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Werk:Die Sphäre des Begriffs und die Logik der Sphäre

aus AufEinWort, der freien Forschung

Vortrag beim 30. Internationalen Hegel Kongress, Wien 23.-26. April 2014

erschienen in: Andreas Arndt, Brady Bowman, Myriam Gerhard, Jure Zovko (Hg.): Hegel-Jahrbuch, Band 2016, Heft 1, Berlin/Boston 2017, Seiten 447-452,

Walter Tydecks

Einleitung

Ich freue mich sehr, in Wien über Logik sprechen zu können. Von Deutschland aus gesehen ist Wien die Grenze zur Weite und Wildheit des Ostens, und die Stadt der Musik. Für mich ist es die Stadt Schuberts und das »Ungargassenland«, von dem Ingeborg Bachmann in ihrem Roman Malina sprach.

Mit diesem Beitrag soll gezeigt werden, wie sich von Kant zu Hegel ein Perspektivwechsel der Logik anbahnt, die nicht mehr von den einzelnen Begriffen und ihren Verknüpfungen ausgeht, sondern von den Eigenschaften der Sphäre, in der die Begriffe ihren Ort haben. Es könnte eine Ablösung endlicher, diskreter Kalküle durch ein Feld des Logischen erfolgen, das formal als Verallgemeinerung differenzierbarer Mannigfaltigkeiten von der mathematischen Physik auf die Sphäre der Begriffe dargestellt werden kann. Dort sind Wirkungsprinzipien aufzustellen, die die von Kant eingeführten Maximen fortführen. Sphäre des Begriffs, das ist in Wien ohne Frage auch mit Wittgenstein und dem Wiener Kreis verbunden, sowie der abstrakten Physik etwa eines Boltzmann.

Der Ausdruck »Sphäre des Begriffs« geht auf Kant zurück. Nach Widerlegung aller Trugschlüsse der reinen Vernunft will Kant ihre Aufgabe neu definieren. Die Vernunft verrennt sich, wenn sie »über das Feld möglicher Erfahrungen hinausführen will« und bekommt als einzige Aufgabe, »dem Verstande sein Feld (zu bereiten)« (KrV, B 670, B 685). Dies Feld wird mehr oder weniger synonym als »Sphäre des Begriffs« oder als »Horizont« bezeichnet. »Man kann einen jeden Begriff als einen Punkt ansehen, der, als der Standpunkt eines Zuschauers, seinen Horizont hat, d.i. eine Menge von Dingen, die aus demselben können vorgestellet und gleichsam überschauet werden« (KrV, B 686).

In diesem Beitrag sollen drei Eigenschaften der Sphäre des Begriffs entwickelt werden, die auseinander hervorgehen:

(1) Die Sphäre ist gekrümmt. Diese Einsicht geht auf Kant zurück und wird von Hegel in der Reflexionslogik vertieft.

(2) Die Sphäre ist von flüssiger Natur. Sie hat eine eigene Materialität, die von Hegel als Medium bezeichnet und mit dem Wasser verglichen wird.

(3) Das Medium ist verborgen in seiner Transparenz und Krümmung, deren singuläre Punkte sich dem Sichtbaren entziehen. Es erscheint jedoch in Eigenschwingungen, deren Klänge, Aufleuchten und Resonanz zu spüren sind. Wo ließe sich besser über die Musik und die Musikalität der Sphäre des Begriffs sprechen als in Wien?

Am Begriff des Mediums wird sich zeigen, wie sich bei Kant und Hegel zwei Wege trennen: Entweder wird mit Kant davon ausgegangen, dass sich die Sphäre des Begriffs aus Worten der Philosophie zusammensetzt, die anders als die Zeichen der Mathematik »niemals zwischen sicheren Grenzen« stehen (KrV, B 756) und sich um einen für den Menschen unsichtbaren focus imaginarius krümmen (KrV, B 672). – Oder es wird umgekehrt mit Hegel angenommen, dass der Mensch im Denken und damit in der Bewegung seiner Begriffe sein Medium selbst schaffen und den Begriffen volle Objektivität verleihen kann. Das Medium ist für Hegel in seinem Verständnis der »Sphäre des Begriffs«[1] der entscheidende Durchgangspunkt, um mit dem absoluten Wissen ein Wort zu erreichen, das »sich vollkommen durchsichtig ist und bleibt« (HW 6.550).

