Zum Inhalt springen

Werk:Phaidon (Platon)/87

aus AufEinWort, der freien Forschung

—Übrstzng B.Z.

◀▷Ich will es also sagen, sprach Kebes. Mir nämlich scheint die Rede noch an demselben Punkt zu sein und demselben Vorwurf ausgesetzt, den wir früher schon angeführt haben. [1] Denn daß es unsere Seele schon gab, bevor sie in diese Gestalt kam, davon nehme ich nicht zurück, daß es ganz geistreich und, wenn es nicht anmaßend ist, das zu sagen, völlig hinreichend bewiesen worden ist; daß sie aber auch, wenn wir gestorben sind, noch irgendwo ist, das scheint mir nicht so. Daß die Seele nicht stärker und dauerhafter sein soll als der Körper, das gestehe ich dem Einwand des Simmias nicht zu; denn sie scheint sich mir in all diesem sehr weit zu unterscheiden. Warum also, könnte die Rede sagen, hast du noch Zweifel, da du doch siehst, daß das Schwächere noch ist, wenn der Mensch gestorben ist? Scheint es dir nicht notwendig, [2] daß sich das Dauerhaftere noch erhalten muß in eben dieser Zeit? Im Hinblick darauf prüfe nun, ob ich etwas sage; denn eines Bildes, wie es scheint, bedarf ich genauso wie Simmias. Mir scheint das nämlich ebenso gesagt zu sein, wie wenn jemand über einen alten Weber, der gestorben ist, diese Rede führen wollte, nämlich daß der Mensch nicht zugrundegegangen, sondern noch irgendwo wohlbehalten sei, als Zeichen dafür aber das Gewand anführen wollte, welches er anhatte und selbst gewebt hatte, daß das noch wohlerhalten und nicht zugrundegegangen sei, und wenn jemand ihm gegenüber zweifelte, [3] er ihn fragen würde, ob wohl die Natur des Menschen dauerhafter sei oder die des Gewandes, das ja im Gebrauch ist und getragen wird, und er dann antworten müßte, bei weitem die des Menschen, und jener dann glaubte bewiesen zu haben, daß also um so mehr der Mensch wohlbehalten sein müsse, da ja das weniger Dauerhafte nicht zugrundegegangen ist.[4] Das aber, meine ich, Simmias, verhält sich nicht so. Prüfe denn auch du, was ich sage. Jeder nämlich müßte annehmen, daß der etwas Törichtes sagte, der dieses sagt; denn dieser Weber ist, nachdem er schon viele solche Gewänder verbraucht und gewebt hat, zwar später zugrundegegangen als jene vielen, [5] als das letzte aber, meine ich, doch früher, und dennoch ist der Mensch deswegen nicht schlechter und nicht weniger haltbar als ein Gewand. Dasselbe Bild, meine ich, könnte man auf das Verhältnis der Seele zum Körper anwenden, und wer dasselbe über diese sagen würde, schiene mir angemessen zu reden, nämlich daß die Seele dauerhaft sei, der Körper schwächer und weniger dauerhaft; er könnte dann aber fortfahren, daß jede der Seelen viele Körper verbrauche, besonders, wenn sie viele Jahre lebe. Denn wenn der Körper im Fluß sei und zugrundegehe, während der Mensch [6] noch lebe, die Seele aber den verbrauchten immer wieder neu webe, dann müßte die Seele ja wohl notwendig, sobald sie zugrundegehe, dieses letzte Gewebe noch haben und nur früher als dieses zugrundegehen. Wenn die Seele aber zugrundegegangen sei, dann könnte der Körper sogleich die Natur seiner Schwäche zeigen und schnell verwesen und vergehen. So daß man dieser Rede durchaus nicht zuversichtlich trauen kann, daß, wenn wir gestorben sind, unsere Seele noch irgendwo sei. …▷

—Übrstzng F.S.

  1. ↑ [87.A]
  2. ↑ [B]
  3. ↑ [C[
  4. ↑
  5. ↑ [D]
  6. ↑ [E]