De docta ignorantia Liber secundus Capitulum XI.
Capitulum XI.
Correlaria de motu.
[1] Fortassis admirabuntur, qui ista prius inaudita legerint, postquam ea vera esse docta ignorantia ostendit. Scimus nunc ex istis universum trinum; et nihil universorum esse, quod non sit unum ex potentia, actu et connexionis motu; et nullum horum sine alio absolute subsistere posse, ita quod necessario illa in omnibus sunt secundum [2] diversissimos gradus adeo differenter, quod nulla duo in universo per omnia aequalia | esse possunt simpliciter. Propter quod machinam [3] [4] mundanam habere aut istam terram sensibilem aut aerem vel ignem vel aliud quodcumque pro centro fixo et immobili variis motibus orbium consideratis est impossibile. Non devenitur enim in motu ad minimum simpliciter, puta fixum centrum, quia minimum cum maximo [5] coincidere necesse est.
Centrum igitur mundi coincidit cum circumferentia. Non habet igitur mundus circumferentiam. Nam si centrum haberet, haberet et circumferentiam, et sic intra se haberet suum initium et finem, et esset ad aliquid aliud ipse mundus terminatus, et extra mundum [6] esset aliud et locus; quae omnia veritate carent. Cum igitur non sit possibile mundum claudi intra centrum corporale et circumferentiam, non intelligitur mundus, cuius centrum et circumferentia sunt Deus. Et cum non sit mundus infinitus, tamen non potest concipi finitus, cum terminis careat, intra quos claudatur.
Kapitel XI.
Bemerkungen zur Bewegung
Nachdem die wissende Unwissenheit dieses bis jetzt Unerhörte als wahr erwiesen hat, werden die Leser vielleicht staunen. Wir wissen nun daraus, daß das Gesamt dreifach ist, und daß es in ihm nichts gibt, das nicht aus Möglichkeit, Wirklichkeit und verknüpfender Bewegung geeint wäre. Wir wissen auch, daß nichts von ihm ohne das andere absolut bestehen kann, daß die Dinge nach verschiedensten Abstufungen in allem von einander verschieden sind und es darum im Gesamt keine zwei Dinge gibt, die in allem vollkommen gleich sein könnten.
[p.391] Nachdem wir die verschiedenen Bewegungen des Weltkreises betrachtet haben, ist es unmöglich anzunehmen, daß der Weltbau diese sichtbare Erde oder die Luft oder das Feuer oder irgendetwas anderes als festes und unbewegliches Zentrum besitzt. Denn man gelangt in der Bewegung nicht zum schlechthin Kleinsten, wie es der feste Mittelpunkt ist, weil das Kleinste mit dem Größten koindizieren muß.
Der Mittelpunkt der Welt koinzidiert also mit ihrem Umfang.
Folglich hat die Welt keinen Umfang. Denn wenn sie einen Mittelpunkt hätte, hätte sie auch einen Umfang und darum in sich ihren Anfang und ihr Ende; sie wäre auf etwas anderes hinbestimmt und außerhalb von ihr wäre Ort und Anderssein. Das alles entspricht nicht der Wahrheit. Da es demnach unmöglich ist, die Welt zwischen körperlichem Mittelpunkt und ihrem Umfang einzuschließen, wird sie, deren Mittelpunkt und Umkreis Gott sind, nicht verstehend begriffen; zwar ist sie nicht unendlich, dennoch kann sie nicht endlich begriffen werden, da sie der Grenzen entbehrt, zwischen die sie eingeschlossen werden könnte.[7] Terra igitur, quae centrum esse nequit, motu omni carere non potest. Nam eam moveri taliter etiam necesse est, quod per infinitum minus moveri posset. Sicut igitur terra non est centrum mundi, ita nec sphaera fixarum stellarum eius circumferentia, quamvis etiam, comparando terram ad caelum, ipsa terra videatur centro propinquior [8] et caelum circumferentiae. Non est igitur centrum terra neque octavae aut alterius sphaerae, neque apparentia super horizontem sex signorum terram concludit in centro esse octavae sphaerae. Nam si esset etiam distanter a centro et circa axim per polos transeuntem, ita quod una parte esset elevata versus unum polum, in alia depressa [9] versus alium, tunc hominibus tantum a polis distantibus, sicut horizon [10] se extendit, sola medietas sphaerae appareret, ut est manifestum. Neque etiam est ipsum mundi centrum plus intra terram quam extra, neque etiam terra ista neque aliqua sphaera habet centrum. Nam cum centrum sit punctus aequedistans circumferentiae et non sit possibile [11] verissimam sphaeram aut circulum esse, quin verior dari possit, manifestum est non posse dari centrum, quin verius etiam dari possit atque praecisius. Aequedistantia praecisa ad diversa extra Deum reperibilis non est, quia ipse solus est infinita aequalitas. Qui igitur est centrum mundi, scilicet Deus benedictus, ille est centrum terrae et [12] omnium sphaerarum atque omnium, quae in mundo sunt; qui est simul omnium circumferentia infinita.
