De docta ignorantia Liber secundus Capitulum IX.
Capitulum IX.
De anima sive forma universi.
Sapientes omnes in hoc concordant, quod posse esse ad actu esse non potest nisi per actu esse deduci, quoniam nihil seipsum ad actu [1] esse producere potest, ne sit sui ipsius causa; esset enim, antequam esset. Unde illud, quod possibilitatem actu esse facit, ex intentione agere dixerunt, ut ordinatione rationabili possibilitas ad actu esse deveniret et non casu.
Kapitel IX.
Die Seele oder Gestalt des Gesamt
Alle Weisen stimmen darin überein, daß das Sein-Können nur durch die Wirklichkeit zum Wirklich-Sein gebracht werden kann. Nichts kann sich selbst zum Wirklich-Sein bringen, da es nicht der Grund seiner selbst ist; es wäre bevor es wäre. Daher sagten sie, daß jenes, das die Möglichkeit zum Wirklich-Sein macht, mit Absicht handle, damit die Möglichkeit durch sinnvolle Anordnung und nicht durch Zufall zum Wirklichsein gelange.Hanc excelsam naturam alii mentem, alii intelligentiam, alii animam mundi, alii fatum in substantia, alii – ut Platonici – necessitatem complexionis nominarunt, qui aestimabant possibilitatem necessitate per ipsam determinari, ut sit nunc actu, quod prius natura potuit. In illa enim mente formas rerum actu intelligibiliter esse [2] aiebant sicut in materia possibiliter, et quod ipsa necessitas | complexionis [3] in se veritatem habens formarum cum hiis, quae ipsas concomitantur, secundum naturae ordinem moveret caelum, ut mediante motu tamquam instrumento possibilitatem ad actum et, quanto conformius posset, conceptui veritatis intelligibili aequale deduceret; [4] concedentes formam, ut in materia est, per hanc operationem mentis mediante motu esse imaginem verae intelligibilis formae, et ita non veram, sed verisimilem. Et ita aiebant Platonici non tempore, sed natura prius esse formas veras in anima mundi quam in rebus. Quod [5] Peripatetici non concedunt, quoniam dicunt formas aliud esse non habere nisi in materia et per abstractionem in intellectu, quae sequitur rem, ut patet.
Diese erhabene Natur nannten die einen Geist, andere Vernunfterkenntnis, andere Weltseele, andere Schicksal in der Substanz, andere – wie die Platoniker – Notwendigkeit der Beschaffenheit. Sie waren der Meinung, daß die Möglichkeit vermittels der Notwendigkeit durch jene bestimmt werde, so daß, was zuvor die Natur vermochte, jetzt wirklich ist. Sie sagten, daß die Gestalten, wie sie im Stoff als Möglichkeit sind, in jenem Geist als Wirklichkeit geistig erkennbar vorhanden seien; die Notwendigkeit der Beschaffenheit, die in sich die Wahrheit der Gestalten und dessen, das zu ihnen gehört, besitze, bewege den Himmel entsprechend der Ordnung der Natur, damit sie vermittels dieser Bewegung gleichsam als mit einem Werkzeug die Möglichkeit zur Verwirklichung und, soweit es möglich ist, zu dem mit dem geistigen Begriff der Wahrheit Gleichen führe. Sie geben damit zu, daß die Gestalt, wie sie in der Materie ist, durch diese Tätigkeit des Geistes vermittels der Bewegung das Bild der wahren, vernünftigen Gestalt wird und so nicht das Wahre, sondern das dem Wahren ähnliche Bild.
[p.373] Und so sagten die Platoniker, daß die wahren Gestalten in der Weltseele früher seien als in den Dingen, aber nicht der Zeit, sondern der Natur nach. Die Peripatetiker stimmen dem nicht zu, weil sie sagen, die Gestalten hätten kein anderes Sein als nur im Stoff und – durch Abstraktion – im Intellekt, der offenkundig dem Ding folgt.Placuit autem Platonicis talia distincta exemplaria in necessitate complexionis plura cum naturali ordine ab una infinita [6] ratione esse, in qua omnia sunt unum. Non tamen ab illa ista exemplaria creata crediderunt, sed taliter descendere, quod numquam fuit verum dicere ‘Deus est’, quin etiam esset verum ‘anima mundi est’; affirmantes eam esse explicationem mentis divinae, ut omnia, quae in Deo sunt unum exemplar, sint in mundi anima plura et [7] distincta; addentes Deum naturaliter praecedere hanc complexionis necessitatem, et ipsam animam mundi praecedere naturaliter motum, et instrumentum explicationem temporalem rerum, ita quod illa, quae veraciter essent in anima, possibiliter in materia per motum temporaliter explicarentur. Quae quidem temporalis explicatio sequitur [8] ordinem naturalem, qui est in anima mundi et dicitur fatum in substantia; et eius explicatio temporalis est fatum ab illo descendens actu et opere nominatum a plerisque.
