De docta ignorantia Liber primus Capitulum XXIII.
Capitulum XXIII.
Transsumptio sphaerae infinitae ad actualem existentiam Dei.
Convenit adhuc pauca quaedam circa sphaeram infinitam speculari; [2] et reperimus in infinita sphaera tres lineas maximas longitudinis, latitudinis et profunditatis in centro concurrere. Sed centrum maximae sphaerae aequatur diametro et circumferentiae. Igitur illis tribus lineis in infinita sphaera aequatur centrum; immo centrum est omnia illa, scilicet longitudo, latitudo et profunditas. Erit itaque maximum [3] simplicissime atque infinite omnis longitudo, latitudo et profunditas, quae in ipso sunt unum simplicissimum indivisibile maximum. Et ut centrum praecedit omnem latitudinem, longitudinem atque profunditatem, et est finis omnium illorum atque medium, quoniam in sphaera infinita centrum, crassitudo et circumferentia idem sunt. Et [4] sicut sphaera infinita est penitus in actu et simplicissima, ita maximum est penitus in actu simplicissime. Et sicut sphaera est actus lineae, trianguli et circuli, ita maximum est omnium actus. Quare omnis actualis existentia ab ipso habet, quidquid actualitatis existit, et omnis existentia pro tanto existit actu, pro quanto in ipso infinito [5] actu est. Et hinc maximum est forma formarum et forma essendi sive maxima actualis entitas.
Kapitel XXIII.
Übertragung der unendlichen Kugel auf die wirkliche Existenz Gottes
Es ist zweckmäßig, jetzt noch einiges hinsichtlich der unendlichen Kugel zu überlegen. Wir finden, daß in der unendlichen Kugel die drei größten Linien, Länge, Breite und Tiefe, im Mittelpunkt zusammentreffen. Doch ist der Mittelpunkt der größten Kugel dem Durchmesser und Umkreis gleich; und folglich ist in der unendlichen Kugel der Mittelpunkt diesen drei Linien gleich, ja er ist sogar diese selbst, nämlich Länge, Breite und Tiefe. Also wird das Größte auf einfachste und unendliche Weise jede Länge, Breite und Tiefe sein, die in ihm das eine, einfachste, unteilbare Größte sind.
Und wie der Mittelpunkt jeder Breite, Länge und Tiefe vorausgeht, so ist es auch deren Ziel und Mitte, da in der unendlichen Kugel Mittelpunkt, Inhalt und Umkreis dasselbe sind.
Wie die unendliche Kugel völlig in der Wirklichkeit und ganz einfach ist, so ist auch das Größte auf einfachste Weise völlig in der Wirklichkeit. Und wie die Kugel die Wirklichkeit der Linie, des Dreiecks und des Kreises ist, so ist das Größte die Wirklichkeit von allem. Daher hat jedes wirkliche Bestehen von ihm diese seine Wirklichkeit und jeder Bestand besteht soweit wirklich, als er in der unendlichen Wirklichkeit ist. Und daher ist das Größte die Gestalt der Gestalten und Gestalt des Seins, beziehungsweise die größte, wirkliche Seiendheit.Unde Parmenides subtilissime considerans aiebat Deum esse, cui esse quodlibet, quod est, est esse omne id, quod est. Sicut igitur sphaera est ultima perfectio figurarum, qua maior non est, ita maximum [6] est omnium perfectio perfectissima, adeo quod omne imperfectum [7] in ipso est perfectissimum, sicut infinita linea est sphaera et curvitas est rectitudo et compositio simplicitas et diversitas identitas et alteritas unitas, et ita de reliquis. Quomodo enim posset esse ibi aliquid imperfectionis, ubi imperfectio est infinita perfectio et [8] possibilitas infinitus actus, et ita de reliquis?
