Werk:Phaidon (Platon)/67b-69e
◀▷…[1] Dann nämlich wird die Seele ganz für sich sein, getrennt vom Körper, vorher aber nicht. Und so lange wir leben, werden wir, wie es scheint, nur dann dem Wissen am nächsten sein, wenn wir so weit wie möglich weder mit dem Körper verkehren noch mit ihm Gemeinschaft haben, sofern es nicht unbedingt notwendig ist, und uns nicht von seiner Natur erfüllen lassen, sondern uns rein halten von ihm, bis Gott selbst uns loslöst. Und so rein und vom Unverstand des Körpers getrennt,[2] werden wir wahrscheinlich mit Gleichartigen zusammen sein und[3] durch uns selbst alles Reine erkennen; das ist eben wohl das Wahre. Dem Unreinen nämlich ist Reines zu berühren wohl nicht erlaubt.«
Derartiges, meine ich, Simmias, werden unvermeidlich alle »rechten« Liebhaber der Wissenschaft untereinander reden und auch glauben. Oder scheint es dir nicht so? Durchaus, Sokrates.
[4] Nun, sagte Sokrates, wenn das wahr ist,[5] mein Freund, dann besteht ja große Hoffnung für den, der dort ankommt, wohin ich jetzt gehe, daß er dort, wenn überhaupt irgendwo, in hinreichendem Maß das erwerben wird, worum wir uns im vergangenen Leben so viel Mühe gemacht haben; so daß die mir nun[6] befohlene Reise mit guter Hoffnung unternommen werden kann, auch für jeden anderen Menschen, der glaubt, sein Denken so eingerichtet zu haben, daß es rein ist.
Allerdings, sprach Simmias.
Wird sich aber als Reinigung nicht das herausstellen, was längst in unserer Rede besprochen wurde, nämlich die Seele so weit wie möglich vom Körper zu trennen und sie daran zu gewöhnen, sich von überall her aus dem Körper ganz für sich zu sammeln und zusammenzuziehen und nach Kräften sowohl in [D] der Gegenwart als auch in der künftigen Zeit allein für sich zu leben, losgelöst vom Körper wie von Banden?[7]
Allerdings, sagte er.
Wird nun nicht dieses eben Tod genannt, die Lösung und Trennung der Seele vom Körper?
Gewiß, sprach er.
Sie zu lösen, bemühen sich aber, wie wir sagen, immer am meisten und alleine die rechten Philosophierenden, und gerade das ist das Geschäft der Philosophen, die Lösung und Trennung der Seele vom Körper –oder nicht? Offenbar.
Wäre es nun nicht, wie ich anfangs sagte, lächerlich, wenn ein [E] Mensch, der sich in seinem ganzen Leben darauf eingerichtet hat, möglichst nahe dem Tod-Sein zu leben, dann doch, wenn dieses käme, unwillig wäre?
Wie sollte das nicht lächerlich sein?
