De docta ignorantia Liber primus Capitulum XIX.
Capitulum XIX.
Transsumptio trianguli infiniti ad trinitatem maximam.
Nunc de eo, quod dictum et ostensum est maximam lineam esse [1] triangulum maximum, in ignorantia doceamur. Ostensum est maximam lineam triangulum; et quia linea est simplicissima, erit simplicissimum trinum. Erit omnis angulus trianguli linea, cum totus triangulus sit linea; quare linea infinita est trina. Non est autem possibile plura esse infinita; quare illa trinitas est unitas.
[2] Praeterea, cum angulus maiori lateri oppositus sit maior, ut in geometria ostenditur, et hic sit triangulus, qui non habet latus nisi infinitum, erunt anguli maximi et infiniti. Quare unus non est minor aliis nec duo maiores tertio, sed quia extra infinitam quantitatem non posset esse quantitas, ita extra unum angulum infinitum non possunt [3] esse alii. Quare unus erit in alio, et omnes tres unum maximum.
Kapitel XIX.
Die Übertragung des unendlichen Dreiecks auf die größte Dreiheit
Darüber, daß – wie schon gesagt und gezeigt wurde – die größte Linie das größte Dreieck ist, sollen wir in Unwissenheit belehrt werden.
Es wurde gezeigt, daß die größte Linie das Dreieck ist; und weil diese Linie die einfachste ist, wird es das einfachste Dreieine sein. Jeder Winkel des Dreiecks wird Linie sein, da das ganze Dreieck Linie ist; darum ist die unendliche Linie eine dreifache. Es ist aber nicht möglich, daß es mehrere Unendliche gibt; darum ist jene Dreiheit die Einheit. Da ferner, wie die Geometrie zeigt, der der größeren Seite entgegengesetzte Winkel der größere ist, so wären, wenn dieser eine Winkel eine unendliche Seite hätte, die Winkel die größten und unendlich. Darum ist nicht ein Winkel kleiner als die andern, noch zwei größer als der dritte, sondern es können, weil es außerhalb der unendlichen Ausdehnung keine Ausdehnung geben kann, außerhalb des einen unendlichen Winkels keine andern sein. Darum wird einer im anderen und alle drei das eine Größte sein.[4] Insuper, sicut maxima linea non plus est linea, triangulus, circulus vel sphaera, sed in veritate est illa omnia absque compositione, ut ostensum est: ita consimiliter maximum simpliciter est ut maximum lineale, quod possumus dicere essentiam; est ut triangulare, et potest [5] dici trinitas; est ut circulare, et potest dici unitas; est ut sphaerale, et potest dici actualis existentia.
Est igitur maximum essentia trina, una actu; nec est aliud essentia quam trinitas, nec aliud trinitas quam unitas, nec aliud actualitas quam unitas, trinitas vel essentia, licet verissimum sit maximum ista esse [6] identice et simplicissime. Sicut igitur verum est maximum esse et unum esse, ita verum est ipsum trinum esse, eo modo quo veritas trinitatis non contradicit simplicissimae unitati, sed est ipsa unitas.
Wie weiterhin die größte Linie nicht mehr Linie, Dreieck, Kreis oder Kugel, sondern dies alles ohne Zusammensetzung in Wahrheit ist (wie gezeigt wurde), so ist gleicherweise das schlechthin Größte das größte Linienhafte dergestalt, daß wir es Wesenheit nennen können; es ist das Dreieckhafte so, daß es Dreiheit genannt werden kann; das Kreishafte so, daß es Einheit und das Kugelhafte auf eine Weise, daß es wirkliche Existenz genannt werden kann.
Es ist also das Größte der Wesenheit nach dreifach, der Wirklichkeit nach einfach; auch ist die Wesenheit nichts anderes als Dreiheit, die Dreiheit nichts anderes als Einheit, die Wirklichkeit nichts anderes als Einheit, Dreiheit oder Wesenheit, wenn es auch der Wahrheit am nächsten kommt, daß das Größte dies identisch und einfachhin ist. Wie also das Wahre das Größte-Sein und das Eine-Sein ist, so ist es auch das Dreifach-Sein derart, daß die Wahrheit der Dreiheit der einfachsten Einheit nicht widerspricht, sondern diese selbst ist.Hoc autem aliter possibile non est, quam ut per similitudi|nem [7] trianguli maximi attingibile est. Quare ipsum verum triangulum atque [8] simplicissimam lineam ex praehabitis scientes, modo quo hoc homini possibile est, in docta ignorantia Trinitatem attingemus. Nam videmus, quod non reperimus angulum unum et post alium et tertio adhuc alium, ut in triangulis finitis, quoniam alius et alius et alius in unitate trianguli absque compositione esse non possunt. Sed unum [9] absque numerali multiplicatione triniter est; quare recte quidem doctissimus Augustinus ait: «Dum incipis numerare Trinitatem, exis veritatem.» Oportet enim in divinis simplici conceptu, quantum hoc possibile est, complecti contradictoria, ipsa antecedenter praeveniendo; puta non oportet in divinis concipere distinctionem et indistinctionem [10] tamquam duo contradicentia, sed illa ut in principio suo simplicissimo antecedenter, ubi non est aliud distinctio quam indistinctio; et tunc clarius concipitur trinitas et unitas esse idem. Nam ubi distinctio est indistinctio, trinitas est unitas; et e converso, ubi [11] indistinctio est distinctio, unitas est trinitas. Et ita de pluralitate personarum et unitate essentiae; nam ubi pluralitas est unitas, trinitas personarum est idem cum unitate essentiae; et e converso, ubi unitas est pluralitas, unitas essentiae est trinitas in personis.
