Werk:Phaidon (Platon)/78b-81a
◀▷[1] Woher, Sokrates, sprach er, sollen wir für derartiges einen guten Beschwörer nehmen, da du uns doch verläßt?
Groß ist Griechenland, Kebes, sagte er, und in ihm gibt es tüchtige Menschen, groß sind aber auch die Geschlechter der Barbaren, die ihr alle durchforschen müßt, um einen solchen Beschwörer zu suchen, und weder Geld noch Mühe müßt ihr scheuen, weil es nichts gibt, wofür ihr das Geld besser verwenden könntet. Suchen aber müßt ihr auch unter euch. Denn wahrscheinlich könntet ihr nicht leicht jemanden finden, der das besser als ihr zu tun vermöchte.
Nun, das soll geschehen, sagte Kebes. Von wo wir aber abgeschweift sind, [2] darauf laß uns zurückkommen, wenn es dir recht ist.
Aber gewiß ist es mir recht – wie sollte es denn nicht?
Schön gesagt, sprach er.
[3] Müssen wir uns nun nicht, sagte Sokrates, etwa folgendes fragen: Wie ist das beschaffen, dem es zukommt, dies zu erleiden, das Zerstreut-Werden nämlich, und für welches ist zu fürchten, daß es das erleidet, und für welches nicht? Und danach müssen wir wiederum darauf sehen, zu welchem von beidem die Seele gehört, und demgemäis entweder zuversichtlich sein oder uns fürchten für unsere Seelen.
Du hast recht, sagte er.
[4] Kommt es nicht dem, was zusammengesetzt wurde und auch dem von Natur aus Zusammengesetzten zu, dies zu erleiden, nämlich geteilt zu werden auf dieselbe Art, wie es zusammengesetzt wurde? Wenn es aber etwas Unzusammengesetztes gibt, dem allein kommt es zu, wenn überhaupt irgendeinem, dies nicht zu erleiden?
Es scheint mir, sagte Kebes, sich so zu verhalten.
Und was sich immer gleich und auf dieselbe Weise verhält, von dem ist es am wahrscheinlichsten, daß es das Unzusammengesetzte ist, was hingegen einmal so, einmal anders und niemals gleich, das das Zusammengesetzte?
Mir zumindest scheint es so.
Laßt uns also zu dem kommen, von dem vorher die Rede war.
[5] Das Wesen selbst, dem wir den Ausdruck »Sein« beilegen, wenn wir fragen und antworten, verhält sich das immer auf dieselbe Weise und gleich oder einmal so, einmal anders? Das Gleiche selbst, das Schöne selbst, jedes selbst, was ist, das Sein, nimmt doch wohl niemals eine Veränderung an, welcher Art auch immer? Oder verhält sich nicht jedes von ihnen, das ist, als ein für sich Einförmiges immer auf dieselbe Weise und gleich und nimmt niemals, nirgends und nicht mi mindestens irgendeine Veränderung an?
Auf dieselbe Weise und gleich, sprach Kebes, verhält es sich notwendig, Sokrates.
Wie steht es aber mit dem vielen Schönen, zum Beispiel Menschen [6] oder Pferden oder Kleidern oder irgend etwas anderem dieser Art, seien sie gleich oder schön oder alles, was mit jenem gleichnamig ist? Bleiben sie sich gleich oder – ganz entgegengesetzt zu jenen – weder sich selbst noch einander jemals sozusagen auch nur im geringsten gleich?
Dies ist wiederum so, sagte Kebes, niemals bleiben sie sich gleich. ▷
—Übrstzng F.S.◀▷[7] Und diese Dinge kannst du wohl berühren und sehen und mit den anderen Sinnen wahrnehmen, die sich immer gleich verhalten hingegen kannst du wohl niemals auf andere Weise erreichen als durch das Denken des Geistes,[8] sondern unsichtbar sind diese und werden nicht gesehen?
Du hast vollkommen recht, sagte er.
[9] Setzen wir also, wenn du willst, zwei Arten des Seienden, die eine sichtbar, die andere unsichtbar.
Das setzen wir, sagte er.
Und die unsichtbare als sich immer gleich verhaltend, die sichtbare dagegen als niemals gleich?
Auch das, sagte er, setzen wir.
Also weiter, sprach er. [10] Gibt es an uns selbst etwas anderes als einerseits Körper, andererseits Seele?
Nichts anderes, sagte er.
Welcher von beiden Arten, wollen wir sagen, sei der Körper ähnlicher und verwandter?
Jedem, sagte er, ist das wohl klar, der sichtbaren.
Was aber ist die Seele? Etwas Sichtbares oder Unsichtbares?
Nicht für Menschen jedenfalls, Sokrates, sagte er.
Aber wir sprachen doch über das Sichtbare und das Nicht-Sichtbare für die Natur der Menschen – oder meinst du für irgendeine andere?
