De docta ignorantia Liber secundus Capitulum VI.
Capitulum VI.
De complicatione et gradibus contractionis universi.
Supra omnem intellectum in prioribus universum sive mundum esse comperimus unum, cuius unitas contracta est per pluralitatem, [2] ut sit unitas in pluralitate. Et quia unitas absoluta est prima et unitas universi ab ista, erit unitas universi secunda unitas, quae in quadam pluralitate consistit. Et quoniam, ut in De coniecturis ostendetur, secunda unitas est denaria, decem uniens praedicamenta, erit universum unum explicans primam absolutam unitatem simplicem denaria [3] contractione. Complicantur autem omnia in denario, quoniam non est numerus supra ipsum. Quare unitas universi denaria pluralitatem omnium contractorum complicat. Et quia illa universi unitas ut principium contractum omnium est in omnibus, tunc, ut denarius est radix quadrata centenarii et cubica millenarii, ita unitas universi est [4] radix universorum. A qua quidem radice primo oritur quasi numerus quadratus ut unitas tertia, et cubicus numerus ut unitas ultima sive quarta. Et est unitatis universi prima explicatio unitas tertia, centenaria; et ultima explicatio unitas quarta, millenaria.
[p.351] Kapitel VI.
Einfaltung und Stufen der Verschränkung des Gesamt
Jenseits aller vernunftbedingten Erkenntnis machten wir im vorhergehenden die Erfahrung, daß das Gesamt oder die Welt das Eine ist, dessen Einheit durch die Vielheit verschränkt ist, so daß die Einheit in Vielheit ist. Und weil die absolute Einheit die erste ist und die Einheit des Gesamt von ihr stammt, ist diese die zweite Einheit, die in Vielheit besteht. Weil die zweite Einheit – wie in der Schrift «De coniecturis» gezeigt werden wird – eine zehnfache ist, da sie die zehn Prädikamente eint, entsteht das eine Gesamt, indem es die erste, absolute und einfache Einheit entfaltet, in zehnfacher Verschränkung. Da keine Zahl über Zehn steht, wird in Zehn alles eingefaltet und die zehnfache Einheit des Gesamt umschließt die Vielheit alles Verschränkten.
Weil jene Einheit des Gesamt als verschränkter Ursprung aller Dinge in allem ist, ist sie, wie der Zehner die Quadratwurzel von Hundert und die Kubikwurzel von Tausend ist, die Wurzel des Gesamten. Aus dieser ersten Wurzel entsteht gleichsam die Quadratzahl als dritte und die Kubikzahl als die vierte oder letzte Einheit; die erste Entfaltung der Einheit des Gesamt ist die dritte Einheit, der Hunderter, und die letzte die vierte Einheit, der Tausender.Et ita reperimus tres universales unitates gradualiter descendentes [5] ad particulare, in quo contrahuntur, ut sint actu ipsum. Prima absoluta unitas omnia complicat absolute, prima contracta omnia contracte. Sed ordo habet, ut absoluta unitas videatur quasi primam contractam complicare, ut per eius medium alia omnia; et contracta prima videatur secundam contractam complicare, et eius medio [6] tertiam contractam; et secunda contracta tertiam contractam, quae est ultima universalis unitas et quarta a prima, ut eius medio in particulare deveniat. Et sic videmus, quomodo universum per gradus tres in quolibet particulari contrahitur.
[7] Est igitur universum quasi decem generalissimorum universitas, et deinde genera, deinde species. Et ita universalia sunt illa secundum gradus suos, quae ordine quodam naturae gradatim ante rem, quae actu ipsa contrahit, existunt. Et quoniam universum est contractum, [8] tunc non reperitur nisi in generibus explicatum, et genera non reperiuntur nisi in speciebus; individua vero sunt actu, in quibus sunt contracte universa.
So finden wir drei allgemeine Einheiten, die stufenweise zum Besonderen, in dem sie verschränkt werden, herabsteigen, um dieses als Wirkliches zu sein. Die erste absolute Einheit schließt alles in Absolutheit ein, die erste, verschränkte Einheit alles in Verschränkung. Die Ordnung ist aber so, daß die absolute Einheit die erste, verschränkte Einheit und durch diese alles andere einzuschließen scheint. Und die verschränkte, erste Einheit scheint die zweite verschränkte einzuschließen und mittels dieser die dritte verschränkte, und ebenso scheint die zweite verschränkte Einheit die dritte verschränkte, die letzte der Gesamteinheit und die vierte von der ersten an, einzuschließen, so daß man durch sie zum Besonderen gelangt. So sehen wir, daß das Gesamt durch drei Stufen in jedem besonderen Ding verschränkt wird.
[p.353] Das Gesamt ist also gleichsam die Gesamtheit der zehn «letzten Allgemeinheiten». Daran schließen sich die Gattung und daran die Eigengestalten an. So bestehen die Universalien in bestimmter Ordnung der Natur stufenweise vor dem Ding, das sie in seiner Wirklichkeit verschränkt. Da das Gesamt verschränkt ist, findet man es nur in Gattungen entfaltet, und diese wiederum nur in Eigengestalten. Die Einzelwesen aber sind wirklich. In ihnen ist das Gesamte in Verschränkung.Et in ista consideratione videtur, quomodo universalia non sunt nisi contracte actu; et eo quidem modo verum dicunt Peripatetici [9] uni|versalia extra res non esse actu. Solum enim singulare [10] actu est, in quo universalia sunt contracte ipsum. Habent tamen universalia ordine naturae quoddam esse universale, contrahibile per singulare – non quod sint actu ante contractionem aliter quam naturali ordine, ut universale contrahibile in se non subsistens, [11] sed in eo, quod actu est; sicut punctus, linea, superficies ordine progressivo corpus, in quo actu tantum sunt, praecedunt. Universum enim quia non est actu nisi contracte, ita omnia universalia: Non sunt universalia solum entia rationis, licet non reperiantur extra singularia actu; sicut et linea et superficies, licet extra corpus non [12] reperiantur, propterea non sunt entia rationis tantum, quoniam sunt in corpore sicut universalia in singularibus. Intellectus tamen facit ea extra res per abstractionem esse. Quae quidem abstractio est ens rationis, quoniam absolutum esse eis convenire non potest. Universale enim penitus absolutum Deus est.
