—Übrstzng B.Z.
◀▷Und jetzt, fragte Kebes, wie scheint es dir jetzt damit?
Weit entfernt, sagte er, bin ich, bei Zeus, davon zu glauben, von diesen Dingen die Ursache zu wissen, der ich es ja nicht einmal mir selbst abnehme, daß, wenn jemand zu einem eins hinzufügt, dann entweder das eine, dem es hinzugefügt wurde, zwei geworden ist oder das Hinzugefügte und das, dem es hinzugefügt wurde, [1] durch die Hinzufügung des einen zum anderen zwei geworden sind. Denn ich wundere mich, wie denn, als jedes von ihnen getrennt vom anderen war, jedes offenbar eins war und sie damals nicht zwei waren, nachdem sie sich aber einander genähert hatten, dies offenbar die Ursache dafür gewesen ist, daß sie zwei geworden sind, die Vereinigung, daß man sie nahe aneinander gesetzt hat. Und auch nicht, wenn jemand eins zerspaltet, kann ich mich noch dazu überreden, daß dieses wiederum, die Spaltung, die Ursache dafür wurde, daß es zwei geworden sind.
[2] Denn das wäre die entgegengesetzte Ursache des Zwei-Werdens zu der damaligen. 04 Damals nämlich, weil sie nahe zueinander gebracht wurden und das eine zum anderen hinzugefügt wurde, nun aber, weil das eine vom anderen weggeführt und getrennt wird. Auch nicht, dais ich weifs, weswegen eins wird, kann ich mich selbst noch zu überreden versuchen, noch irgend etwas anderes, kurz: weswegen etwas entsteht oder vergeht oder besteht, nämlich nach dieser Art der Untersuchung, sondern eine andere Art mische ich mir aufs Geratewohl zusammen, diese aber lasse ich auf keinen Fall zu.
[3] Aber als ich einmal jemanden aus einem Buch, wie er sagte, von Anaxagoras,[4] vorlesen und sagen hörte, [5] daß die Vernunft es ist, die alles ordnet und die die Ursache aller Dinge ist,[6] da freute ich mich über diese Ursache, und es schien mir in gewisser Weise richtig zu sein, daß die Vernunft die Ursache aller Dinge sei; und ich glaubte, daß, wenn sich das so verhält, dann gewiß die ordnende Vernunft alles ordnet und jedes so stellt, wie es am besten ist. Wenn also jemand die Ursache finden wolle, wie jedes entsteht oder vergeht oder besteht, so müsse er dieses von ihm finden, wie es für es am besten wäre zu sein oder irgend etwas sonst zu erleiden oder zu tun.[7] [8] Nach dieser Rede käme es folglich dem Menschen sowohl in bezug auf sich selbst als auch auf alles andere zu, nach nichts anderem Ausschau zu halten als nach dem Zweckmäßigsten und Besten. Notwendig werde derselbe auch das Schlechtere wissen, denn die Erkenntnis von beiden sei dieselbe. Indem ich dies nun bedachte, freute ich mich und glaubte, einen Lehrer für die Ursache des Seienden gefunden zu haben, der nach meinem Sinn[9] wäre, eben den Anaxagoras, und er werde mir zuerst sagen, ob die Erde flach ist oder rund,[10] nachdem er es mir aber gesagt habe, [11] werde er mich ferner über die Ursache und Notwendigkeit davon belehren, indem er sage, was das Bessere ist und daß es für sie besser sei, wenn sie so beschaffen wäre.[12] Und wenn er behauptete, sie sei in der Mitte,[13] werde er mich belehren, daß es besser für sie sei, in der Mitte zu sein. …▷
—Übrstzng F.S.
- ↑ [97.A]
- ↑ [B]
- ↑ 46.
- ↑
▷ 141. Wahrscheinlich ›
περὶ φύσεως‹ ›
Über die Natur‹, deren erster Satz in
72c zitiert ist.
- ↑ [C]
- ↑
▷ 142. »Die anderen Dinge haben an jedem Anteil, der Geist aber ist etwas Unendliches und Selbstherrliches, und er ist mit keinem Dinge vermischt ... Denn er ist das feinste und reinste von allen Dingen, und er besitzt von jedem Dinge jede Erkenntnis, und er hat die größte Kraft. Und alles, was Seele hat, Größeres und Kleineres, über all dies hat der Geist Gewalt. Auch über die gesamte Wirbelbewegung hat der Geist die Gewalt, so daß sie im Anfang herumzukreisen begann. Und zuerst begann diese Bewegung von einem gewissen kleinen Punkte aus herumzukreisen; sie greift aber noch weiter um sich und wird noch mehr um sich greifen. Und alle Dinge, die sich mischten und absonderten und voneinander schieden, sie alle erkannte der Geist. Und wie alles werden sollte und wie alles war und wie es jetzt ist, das alles ordnete der Geist an, auch diese Wirbelbewegung, die jetzt die Sterne und Sonne und Mond vollführen, wie auch die Luft und der Äther, die sich ausschieden. Eben diese Wirbelbewegung bewirkte ihre Ausscheidung.« (Fragm. 12, nach Capelle, S. 270) - Mit der Lehre des Anaxagoras, daß der Nous, die Vernunft oder der Geist die Ursachevon allem ist, scheint eine neue Stufe der philosophischen Welterklärung erreicht zu sein.
