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WTH/Drei Vorfragen/1

aus AufEinWort, der freien Forschung

▶Zunächst; Was ist es, wovon wir sagen dürfen, es sei wahr oder falsch? Aussichtsreiche Kandidaten sind Sätze, Äußerungen und Aussagen. Am wenigsten aussichtsreich ist der Versuch, eine bestimmte Klasse von Sätzen als dasjenige auszuzeichnen, dem wir Wahrheit oder Falschheit zuschreiben dürfen.[1] Denn Sätze verschiedener Sprachen oder verschiedene Sätze derselben Sprache können denselben Sachverhalt wiedergeben, während die gleichen Sätze, wenn sie in verschiedenen Zusammenhängen der Rede auftreten, auch verschiedene Sachverhalte wiedergeben können.[2] Austin hat deshalb vorgeschlagen, nicht Sätze, sondern eine bestimmte Klasse von Äußerungen, nämlich Behauptungen (assertions, statements) als dasjenige anzusehen, was wir "wahr" und "falsch" nennen dürfen.[3] Ein Satz besteht aus Worten, eine Behauptung wird hingegen, indem ich Worte gebrauche und einen Satz verwende, gemacht oder "aufgestellt". Man kann denselben Satz in verschiedenen Behauptungen verwenden und mit verschiedenen Sätzen dieselbe Behauptung machen. Freilich entsteht eine neue Schwierigkeit dadurch, daß Behauptungen datierbare Äußerungen oder Sprachepisoden darstellen, während Wahrheit offensichtlich einen Invarianzanspruch stellt und daher einen nichtepisodischen Charakter hat. Wenn verschiedene Personen unter verschiedenen Umständen mit verschiedenen Worten dieselbe Behauptung aufstellen, dann geben sie denselben Sachverhalt wieder. Das, was sie behauptet haben, ist nicht relativ zu den Sprechakten, mit denen sie behauptet haben, was sie behauptet haben. Strawson[4] besteht mit Recht auf der Konvention, daß nicht Äußerungen, sondern Aussagen "wahr" oder "falsch" genannt werden dürfen: "My saying something is certainly an episode. What I say, is not. It is the latter, not the former, we declare to be true."[5][Üsg. 1] Wahr oder falsch nennen wir Aussagen mit dem Blick auf Sachverhalte, darin wiedergegeben oder ausgedrückt werden.

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Einzelnachweise

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  1. ↑ Dies ist natürlich keine hinreichende Charakterisierung der semantischen Wahrheitstheorie. Vgl. A. Tarski: The Semantic Conception of Truth. In: H. Feigl u. V.Sellars (Hrsg.): Readings in Philosophical Analysis. New York 1949. Dazu kritisch E. Tugendhats Rezension in: Philosophische Rundschau 8, H. 2/3, S. 131–159. Die nach meiner Kenntnis subtilste Interpretation gibt W. Sellars: Truth and Correspondence. In: Science, Perception and Reality. London 1663. 197–224. Auch ihn trifft jedoch das Gegenargument, daß durch die logische Übereinstimmung des Sinnes eines metasprachlichen mit dem Sinn eines objektsprachlichen Satzes die pragmatische Bedeutung der "richtigen Wiedergabe" von Sachverhalten in Aussagen verfehlt wird. Vgl. dazu C. F. v. Weizsäcker: Die Einheit der Natur. München 1971. S. 336 ff. Zuletzt E. Scheibe: Wissenschaft und Wahrheit. In: Zschrft. Gymnasium 8o. Jg. 1973. H. 12, S. 56 ff., zu Tarski S. 70–72.
  2. ↑ P. F. Strawson: Truth. In: Analysis, Vol. IX $(1949), No. 6.
  3. ↑ J. L. Austin: Truth. In: Philosophical Papers. Oxford 1961. S. 117–133.
  4. ↑ P. F. Strawson: Truth. In: G. Pitcher (Hg.): Truth. Englew. Cliffs 1964. S. 32–53.
  5. ↑ Strawson, a. a. O., S. 33.

Übersetzungen

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  1. ↑ Übs. "Dass ich etwas sage, ist sicherlich eine Episode. Was ich sage, ist es nicht. Wir erklären Letzteres, nicht Ersteres, für wahr."