Durch diese Betrachtung erkennt man, daß die Universalien nur in Verschränkung wirklich sind. So gesehen sagen die Peripatetiker die Wahrheit, wenn sie der Meinung sind, die Universalien seinen außerhalb der Dinge nicht wirklich. Denn nur das Einzelne ist wirklich. In diesem sind die Universalien in Verschränkung dieses selbst.
Dennoch haben die Universalien durch die Ordnung der Natur ein allgemeines, durch das Einzelne verschränkbares Sein, aber nicht so, daß sie vor der Verschränkung anders als in natürlicher Ordnung wirklich wären, wie das allgemein Verschränkbare nicht in sich, sondern in dem, das wirklich ist, seinen Grundbestand hat; ähnlich wie Punkt, Linie, Oberfläche in progressiver Ordnung dem Körper, in dem allein sie wirklich sind, vorangehen. Weil das Gesamt nur in Verschränkung wirklich ist, gilt dasselbe auch für alle Universalien. Diese sind, auch wenn sie außerhalb als wirkliche nicht zu finden sind, nicht nur Verstandesdinge. Genauso sind Linie und Oberfläche, auch wenn sie außerhalb des Körpers nicht gefunden werden, deswegen doch keine bloßen Verstandesdinge, denn sie sind im Körper wie die Universalien in den Einzeldingen.
Dennoch läßt sie der Intellekt durch Abstraktion auch außerhalb der Dinge sein. Allerdings ist diese Abstraktion ein Verstandesding, und darum kann diesen kein absolutes Sein zukommen. Das völlig absolute Allgemeine ist nämlich Gott.Quomodo autem universale [13] per abstractionem sit in intellectu, in libro Coniecturarum videbimus, licet ex superioribus hoc satis patere posset, cum non sint ibi nisi intellectus, et ita intellectualiter contracte; cuius intelligere, cum non sit esse clarius et altius, apprehendit universalium contractionem in se et in aliis. Canes enim et cetera animalia eiusdem speciei uniuntur [14] propter naturam communem specificam, quae in eis est; quae etiam in ipsis contracta esset, si Platonis intellectus species ex comparatione similitudinum sibi non fabricaret. Sequitur igitur intelligere esse et vivere, quoad operationem suam, quoniam per operationem suam [15] nec potest dare esse nec vivere nec intelligere; sed intelligere ipsius intellectus, quoad res intellectas, sequitur esse et vivere et intelligere naturae in similitudine. Quare universalia, quae ex comparatione facit, sunt similitudo universalium contractorum in rebus; quae in ipso intellectu iam sunt contracte, antequam etiam exteris illis notis [16] explicet per intelligere, quod est operari ipsius. Nihil enim intelligere potest, quod non sit iam in ipso contracte ipsum. Intelligendo igitur mundum quendam similitudinarium, qui est in ipso contractus, notis et signis similitudinariis explicat.
De unitate et contractione universi in rebus hoc loco satis dictum [17] est. Amplius de trinitate eius subiciamus.
Im Buch «De coniecturis» werden wir sehen, wie das Allgemeine durch Abstraktion im Geist ist. Allerdings ließe sich auch aus dem Gesagten genügend verdeutlichen, daß sie dort nur im Geist und darum in geistiger Verschränkung sind. Da sein Erkennen das deutlichste und tiefste Sein ist, das es gibt, begreift er die Verschränkung der Universalien in sich und im anderen.
[p.355] Der Hund und die übrigen Tiere derselben Eigengestalt sind wegen der ihnen einwohnenden gemeinsamen, eigengestaltlichen Natur vereint. Diese wäre auch dann in ihnen verschränkt, wenn der Geist Platos sich die Eigengestalten aus dem Vergleich der Ähnlichkeiten nicht gebildet hätte. In bezug auf seine Tätigkeit folgt also das verstehende Begreifen dem Sein und Leben, denn es kann durch seine Tätigkeit weder Sein noch Leben noch Denken geben. Aber in bezug auf die erkannten und verstandenen Dinge folgt das Erkennen des Geistes dem Sein, Leben und Erkennen in der Ähnlichkeit der eigenen Natur.
Darum sind die Universalien, die der Geist durch Vergleich bildet, Abbilder der in den Dingen verschränkten Universalien. Diese sind, noch bevor er sie durch jene äußeren Merkmale in verstehendem Begreifen seiner eigentlichen Tätigkeit entfaltet, im Geist selbst schon in Verschränkung. Denn er vermag nichts zu begreifen, das nicht schon in Verschränkung in ihm er selbst wäre. Im verstehenden Begreifen entfaltet er also in Merkmalen und Zeichen der Ähnlichkeit eine Art Abbild der Welt, die in ihm verschränkt ist. Über Einheit und Verschränkung des Gesamt in den Dingen ist an dieser Stelle genug gesagt. Nun wollen wir über seine Dreiheit einiges hinzufügen.