Die Sphäre des Begriffs entsteht aus disjunktiven und hypothetischen Urteilen

(a) Kant führt die Sphäre des Begriffs mit dem disjunktiven Urteil ein. Aus disjunktiven Urteilen wie z.B. ›die Rose ist rot oder gelb oder blau ...‹ entsteht der Möglichkeitsraum, welche Merkmale einer Sache zugeschrieben werden können[2]. Der Möglichkeitsraum ist das Äußere, die Gesamtheit der Zustände, die Oberfläche des Begriffs[3]. Dem entspricht der Lösungsraum in der Mathematik und der Zustandsraum in der Quantenmechanik[4]. Kant sieht den Trugschluss des disjunktiven Urteils darin, dass angenommen wird, dass sich innerhalb der Gesamtheit der Merkmale auch die Realität (die Existenz) befindet. Er lehnt den ontologischen Gottesbeweis ab und schließt die Realität aus der Sphäre eines Begriffs aus[5]. Das Sein ist für ihn kein Prädikat innerhalb der Sphäre des Begriffs, sondern die Position des Begriffs und seiner Sphäre[6]. Damit eröffnet er die Möglichkeit, auch Begriffe einzuführen, die keine Realität haben, sondern nur Setzungen innerhalb des Denkens sind. Zum Beispiel schließen sich in der Physik Welle und Teilchen gegenseitig aus, aber jeder dieser Begriffe hat seine eigene Sphäre und die Physik kann sich frei entscheiden, ob und wie sie mit solchen Begriffen arbeiten will.

(b) Aus hypothetischen Urteilen nach dem Muster ›wenn p dann q‹ entstehen Schlussketten, was aus einem gegebenen Begriff gefolgert werden kann. Damit entstehen im semantischen Netz aller Begriffe Verwandtschaften: Zwei Begriffe sind miteinander verwandt, wenn der eine aus dem anderen oder beide wechselweise auseinander gefolgert werden können[7]. In diesem Sinn kann als Sphäre des Begriffs die Gesamtheit aller mit diesem Begriff verwandten Begriffe verstanden werden. Ähnlich den Übergangswahrscheinlichkeiten in der Physik können Verwandtschaften gewichtet werden: Manche Begriffe lassen sich einfacher und logisch strenger auseinander folgern, bei anderen ist das nur in bestimmten Situationen möglich. Die Verwandtschaften der Begriffe lassen sich im Sinne von Hegel als Wahlverwandtschaften verstehen[8].

Die Sphäre des Begriffs ist gekrümmt

Lokal ist die Sphäre eben. Der Verstand glaubt, von seinem Punkt aus alles wie in einer Ebene sehen zu können. Er möchte idealerweise einen einzigen Begriff finden, von dem aus alles erschlossen werden kann. Diese Vision wurde für Kant durch zwei Ereignisse erschüttert: Mit der kopernikanischen Wende zeigte sich die Relativität des Standorts, als das geozentrische Weltbild zugunsten des heliozentrischen Weltbildes verlassen werden musste. Möglicherweise noch wichtiger war die Einführung des Begriffs der negativen Größen in die Weltweisheit. Mit ihnen wurde klar, dass es Entgegensetzungen von Begriffen geben kann, wobei der eine Begriff die negative Größe des anderen ist. Beide sind einander gleichwertig und können nicht aufeinander zurückgeführt werden. Es genügt, an die von Kant genannten Beispiele zu erinnern wie Osten und Westen, Anziehung und Abstoßung, hin und zurück, Soll und Haben.

