De docta ignorantia Liber secundus Capitulum X.
Capitulum X.
De spiritu universorum.
Motum, per quem est connexio formae et materiae, spiritum [1] quendam esse, quasi inter formam et materiam medium, quidam opinati sunt et hunc in aplane, in planetis et rebus terrenis diffusum considerarunt. Primum Atropos, quasi sine conversione, vocarunt, quia aplane simplici motu ab oriente in occidens moveri crediderunt.
Secundum Clotho vocaverunt, id est conversio, quoniam planetae per [2] conversionem contra aplane de occidente in oriens moventur. Tertium Lachesis, id est sors, quoniam casus rebus terrenis dominatur.
[3] Motus planetarum est ut evolutio primi motus, et motus temporalium et terrenorum est evolutio motus planetarum. In rebus terrenis latent quaedam proventuum causae ut seges in semine; unde dixerunt, quod ea, quae in anima mundi quasi in glomo sunt complicata, per [4] talem motum explicantur et extenduntur. Considerarunt enim sapientes, quasi, sicut artifex vult statuam in lapide exsculpere, formam statuae in se habens quasi ideam, per quaedam instrumenta, quae movet, ipsam formam statuae in figura ideae et in eius imagine efficit, – ita putabant mentem sive animam mundi in se gestare [5] exemplaria rerum et per motum illa in materia explicare; et hunc motum per omnia diffusum dixerunt sicut animam mundi. Quem in aplane, in planetis et rebus terrenis – quasi fatum descendens actu et opere a fato in substantia – dixerunt esse explicationem fati in substantia, quoniam res actu ad sic essendum per ipsum talem motum [6] seu spiritum determinatur.
Kapitel X.
Der Geisthauch des Gesamt
Einige waren der Meinung, die Bewegung, durch welche die Verknüpfung von Gestalt und Stoff zustande kommt, sei eine Art Geist, der, gleichsam das Mittel zwischen Gestalt und Stoff, sich über Planeten, Fixsterne und irdische Dinge verbreite. Die erste Bewegung nannten sie Atropos, d. h. ohne Umkehr, weil sie glaubten, die Fixsterne würden durch einfache Bewegung von Osten nach Westen bewegt. Die zweite nannten sie Clotho, d. h. Umkehr, da sich die Planeten infolge der Umdrehung entgegen den Fixsternen vom Westen nach Osten bewegen. Den dritten nannten sie Lachesis, d. h. Los, weil der Zufall die irdischen Dinge beherrscht.
[p.385] Die Bewegung der Planeten ist wie eine Entwicklung der ersten Bewegung, und die Bewegung der zeitlichen und irdischen Dinge wie die Entwicklung der Bewegung der Planeten.
Im Irdischen liegen bestimmte Ursachen des Zukünftigen wie die Ernte im Samen verborgen. Daher sagte man, daß das, was in der Weltseele wie in einem Knäuel zusammengefaltet liegt, durch diese Bewegung entfaltet und ausgebreitet werde. So wie ein Künstler, der eine Statue im Stein ausmeißeln will und die Gestalt der Statue als Idee in sich trägt, durch bestimmte von ihm benützte Werkzeuge diese Gestalt der Statue nach der Form der Idee zu ihrem Abbild macht, meinten die Weisen, trage der Geist oder die Seele der Welt die Urbilder der Dinge in sich und entfalte sie durch Bewegung in der Materie. Sie sagten, daß diese Bewegung ebenso wie die Weltseele sich über alles verbreite.
Sie sei in Fixsternen, Planeten und irdischen Dingen – gleichsam als das Geschick, das in Wirklichkeit und Tat vom Geschick in der Substanz stammt – die Entfaltung dieses Geschicks, da das wirkliche Ding durch so eine Bewegung oder einen solchen Geist zum wirklichen So-Sein bestimmt wird.Hunc spiritum connexionis procedere ab utroque, scilicet possibilitate et anima mundi, dixerunt. Nam materia cum habeat ex aptitudine sui recipiendi formam quendam appetitum, ut turpe appetit bonum et privatio habi|tum, et cum forma desideret esse actu et non [7] [8] possit absolute subsistere, cum non sit suum esse nec sit Deus, descendit, ut sit contracte in possibilitate; hoc est, ascendente possibilitate versus actu esse descendit forma, ut sit finiens, perficiens et terminans possibilitatem. Et ita ex ascensu et descensu motus exoritur connectens utrumque; qui motus est medium connexionis potentiae [9] et actus, quoniam ex possibilitate mobili et motore formali oritur ipsum movere medium.
