Werk:Phaidon (Platon)/80
◀▷[1] Betrachte es nur auch von dieser Seite, daß, [2] wenn Seele und Körper zusammen sind, die Natur diesem zu dienen und beherrscht zu werden befiehlt, jener aber zu herrschen und zu gebieten. Auch danach wieder – welches von beidem scheint dir dem Göttlichen ähnlich zu sein und welches dem Sterblichen? Oder scheint dirnicht das Göttliche so beschaffen zu sein, daß es herrscht und führt, das Sterbliche dagegen, daß es beherrscht wird und dient?
Doch.
Welchem von beidem gleicht also die Seele?
Offenbar, Sokrates, die Seele dem Göttlichen, der Körper dem Sterblichen.
Prüfe also, Kebes, sprach er, ob sich uns aus allem Gesagten das ergibt: [3] daß dem Göttlichen, Unsterblichen, geistig Erfaßbaren, Einförmigen, Unauflösbaren und sich immer gleichartig und sich selbst gleich Verhaltenden die Seele am ähnlichsten ist, dem Menschlichen aber, Sterblichen, nicht geistig Erfaßbaren, Vielförmigen, Auflösbaren und sich nie gleichartig und sich selbst gleich Verhaltenden wiederum der Körper am ähnlichsten.
Wissen wir dagegen noch etwas zu sagen, mein lieber Kebes, daß es sich nicht so verhalte?
Wir wissen nichts mehr.
[4] Wie also? Wenn sich das so verhält, kommt es dann nicht dem Körper zu, schnell aufgelöst zu werden, der Seele hingegen, gänzlich unauflösbar zu sein oder doch nahezu?
[5] Wie denn nicht?
Du bemerkst doch, sprach er, daß, sobald der Mensch stirbt, dem Sichtbaren von ihm, seinem Körper, der im Sichtbaren daliegt und den wir Leichnam nennen und dem es zukommt, sich aufzulösen und zu zerfallen und verweht zu werden, nicht sofort etwas davon widerfährt, sondern daß er noch ziemlich lange Zeit verharrt, und wenn jemand mit jugendlich anmutigem Körper stirbt und in ebensolchem Alter, dann ganz besonders. Wenn der Körper nämlich zusammengefallen ist und einbalsamiert wie die Einbalsamierten in Ägypten, so bleibt er unglaublich lange nahezu ganz, [6] einige Teile des Körpers aber, Knochen und Sehnen und alles derartige, sind, auch wenn er verwest ist, dennoch sozusagen unsterblich – oder nicht?
Die Seele aber, das Unsichtbare, das zu einem anderen, ebensolchen Ort fortgeht, der edel und rein und unsichtbar ist, in die wahre Unterwelt[7] zu dem guten und vernünftigen Gott, wohin, wenn Gott will, bald auch meine Seele zu gehen hat - sie also, die so beschaffen und von solcher Natur ist, soll, vom Körper getrennt, sogleich verweht werden und zugrundegegangen sein, [E] wie die meisten Menschen behaupten? Weit entfernt davon, lieber Kebes und Simmias, sondern viel eher verhält es sich folgendermaßen: ...▷