Geist, die Bewegung Ruhe ist, u. dgl. m. Dann, wenn man alles in dem Einen sieht, erkennt man das Eine und daß das Eine alles ist und folgerichtig jedes in ihm alles. Und man hat Kugel, Kreis und dergleichen nicht richtig von sich abgetan, wenn man nicht einsieht, daß jene größte Einheit notwendig eine Dreiheit ist. Denn das Größte kann in keiner Weise richtig eingesehen werden, wenn man es nicht als Dreiheit sieht.Ut exemplis ad hoc utamur convenientibus: videmus unitatem intellectus non aliud esse quam intelligens, intelligibile et intelligere.
Si igitur ab eo, | quod est intelligens, velis te ad maximum transferre [6] [7] et dicere maximum esse maxime intelligens et non adicias ipsum etiam esse maxime intelligibile et maximum intelligere, non recte de unitate maxima et perfectissima concipis. Si enim unitas est maxima et perfectissima intellectio, quae sine istis correlationibus tribus nec intellectio nec perfectissima intellectio esse poterit, non recte unitatem [8] concipit, qui ipsius unitatis trinitatem non attingit.
Unitas enim non nisi trinitas est; nam dicit indivisionem, discretionem et connexionem. Indivisio quidem ab unitate est, similiter discretio, similiter et unio sive connexio. Maxima igitur unitas non [9] aliud est quam indivisio, discretio et connexio. Et quoniam indivisio est, tunc est aeternitas sive absque principio, sicut aeternum a nullo divisum. Quoniam discretio est, ab aeternitate immutabili est. Et quoniam connexio sive unio est, ab utroque procedit.
Um dies zu verstehen, wollen wir entsprechende Beispiele gebrauchen:
Wir sehen, daß die Einheit der Einsicht nichts anderes ist als Einsehendes, Einsichtiges und Einsehen. Wenn man sich also von dem Einsehenden zum Größten erheben will und sagt, das Größte sei das am meisten Einsehende, ohne hinzuzufügen, daß es auch das am meisten Einsichtige und das größte Einsehen ist, dann hat man von der größten und vollkommensten Einheit keine richtige Vorstellung. Wenn nämlich die Einheit die größte und vollkommenste Einsicht ist, die ohne diese drei Glieder weder Einsicht noch am vollkommensten sein könnte, dann erfaßt der, welcher die Dreiheit dieser Einheit nicht berührt, die Einheit nicht richtig.
Die Einheit ist nichts anderes als Dreiheit; denn sie besagt Ungeteiltheit, Unterschiedenheit und Verknüpfung. Die Ungeteiltheit stammt aus der Einheit, ebenso die Unterschiedenheit und genauso die Einung oder Verknüpfung. Die größte Einheit ist also nichts anderes als Ungeteiltheit, Unterschiedenheit und Verknüpfung. Als Ungeteiltheit ist sie Ewigkeit oder ohne Ursprung, weil das Ewige von nichts getrennt ist. Als Unterschiedenheit stammt sie aus der unveränderlichen Ewigkeit. Und als Verknüpfung oder Einung geht sie aus beiden hervor.[10] Adhuc, cum dico: ‘Unitas est maxima’, trinitatem dico. Nam cum dico unitas, dico principium sine principio; cum dico maxima, dico principium a principio; cum illa per verbum est copulo et unio, dico processionem ab utroque. Si igitur ex superioribus manifestissime probatum est unum esse maximum, quoniam minimum, maximum [11] et connexio unum sunt, ita quod ipsa unitas est et minima et maxima et unio: hinc constat, quomodo evomere omnia imaginabilia et rationabilia necesse est Philosophiam, quae unitatem maximam non nisi trinam simplicissima intellectione voluerit comprehendere.
Admiraris autem de hiis, quae diximus, quomodo volentem maximum [12] simplici intellectione apprehendere necesse sit rerum differentias et diversitates ac omnes mathematicas figuras transilire, quoniam lineam diximus in maximo superficiem et circulum et sphaeram. Unde, ut acuatur intellectus, ad hoc te facilius indubitata manuductione transferre conabor, ut videas ista necessaria atque verissima, quae te [13] non inepte, si ex signo ad veritatem te elevaveris verba transsumptive intelligendo, in stupendam suavitatem adducent; quoniam in docta ignorantia proficies in hac via, ut – quantum studioso secundum humani ingenii vires elevato conceditur – videre possis ipsum unum maximum incomprehensibile, Deum unum et trinum semper benedictum. .
Wenn ich nun sage, «die Einheit ist die größte», so sage ich «Dreieinheit». Denn wenn ich «Einheit» sage, sage ich Ursprung ohne Ursprung, wenn ich «größte» sage, sage ich Ursprung aus dem Ursprung. Wenn ich jene durch das Wort «Ist» verbinde und eine, sage ich Hervorgang aus beiden. Im vorhergehenden wurde klar bewiesen, daß das Eine das Größte ist; denn da die Einheit die kleinste, die größte und die Einung ist, ist das Kleinste, das Größte und die Verknüpfung das Eine. Demzufolge muß eine Philosophie, die im einfachsten Erkennen die größte Einheit nur als Dreieinheit begreifen will, notwendigerweise alles Vorstellbare und Verstandesmäßige von sich werfen. Man wird aber über das, was wir gesagt haben, erstaunt sein, da nämlich jener, der das Größte in einfacher Einsicht begreifen will, die Unterschiede und Verschiedenheiten der Dinge und alle mathematischen Figuren überspringen muß. Wir sagten nämlich, daß im Größten die Linie Fläche, Kreis und Kugel sei.
Deshalb werde ich versuchen, dich zur Schärfung der Einsicht auf leichtere Weise durch unbezweifelbare Hilfsmittel dahin zu bringen, daß du siehst: dies ist einfach notwendig und wahr. Wenn du die Wörter in übertragener Bedeutung verstehst und dich so vom Zeichen zur Wahrheit erhebst, wird dich dies in richtiger Weise zu wunderbarer Freude führen. Und soweit es einem Suchenden, der den Kräften menschlicher Fähigkeit gemäß erhoben wird, zugestanden ist, wirst du in wissender Unwissenheit auf diesem Wege fortschreitend das größte, unbegreifliche Eine sehen können, den einen und dreieinen, gepriesenen Gott.