Sie führten aus, daß dieser Geist der Verknüpfung von beiden, von der Möglichkeit und der Weltseele ausgehe.
Denn da der Stoff auf Grund seiner Eignung, eine Gestalt anzunehmen, ein gewisses Verlangen danach hat, wie das Böse nach Gutem verlangt und die Beraubung nach Besitz, und da die Gestalt danach begehrt, wirklich zu sein, aber nicht in Absolutheit bestehen kann, weil sie weder eigenes Sein ist noch Gott, steigt sie herab, auf daß sie verschränkt in der Möglichkeit sei; d. h., daß die Gestalt herabsteigt, um die Möglichkeit zu umgrenzen, zu vollenden und zu bestimmen, während sich die Möglichkeit zum Wirklich-Sein erhebt. Und so entsteht aus Aufstieg und Abstieg die Bewegung, die beide miteinander verknüpft und das Mittel der Verknüpfung von Möglichkeit und Wirklichkeit ist, da aus der beweglichen Möglichkeit und der bewegenden Gestalt die bewegende Vermittlung selbst entsteht.Est igitur hic spiritus per totum universum et singulas eius partes diffusus et contractus; qui natura dicitur. Unde natura est quasi complicatio omnium, quae per motum fiunt. Quomodo autem hic motus [10] ab universali contrahatur usque in particulare servato ordine per gradus suos, hoc exemplo consideratur. Nam dum dico ‘Deus est’, quodam motu progreditur haec oratio, sed ordine tali, ut primo proferam litteras, deinde syllabas, deinde dictiones, deinde orationem [11] ultimo, licet auditus hunc ordinem gradatim non discernat. Ita quidem motus gradatim de universo in particulare descendit et ibi contrahitur ordine temporali aut naturali. Hic autem motus sive spiritus descendit a Spiritu divino, qui per ipsum motum cuncta movet. Unde, sicut in loquente est quidam spiritus procedens ab eo, qui loquitur, [12] qui contrahitur in orationem, ut praefertur, ita Deus, qui est Spiritus, est a quo descendit omnis motus. Ait enim Veritas: «Non vos estis, qui loquimini, sed Spiritus Patris vestri, qui loquitur in vobis.[13]» Et ita de aliis omnibus motibus et operationibus.
Dieser Geisteshauch ist also durch das ganze Gesamt und durch dessen einzelne Teile verbreitet und verschränkt. Er [p.387] wird Natur genannt. Daher ist die Natur gewissermaßen die Einfaltung von allem, das durch Bewegung entsteht. Wie aber diese vom Allgemeinen bis zum Einzelnen verschränkt wird und dabei die Ordnung ihrer Abstufungen bewahrt, betrachte man an folgendem Beispiel. Wenn ich sage, «Gott ist», so entsteht diese Rede durch eine bestimmte Bewegung, und zwar nach der Ordnung, daß ich zuerst die Buchstaben, dann die Silben, darauf die Wortbildungen und zuletzt die Rede ausspreche, wenn auch das Ohr diese Ordnung nicht stufenweise unterscheidet. So steigt auch diese Bewegung stufenweise vom Allgemeinen zum Besonderen herab und wird dort durch zeitliche oder natürliche Ordnung verschränkt. Diese Bewegung aber oder dieser Geisteshauch senkt sich vom göttlichen Geist herab, der durch sie alles bewegt. Wie im Sprechenden eine Art Geist-Hauch ist, der von ihm ausgeht und, um zum Vorschein zu kommen, in der Rede verschränkt wird, so verhält sich Gott, der Geist ist und von dem jede Bewegung stammt.