Da die Erde also nicht Mittelpunkt sein kann, kann sie auch nicht ohne jede Bewegung sein. Denn sie muß sich so bewegen, daß sie sich auch unendlich weniger bewegen könnte. Wie die Erde nicht der Mittelpunkt der Welt ist, so ist auch nicht die Fixsternsphäre ihr Umkreis, obwohl, wenn man Erde und Himmel vergleicht, die Erde dem Mittelpunkt und der Himmel dem Umkreis näher zu sein scheint. Die Erde ist also nicht der Mittelpunkt, auch nicht der der achten oder einer anderen Sphäre. Auch die Erscheinung der sechs Zeichen über dem Horizont läßt nicht darauf schließen, daß die Erde im Mittelpunkt der achten Sphäre stünde. Denn es ist deutlich, daß, wäre sie auch vom Mittelpunkt entfernt und ginge eine Achse durch beide Pole, so daß sie auf der einen Seite gegen den einen Pol erhoben, auf der andern gegen den zweiten Pol gesenkt wäre, dennoch den Menschen, die von den Polen so weit entfernt sind, wie der Horizont sich ausdehnt, nur die Mitte der Sphäre erscheinen würde.
[p.393] Der Mittelpunkt der Welt ist also nicht mehr innerhalb als außerhalb der Erde und weder diese Erde noch irgendeine Sphäre besitzt einen Mittelpunkt. Denn da der Mittelpunkt jener Punkt ist, der vom Umkreis immer gleich weit entfernt ist und es unmöglich die schlechthin wahre Kugel oder den schlechthin wahren Kreis geben kann, – denn Kugel und Kreis können immer noch wahrer sein – so ist offenkundig, daß kein Mittelpunkt gegeben werden kann, der nicht noch wahrer und genauer angegeben werden könnte. Ein genau gleich weiter Abstand zum Verschiedenen ist außerhalb Gottes, der allein die unendliche Gleichheit ist, nicht zu finden. Derjenige, der Mittelpunkt der Welt ist, Gott der Gepriesene, ist auch Mittelpunkt der Erde, der Sphären und alles dessen, was in der Welt ist. Und zugleich ist er aller Dinge unendlicher Umfang.Praeterea, non sunt in caelo poli immobiles atque fixi, quamvis etiam caelum stellarum fixarum videatur per motum describere graduales in magnitudine circulos, minores <circulos minores> quam coluros [13] <aut> aequinoctialem; et ita de intermediis. Sed necesse est omnem caeli partem moveri, licet inaequaliter comparatione circulorum per motum stellarum descriptorum. Unde, sicut quaedam stellae videntur maximum circulum describere, ita quaedam minimum; sed non reperitur stella, quae nullum describat. Quoniam igitur non est [14] polus in sphaera fixus, manifestum est neque aequale medium reperiri quasi aequedistanter a polis. Non est igitur stella in octava sphaera, quae per revolutionem describat maximum circulum, quoniam illam aequedistare a polis necesse esset, qui non sunt; et per consequens non est, quae minimum circulum describat.
Ferner gibt es am Himmel keine unbeweglich festen Pole, obwohl auch der Fixsternhimmel seiner Bewegung nach verschieden große Kreise zu beschreiben scheint, die kleinere Himmelskreise sind als der Kreis der Nachtgleiche. Dasselbe gilt von den übrigen Sphären.
Jeder Teil des Himmels muß sich bewegen, wenn auch im Vergleich zu den durch die Sternenbewegung umschriebenen Kreisen ungleich. Wie gewisse Sterne einen größten Kreis zu umschreiben scheinen, so andere einen kleinsten. Doch ein Stern, der gar keinen beschriebe, findet sich nicht. Da es keinen festen Pol am Himmel gibt, ist es offenbar, daß man auch keine Mitte finden kann, die von den Polen gleichweit entfernt wäre. Es gibt also in der achten Sphäre keinen Stern, der durch seine Umdrehung einen größten Kreis beschriebe, da er von den Polen, die es nicht gibt, gleichen Abstand halten müßte. Folglich gibt es auch keinen Stern, der den kleinsten Kreis umschriebe.Poli igitur sphaerarum coincidunt cum centro, ut non sit aliud centrum quam polus, quia Deus benedictus. Et quoniam nos motum non nisi comparatione ad fixum, scilicet polos aut centra, deprehendere possumus et illa in mensuris motuum praesupponimus: hinc in [16] coniecturis ambulantes in omnibus nos errare comperimus et admiramur, quando secundum regulas antiquorum stellas in situ non reperimus concordare, quia eos recte de centris et polis et mensuris credimus concepisse.
Ex hiis quidem manifestum est terram moveri. Et quoniam ex motu [17] cometae, aeris et ignis elementa experti sumus moveri et lunam minus de oriente in occasum quam Mercurium aut Venerem vel solem, et ita gradatim: hinc terra ipsa adhuc minus omnibus movetur, sed tamen non est ut stella circa centrum aut polum minimum describens circulum; neque octava sphaera describit maximum, ut statim [18] [19] proba|tum est.