Liegen einander entgegengesetzte Begriffe vor, dann kommt es in ihrer gemeinsamen Sphäre zu Indifferenz- und Gleichgewichtspunkten[9], an denen sie sich gegenseitig neutralisieren. An diesen Stellen entsteht eine Unbestimmtheit, die lokal nicht aufzulösen ist. Sie müssen als Extremwerte (Krümmung, Feldstärke) eines umgebenden Feldes bestimmt werden. Kant konnte auf Beispiele aus der neuzeitlichen Mathematik und Physik zurückgreifen und sie auf die Betrachtung der Sphäre des Begriffs übertragen.

Ohne weitere Erläuterung schreibt er, dass die Sphäre des Begriffs »nicht etwa eine unbestimmbar-weit ausgebreitete Ebene« ist, sondern die Eigenschaft einer »Krümmung« hat (KrV B 790).

In der Literatur habe ich nur bei Georg Picht einen Deutungsansatz gefunden. Er sieht die zugrundeliegende Bewegung in der Zeit und – um es bewusst paradox zu formulieren – den Horizont der Sphäre des Begriffs seinerseits im Horizont der Zeit. Das möchte ich aufgreifen und fortführen. Alle Urteile sind zeitliche Prozesse. Während des Urteilens vergeht Zeit. Die Urteile übernehmen nicht nur die Eigenschaften der Zeit (Beharrlichkeit, Kausalität, Wechselwirkung), sondern für die Gesamtheit der Urteile gelten auch die Eigenschaften des Bewegungsverlaufes der Zeit. Weil die in Zyklen verlaufende Zeit gekrümmt ist, ist auch die innerhalb des Horizonts der Zeit liegende Sphäre des Begriffs gekrümmt. Sie übernimmt deren zyklische Wiederholungsschleifen. Das ist die Ursache, weswegen in der Sphäre des Begriffs wiederkehrende Regeln und Algorithmen gefunden werden können, mit denen unendliche Progressionen von Schlussketten und Aufzählungen von Möglichkeiten vermieden werden. Das bedeutet, dass die Eigenschaften der Urteile und Schlüsse, ihre Notwendigkeit und Wiederholbarkeit, nicht innerhalb der Sphäre des Begriffs begründet sind, sondern in einem außer ihnen liegenden Punkt, den Kant focus imaginarius nennt. Mit der Krümmung wird gegenüber der eindimensionalen inneren Richtung innerhalb der Urteile und Schlüsse eine höhere Potenz erreicht, deren Grund dem Verstand verschlossen bleibt, ohne die er sich aber ins Uferlose verlieren würde[10][11].

Hegel greift diesen Gedanken auf. Er zeigt, wie die Lehre vom Sein in Indifferenzen zwischen dem Substrat und seinen Zuständen mündet, worauf die Reflexionslogik eine Antwort gibt. Dort werden bei Hegel nicht nur die Entgegensetzungen bestimmter positiver und negativer Größen betrachtet, sondern die Entgegensetzung des an sich Positiven und an sich Negativen. Wird der Gegensatz in dieser Weise auf die Spitze getrieben, dann kommt es zum »rastlose(n) Verschwinden der Entgegengesetzten« in der »Null«, in der eine neue Bewegung in den Grund erfolgt, die Hegel als »Untergang« bezeichnet[12]. An dieser Stelle soll die Bemerkung genügen, dass Hegel damit eine neue Bewegungsrichtung konstituiert sieht, die senkrecht zur Achse der aufeinander verweisenden Entgegensetzung des Positiven und Negativen steht. Während Kant und Picht die Krümmung der Sphäre des Begriffs aus der diese Sphäre umfassenden, gekrümmten Zeit erklären, sieht Hegel die einander Entgegengesetzten auf einer Oberfläche liegen, die ihr Zentrum in ihrem gemeinsamen Grund hat. (Siehe dazu ausführlicher den Beitrag zu Hegels Begriff des höheren Widerspruchs.)

