Zum Inhalt springen

Werk:Phaidon (Platon)/90

aus AufEinWort, der freien Forschung

—Übrstzng B.Z.

◀▷Ist das nun nicht häßlich, fragte er, und ist nicht offensichtlich, daß ein solcher es ohne Menschenkenntnis unternimmt, mit den Menschen zu verkehren? Denn wenn er mit Hilfe der Kenntnis mit ihnen verkehrte, würde er es so einschätzen, wie es sich tatsächlich verhält, [1] daß es von beiden, den Rechtschaffenen und den Boshaften, nur sehr wenige gibt, von denen in der Mitte aber am meisten.

Wie meinst du das? fragte ich.

So, sagte er, wie bei dem sehr Kleinen und sehr Großen – glaubst du, daß etwas seltener ist, als einen sehr großen oder sehr kleinen Menschen oder Hund oder sonst etwas zu finden? Oderauch einen schnellen oder langsamen, häßlichen oder schönen, weißen oder schwarzen? Oder hast du nicht bemerkt, daß bei alledem das Äußerste selten und wenig vorkommt, das Mittlere hingegen reichlich und viel?

Gewiß, sagte ich

[2] Glaubst du nun nicht, sprach er, daß, wenn ein Wettstreit der Bosheit angestellt würde, auch dort nur ganz wenige sich als die ersten zeigen würden?

Wahrscheinlich, sagte ich.

Wahrscheinlich allerdings, sprach er. Aber darin gleichen die Reden den Menschen eigentlich nicht – nur, weil du jetzt hierhin geführt hast, bin ich dir nachgefolgt –,sondern darin, daß, wenn jemand ohne die Kenntnis, die sich auf Reden bezieht, einer Rede getraut hat, daß sie wahr sei, und sie ihm wenig später verlogen erscheint, manchmal zu Recht, manchmal aber auch zu Unrecht, und so wieder eine andere und noch eine andere – und am meisten, wie du weißt, gilt das von denjenigen, die sich mit den einander widersprechenden Reden[3] befassen, [4] daß sie am Ende meinen, sehr weise geworden und als einzige zu der Einsicht gelangt zu sein, daß es weder an irgendeinem von den Dingen auch nur irgend etwas Gesundes und Sicheres gebe noch an den Reden, sondern daß alles Seiende sich geradezu wie im Euripos[5] hinauf- und hinabwende und keinen Augenblick in irgend etwas verbleibe.

Es ist vollkommen richtig, was du sagst, sprach ich. Wäre es nun nicht ein Jammer, Phaidon, sprach er, wenn es doch eine wahre und sichere Rede gäbe, die man auch einsehen könnte, wenn dann jemand, [6] weil er mit solchen Reden zusammentrifft, die ihm einmal wahr zu sein scheinen, das andere Mal wieder nicht, nicht sich selbst dafür die Schuld geben wollte und seiner eigenen Kenntnislosigkeit, sondern am Ende aus Ärger die Schuld gern von sich selbst auf die Reden abwälzte und daher sein übriges Leben die Reden hassend und schmähend verbrächte, der Wahrheit und der Erkenntnis des Seienden aber beraubt wäre?

Bei Zeus, sagte ich, das wäre allerdings ein Jammer.

[7] Vor allem davor, sagte er, wollen wir uns also in acht nehmen und es nicht in unsere Seele dringen lassen, daß es so scheine, als ob an den Reden nichts Gesundes sei, sondern viel eher, daß wir noch nicht gesund sind, vielmehr tapfer und bemüht sein müssen, um gesund zu werden;[8] …▷

—Übrstzng F.S.

  1. ↑ [90.A]
  2. ↑ [B]
  3. ↑
  4. ↑ [C]
  5. ↑
  6. ↑ [D]
  7. ↑ 40.
  8. ↑