Die Platoniker waren aber davon überzeugt, daß mehrere derartige, unterschiedene Urbilder in der Notwendigkeit des inneren Zusammenhanges in natürlicher Ordnung von dem einen, unendlichen Bestimmungsgrund stammen, in dem alle Eines sind. Dennoch glauben sie nicht, daß diese Urbilder von jenem geschaffen seien, sondern dergestalt abstammen, daß es niemals wahr gewesen wäre zu sagen, «Gott ist», ohne daß es auch wahr wäre, «die Weltseele ist». Diese, so nahmen sie an, sei die Entfaltung des göttlichen Geistes, so daß alles, was in Gott ein Urbild ist, in der Weltseele viele und verschiedene sind. Sie fügten hinzu, Gott gehe naturgemäß dieser Notwendigkeit des inneren Zusammenhanges voran; und ebenso naturgemäß gehe die Weltseele der Bewegung, dem Mittel der zeitlichen Entfaltung der Dinge, voran, so daß das, was in der Seele wahrhaft, im Stoff der Möglichkeit nach ist, durch die zeitliche Bewegung entfaltet werde. Diese zeitliche Entfaltung folgt der natürlichen Ordnung, die in der Weltseele liegt und wird Schicksal der Substanz genannt. Ihre zeitliche Entfaltung ist das Schicksal, das von jener Wirklichkeit und Tat stammt; es wird von vielen so genannt.Et ita modus essendi in anima mundi est, secundum quem dicimus mundum intelligibilem. Modus essendi actu per determinationem [9] possibilitatis actu per explicationem, ut iam dictum est, est modus essendi, secundum quem iste mundus est sensibilis secundum eos. Neque voluerunt illas formas, ut sunt in materia, esse alias ab ipsis, quae sunt in anima mundi, sed tantum secundum modum essendi [10] differenter, ut in anima mundi veraciter et in se, in materia verisimiliter, non in sua puritate, sed cum obumbratione; adicientes veritatem formarum solum per intellectum attingi, per rationem, imaginationem et sensum non, sed imagines, prout formae sunt permixtae [11] possibilitati; et quod propterea non vere attingerent quidquam, sed opinative. .
Und so ist der Modus des Seins in der Weltseele. Nach ihm nennen wir die Welt eine intelligible. Der Modus des Wirklich-Seins, wirklich durch die Bestimmung der Möglichkeit, und, wie schon gesagt, durch die Entfaltung, ist jener Seinsmodus, demgemäß diese Welt nach Meinung jener eine sinnliche ist. Auch wollten sie nicht zugeben, daß die Gestalten, wie sie in der Materie sind, von jenen in der Weltseele verschieden sind. Sie seien vielmehr nur der Art ihres Seins nach verschieden; in der Weltseele seien sie wahrhaft und in sich, im Stoff aber nur dem Wahren ähnlich, nicht rein sondern verdunkelt. Sie fügen hinzu, daß nur der Geist [p.375] die Wahrheit der Gestalten erreichen kann, nicht aber Verstand, Vorstellung und Sinn. Diese erreichen nur die Bilder, je nachdem, wie die Gestalten mit der Möglichkeit vermischt sind, und erfassen deshalb nichts in Wahrheit, sondern nur der Meinung nach.Ab hac mundi anima omnem motum descendere putarunt, quam totam in toto et in qualibet parte mundi esse dixerunt, licet non easdem virtutes in omnibus partibus exerceat; sicut anima rationalis in [12] homine non exercet in capillis et in corde eandem operationem, licet tota sit in toto et in qualibet parte. Unde in ipsa omnes animas complicari voluerunt, sive in corporibus sive extra, quoniam per totum universum eam diffusam dixerunt, non per partes, quia simplex et impartibilis est, sed totam in terra, ubi terram connectit, totam [13] in lapide, ubi partium tenacitatem operatur, totam in aqua, totam in arboribus, et ita de singulis. Et quoniam ipsa est prima explicatio circularis – mente divina se ut puncto centrali habente et anima mundi ut circulo centrum explicante – et complicatio naturalis omnis temporalis ordinis rerum, ideo ipsam propter discretionem et ordinem [14] ‘numerum se moventem’ dixerunt ac esse ex eodem et diverso affirmarunt. Quam etiam solo numero ab anima hominis differre [15] putabant, ut, sicut hominis anima ad hominem se habet, ita ipsa ad universum, credentes omnes animas ab ipsa et in ipsam finaliter resolvi, si demerita non obstarent.