Das Flüssigsein (Fluidität) des Mediums

Wenn die Sphäre des Begriffs gekrümmt ist, muss sie von einem Stoff erfüllt sein, der sich krümmen kann. Wird eine Krümmung rein geometrisch beschrieben, dann ist dies Bild dennoch eben und nicht gekrümmt. Das geometrische Bild kann auf einer ebenen Buchseite, Wandtafel oder an einem Bildschirm dargestellt werden. Es  zeigt  nur eine Krümmung. Die Krümmung entsteht erst, wenn es einen materiellen Zusammenhalt[13] gibt, der sich krümmt. Die Fähigkeit, sich krümmen zu können, kann als Flüssigsein (Fluidität) bezeichnet werden. Schelling sprach vom Band. Das Band mit seiner flatternden Beweglichkeit ist ein anderes Bild für die Eigenschaft, dass sich etwas krümmen kann.

Der sich krümmende Stoff wird als Medium bezeichnet. Sowohl Kant wie Hegel hatten den faszinierenden Gedanken, dies Medium aus einer Betrachtung der Figuren der formalen Logik abzuheben. Der gesuchte Stoff ist das Medium, in dem Begriffe durch Urteile und Schlüsse miteinander verknüpft und auseinander entwickelt werden. Im elementarsten Fall war mit dem Medium nur ein vermittelnder dritter Begriff gemeint, der terminus medius, mithilfe dessen von einem Begriff auf einen anderen geschlossen werden kann[14][15]. Schon Kant ging darüber hinaus, als er nicht nur für jeden einzelnen Schluss nach dem vermittelnden Begriff fragte, sondern übergreifend in der Zeit das »Medium aller synthetischen Urteile« sah[16]. Darauf bezieht sich Picht in seiner Deutung.

Hegel kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. Bereits in der Phänomenologie des Geistes bezeichnet er metaphorisch das Erkennen als das Medium, in dem das Licht der Wahrheit aufscheinen kann[17][18]. In der Begriffslogik entwickelt er nahezu mathematisch einen Grenzübergang, der von den einzelnen Verknüpfungen der Urteile und Schlüsse zum Medium führt, in dem sich die Unendlichkeit aller Verknüpfungen darstellen lässt[19]. Dies Medium ist für ihn die Sprache, die er ausdrücklich mit dem Wasser vergleicht, d.h. dem Medium, in dem die chemischen Reaktionen erfolgen.[20][21][22].

Mit der Flüssigkeit des Wassers ist das maßgebliche Bild gefunden, um die Materialität der Sphäre des Begriffs zu erkennen. Das Medium stellt einen übergreifenden Zusammenhalt her, ohne den alle Versuche, Begriffe miteinander zu verknüpfen, im Leeren hängen bleiben würden und haltlos blieben.[23] [24].

Die Verborgenheit und der Klang des Mediums

Das Medium der Sphäre des Begriffs und seine Bewegungen sind kaum zu erkennen, da sie sich auf charakteristische Weise verbergen. Das ideale Medium ist transparent, d.h. durchsichtig und nicht für sich erkennbar, und es ist auf eine Weise gekrümmt, deren Fluchtpunkte sich dem Blick entziehen.

(a) Transparenz. Die Sphäre des Begriffs soll erstens in dem Sinn transparent sein, dass vom Standort des Begriffs aus alles klar und deutlich zu sehen ist, was mit ihm verwandt ist. Und sie soll zweitens in dem Sinn transparent sein, dass die zusammenhaltende Wirkung, d.h. die Materialität des Mediums sich selbst gewissermaßen unsichtbar macht, so wie idealerweise eine völlig lichtdurchlässige Glas-, Wasser- oder Luftschicht nicht ihrerseits zu sehen ist, sondern alles unverfälscht durchscheinen lässt. Es war daher eine der ersten und größten Leistungen der Philosophie, sich dieses verborgenen Zusammenhangs bewusst zu werden und die Erkenntnisse des Denkens entsprechend zu relativieren. Das Medium bewegt sich in einem Wechselspiel von Hell und Dunkel[25].