Anaxagoras führt alles auf eine Ursache zurück, die scheinbar nicht materiell ist. Dennoch werden Sokrates' Erwartungen an diese neue Erklärung enttäuscht, s.
98bff.
- ↑
▷ 143. Der Wechsel von der mechanischen zur teleologischen Ursache. Die
mechanische Ursache konnte Sein und Werden nicht wirklich erklären, sie nannte nur die materiellen Bedingungen, unter denen die Ursache wirken kann, z.B. Spaltung als mögliche Bedingung des Zwei-Werdens. Die
teleologische Ursache läßt diesen Fehler offenbar vermeiden. Wenn allem, was ist und wird, dies nicht zufällig zukommt, sondern es sinnvollerweise so geschieht, wenn alles Ausdruck einer ihm innewohnenden Ordnung ist, dann wirkt in allem dasselbe.
Dieses Eine muß, da es selbst Vernunft ist, auch von dem ihm korrespondierenden menschlichen Vernunftvermögen erfaßbar sein. Die vernünftige Ordnung der Dinge ist die gute Ordnung, die Vernunft ist Ausdruck
des Guten. Das Gute als letzte Ursache von Denken und Sein zu erkennen, ist nun Ziel der sokratischen Suche. – Damit wird auch der Bezug zu den anderen sokratischen Dialogen sichtbar, in denen es letztlich immer um diese Erkenntnis geht. Die
anaxagoreische Lösung kann nicht genügen, da sich Anaxagoras die Vernunft doch wieder als sinnliches Prinzip vorstellt – eine
contradictio in adiecto. Das zeigt, daß die gedachte Vernunft noch nicht die wirkliche Vernunft ist. Daher zielt die sokratische Frage stets auf den Nachweis der Wirklichkeit der Vernunft, des Guten, z.B. in der Frage nach dem Wesen der
Tugenden. Diese Wirklichkeit ist noch nicht mit der richtigen Wesensdefinition gegeben, sondern erst mit der widerspruchsfreien (Letzt-)Begründung der richtigen
Definition. Daß Sokrates nach dem Guten vornehmlich in der Tugend sucht, liegt daran, daß die Tugend das spezifisch menschliche Gute ist. Das Gute ist jedoch nicht nur ethisches Grundprinzip, sondern Grundlage von Wirklichkeit schlechthin (vgl. das ›
Sonnengleichnis‹ in
›Politeia‹, Buch VI).
- ↑ [D]
- ↑
▷ 144. Der
Nous des
Anaxagoras wäre ›
κατὰ νοῦν‹ für Sokrates - mit diesem Wortspiel will Platon wohl andeuten, daß die Erklärung des Anaxagoras, hätte der sie selbst nur ernstgenommen, sowohlnach dem Sinne des Sokrates gewesen wäre als auch dessen eigener Vernunft entsprochen hätte.
- ↑
▷ 145. Sich die
Erde als Scheibe vorzustellen, war in der Antike verbreitete Auffassung. So sagt
Hippolytos von
Anaxagoras, er vertrete die Ansicht, »Die Erde sei von flacher Gestalt …« (1, 8, 3, nach Capelle, S. 257). Mit dieser Ansicht konkurrierte die Hypothese, die Erde sei
konkav, wie
Demokrit,
Archelaos und
Diogenes von Apollonia annahmen. Diese Mulden- oder Beckenhypothese war aufgestellt worden, um erklären zu können, warum Sonnenaufgang und -untergang nicht für alle Menschen zur selben Zeit erfolgen. Die dritte Möglichkeit, nämlich von der Kugelgestalt der Erdeauszugehen, wird in
108e-109a erörtert – vielleicht zum ersten Mal in der antiken Literatur. (Zum Stand der naturwissenschaftlichen Forschung in der Abfassungszeit des Phaidon vgl. E. Frank, Plato und die sogenannten Pythagoräer, Halle 1923, sowie Friedländer Bd. 1, Kap. 15).
- ↑ [E]
- ↑
▷ 146. Beispiel dafür, wie für Sokrates die teleologische Erklärung verfahren muß: Zunächst ist die
Faktizität festzustellen – was eine Sache ist. Dann muß die
Vernunftursache gefunden werden – warum die Sache so ist. Ebenso geht Sokrates in den Dialogen vor: Zuerst wird nach dem Wesen, z.B. der Tugend, gefragt, dann nach der Ursache,
dem Guten.
- ↑
▷ 147. Laut
Aristoteles (
Über den Himmel, II, 13, 293a, übers. von P. Gohlke, Paderborn 1958) vertraten die meistens der Naturphilosophen die Auffassung, die Erde befinde sich in der Mitte – im Gegensatz zu den Pythagoräern. »Sie behaupten nämlich, in der Mitte befände sich ein
Feuer, die Erde dagegen sei einer der Sterne und durch ihre Kreisbahn um die Mitte herum bewirke sie
Tag und Nacht.«