De docta ignorantia Liber primus Capitulum XXII.
Capitulum XXII.
Quomodo Dei providentia contradictoria unit.
Ad hoc autem, ut etiam experiamur, quomodo ad altam ducimur intelligentiam per praemissa, ad Dei providentiam inquisitionem applicemus. Et quoniam ex prioribus manifestum est Deum esse [2] omnium complicationem, etiam contradictoriorum, tunc nihil potest eius effugere providentiam; sive enim fecerimus aliquid sive eius oppositum aut nihil, totum in Dei providentia implicitum fuit. Nihil igitur nisi secundum Dei providentiam eveniet.
Kapitel XXII.
Die Vorsehung Gottes eint das Gegensätzliche
Um zu erfahren, daß wir durch das Gesagte zu tieferer Einsicht geführt werden, wollen wir die Untersuchung auf die Vorsehung Gottes anwenden.
Aus dem Vorhergehenden ist offenbar, daß Gott die Einfaltung von allem, auch des Gegensätzlichen ist; darum kann nichts seiner Vorsehung entgehen. Sei es, daß wir irgend etwas getan haben oder das ihm Entgegengesetzte oder gar nichts – alles war in der Vorsehung Gottes enthalten. Es geschieht also nichts, es sei denn der Vorsehung Gottes entsprechend.Unde, quamvis Deus multa potuisset providisse, quae non [3] providit nec providebit, multa etiam providit, quae potuit non providere, tamen nihil addi potest divinae providentiae aut diminui. Ut in simili: Humana natura simplex et una est; si nasceretur homo, qui etiam numquam nasci exspectabatur, nihil adderetur naturae humanae; sicut nihil demeretur ab illa, si non nasceretur, sicut nec cum [4] nati moriuntur. Et hoc ideo, quia humana natura complicat tam eos qui sunt, quam qui non sunt neque erunt, licet esse potuerunt. | Ita fol.10r licet eveniret, quod numquam eveniet, nihil tamen adderetur providentiae divinae, quoniam ipsa complicat tam ea, quae eveniunt, [5] quam quae non eveniunt, sed evenire possunt. Sicut igitur multa sunt in materia possibiliter, quae numquam evenient, ita per contrarium, quaecumque non evenient, sed evenire possunt, si in Dei sunt providentia, non sunt possibiliter, sed actu; nec inde sequitur, quod ista [6] sint actu. Sicut ergo dicimus, quod humana natura infinita complicat et complectitur, quia non solum homines, qui fuerunt, sunt et erunt, sed qui possunt esse, licet numquam erunt, et ita complectitur mutabilia immutabiliter, sicut unitas infinita omnem numerum: ita Dei providentia infinita complicat tam ea, quae evenient, quam quae non [7] evenient, sed evenire possunt, et contraria, sicut genus complicat contrarias differentias. Et ea, quae scit, non scit cum differentia temporum, quia non scit futura ut futura, nec praeterita ut praeterita, sed aeterne et mutabilia immutabiliter.
Und obwohl Gott vieles hätte vorhersehen können, das er nicht vorhersah noch vorhersehen wird, und vieles vorhersieht, das er hätte nicht vorhersehen können, so kann der göttlichen Vorsehung dennoch nichts hinzugefügt oder hinweggenommen werden.
In einem Gleichnis: Die menschliche Natur ist einfach und eine. Wenn ein Mensch geboren wird, dann fügt er der menschlichen Natur, auch wenn er niemals erwartet wurde, nichts hinzu, wie er auch, wenn er nicht geboren würde oder, wenn die Geborenen sterben, ihr keinen Abbruch tut. Und das ist deshalb so, weil die menschliche Natur sowohl jene, die leben, als auch jene, die nicht mehr sind noch sein werden, auch wenn sie sein könnten, umfaßt.