(b) Die Erkenntnis der Transparenz muss immer wieder neu gegen wissenschaftliche Erfolge verteidigt werden, die glauben, den Sachen endgültig nahe gekommen zu sein. Doch die wissenschaftlichen Erfolge stoßen ihrerseits grundsätzlich in innere Paradoxien. Beim Aufbau umfassender Weltbilder lässt sich nie die Existenz von Singularitäten ausschließen. Das sind Punkte, in deren Umgebung das Medium so stark gekrümmt ist, dass sie nach außen unsichtbar werden. Das Tückische ist, dass das vom jeweils lokalen Standort der Begriffe nicht erkennbar ist, denn lokal erscheint alles flach und eben. Erst aus einer Gesamtübersicht ist zu schließen, dass prinzipiell die Existenz von Löchern nicht ausgeschlossen werden kann. Siehe dazu die Diskussion des Locharguments, die seit Einstein und Hilbert geführt wird und keine Lösung gefunden hat[26]. In der Konsequenz bedeutet das, dass die Ausbreitungsgeschwindigkeit von Informationen im Medium endlich sein muss, denn andernfalls würden die Singularitäten zu einer völligen Auflösung des Mediums führen. Ihre Wirkung kann nur dadurch eingegrenzt werden, dass sie sich in Zonen befinden, die von anderen Gebieten aus unerreichbar sind oder in ihren Wirkungen vernachlässigbar bleiben. Das bedeutet, dass das Medium an diesen Stellen undurchdringlich und die volle Transparenz nicht einzuhalten ist.

(c) Resonanz. Letztlich können die Transparenz und Singularitäten nur indirekt erschlossen werden aus übergreifenden Resonanzen, die in der Sphäre des Begriffs auftreten. Dies ist keineswegs nur ein kosmologisches Phänomen, wenn etwa die Existenz eines Schwarzen Loches aus den Bewegungen der Himmelskörper in seiner Umgebung erkannt wird, sondern wurde von Hegel für die Logik entdeckt. Er wollte mit dem spekulativen Satz die starren Sätze aufbrechen und zum Schwingen bringen. Sie sollen nicht einzeln widerlegt oder in ihrer Beschränktheit kritisiert werden, sondern sie werden auf eine Art und Weise gegeneinander gestellt, dass sie in Bewegung geraten und einen Ton erzeugen. Sie beginnen zu schwingen. »Der Rhythmus resultiert aus der schwebenden Mitte und Vereinigung beider.«[27][28][29]. Jeder Begriff enthält einen Grundton, in dem das mit ihm Ein- und Ausgegrenzte zu hören, aber nicht mehr zu begreifen ist. An dieser Stelle geht für mich Philosophie in Poesie über.

Durch Rhythmus und Metrum kommen die verschiedenen Sätze in Wechselwirkung miteinander. Kein Begriff kann mit seinem Standort beanspruchen, von sich aus alles übersehen zu können.

Positiv verstanden lässt sich die Resonanz des Mediums deuten als Kommunikation, ohne die die Sphäre des Begriffs weder zu konstruieren noch zu erhalten ist. Die Resonanz ist die Eigenschaft, die der Kommunikation zugrunde liegt und ihr Gelingen ermöglicht. Jedes gute Gespräch entwickelt eine Eigendynamik, die über das hinausgeht, was jeder zuvor für sich allein hätte denken können. Wer glaubt, sich ihr entziehen oder über sie stellen zu können, wurde von Kant mit fast groben Worten als »Cyclop« und »einäugiger Egoist der Wissenschaft« abgekanzelt[30][31]. Jeder Begriff und seine Sphäre müssen kommunizierbar und dem freien Gespräch zugänglich sein. Josef Simon sprach daher von der »kommunikativen Deutlichkeit« der Sprache der Philosophie, die an die Stelle einer letztgültigen, starren Deutlichkeit der Ideen tritt[32].

Schlusswort

Wer das missachtet, sei an die Warnung von Sokrates erinnert, beim direkten Blick in die Sonne geblendet zu werden[33]. In dieser Gefahr sehe ich die Philosophie von Hegel. Sein Denken droht sich absolut zu setzen. Die Philosophie bedarf eines Anderen, von dem sie ihre Kraft erhalten kann.

