WTH/Drei Vorfragen/7
▶Eine dritte Vorfrage, die zum eigentlichen Thema überleitet, bezieht sich auf eine Grundannahme der Korrespondenztheorie der Wahrheit. Wie verhalten sich die Tatsachen, die wir behaupten, zu den Gegenständen unserer Erfahrung? Strawson hat in seiner Auseinandersetzung mit Austin[1] die schon von Ramsey behandelte[2] Differenz zwischen Tatsachen und Erfahrungsgegenständen oder Ereignissen wieder aufgenommen und anhand des Unterschiedes zwischen Deskription und Denotation (oder Referenz) weiter geklärt. Das, was wir berechtigterweise behaupten dürfen, nennen wir eine Tatsache. Eine Tatsache ist das, was eine Aussage wahr macht; deshalb sagen wir, daß Aussagen Tatsachen wiedergeben, beschreiben, ausdrücken usf. Dinge und Ereignisse, Personen und deren Äußerungen, also Gegenstände der Erfahrung sind hingegen das, worüber wir Behauptungen aufstellen und wovon wir etwas aussagen: Das, was wir von Gegenständen behaupten, ist, wenn die Behauptung berechtigt ist, eine Tatsache. Tatsachen haben also einen anderen Status als Gegenstände. "Facts are what statements, when true, state; they are not what statements are about. They are not, like things or happenings on the face of the globe, witnessed or heared or seen …[3][Anm. KF. 1] Mit Gegenständen mache ich Erfahrungen, Tatsachen behaupte ich; ich kann Tatsachen nicht erfahren und Gegenstände (oder Erfahrungen mit Gegenständen) nicht behaupten. Indem ich Tatsachen behaupte, kann ich mich auf Erfahrungen stützten und auf Gegenstände beziehen. Wenn nun Gegenstände unserer Erfahrung etwas in der Welt sind, dann dürfen wir nicht in gleicher Weise von Tatsachen sagen, daß sie "etwas in der Welt" sind. Genau diese oder eine äquivalente Behauptung muß aber die Korrespondenztheorie der Wahrheit aufstellen: wahre Aussagen sollen Tatsachen "korrespondieren", wobei dieser Ausdruck nur einen Sinn haben kann, wenn die Korrelate von Aussagen etwas Wirkliches in der Art unserer Erfahrungsgegenstände darstellen, also "etwas in der Welt" sind. Wenn wir Tatsachen von Erfahrungsgegenständen in der angegebenen Weise unterscheiden, müssen wir Strawson zustimmen: "fhe things, persons etc. referred to is the material correlate of the referring part of the statement; the quality or property the referent is said to ›possess‹, [d. h. das Gegenstück der prädikativen Bestimmung] is the pseudomaterial correlate of its describing part; and the fact to which the statement ›corresponds‹ is the pseudomaterial correlate of the statement as a whole."[4][Anm. KF. 2] Tatsachen sind nur zum Schein gegenständliche Korrelate von Aussagen, wenn der Sinn von "gegenständlich" (material) am Status von Gegenständen der Erfahrung festgemacht werden solI.
- ↑ "Fakten sind das, was Aussagen, wenn sie wahr sind, aussagen; sie sind nicht das, worum es in Aussagen geht. Sie werden nicht, wie Dinge oder Ereignisse auf der Erde, bezeugt, gehört oder gesehen."
- ↑ "Die Dinge, Personen usw., auf die Bezug genommen wird, sind das materielle Korrelat des verweisenden Teils der Aussage; die Qualität oder Eigenschaft, die der Referent angeblich ›besitzt‹, ist das pseudomaterielle Korrelat seines beschreibenden Teils; und die Tatsache, der die Aussage ›entspricht‹, ist das pseudomaterielle Korrelat der Aussage als Ganzes."
- ↑ In: G. Pitcher, a. a. O. (s. o. Anm. 4), S. 35–43; vgl. a. P. F. Strawson: Individuals. London 1959. Kap. 5.
- ↑ Es kann verschiedene koextensive Beschreibungen desselben Ereignisses geben, die nicht synonym sind, z.B. "der Tod Caesars" und "die Ermordung Caesars"; aber die Tatsache, daß Caesar ermordet worden ist, können wir nur durch dieselbe Aussage wiedergeben – koextensive Aussagen, die nicht anonym sind, können nicht dieselbe Tatsache ausdrücken. Vgl. dazu P. Gochet: Esquisse d'une théorie nominaliste de la proposition. Paris 1972. S. 92 ff.
- ↑ Pitcher, a.a.O., (s. o. Anm. 4), S. 18.
- ↑ Ebenda, S. 37.