Werk:Phaidon (Platon)/60b-c
◀▷Als wir nun hineingingen, fanden wir Sokrates soeben losgemacht und Xanthippe[1] - du kennst sie ja - saß, sein Kind haltend, daneben. Als uns Xanthippe sah, brach sie in laute Klagen aus und sagte manches in der Art, wie es die Frauen zu sagen pflegen: Sokrates, zum letztenmal werden deine Freunde nun mit dir sprechen und du mit ihnen! Da schaute Sokrates zu Kriton hin und sagte: Kriton, jemand möge sie nach Hause führen.
Da führten sie einige von Kritons Leuten fort, während sie schrie und wehklagte. Sokrates aber beugte, indem er sich aufrecht auf das Lager setzte, das Bein und rieb es mit der Hand, und während er es rieb, sagte er:[2] Wie sonderbar, ihr Männer, scheint es doch mit dem zu sein, was die Menschen angenehm nennen! Wie seltsam verhält es sich zu dem, was als sein Gegenteil gilt, dem Unangenehmen, daß beide zugleich zwar nicht im Menschen sein wollen, wenn aber jemand dem einen nachjagt und es erwirbt, er fast immer gezwungen ist, auch das andere zu erwerben,[3] als ob sie, die doch zwei sind, an einem Scheitelpunkt [4] zusammengeknüpft wären. Mir scheint, sagte er, wenn Aisopos[5] das bemerkt hätte, hätte er einen Mythos darüber verfaßt, daß Gott die beiden Streitenden versöhnen wollte, und da er es nicht konnte, sie an ihren Scheitelpunkten zusammengebunden habe, und daß dadurch nun, wenn bei jemandem das eine vorhanden sei, später auch das andere nachfolge. Wie es jetzt auch bei mir zu sein scheint; weil von der Fessel im Bein vorher Schmerz war, scheint nun nachfolgend das Angenehme zu kommen.
4. Darauf ergriff Kebes das Wort und sprach: Bei Zeus, Sokrates, du tust gut daran, mich zu erinnern. Denn nach deinen Gedichten, die du gemacht hast, indem du die Worte des Aisopos in Verse gesetzt hast, und nach dem Lobgesang auf Apollon[6] haben auch andere mich schon gefragt und vor kurzem erst Euenos,[7] wie du eigentlich darauf gekommen bist, Verse zu machen, [8] seitdem du hier bist, während du es früher nie getan hast. Ist dir also daran gelegen, daß ich Euenos zu antworten vermag, wenn er mich wieder fragt – denn ich weiß wohl, daß er fragen wird –, so sprich, was ich sagen soll!
Sag ihm also, Kebes, sprach er, die Wahrheit, daß ich es nicht getan habe, weil ich gegen ihn und seine Gedichte antreten will – ich wüßte nämlich, daß das nicht leicht sein würde –, sondern um gewisse Träume zu erforschen, was sie wohl bedeuten, [9] und um meinen heiligen Pflichten nachzukommen,[10] wenn sie mir etwa aufgetragen haben sollten, mich auf diese Weise musisch zu betätigen. Es verhielt sich nämlich so: Oftmals kam mir derselbe Traum in meinem vergangenen Leben, jeweils in anderer Gestalt erscheinend, aber dasselbe sagend: »Sokrates, sprach er, wirke und betätige dich musisch!«▷
Als wir nun hineintraten, [60 St.1 A] fanden wir den Sokrates eben entfesselt, und Xanthippe, du kennst sie doch, sein Söhnchen auf dem Arm haltend, saß neben ihm. Als uns Xanthippe nun sah, wehklagte sie und redete allerlei dergleichen, wie die Frauen pflegen, wie: „O Sokrates, nun reden diese deine Freunde zum letzten male mit dir, und du mit ihnen!“ Da wendete sich Sokrates zum Kriton und sprach: „O Kriton, lasse doch jemand diese nach Hause bringen!“ Da führten einige von Kritons Leuten sie weg, heulend und sich an die Brust schlagend.
Sokrates aber, auf dem Bette sitzend, zog das Bein an sich und rieb sich den Schenkel mit der Hand, indem er zugleich sagte: Was für ein [B] widersprüchliches Ding, ihr Männer, ist es doch um das, was die Menschen angenehm nennen, wie wunderlich es sich verhält zu dem, was ihm entgegengesetzt zu sein scheint, dem Unangenehmen, dass nämlich beide zu gleicher Zeit zwar nie in dem Menschen sein wollen, doch aber, wenn einer dem einen nachgeht und es erlangt, er meist immer genötigt ist, auch das andere mitzunehmen, als ob sie zwei an einer Spitze zusammengeknüpft wären, und ich denke, wenn Aisopos dies bemerkt hätte, würde er eine Fabel daraus gemacht haben, dass Gott beide, da sie im Kriege begriffen sind, habe aussöhnen wollen und, weil er dies nicht gekonnt, sie an den Enden [C] zusammengeknüpft habe, und deshalb nun, wenn jemand das eine hat, komme ihm das andere nach. So scheint es nun auch mir gegangen zu sein, weil ich von der Fessel in dem Schenkel vorher Schmerz hatte, so kommt mir nun die angenehme Empfindung hintennach.