Für die der Menschen.
Was sagen wir also über die Seele? Daß sie sichtbar ist oder unsichtbar?
Nicht sichtbar.
Unsichtbar also?
Ja.
Ähnlicher also als der Körper ist die Seele dem Unsichtbaren, er aber dem Sichtbaren.
[11] Ganz notwendig, Sokrates.
[12] Haben wir nicht auch das schon lange gesagt, daß die Seele, wenn sie den Körper zur Hilfe nimmt, um etwas zu untersuchen, entweder mittels des Sehens oder des Hörens oder mittels irgendeiner anderen Wahrnehmungsart – denn das heißt »mittels des Körpers«: etwas mittels der Sinne zu untersuchen[13] –, daß sie dann vom Körper zu dem gezogen wird, was sich niemals gleich verhält, und dann selbst irregeht und verwirrt wird und taumelt wie berauscht, weil sie derartiges berührt?
Allerdings.
[14] Wenn sie aber ganz für sich etwas untersucht, dann geht sie zu dem Reinen und immer Seienden, Unsterblichen und sich immer gleich Verhaltenden, und als ihm verwandt bleibt sie immer bei ihm, so oft sie ganz für sich ist und es ihr möglich ist; und dann hat ihr Umherirren ein Ende und sie bleibt in bezug auf jenes sich selbst immer gleich, weil sie derartiges berührt. Und diesen Zustand von ihr nennt man Vernunft?[15]
Vollkommen schön und wahr, sprach er, ist, was du sagst, Sokrates.
Welcher von beiden Arten scheint dir nun wiederum nach dem, was vorhin und jetzt gesagt wurde, die Seele ähnlicher zu sein und verwandter?
Jeder, scheint mir, Sokrates, wird nach diesem Gang der Untersuchung zugeben müssen, selbst der Ungelehrigste, daß in allem und jedem die Seele dem sich immer gleich Verhaltenden ähnlicher ist als dem, was nicht.
Wie aber der Körper?
Dem anderen.▷
—Übrstzng F.S.◀▷[16] Betrachte es nur auch von dieser Seite, daß, [17] wenn Seele und Körper zusammen sind, die Natur diesem zu dienen und beherrscht zu werden befiehlt, jener aber zu herrschen und zu gebieten. Auch danach wieder – welches von beidem scheint dir dem Göttlichen ähnlich zu sein und welches dem Sterblichen? Oder scheint dirnicht das Göttliche so beschaffen zu sein, daß es herrscht und führt, das Sterbliche dagegen, daß es beherrscht wird und dient?
Doch.
Welchem von beidem gleicht also die Seele?
Offenbar, Sokrates, die Seele dem Göttlichen, der Körper dem Sterblichen.
Prüfe also, Kebes, sprach er, ob sich uns aus allem Gesagten das ergibt: [18] daß dem Göttlichen, Unsterblichen, geistig Erfaßbaren, Einförmigen, Unauflösbaren und sich immer gleichartig und sich selbst gleich Verhaltenden die Seele am ähnlichsten ist, dem Menschlichen aber, Sterblichen, nicht geistig Erfaßbaren, Vielförmigen, Auflösbaren und sich nie gleichartig und sich selbst gleich Verhaltenden wiederum der Körper am ähnlichsten.
Wissen wir dagegen noch etwas zu sagen, mein lieber Kebes, daß es sich nicht so verhalte?
Wir wissen nichts mehr.
[19] Wie also? Wenn sich das so verhält, kommt es dann nicht dem Körper zu, schnell aufgelöst zu werden, der Seele hingegen, gänzlich unauflösbar zu sein oder doch nahezu?
[20] Wie denn nicht?
Du bemerkst doch, sprach er, daß, sobald der Mensch stirbt, dem Sichtbaren von ihm, seinem Körper, der im Sichtbaren daliegt und den wir Leichnam nennen und dem es zukommt, sich aufzulösen und zu zerfallen und verweht zu werden, nicht sofort etwas davon widerfährt, sondern daß er noch ziemlich lange Zeit verharrt, und wenn jemand mit jugendlich anmutigem Körper stirbt und in ebensolchem Alter, dann ganz besonders. Wenn der Körper nämlich zusammengefallen ist und einbalsamiert wie die Einbalsamierten in Ägypten, so bleibt er unglaublich lange nahezu ganz, [21] einige Teile des Körpers aber, Knochen und Sehnen und alles derartige, sind, auch wenn er verwest ist, dennoch sozusagen unsterblich – oder nicht?