Die Pole der Sphären koinzidieren also mit dem Mittelpunkt und dieser ist nichts anderes als der Pol, weil es Gott der Gepriesene ist. Da wir die Bewegung nur im Vergleich zu etwas Festem, wie es die Pole oder Mittelpunkte sind, erfassen können und diese beim Messen der Bewegungen voraussetzen, erfahren wir, daß wir uns in Mutmaßungen bewegen und uns in allem irren, und wir staunen, wenn wir finden, daß die Sterne den Regeln der Alten gemäß in [p.395] ihrer Stellung nicht übereinstimmen, da wir annehmen, daß sie die über Mittelpunkt, Pol und Messungen richtigen Begriffe hatten. Aus dem geht klar hervor, daß die Erde sich bewegt.
Und da wir aus der Bewegung des Kometen erfahren haben, daß sich die Elemente der Luft und des Feuers bewegen, und daß sich der Mond weniger vom Aufgang zum Niedergang bewegt als Merkur, Venus oder Sonne, und zwar stufenweise, so folgt daraus, daß sich die Erde von allen am wenigsten bewegt. Dennoch beschreibt sie im Hinblick auf Mittelpunkt oder Pol nicht den kleinsten Kreis und die achte Sphäre nicht den größten; das wurde schon gezeigt.Acute igitur considera, quoniam, sicut se habent stellae circa polos coniecturales in octava sphaera, ita terra, luna et planetae sunt ut stellae circa polum distanter et differenter motae, coniecturando polum esse, ubi creditur centrum. Unde, licet terra quasi stella sit [20] propinquior polo centrali, tamen movetur et non describit minimum circulum in motu, ut est ostensum. Immo neque sol neque luna neque terra neque aliqua sphaera, licet nobis aliud videatur, describere potest verum circulum in motu, cum non moveantur super fixo. Neque verus circulus dabilis est, quin verior dari possit, neque umquam uno [21] tempore sicut alio aequaliter praecise aut movetur aut circulum verisimilem aequalem describit, etiamsi nobis hoc non appareat.
Man beachte genau: so wie sich die Sterne zwischen den angenommenen Polen in der achten Sphäre verhalten, bewegen sich Erde, Mond und Planeten als Sterne in verschiedenem Abstand zum Pol, vorausgesetzt, daß dort, wo man den Mittelpunkt ansetzt, der Pol ist. Wenn auch die Erde wie ein Stern sein mag, der dem Hauptpol näher liegt, so wird sie dennoch bewegt und beschreibt, wie gezeigt wurde, in ihrer Bewegung nicht den kleinsten Kreis. Gleichwohl können auch, wenn es uns anders erscheint, weder Sonne noch Mond noch Erde noch irgendeine Sphäre in ihrer Bewegung einen wahren Kreis beschreiben, denn sie bewegen sich nicht um etwas Festes; noch kann es einen wahren Kreis geben, ohne daß nicht ein noch wahrerer gegeben werden könnte. Niemals findet zu einer Zeit eine genau gleiche Bewegung wie zu einer andern statt und niemals läßt sich ein dem wahren ähnlicher, gleicher Kreis beschreiben, mag uns dies auch so vorkommen.Necesse est igitur, si de motu universi aliquid quoad iam dicta vere intelligere velis, centrum cum polis complices, te quantum potes cum imaginatione iuvando. Nam si quis esset supra terram et sub [22] polo arctico et alius in polo arctico, – sicut existenti in terra appareret [23] polum esse in zenith, ita existenti in polo appareret centrum esse in zenith. Et sicut antipodes habent sicut nos caelum sursum, ita existentibus in polis ambobus terra appareret esse in zenith; et ubicumque quis fuerit, se in centro esse credit. Complica igitur istas [24] diversas imaginationes, ut sit centrum zenith et e converso, et tunc per intellectum, cui tantum docta servit ignorantia, vides mundum et eius motum atque figuram attingi non posse, quoniam apparebit quasi rota in rota et sphaera in sphaera, nullibi habens centrum vel circumferentiam, ut praefertur.
Wenn man zu dem bereits Gesagten noch einiges weitere über die Bewegung des Gesamt wahrhaft begreifen will, ist es notwendig, den Mittelpunkt mit den Polen zusammen zu begreifen, indem man sich soweit man kann, mit der Vorstellungskraft hilft. Denn wenn jemand über der Erde stünde und unter dem arktischen Pol und ein anderer auf diesem, so würde dem, der auf dem Pol steht, der Mittelpunkt im Zenit erscheinen und demjenigen, der auf der Erde steht, der Pol im Zenit. Wie die Antipoden gleich uns den Himmel über sich haben, so würde jenen, die an den [p.397] beiden Polen sich aufhalten, die Erde im Zenit erscheinen. Und wo immer jemand sich befände, würde er glauben, im Mittelpunkt zu sein. Stellen wir diese verschiedenen Vorstellungen – daß das Zentrum Zenit ist und umgekehrt – nebeneinander, dann läßt uns die Vernunft, der allein die wissende Unwissenheit dient, erkennen, daß wir die Welt, deren Bewegung und Gestalt nicht erkennen können; sie wird wie ein Rad im Rad und wie eine Kugel in der Kugel erscheinen. Nirgends hat sie einen Mittelpunkt oder Umkreis; das wurde soeben gesagt.