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Werk:Phaidon (Platon)/96

aus AufEinWort, der freien Forschung

—Übrstzng B.Z.

◀▷[1] Sokrates hielt nun geraume Zeit inne und sagte, nachdem er bei sich etwas geprüft hatte: Keine schlechte Sache suchst du, Kebes. Denn wir müssen uns nun überhaupt mit der Ursache des [2] Entstehens und Vergehens beschäftigen.[3] Ich schildere dir also, wenn du willst, wie es mir damit ergeht. Wenn dir nun etwas von dem, was ich sage, brauchbar erscheint zur Überzeugung von dem, worüber du sprichst, so gebrauche es.

Gewiß, sagte Kebes, das will ich.

So höre denn, was ich sagen werde.[4] Ich hatte nämlich, Kebes, als ich jung war, eine außerordentliche Begierde nach jener Weisheit, die man die Naturforschung nennt. Denn großartig schien es mir zu sein, die Ursachen von allem zu wissen, wodurch jedes entsteht, wodurch es vergeht und wodurch es besteht. [5] Und oftmals wendete ich mich hin und her, indem ich zuerst folgendes untersuchte: Ob wohl, wenn das Warme und das Kalte in Fäulnis gerät, dann wirklich, wie manche behauptet haben,[6] die Lebewesen mitentstehen? Und ob es das Blut[7] ist, durch das wir denken, oder die Luft[8] oder das Feuer?[9] Oder nichts von alledem, sondern daß es das Gehirn[10] ist, das die Wahrnehmungen des Hörens und Sehens und Riechens hervorruft, aus diesen aber entstehe Gedächtnis und Vorstellung, und aus Gedächtnis und Vorstellung, wenn sie Beständigkeit erlangt haben, entstehe demgemäß Erkenntnis? Und als ich wiederum das Vergehen von diesen untersuchte und die Vorgänge am Himmel und auf der Erde, [11] schien ich mir selbst am Ende zu dieser Untersuchung so untauglich zu sein wie zu nichts sonst. Ich werde dir hierfür ein hinreichendes Zeugnis geben: Was ich nämlich zuvor sicher wußte, wie es wenigstens mir selbst und den anderen schien, darin erblindete ich damals infolge dieser Untersuchungen so sehr, daß ich auch das verlernte, was ich davor zu wissen glaubte; so unter vielen Dingen auch, wodurch der Mensch wächst. Dies nämlich, glaubte ich zuvor, sei jedem klar, daß es durch das Essen und Trinken kommt. Denn wenn aus der Nahrung zum Fleisch Fleisch hinzukommt [12] und zu den Knochen Knochen, und so, nach demselben Grundsatz, auch zu allem anderen das ihm Verwandte, dann werde die geringe Masse mit der Zeit mehr und so werde der kleine Mensch groß. So glaubte ich damals – scheint dir das nicht ganz angemessen zu sein?

Doch, sagte Kebes.

Untersuche aber auch dies noch: Ich glaubte nämlich, es sei hinreichend zu meinen, daß ein Mensch, wenn er neben einem kleinen stehend groß erscheine, durch eben seinen Kopf größer sei, [13] und ebenso ein Pferd im Vergleich mit einem anderen Pferd. Und noch deutlicher als dieses ist: Zehnschien mir mehr als acht zu sein, weil noch zwei dabei sind, und was zwei Ellen mißt, schien mir mehr, als was eine Elle mißt, weil es dieses um die Hälfte übertrifft.▷

—Übrstzng F.S.

  1. ↑ 45.
  2. ↑ [96.A]
  3. ↑
  4. ↑
  5. ↑ [B]
  6. ↑
  7. ↑
  8. ↑
  9. ↑
  10. ↑
  11. ↑ [C]
  12. ↑ [D]
  13. ↑ [E]