Sie glaubten, jede Bewegung komme von dieser Weltseele herab, von der sie sagten, daß sie im Ganzen und in jedem Teil der Welt ganz sei, auch wenn sie nicht in allen Teilen dieselben Kräfte ausübe – so wie die vernünftige Seele, auch wenn sie im Ganzen und in jedem Teile ganz ist, beim Menschen nicht dieselbe Tätigkeit in Haar und Herz ausübt. Deshalb waren sie auch der Ansicht, alle Seelen, ob im Körper oder außerhalb, seien in dieser eingefaltet; sie meinten, sie sei durch das ganze Gesamt ausgebreitet – nicht in Teilen, denn sie sei einfach und unteilbar, sondern als ganze: ganz in der Erde, die sie zusammenhalte, ganz im Stein, wo sie die Härte der Teile bewirke, ganz im Wasser, ganz in den Bäumen und in jedem einzelnen. Sie sei die erste kreisförmige Entfaltung – wobei sich der göttliche Geist wie der Mittelpunkt verhalte und die Weltseele wie der den Mittelpunkt entfaltende Kreis – und die Einfaltung jeder natürlichen, zeitlichen Ordnung der Dinge. Daher nannten die Platoniker sie wegen der Unterscheidung und Ordnung die sich bewegende Zahl und behaupteten, sie bestehe aus dem Selben und Verschiedenen. Man meinte auch, sie sei nur durch die Zahl von der menschlichen Seele verschieden und verhalte sich so zum Gesamt, wie die menschliche Seele zum Menschen. Dabei nahmen sie an, daß alle Seelen aus ihr stammten und schließlich, sofern keine Schuld sie daran hindere, in sie zurückgeführt würden.Multi Christianorum illi viae Platonicae acquieverunt. Ex eo [16] praesertim, cum alia sit ratio lapidis, alia hominis, et in Deo non cadat distinctio et alietas, necessarium putabant has rationes distinctas, secundum quas res distinctae sunt, post Deum et ante res esse, cum ratio rem praecedat, et hoc in intelligentia rectrice orbium, quodque ipsae tales distinctae rationes notiones sint rerum in ipsa anima mundi [17] numquam delebiles. Immo ipsam animam ex omnibus omnium notionibus | esse voluerunt, ita quod omnes notiones in ipsa substantia [18] sint ipsius, licet dictu et cognitu hoc asserant difficile.
Hoc quidem auctoritate divinae Scripturae astruunt. «Dixit enim Deus ‘Fiat lux’, et facta est lux.[19]» Si enim lucis veritas prius naturaliter [20] non fuisset, quomodo dixisset: ‘Fiat lux’? Postquam autem temporaliter fuit explicata illa lux, quare potius dicta lux quam aliquid aliud fuisset, si non fuisset prius lucis veritas? Et multa consimilia tales adducunt pro fortificatione huius.