Wenn das, was niemals geschieht, zuträfe, würde dennoch der göttlichen Vorsehung nichts hinzugefügt, da sie sowohl das, was sich ereignet, als auch das, was sich nicht ereignet, aber sich ereignen kann, einschließt. Wie also vieles, das niemals in Erscheinung tritt, in der Materie der Möglichkeit nach ist, so ist umgekehrt das, was nicht erscheint, aber erscheinen kann, nicht der Möglichkeit nach, sondern als Wirklichkeit, wenn es in der Vorsehung Gottes ist. Daraus folgt aber nicht, daß dies wirklich ist.
Wie wir also sagen, daß die menschliche Natur unendlich viel umgreift und umfaßt – da nicht nur die Menschen, die waren, sind und sein werden zu ihr gehören, sondern auch jene, die sein können, auch wenn sie niemals sein werden – und zwar so, daß sie, wie die unendliche Einheit jede Zahl, Vergängliches unvergänglich umfaßt, so schließt die unendliche Vorsehung Gottes das, was sich ereignet, ebenso wie das, was sich nicht ereignet, aber ereignen kann, und das Gegenteil in derselben Weise ein, wie die Gattung entgegengesetzte Unterschiede einschließt. Und das, was sie weiß, weiß sie nicht im Unterschied der Zeiten, sondern ewig, weil sie das Zukünftige nicht als Zukünftiges noch das Vergangene als Vergangenes weiß. Sie weiß das Vergängliche auf unvergängliche Weise.Hinc inevitabilis et immutabilis est, et nihil eam excedere potest; [8] et hinc omnia ad ipsam providentiam relata necessitatem habere dicuntur; et merito, quia omnia in Deo sunt Deus, qui est necessitas absoluta. Et sic patet quod ea, quae numquam evenient, eo modo sunt in Dei providentia, ut praedictum est, etiam si non sunt provisa, ut eveniant. Et necesse est Deum providisse, quae providit, quia eius [9] providentia est necessaria et immutabilis; licet etiam oppositum eius providere potuit, quod providit. Nam posita complicatione non ponitur res complicata, sed posita explicatione ponitur complicatio. Nam, licet cras possum legere vel non legere, quodcumque fecero, providentiam non evado, quae contraria complectitur. Unde, quidquid [10] fecero, secundum Dei providentiam eveniet.
Et ita patet, quomodo per praemissa, quae nos docent maximum omnem anteire oppositionem, quoniam omnia qualitercumque complectitur et complicat, quid de providentia Dei et aliis consimilibus verum sit, apprehendimus.
Daher ist sie unausweichbar und unvergänglich, und nichts kann ihr entgehen; aus diesem Grunde sagt man, daß alles auf sie Bezogene Notwendigkeit habe; und das sagt man mit Recht, da alles in Gott Gott, die absolute Notwendigkeit, ist. So ist offenbar, daß das, was niemals hervortritt, in der Vorsehung Gottes so enthalten ist, wie zuvor gesagt wurde, auch wenn es nicht als etwas, das sich ereignen soll, vorhergesehen ist. Und es ist notwendig, daß Gott das, was er vorsieht, zuvor gesehen hat, da seine Vorsehung notwendig und unveränderlich ist; wie er auch das Gegenteil von dem, was er vorhersah, hätte vorhersehen können. Denn, obwohl mit der Setzung der Einfaltung noch nicht das eingefaltete Ding gesetzt ist, ist mit der Setzung der Ausfaltung die Einfaltung gesetzt. Denn wenn ich auch morgen lesen oder nicht lesen kann, so werde ich, was immer ich tue, der Vorsehung, die das Entgegengesetzte umfaßt, nicht entgehen. Was ich also tun werde, wird der Vorsehung Gottes gemäß geschehen. Es ist offenbar, daß wir nach dem bisher Gesagten, das uns lehrt, daß das Größte, da es alles, wie es auch sein mag, umfaßt und einschließt, jedem Gegensatz vorausgeht, die Vorsehung Gottes und Ähnliches richtig verstehen.