In der Tat, Simmias, sagte er, üben sich also die rechten Philosophierenden im Sterben, und das Tot-Sein ist ihnen von allen Menschen am wenigsten furchtbar. Prüfe es aber von folgendem her: Wenn sie nämlich völlig mit dem Körper entzweit sind und die Seele ganz für sich zu haben begehren, sobald dies aber eintritt, sich fürchten würden und unwillig wären – …▷
—Übrstzng F.S.◀▷… - wäre das nicht der größte Widersinn, wenn sie nicht gerne dorthin gehen wollten,[8] wo sie Hoffnung haben, das zu erlangen, was sie während ihres Lebens liebten – sie liebten aber die Einsicht –; womit sie aber entzweit waren, von der Vereinigung mit diesem getrennt zu werden? Oder: Viele, deren menschliche Geliebte und Frauen und Kinder gestorben sind, wollten ihnen freiwillig in die Unterwelt nachfolgen, von der Hoffnung geleitet, diejenigen dort zu sehen, nach denen sie begehrten, und mit ihnen zusammenzusein. Wenn aber jemand die Einsicht wahrhaft liebt und fest gerade diese Hoffnung hegt, nirgendwo anders mit ihr auf eine Weise, die der Rede wert ist, zusammenzutreffen,[9] als in der Unterwelt, dann sollte der nur widerwillig sterben und nicht gerne dorthin gehen? Man muß es wenigstens annehmen, wenn er wahrhaftig, mein Freund, ein Philosoph ist; denn ganz stark wird er das glauben, nirgendwo anders die Einsicht rein anzutreffen als eben dort. Wenn sich das aber so verhält, wie ich eben gesagt habe, wäre es dann nicht äußerst widersinnig, wenn ein solcher den Tod fürchtet?[10]
Äußerst widersinnig, bei Zeus, entgegnete er.[11] Ist dir das nicht ein hinreichendes Zeugnis, fragte er, daß ein Mensch, den du unwillig siehst, wenn er sterben soll, eben kein Liebhaber der Weisheit,[12] sondern wohl ein Liebhaber des Körpers war? Derselbe aber, der das ist, wird auch ein Liebhaber des Geldes und des Ruhmes sein, entweder das eine davon oder beides.[13]
Es verhält sich ganz so, wie du sagst, sprach er.
Wird nicht auch, Simmias, fragte er, was man Tapferkeit nennt, denen, die so gesinnt sind, am meisten zukommen?
Ganz gewiß, sagte er.
Und ebenso die Besonnenheit, was auch die Leute Besonnenheit nennen,[14] sich von den Begierden nicht hinreißen zu lassen, sondern sich ihnen gegenüber geringschätzig und maßvoll zu verhalten – kommt sie nicht allein denen zu, die den Körper am meisten geringschätzen und in der Liebe zur Weisheit leben?
[15]Notwendig, sprach er.
Denn wenn du, fuhr er fort, die Tapferkeit der anderen und ihre Besonnenheit erwägen willst, werden sie dir sonderbar erscheinen.
Wie das, Sokrates?
Du weißt, sagte er, daß den Tod alle anderen für eines der großen Übel halten,[16]
Durchaus, sprach er.
Erdulden nun nicht aus Furcht vor noch größeren Übeln die Tapferen unter ihnen den Tod, wenn sie ihn erdulden? So ist es.
Weil sie sich fürchten und aus Furcht sind demnach alle tapfer außer den Philosophen; obwohl das doch wohl widersinnig ist, daß jemand aus Furcht und Feigheit tapfer sein soll.
—Übrstzng F.S.◀▷Wie steht es aber mit den Maßvollen unter ihnen? Ist es mit denen nicht ebenso – aus irgendeiner Zügellosigkeit sind sie besonnen? Obwohl wir sagen, das sei unmöglich; und doch geht es ihnen bei dieser törichten Besonnenheit ganz ähnlich wie dort. Denn weil sie fürchten, anderer Lüste beraubt zu werden und weil sie diese begehren, enthalten sie sich der einen, beherrscht von den anderen. Obwohl man es Zügellosigkeit nennt, von den Lüsten [18] beherrscht zu werden, geht es ihnen doch so, daß sie, beherrscht von Lüsten, andere Lüste beherrschen. Das ist aber dem ähnlich, was eben gesagt wurde, nämlich auf eine gewisse Weise aus Zügellosigkeit besonnen geworden zu sein.
Es scheint so.
