Werk:Phaidon (Platon)/Anm.106
106. Für den Pythagoräer Kebes ist der eigentliche Tod gerade der Tod der Seele, nicht der des Körpers (s. auch 91d). Der Körper aber ist es, der der Seele den Tod bringt; er muß also todbringende Macht über die Seele haben. Zu Recht geht demnach Sokrates in seiner Zusammenfassung der Kebes-Vorstellung in 95d davon aus, daß Kebes die Einkörperung der Seele als eine Art ›Krankheit‹ verstehen muß. Darin zeigt sich die Leibfeindlichkeit der pythagoräischen Philosophie, wie sie auch in Fragment 14 von Philolaos zum Ausdruck kommt: »Es bezeugen auch die alten Theologen und Seher, daß die Seele infolge gewisser Strafbestimmungen mit dem Leibe zusammengejocht und in ihm wie in einem Grabe bestattet ist.« (Capelle, S. 482). – Daß diese Leibfeindlichkeit nur von den pythagoräischen Gesprächspartnern, nicht aber von Sokrates vertreten wird, wird u. a. (vgl. Anm. 50) an dem bei ihr unterstellten Herrschaftsverhältnis von Körper und Seele deutlich. Wer den Körper als Verderber der Seele versteht, läßt diese von jenem abhängen – die Umkehrung der Position, die Sokrates während des ganzen Dialogs durchzufechten versucht, nämlich die Unabhängigkeit des Nicht-Sinnlichen vom Sinnlichen.