Viele Christen waren mit diesem platonischen Weg einverstanden. Da es in Gott keine Unterscheidung und Andersheit gibt, der Wesenssinn des Steines dagegen ein anderer ist als der des Menschen, glaubten sie, daß diese unterschiedlichen Wesensgründe, welche die Verschiedenheit der Dinge bedingen, nach Gott und vor den Dingen sein müßten, da der Wesensgrund dem Ding vorausgeht. Das geschehe in der leitenden Vernunft des Erdkreises. Und weil diese [p.377] unterschiedenen Wesensgründe in der Weltseele wären, seien sie die unzerstörbaren Begriffe der Dinge. Ja, sie waren der Ansicht, diese Seele bestehe aus den Begriffen aller Dinge und alle Begriffe seien in ihr ihre Substanz; allerdings gaben sie auch zu, daß dies schwierig zu denken und zu sagen sei. Diese Ansichten wollten sie auch durch die Autorität der Heiligen Schrift stützen. Gott sprach nämlich «Es werde Licht und es ward Licht». Wie hätte er sagen können «es werde Licht», wenn nicht zuvor die Wahrheit des Lichtes von Natur aus dagewesen wäre? Wäre sie aber nicht zuvor gewesen, warum wurde dann jenes Licht, nachdem es in der Zeit entfaltet war, eher Licht als etwas anderes genannt? Viele ähnliche Überlegungen führten zur Verfestigung dieser Anschauung.Peripatetici vero quamvis fateantur opus naturae esse opus [21] intelligentiae, exemplaria tamen illa non admittunt; quos certe, nisi per intelligentiam Deum intelligant, deficere puto. Nam si non est notitia in intelligentia, quomodo movet secundum propositum? Si est notitia rei explicandae temporaliter, quae est ratio motus, talis a re, quae nondum est temporaliter, abstrahi non potuit. Si igitur est notitia 93.25 sine abstractione, certe tunc est illa, de qua loquuntur Platonici, quae non est a rebus, sed res secundum eam. Unde Platonici non voluerunt tales rerum rationes esse quid distinctum et diversum ab ipsa intelligentia, sed potius quod tales distinctae inter se unam quandam intelligentiam simplicem, in se omnes rationes complicantem, efficerent; [22] ut quamvis ratio hominis non sit ratio lapidis, sed sint distinctae rationes, tamen ipsa humanitas, a qua descendit homo sicut ab albedine album, non habet aliud esse quam in ipsa intelligentia secundum naturam intelligentiae intelligibiliter et in ipsa re realiter; [23] non quod sit alia humanitas Platonis et alia separata, sed eadem secundum diversos modos essendi, existens prius naturaliter in intelligentia quam materia, non prius tempore, sed sicut ratio rem natura praecedit.
Obwohl die Peripatetiker gestehen, daß das Werk der Natur das Werk der Vernunft sei, lassen sie diese Urbilder nicht gelten. Doch sind sie meiner Meinung nach völlig im Unrecht – außer sie verstehen unter jener Vernunft Gott. Denn wie bewegt sich die Vernunft entsprechend dem von uns Vorausgesetzten, wenn es in ihr keinen Begriff gibt? Wenn der Begriff des zu entfaltenden Dinges zeitlich ist – dies ist der Wesenssinn der Bewegung –, dann kann er vom Ding, das noch nicht zeitlich ist, nicht abstrahiert werden.
Wenn es einen Begriff ohne Abstraktion gibt, dann ist es gewiß jener, von dem die Platoniker reden. Dieser stammt nicht von den Dingen, sondern die Dinge entsprechen ihm.
Daher nahmen die Platoniker nicht an, daß dieser Wesenssinn der Dinge etwas von der Vernunft Unterschiedenes und Verschiedenes sei, sondern glaubten vielmehr, derartige unterschiedene Wesenssinne bewirkten eine einheitliche, einfache, alle Gründe in sich einschließende Vernunft, so daß, obwohl der Wesenssinn des Menschen nicht der des Steines ist, sondern beide voneinander verschieden, die Menschheit, aus der der Mensch stammt wie das Weiße vom Weißsein, dennoch kein anderes Sein besitzt als in der Vernunft, und zwar deren Natur gemäß auf vernünftige Weise; im Ding aber real. Nicht daß die Menschheit Platons eine andere und von andern getrennte wäre; sie ist dieselbe entsprechend den [p.379] verschiedenen Modi des Seins und besteht der Natur nach in der einsichtigen Vernunft früher als im Stoff. Dieses «früher» ist aber kein früher der Zeit nach, sondern geht so wie der Wesenssinn dem Ding der Natur nach voran.Acute satis atque rationabiliter locuti sunt Platonici, forte irratio [24] nabiliter per Aristotelem reprehensi, qui potius in cortice verborum quam medullari intelligentia eos redarguere nisus est. Sed quid sit verius, per doctam ignorantiam eliciemus. Nam ostensum est non perveniri ad maximum simpliciter, et ita non posse esse aut absolutam potentiam aut absolutam formam sive actum, qui non sit Deus; [25] et quod non sit ens praeter Deum non contractum, et quod non est nisi una forma formarum et veritas veritatum, et non est alia veritas maxima circuli quam quadranguli. Unde formae rerum non sunt distinctae, nisi ut sunt contracte; ut sunt absolute, sunt una indistincta, quae est Verbum in divinis. Anima igitur mundi non habet esse [26] nisi cum possibilitate, per quam contrahitur, et non est ut mens separata a rebus aut separabilis. Nam si de mente consideremus, prout separata est a possibilitate, ipsa est mens divina, quae solum penitus actu est. Non est igitur possibile plura distincta exemplaria esse.
