Werk:Werk:Phaidon (Platon)/59
◀▷Phaid.: Ich meinerseits war ganz seltsam gestimmt, als ich dabei war. Denn es ergriff mich kein Mitleid wie jemanden, der beim Tod eines vertrauten Menschen dabei sein soll. Glücklich nämlich erschien mir der Mann, Echekrates, in seinem Verhalten und in seinen Worten, und so furchtlos und edel starb er, daß ich überzeugt war, auch in die Unterwelt gehend gehe er nicht ohne göttliche Fügung; und auch, wenn er dort angekommen sei, werde es ihm gut gehen,[1] wenn jemals irgendeinem sonst. Daher ergriff mich also weder Mitleid, wie man es für natürlich halten könnte bei einem Trauerfall, noch Freude, wie in unseren gewohnten philosophischen Gesprächen – denn unsere Reden waren auch jetzt von dieser Art – sondern in einer ganz sonderbaren Stimmung befand ich mich, einer ungewohnten Mischung, aus Freude und zugleich aus Schmerz zusammengesetzt, wenn ich daran dachte, daß er bald sterben sollte. Und alle Anwesenden waren beinahe in derselben Verfassung, manchmallachend, dann wieder weinend,[2][3] einer von uns aber ganz besonders, Apollodoros[4] – du kennst ja den Mann und seine Art.
Ech.: Wie sollte ich nicht?
Phaid.: Er also verhielt sich durchgängig so, und auch ich selbst war heftig bewegt, wie auch die anderen.
Ech.: Welche waren denn gerade da, Phaidon?
Phaid.: Eben dieser Apollodoros war von den Einheimischen da und Kritoboulos[5] und sein Vater Kriton,[6] und noch Hermogenes[7] und Epigenes,[8] Aischines[9] und Antisthenes[10]; auch Ktesippos,[11] der Paianier, Menexenos[12] und einige andere von den Einheimischen waren da. Platon aber, glaube ich, war krank.
Ech.: Waren auch noch Fremde anwesend?
Phaid.: Ja, Simmias,[13][14] der Thebaner, und Kebes[13] und Phaidondes,[15] und aus Megara Eukleides[16] und Terpsion.[17]
Ech.: Wie aber Aristippos[18] und Kleombrotos,[19] waren die da?
Phaid.: Nein, man sagte, sie seien in Aigina.
Ech.: War sonst noch jemand anwesend?
Phaid.: Das sind ungefähr die, glaube ich, die da waren.
Ech.: Wie nun weiter? Welche Reden, sagst du, wurden geführt?
3 Phaid.: Ich will versuchen, dir alles von Anfang an zu erzählen. Wir pflegten nämlich immer, auch schon die Tage vorher, zu Sokrates zu gehen, ich und die anderen,[20] indem wir uns am Morgen in dem Gerichtsgebäude versammelten, in welchem auch der Prozeß stattgefunden hatte; denn es war in der Nähe des Gefängnisses. Wir warteten nun jedesmal, bis das Gefängnis geöffnet wurde, während wir uns miteinander unterhielten, denn es wurde nicht sehr früh geöffnet. Sobald es aber offen war, gingen wir zu Sokrates hinein und brachten meist den Tag bei ihm zu. An jenem Tag hatten wir uns sogar früher versammelt; denn am Vortag, als wir abends aus dem Gefängnis gingen, hatten wir erfahren, daß das Schiff aus Delos angekommen sei. Daher hatten wir uns gegenseitig aufgetragen,[21] so früh wie möglich zur gewohnten Stelle zu kommen. Wir kamen auch und der Türhüter, der uns einzulassen pflegte, trat heraus zu uns und sagte, wir sollten warten und nicht eher hineingehen, bis er selbst uns dazu auffordere. Denn die elf Männer,[22] sagte er, machen den Sokrates gerade los und verkünden ihm, daß er heute sterben soll. Nicht viel später kam er dann und forderte uns auf, hineinzugehen. ▷
Mir meinesteils war ganz wunderbar zumute dabei. Bedauern nämlich kam mir gar nicht ein als wie einem, der bei dem Tode eines vertrauten Freundes zugegen sein soll, denn glückselig erschien mir der Mann, o Echekrates, in seinem Benehmen und seinen Reden, wie standhaft und edel er endete, so dass ich vertraute, er gehe auch zu den Moiren nicht ohne göttlichen Einfluss, sondern auch dort werde er sich wohl befinden, [59 St.1 A] wenn jemals einer sonst. Darum nun kam mich weder Wehmut an, wie man doch denken sollte bei solchem Trauerfall, noch auch waren wir fröhlich wie in unseren philosophischen Gesprächen nach gewohnter Weise, obwohl unsere Unterredungen auch von dieser Art waren, sondern in einem wunderbaren Zustande befand ich mich und in einer ungewohnten Mischung, die aus Lust zugleich und Betrübnis zusammengemischt war, wenn ich bedachte, dass er nun gleich sterben würde. Und alle Anwesenden waren fast in derselben Gemütsstimmung, bisweilen lachend, dann wieder weinend, [B] ganz besonders aber einer unter uns, Apollodoros. Du kennst ja wohl den Mann und seine Weise.
ECHEKRATES: Wie sollte ich nicht?
PHAIDON: Der war nun ganz in dieser Stimmung, aber auch ich war gleichermaßen bewegt und die übrigen.
ECHEKRATES: Welche aber waren denn gerade da, Phaidon?
PHAIDON: Eben dieser Apollodoros war von den Einheimischen zugegen, und Kritobulos mit seinem Vater Kriton, dann noch Hermogenes und Epigenes und Aischines und Antisthenes. Auch Ktesippos aus Paiania war da, und Menexenos und einige andere von den Einheimischen, Platon aber, glaube ich, war krank.
ECHEKRATES: Waren auch noch Fremde zugegen?
PHAIDON: Ja, Simmias aus Theben, [C] und Kebes und Phaidondes, und aus Megara Eukleides und Terpsion.
ECHEKRATES: Wie aber Aristippos und Kleombrotos, waren die da? PHAIDON: Nein, es hieß, sie wären in Aigina.
ECHEKRATES: War noch sonst jemand gegenwärtig?
PHAIDON: Ich glaube, dies waren sie wohl alle.
ECHEKRATES: Und wie nun weiter? Was für Reden, sagst du, wurden geführt?
PHAIDON: Ich will versuchen, dir alles von Anfang an zu erzählen. Wir pflegten nämlich auch schon die vorigen Tage immer zum Sokrates zu gehen, ich und die andern, [D] und versammelten uns des Morgens im Gerichtshause, wo auch das Urteil gefällt worden war, denn dies ist nahe bei dem Gefängnis. Da warteten wir jedesmal, bis das Gefängnis geöffnet wurde, und unterredeten uns unterdessen. Denn es wurde nicht sehr früh geöffnet, sobald es aber offen war, gingen wir hinein zum Sokrates und brachten den größten Teil des Tages bei ihm zu. Auch damals nun hatten wir uns noch früher versammelt, weil wir tags zuvor, als wir abends aus dem Gefängnis gingen, erfahren hatten, dass das Schiff aus Delos angekommen sei. Wir gaben uns also einander das Wort, [E] auf das früheste an dem gewohnten Ort zusammenzukommen. Das taten wir auch, und der Türsteher, der uns aufzumachen pflegte, kam heraus und sagte, wir sollten warten und nicht eher kommen, bis er uns riefe. „Denn“, sprach er, „die Elf lösen jetzt den Sokrates und kündigen ihm an, dass er heute sterben soll“. Nach einer kleinen Weile kam er denn und hieß uns hineingehen.