Daher sagte Parmenides, der das sehr genau betrachtete, daß Gott derjenige sei, für den jedes seiende Sein das Alles-was-ist-Sein ist. Wie also die Kugel die letzte mögliche Vollendung der Figuren ist, so ist das Größte die vollkommenste Vollendung von allem. Es ist dies so sehr, daß jedes Unvollkommene in ihm ganz vollkommen ist, die unendliche Linie Kugel, die Krümmung Geradheit, die Zusammensetzung Einfachheit, die Verschiedenheit Gleichheit, die Andersheit Einheit usw. Wie könnte dort irgendeine Unvollkommenheit sein, wo die Unvollkommenheit unendliche Vollkommenheit und die Möglichkeit unendliche Wirklichkeit usw. ist?Videmus nunc clare, cum maximum sit ut sphaera maxima, quomodo totius universi et omnium in universo existentium est unica simplicissima mensura | adaequatissima, quoniam in ipso non est maius [9] totum quam pars, sicut non est maior sphaera quam linea infinita. [10] Deus igitur est unica simplicissima ratio totius mundi universi; et sicut post infinitas circulationes exoritur sphaera, ita Deus omnium circulationum – uti sphaera maxima – est simplicissima mensura.
Omnis enim vivificatio, motus et intelligentia ex ipso, in ipso et per ipsum; apud quem una revolutio octavae sphaerae non est minor [11] quam infinite, quia finis est omnium motuum, in quo omnis motus ut in fine quiescit. Est enim quies maxima, in qua omnis motus quies est; et ita maxima quies est omnium motuum mensura, sicut maxima rectitudo omnium circumferentiarum et maxima praesentia sive aeternitas omnium temporum.
Weil das Größte wie die größte Kugel ist, sehen wir jetzt deutlich, daß und wie es das einzige, einfachste und angeglichenste Maß des Gesamt und aller im Gesamt bestehenden Dinge ist; denn so, wie die unendliche Kugel nicht größer ist als die unendliche Linie, ist in ihm das Ganze nicht größer als ein Teil.
Gott ist der einzige und einfachste Bestimmungsgrund des ganzen Weltalls. Wie nach unendlichen Umläufen die Kugel entsteht, so ist Gott – wie die größte Kugel – aller Umläufe einfachstes Maß. Jede Belebung, Bewegung und Einsicht ist aus ihm, in ihm und durch ihn, in dem jede Bewegung als in ihrem Ende ruht; da er Zielgrenze aller Bewegung ist, ist bei ihm eine Umdrehung der achten Sphäre nicht kleiner als die einer unendlichen Sphäre. Die größte Ruhe ist die, in der jede Bewegung Ruhe ist; und so ist die größte Ruhe das Maß aller Bewegung, wie die größte Geradheit das Maß aller Umkreise und die größte Gegenwart oder Ewigkeit das Maß aller Zeiten ist.[12] In ipso igitur omnes motus naturales ut in fine quiescunt, et omnis potentia in ipso perficitur ut in actu infinito. Et quia ipse est entitas omnis esse et omnis motus est ad esse: igitur quies motus est ipse, qui est finis motus, scilicet forma et actus essendi.
Entia igitur omnia ad ipsum tendunt. Et quoniam finita sunt et non [13] possunt aequaliter participare finem in comparatione ad se invicem, tunc aliqua participant hunc finem per medium aliorum, sicut linea per medium trianguli et circuli in sphaeram ducitur, et triangulus per medium circuli, et circulus in sphaeram per seipsum.
In ihm nämlich ruhen alle natürlichen Bewegungen als in ihrem Ziel, und jede Möglichkeit wird in ihm als in unendlicher Wirklichkeit vollendet.
Und weil er die Seiendheit jeden Seins ist und sich jede Bewegung auf das Sein richtet, so ist er selbst, der das Ziel der Bewegung ist, die Ruhe der Bewegung, Gestalt nämlich und Wirklichkeit des Seins. Alles Seiende strebt darum zu ihm. Und weil das Seiende endlich ist und im Vergleich miteinander nicht in gleicher Weise am Ziel teilhaben kann, haben manche nur durch Vermittlung der andern an diesem Ziel teil, wie die Linie vermittels des Dreiecks und des Kreises, das Dreieck vermittels des Kreises, und der Kreis durch sich selbst in die Kugel übergeführt wird.