Darauf nahm Kebes das Wort und sagte: Beim Zeus, Sokrates, das ist gut, dass du mich daran erinnerst. Denn nach deinen Gedichten, die du gemacht hast, indem du die Fabeln des Aisopos in Verse gebracht, und nach dem Vorgesang an den Apollon haben mich auch andere schon gefragt, und noch neulich Euenos, wie es doch zugehe, dass, [D] seitdem du dich hier befindest, du Verse machest, da du es zuvor nie getan hast. Ist dir nun etwas daran gelegen, dass ich dem Euenos zu antworten weiß, wenn er mich wieder fragt, und ich weiß gewiss, das wird er, so sprich, was ich ihm sagen soll!
Sage ihm denn, sprach er, o Kebes, die Wahrheit, dass ich es nicht tue, um etwa gegen ihn und seine Gedichte aufzutreten, denn das, wüsste ich wohl, wäre nicht leicht, sondern um zu versuchen, was wohl ein gewisser Traum meine, und mich vor Schaden zu hüten, wenn [E] etwa dies die Musenkunst wäre, die er mir anbefiehlt. Es war nämlich dieses: es ist mir oft derselbe Traum vorgekommen in dem nun vergangenen Leben, der mir, bald in dieser, bald in jener Gestalt erscheinend, immer dasselbe sagte: „O Sokrates“, sprach er, „mache und treibe Musenkunst!“- ↑ ▷ 25. Xanthippe war vermutlich die einzige Frau des Sokrates; die von Aristoteles verbreitete Version, Sokrates sei auch noch mit Myrto verheiratet gewesen, ist wenig wahrscheinlich. Xanthippe ist die Mutter der im Dialog nicht namentlich genannten Söhne Lamprokles, Sophroniskos und Menexenos.
- ↑ [B]
- ↑ ▷ 26. Zur Motivverknüpfung vgl. Anm. 7. Beispielhaft wird sichtbar, wie Erfahrungen im Bereich des Sinnlichen für Sokrates zum Anlaß werden, das darin wirksame Nicht-Sinnliche zu denken – daß Lust und Unlust immer relativ sind, läßt nach dem Nicht-Relativen suchen, an dem die Relativität überhaupt erst feststellbar wird. Dies schafft zugleich Distanz zur eigenen Lage; die vom Philosophen im folgenden geforderte Lösung aus der Sinnlichkeit, die aus dem Betroffenen den kühlen Diagnostiker werden läßt.
- ↑ [C]
- ↑ ▷ 27. Über Aisopos ist historisch nur wenig überliefert. Ihm werden die meisten der griechischen Fabeln (oder Mythen) zugeschrieben. Bei diesen handelt es sich um die bildhafte Einkleidung allgemeiner Lebenswahrheiten, meistens sind Tiere oder Pflanzen die Handlungsträger. – Die Erwähnung des Mythos soll hier vielleicht darauf hinweisen, daß auch dieser in der Regel einen rationalen Kern hat. Wichtig ist dies deshalb, weil Sokrates nach eigenem Bekunden (s. 61e) Logos und Mythos gebrauchen will, um seine eigene Lebenswahl, die Entscheidung für die Philosophie mit ihren tödlichen Konsequenzen, zu begründen.
- ↑
- ↑ ▷ 29. Euenos war ein bekannter Dichter, Sophist und Rhetor. Distanziert wird er in ›Apologie‹ 206 dargestellt, außerdem in ‹Phaidros› 267a genannt. Man darf wohl Ironie unterstellen, wenn Sokrates nicht gegen Euenos antreten will; das jeweilige Anliegen dürfte zu unterschiedlich sein, um ein Konkurrenzverhältnis aufkommen zu lassen.
- ↑ [D]
- ↑ [E]
- ↑ ▷ 30. Das Verfassen von Gedichten ist also ein Akt der Frömmigkeit, nicht Ausdruck des Zweifels an der bisherigen Auslegung, daß die Philosophie der eigentliche Musendienst ist. Deshalb hat diese kurze Episode der Beschäftigung mit anderen Dingen auch sofort ein Ende, wenn die Freunde zum gemeinsamen Philosophieren da sind.