Mein lieber Simmias, das ist wohl schwerlich der richtige Tausch, um Tugend zu erlangen, Lust gegen Lust und Schmerz gegen Schmerz und Furcht gegen Furcht einzutauschen, Größeres gegen Kleineres, wie Münzen, sondern jene allein ist die richtige Münze, gegen die man al dieses eintauschen muß, die Vernunft;[19] und alles, was für sie und mit ihr gekauft und verkauft wird, hat wahrhaft Wert, sowohl Tapferkeit als auch Besonnenheit, Gerechtigkeit und überhaupt wahre Tugend, nur mit Vernunft, mögen auch Lust und Furcht und alles andere dieser Art dabei sein oder nicht. Getrennt aber von der Vernunft und bloß gegen die anderen eingetauscht würde eine derartige Tugend wohl nur ein Schattenbild sein und in Wahrheit knechtisch und würde nichts Gesundes und Wahres an sich haben. Das Wahre aber wird gerade[20] eine Art Reinigung von all diesem sein, und die Besonnenheit und die Gerechtigkeit und Tapferkeit und die Vernunft selbst sind Reinigungen.[21] Und es scheint, daß auch diejenigen, die uns die Weihen[22] eingerichtet haben, keine schlechten Leute sind, zudem daß sie uns in Wahrheit seit alters andeuten, wer ungeweiht und ungeheiligt in die Unterwelt komme, werde in Schamm liegen, der Gereinigte und Geweihte aber werde, wenn er dort angekommen ist, bei den Göttern wohnen. Es gibt nämlich, wie die der Weihen Kundigen sagen, »der Thyrsosträger zwar viele, der[23] echte Begeisterte aber wenige«.[24] Diese sind aber meiner Meinung nach keine anderen als die, die auf die rechte Weise Philosophie betrieben haben. Von denen einer zu werden auch ich nach Vermögen im Leben nichts unterlassen, sondern mich auf jede Weise bemüht habe. Ob ich mich aber auf die rechte Weise bemüht und etwas erreicht habe, werden wir, wenn wir dorthin gekommen sind, genau wissen, so Gott will, und zwar in kurzer Zeit, wie mir scheint.
Das also, sprach er, Simmias und Kebes, ist meine Verteidigung dafür, daß ich es zu Recht nicht schwer nehme und nicht[25] geneigt bin, euch zu verlassen und die hiesigen Herren, weil ich glaube, dort nicht weniger als hier gute Herren und Freunde anzutreffen. Den meisten bereitet das aber Zweifel. Wenn ich also für euch überzeugender gewesen bin in meiner Verteidigung als für die Richter der Athener. dann wäre es gut.▷
—Übrstzng F.S.- ↑ [67.A]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.52
- ↑ [B]
- ↑ 12.
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.53
- ↑ [C]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.54
- ↑ [68.A]
- ↑ [B]
- ↑
- ↑ 13.
- ↑ [C]
- ↑ ▷ 56. Wer philosophisch gelebt hat, stirbt leicht, denn der Tod ist ihm nur Verlust des Sinnlichen, zu dem er ohnehin ein distanziertes Verhältnis hate. Wer schwer stirbt, gibt damit zu erkennen, daß er mit dem Tod alles zu verlieren fürchtet. Wem aber das Sinnliche alles ist, dem ist es auch in jeder seiner Erscheinungsweisen wichtig – denn er hat ja nichts anderes.
- ↑ ▷ 57. Die ›bürgerliche‹ Tugend (s. auch 82a-b), das ›anständige‹ Verhalten, das auch vom Alltagsdenken als solches beurteilt wird, das aber ohne philosophische Begründung, ohne Rückgang zu seiner Ursache, der Idee des Guten, in der Ambivalenz bloßer Erscheinung verbleibt.
- ↑ [D]
- ↑
- ↑ [E[
- ↑ [69.A]
- ↑ [B]
- ↑ [C]
- ↑
- ↑
- ↑ [D]
- ↑ ▷ 61. Anspielung auf den Dionysos-Kult: Viele tragen als Zeichen ihrer Teilnahme am Kultus den Thyrsos (ein mit Weinlaub oder Binden umwickelter Stab), aber nur wenige sind ›Bakchen‹, von der geoffenbarten Erscheinung des Gottes Ergriffene. Mit anderen Worten: Viele machen sich auf den Weg, aber nur wenige erreichen das Ziel – nämlich nur die, die den richtigen, den philosophischen Weg der Suche nach Vernunft eingeschlagen haben.
- ↑ [E]