Daher möchte ich schließen mit einem Auszug aus Die wunderliche Musik von Ingeborg Bachmann:

»Was ist dieser Klang, der dir Heimweh macht?

Wie kommt's, daß du in deinen Todesstunden wieder nach der Nachtigall rufst? [...] Und die Nachtigall sagt: 'Tränen haben deine Augen vergossen, als ich das erstemal sang!' So dankt sie dir noch, der du zu danken hast, denn sie vergißt es dir nie. [...]

Was ist dieser Akkord, mit dem die wunderliche Musik ernst macht und dich in die tragische Welt führt, und was ist seine Auflösung, mit der sie dich zurückholt in die Welt heiterer Genüsse? Was ist diese Kadenz, die ins Freie führt? [...]

Was hörst du noch, weil du mich nicht hören kannst, wenn die Musik zu Ende ist?

Was ist es?!

Gib Antwort!

»Still!«

Das vergesse ich dir nie.« 


Siglen

FM: Immanuel Kant: Welches sind die wirklichen Fortschritte, die die Metaphysik seit Leibnizens und Wolff's Zeiten in Deutschland gemacht hat?

in: Immanuel Kant: Akademie-Ausgabe Bd. XX, Berlin 1942, S. 253-332; Link

HW: Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Werke in 20 Bänden. Auf der Grundlage der Werke von 1832-1845 neu ediert. Red. E. Moldenhauer und K. M. Michel. Frankfurt/M. 1969-1971; Link

JLMN: Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Jenenser Logik, Metaphysik und Naturphilosophie, Leipzig 1923

KrV: Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft (1781, 1787)

NG: Immanuel Kant: Versuch den Begriff der negativen Größen in die Weltweisheit einzuführen

in: Immanuel Kant: Akademie-Ausgabe Bd. II, Berlin 1905, S. 165-204; Link

Literaturhinweise

Ingeborg Bachmann: Die wunderliche Musik

in: Werke Band IV, München 1978, S. 57-58

Rudolf Carnap: Der logische Aufbau der Welt, Hamburg 1998 [1928]

Rudolf Carnap: Überwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache

in: Erkenntnis 2, 1931, S. 219-241

Annette Garbe: Die partiell konventional, partiell empirisch bestimmte Realität physikalischer RaumZeiten, Würzburg 2001

Ute Guzzoni: Wasser – Das Meer und die Brunnen, die Flüsse und der Regen, Berlin, München 2005

Johann Ludwig Heiberg: Mathematisches zu Aristoteles

in: Abhandlungen zur Geschichte der mathematischen Wissenschften XVIII 1904, S. 1-49

Ernst Hoffmann: Methexis und Metaxy bei Platon

in: ders.: Drei Schriften zur griechischen Philosophie, Heidelberg 1964

Karl-Norbert Ihmig: Hegels Deutung der Gravitation, Frankfurt 1989

Immanuel Kant: Logik

in: Kants Werke Bd. IX, Berlin 1968

Nikolaus von Kues (Nicolaus Cusanus): Über den Beryll, Leipzig 1938

Chong-Fuk Lau: Hegels Urteilskritik, München 2004 (Fink); Link

Tim Maudlin: Philosophy of Physics, Space and Time, Princeton 2012

John Norton: "The Hole Argument" (2008)

In: Edward N. Zalta, ed., Stanford Encyclopedia of Philosophy. Link

Georg Picht: Aristoteles' "De Anima", Stuttgart 1992 [Zweisemestrige Vorlesung 1971/72]

Georg Picht: Von der Zeit, Stuttgart 1999

Josef Simon: Das Problem der Sprache bei Hegel, Stuttgart u.a. 1966

Josef Simon: Sprache und Raum, Berlin 1969

Josef Simon: Kant, Die fremde Vernunft und die Sprache der Philosophie, Berlin 2003

Ludwig Wittgenstein: Werke Band 1, Frankfurt 1984

darin: Tractatus logico-philosophicus und Philosophische Untersuchungen

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