Die Wahrheit sagt: «Nicht ihr seid es, die ihr sprecht, sondern der Geist eures Vaters, der in euch redet.» Von allen übrigen Bewegungen und Tätigkeiten gilt dasselbe.Hic igitur spiritus creatus est spiritus, sine quo nihil est unum [14] aut subsistere potest, sed totus iste mundus et omnia, quae in eo sunt, per ipsum spiritum, qui replet orbem terrarum, naturaliter id sunt connexive, quod sunt, ut potentia per eius medium sit in actu et actus eius medio in potentia. Et hic est motus amorosae connexionis omnium ad unitatem, ut sit omnium unum universum. Nam dum [15] omnia moventur singulariter, ut sint hoc, quod sunt, meliori modo et nullum sicut aliud aequaliter, tamen motum cuiuslibet quodlibet suo modo contrahit et participat mediate aut immediate – sicut motum caeli elementa et elementata et motum cordis omnia membra –, ut sit unum universum. Et per hunc motum sunt res meliori quidem [16] modo, quo possunt. Et ad hoc moventur, ut in se aut in specie conserventur per naturalem sexuum diversorum connexionem, qui in natura complicante motum sunt uniti et divisive contracti in individuis.
Ohne diesen geschaffenen Geist kann nichts Eines sein oder Bestand haben; die ganze Welt und alles, was in ihr ist, ist durch diesen Geist, der den Erdkreis erfüllt, auf natürliche Weise in Verknüpfung das, was es ist; darum ist durch seine Vermittlung die Möglichkeit wirklich und die Wirklichkeit möglich. Dies ist die Bewegung liebender Verknüpfung zur Einheit aller, auf daß aus allen ein Gesamt entstehe.
Denn während alles einzeln bewegt wird, so daß es auf die relativ beste Weise ist, was es ist und kein Ding mit einem andern gleich bewegt wird, so verschränkt dennoch die Bewegung eines Jeden Jedes auf seine Weise und nimmt mittelbar oder unmittelbar daran Teil, auf daß ein Gesamt sei (so wie die Elemente und das aus ihnen entstandene an der Bewegung des Himmels und alle Glieder an der Bewegung des Herzens teilhaben). Und durch diese Bewegung [p.389] sind die Dinge auf die bestmögliche Weise. Sie bewegen sich so, daß sie durch die natürliche Verbindung der verschiedenen Geschlechter in sich oder in ihrer Eigengestalt verharren, welche von der die Bewegung umschließenden Natur geeint und verschränkt in getrennten Individuen besteht.Non est igitur aliquis motus simpliciter maximus, quia ille cum quiete coincidit. Quare non est motus aliquis absolutus, quoniam [17] absolutus motus est quies et Deus; et ille complicat omnes motus. Sicut igitur omnis possibilitas est in absoluta, quae est Deus aeternus, et omnis forma et actus in absoluta forma, quae est Verbum Patris et Filius in divinis, ita omnis motus connexionis et proportio ac [18] harmonia uniens est in absoluta connexione divini Spiritus, ut sit unum omnium principium Deus, in quo omnia et per quem omnia sunt in quadam unitate Trinitatis, similitudinarie contracta secundum magis et minus intra maximum et minimum simpliciter secundum gradus suos, ut alius sit gradus potentiae, actus et connexionis motus [19] in intelligentiis, ubi intelligere est movere, et alius materiae, formae et nexus in corporalibus, ubi esse est movere, de quibus alibi tangemus. Et ista de trinitate universi sufficiant pro praesenti.
Es gibt keine schlechthin größte Bewegung, denn diese koinzidiert mit der Ruhe. Darum ist auch keine Bewegung absolut, denn die absolute Bewegung ist die Ruhe und Gott, der alle Bewegungen in sich einschließt. Wie also jede Möglichkeit in der absoluten Möglichkeit, dem ewigen Gott ist und jede Gestalt und Wirklichkeit in der absoluten Gestalt, dem Wort des Vaters und dem Sohn im Göttlichen, so ist jede Bewegung der Verknüpfung und jeder harmonisch einende Verhältnisbezug in der absoluten Verknüpfung des Göttlichen Geistes, so daß Gott der eine Ursprung von allem ist. In ihm und durch ihn ist alles in einer dreieinigen Einheit, in Ähnlichkeit zwischen schlechthin Größtem und Kleinstem stufenweise entsprechend von mehr oder weniger verschränkt, so daß eine Stufe die der Möglichkeit, der Wirklichkeit und der verknüpfenden Bewegung im Geistig-Vernünftigen ist, wo geistig Verstehen Bewegen bedeutet, und eine andere die von Stoff, Gestalt und Verknüpfung im Körperlichen ist, wo Sein Bewegen bedeutet; darüber werden wir andernorts schreiben. Über die Dreiheit des Weltgesamt mag dies für den Augenblick genügen.