Die Seele aber, das Unsichtbare, das zu einem anderen, ebensolchen Ort fortgeht, der edel und rein und unsichtbar ist, in die wahre Unterwelt[22] zu dem guten und vernünftigen Gott, wohin, wenn Gott will, bald auch meine Seele zu gehen hat - sie also, die so beschaffen und von solcher Natur ist, soll, vom Körper getrennt, sogleich verweht werden und zugrundegegangen sein, [E] wie die meisten Menschen behaupten? Weit entfernt davon, lieber Kebes und Simmias, sondern viel eher verhält es sich folgendermaßen: ...▷
—Übrstzng F.S.◀▷… Wenn sie sich rein trennt und nichts vom Körper mit sich zieht, weil sie ja mit ihm schon im Leben willentlich nichts gemein hatte, sondern ihn gemieden und sich in sich selbst gesammelt hat, weil sie dies ja immer geübt hat – was aber nichts anderes heißt, als daß sie auf die richtige Weise philosophierte und wahrhaft einübte, [23] leicht zu sterben; oder sollte das nicht ein Einüben des Todes sein? –
Gewiß.
Wenn sie so beschaffen ist, geht sie dann nicht fort zu dem ihr Gleichen, dem Unsichtbaren, dem Göttlichen und Unsterblichen und Vernünftigen, wo es ihr, dort angekommen, zuteil wird, glücklich zu sein, getrennt von Irrtum und Unverstand, Furcht und roher Liebe und den anderen menschlichen Übeln,[24] um, wie man bei den Eingeweihten[25] sagt, die künftige Zeit wahrhaft mit den Göttern zuzubringen? Sollen wir so sprechen, Kebes, oder anders?
So bei Zeus, sprach Kebes.
[26] Wenn sie sich aber, meine ich, [27] befleckt und unrein vom Körper trennt, weil sie mit dem Körper immer zusammen war und ihn geehrt und geliebt hat und geblendet war von ihm und seinen Begierden und Lüsten, so daß ihr nichts anderes wahr zu sein schien als das Körperliche, was man berühren kann und sehen und trinken und essen und zur Liebe gebrauchen, sie aber das, was den Augen dunkel und unsichtbar ist, geistig erfaßbar aber und mittels Philosophie zu begreifen, gewohnt war zu hassen und zu fürchten und zu meiden – glaubst du, eine [28] sich derart verhaltende Seele würde sich ganz für sich rein trennen?
In keiner Weise, sagte er.
Sondern, glaube ich, durchdrungen von dem Körperlichen, mit dem sie der Umgang und die Gemeinschaft mit dem Körper aufgrund des dauernden Zusammenseins und der vielen Bemühungen um ihn zusammenwachsen ließ.
Gewiß.
Daß das aber belastend ist, mein Freund, muß man annehmen, und drückend, erdgebunden und sichtbar; dies an sich habend, wird eine solche Seele niedergedrückt und wieder an den sichtbaren Ort gezogen, aus Furcht vor dem Unsichtbaren und der Unterwelt, und sich, wie man sagt, bei den Grabmälern und Gräbern herumtreiben, [29] bei denen auch gewisse schattenhafte Seelenerscheinungen gesehen wurden. Wie sich ja solche Seelen als Schattenbilder[30] darbieten, die nicht rein losgelöst sind, sondern noch am Sichtbaren Anteil haben, weshalb sie auch gesehen werden.
Wahrscheinlich, Sokrates.
Wahrscheinlich in der Tat, Kebes, und auch, daß dies nicht die Seelen der Guten sind, sondern die der Schlechten,[31] die an solchen Orten herumzuirren gezwungen sind, indem sie Strafe leiden für ihre frühere Lebensweise, die schlecht war. Und so lange irren sie umher, bis sie durch die Begierde nach dem ihnen Nachfolgenden, [32] dem Körperlichen, wieder eingebunden werden in einen Körper. [33] Eingebunden werden sie aber wahr- scheinlich in eine solche Lebensform, in welcher sie sich auch in ihrem Leben geübt hatten.
Welche meinst du damit, Sokrates?▷
—Übrstzng F.S.- ↑ [78.A]
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- ↑ [E]
- ↑ [79.A]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.82
- ↑ 26.
- ↑ [B]
- ↑ [C]
- ↑ 27.
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.83
- ↑ [D]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.84
- ↑ 28.
- ↑ [80.A]
- ↑ [B]
- ↑ 29.
- ↑ [C]
- ↑ [D]
- ↑ ▷ 85. Das Wortspiel ὰ𝝸𝝳έ𝞻 – Αιδές zeigt noch einmal, was Sokrates mit ›Unterwelt‹ meint: Die Unsichtbare (= Seele) geht in das Unsichtbare – die nicht-sinnliche Seele hat nur dann einen ›Orte‹, wenn sie Körperliches beseelt. – Der rationale Kern der mythischen Vorstellung vom Hades, der sich im Begriff noch erhalten hat, wird auf diese Weise wieder freigelegt.
- ↑ [81.A]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.86
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.87
- ↑ 30.
- ↑ [B]
- ↑ [C]
- ↑ [D]
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.88
- ↑ Phaidon (Platon)/Anm.89
- ↑ [E]
- ↑ 31.