Das ist aber nicht anders möglich, als es im Beispiel des größten Dreiecks erreichbar ist. Darum wollen wir, die wir aus dem Vorhergehenden wissen, daß das wahre Dreieck auch die einfachste Linie ist, soweit dies dem Menschen möglich ist, in zum Wissen erhobener Unwissenheit die Dreifaltigkeit erreichen. Wir sehen, daß wir nicht den einen Winkel finden und danach den andern und an dritter Stelle wieder einen andern, wie in den endlichen Dreiecken, da der andere und der andere und der andere in der Einheit des Dreiecks nicht ohne Zusammensetzung sein können. Sondern ohne zahlenmäßige Vielfalt eines, ist es dreifach. Darum sagt mit Recht der gelehrte Augustinus: Wenn man die Dreieinigkeit zu zählen beginnt, verläßt man die Wahrheit.
Man muß nämlich im Göttlichen, soweit dies möglich ist, mit einem einfachen Gedanken das Entgegengesetzte umfassen, indem man ihm vorausgehend zuvorkommt. So darf man z. B. im Göttlichen Unterschiedenheit und Nichtunterschiedenheit nicht als Widersprüche auffassen, sondern muß dies zuvor in seinen einfachsten Ursprung, wo die Unterschiedenheit nichts anderes als Nichtunterschiedenheit ist, verstehen. Dann begreift man deutlicher, daß Dreiheit und Einheit dasselbe sind. Denn wo Unterschiedenheit Nichtunterschiedenheit ist, ist Dreiheit Einheit. Und umgekehrt: wo Nichtunterschiedenheit Unterschiedenheit ist, ist Einheit Dreiheit. Und so ist die Mehrzahl der Personen und die Einheit der Wesenheit zu verstehen: Wo die Vielheit Einheit ist, ist die Dreiheit der Personen dasselbe wie die Einheit der Wesenheit; und umgekehrt: wo die Einheit Vielheit ist, ist die Einheit der Wesenheit Dreiheit in den Personen.Et ista clare in nostro exemplo videntur, ubi simplicissima linea [12] est triangulus et e converso simplex triangulus est unitas linealis. Hic etiam videtur, quomodo numerari anguli trianguli per unum, duo, tria non possunt, cum quilibet sit in quolibet, – ut ait Filius: «Ego in Patre et Pater in me.[13]» Iterum, veritas trianguli requirit tres angulos. Sunt igitur hic verissime tres anguli, et unusquisque maximus, [14] et omnes unum maximum. Requirit insuper veritas trianguli, quod unus angulus non sit alius; et ita hic requirit veritas unitatis simplicissimae essentiae, quod tres illi anguli non sint aliqua tria distincta, sed unum. Et hoc etiam verum est hic.
Coniunge igitur ista, quae videntur opposita, antecedenter, ut [15] praedixi; et non habebis unum et tria vel e converso, sed unitrinum seu triunum. Et ista est veritas absoluta.
Dies ersieht man deutlich aus unserem Beispiel, wo die einfachste Linie Dreieck ist und umgekehrt das einfache Dreieck linienhafte Einheit. Auch erkennt man, daß die Winkel des Dreiecks nicht mit eins, zwei, drei gezählt werden können, da jeder in jedem ist – wie der Sohn sagt: Ich im Vater und der Vater in mir.
Die Wahrheit des Dreiecks hinwieder fordert drei Winkel. Es gibt sonach hier in voller Wahrheit drei Winkel; jeder davon ist der größte und alle das Eine Größte. Diese Wahrheit des Dreiecks verlangt überdies, daß der eine Winkel nicht der andere sei. Und so erfordert hier die Wahrheit der Einheit der einfachsten Wesenheit, daß diese drei Winkel nicht drei unterschiedene, sondern Eines sind; und dies auch ist hier wahr. Verbinde also das, was entgegengesetzt scheint, auf vorgängige Weise, wie ich es gesagt habe, und du wirst nicht Eines und Drei haben oder umgekehrt, sondern ein Drei-Einfaches oder Ein-Dreifaches. Und das ist die absolute Wahrheit.