Quodlibet enim ad sua exemplata esset maximum atque verissimum; [27] sed hoc non est possibile, ut plura maxima et verissima sint. Unum enim infinitum exemplar tantum est sufficiens et necessarium, in quo omnia sunt ut ordinata in ordine, omnes quantumcumque distinctas rerum rationes adaequatissime complicans; ita quod ipsa infinita ratio est verissima ratio circuli, et non maior nec minor nec diversa aut [28] alia; et ipsamet est ratio quadranguli, non maior nec minor nec diversa; et ita de reliquis, ut ex exemplo lineae infinitae comprehendi potest.
Die Platoniker haben scharfsinnig und verständig genug gesprochen und der Tadel des Aristoteles, der sie eher nach der Schale ihrer Worte als nach dem Kern ihrer Einsicht zu widerlegen versuchte, war ziemlich unvernünftig. Durch die wissende Unwissenheit wollen wir ans Tageslicht bringen, was der Wahrheit besser entspricht. Es wurde gezeigt, daß man zum schlechthin Größten nicht gelangen kann. Deshalb kann es weder ein Sein noch eine absolute Möglichkeit noch eine absolute Gestalt oder Wirklichkeit geben, die nicht Gott wäre und deshalb gibt es auch außerhalb Gottes nur verschränktes Sein, es gibt nur eine Gestalt der Gestalten und Wahrheit der Wahrheiten, und die Wahrheit des größten Kreises ist keine andere als die des Vierecks. Daher sind die Gestalten der Dinge nur verschieden, wenn sie verschränkt sind, wenn sie absolut sind dagegen die eine ungeschiedene Gestalt, die im Göttlichen das Wort heißt.
Die Weltseele besitzt Sein also nur zusammen mit der Möglichkeit, durch die sie verschränkt wird und ist nicht wie der Geist von den Dingen getrennt oder trennbar. Denn wenn wir über den Geist nachdenken, wie er von der Möglichkeit getrennt ist, so ist es der göttliche Geist selbst, der allein ganz Wirklichkeit ist. Demnach ist es nicht möglich, daß es mehrere, unterschiedene Urbilder gibt. Jedes wäre nämlich für sein Abbild das größte und wahrste und das ist unmöglich, weil es dann mehrere Größte und Wahrste gäbe. Ein geistiges, unendliches Urbild ist genügend und notwendig, in dem alles als in Ordnung geordnet ist. Alle wie auch immer unterschiedenen Wesensgründe der Dinge schließt es in genauer und angemessener Weise ein, so daß der unendliche Wesensgrund selbst der wahrste Wesenssinn des Kreises ist, weder größer noch kleiner noch verschieden noch anders. Er ist auch der Wesenssinn des Quadrates, nicht größer, nicht kleiner, nicht verschieden und nicht anders. Dasselbe gilt, wie man am Beispiel der unendlichen Linie verstehen kann, für alle Dinge.0 Oportet igitur acute intelligere ista, quoniam anima mundi est [29] Oportet igitur acute intelligere ista, quoniam anima mundi est consideranda ut quaedam forma universalis in se complicans omnes formas, non tamen existens actu nisi contracte in rebus, quae in qualibet re est forma contracta rei, uti de universo superius dictum est.
Est igitur Deus causa efficiens et formalis atque finalis omnium, qui [30] efficit in Verbo uno omnia quantumcumque diversa inter se; et nulla potest esse creatura, quae non sit ex contractione diminuta, ab isto opere divino per infinitum cadens. Solus Deus est absolutus, omnia alia contracta.
Nec cadit eo modo medium inter absolutum et contractum, ut illi [31] imaginati sunt, qui animam mundi mentem putarunt post Deum et ante contractionem mundi. Solus enim Deus anima et mens mundi est eo modo, quo anima quasi quid absolutum, in quo omnes rerum [32] formae actu sunt, consideratur. Philosophi quidem de Verbo divino et maximo absoluto sufficienter instructi non erant; ideo mentem et animam ac necessitatem in quadam explicatione necessitatis absolutae sine contractione considerarunt.
[33] Non sunt igitur formae actu nisi in Verbo ipsum Verbum et in rebus contracte. Formae autem, quae sunt in natura intellectuali creata, licet secundum intellectualem naturam sint magis absolute, tamen sine contractione non sunt, ut sint: intellectus, cuius operatio est intelligere per similitudinem abstractivam, ut ait Aristoteles. De quo [34] quaedam in libro De coniecturis. Et ista de anima mundi dicta sufficiant.
Man muß also genau verstehen, daß die Weltseele gewissermaßenals allgemeine, alle Gestalten in sich einschließende Gestalt zu betrachten ist, die jedoch nur in den Dingen verschränkt wirklich ist. Sie ist in jedem Ding seine verschränkte Gestalt, so wie es oben vom Gesamt gesagt wurde.
Gott ist also der Wirk-, Gestalt- und auch Ziel-Grund von allem. In einem Wort bewirkt er alles, wie verschieden es auch immer untereinander sein mag. Und es kann kein [p.383] Geschöpf geben, das nicht auf Grund seiner Verschränkung geringer wäre und von diesem göttlichen Werk unendlich abfiele. Gott allein ist absolut, alles andere ist verschränkt.
Es gibt auch nichts Mittleres zwischen dem Absoluten und dem Verschränkten in der Weise, wie jene es sich vorstellten, die annahmen, die Weltseele sei ein Geist, der nach Gott und vor der Verschränkung der Welt stünde. Gott allein ist Seele und Geist der Welt in der Weise, daß die Seele als etwas Absolutes betrachtet wird, in dem die Gestalten aller Dinge wirklich sind. Manche Philosophen waren über das göttliche Wort und über das absolute Größte nicht genügend unterrichtet. Daher dachten sie Geist und Seele und Notwendigkeit in einer Art Entfaltung der absoluten Notwendigkeit ohne Verschränkung.
Gestalten sind also nur im Wort als Wort und in den Dingen in Verschränkung wirklich. Gestalten aber, die in geistiger Natur geschaffen sind, sind, obwohl sie der geistigen Natur gemäß eher absolut sind, dennoch nicht unverschränkt, denn sie sind Gestalten des Intellekts, dessen Tätigkeit, wie Aristoteles sagt, vermittels abstraktiver Ähnlichkeit verstehen bedeutet. Darüber einiges in «De coniecturis». Das über die Weltseele Gesagte möge genügen.Einzelnachweise
- ↑ [p.90]
- ↑ 90.10
- ↑ fol.19r
- ↑ 90.15
- ↑ [p.91]
- ↑ 91.5
- ↑ 91.10
- ↑ 91.15
- ↑ 91.20
- ↑ [p.92]
- ↑ 92.5
- ↑ 92.10
- ↑ 92.15
- ↑ 92.20
- ↑ [p.93]
- ↑ 93.5
- ↑ 93.10
- ↑ fol.19v
- ↑ cf. Ioannes Scotus Eriugena De div. nat. III 25; III 27 (PL 122 col. 692 a sq.; 696 d).
- ↑ 93.15
- ↑ 93.20
- ↑ [p.94]
- ↑ 94.5
- ↑ 94.10
- ↑ 94.15
- ↑ 94.20
- ↑ 94.25
- ↑ 94.30
- ↑ 95.20
- ↑ 95.25
- ↑ 95.30
- ↑ [p.96]
- ↑ 96.5
- ↑ 96.10