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„GULR/Einleitung/11“ – Versionsunterschied

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Version vom 31. Mai 2024, 14:47 Uhr

▷Wir wollen daher jetzt die in beiden Sprachen ähnlichen Wörter und besonders die germanischen Wurzeln mi Latein aufsuchen, wobei man bemerken wird, dass die Ähnlichkeit beider Sprachen um so mehr zunimmt, je ältere Schriftstücke man aus beiden wählt. Dabei werden wir freilich nicht übersehen dürfen, dass die Trennung des germanischen Stammes in Italien von dem in Deutschland weit über 3000 Jahre her sein muss, und dass, wenn schon die Sprache solcher Stämme, die erst seit 12 bis 14 hundert Jahren sich trennten, wie Angelsachsen und Franken, sich sehr änderte, die Abweichung dort noch grösser sein muss. Es ist ja selbst in dem eigentlichen Deutschland nicht nur die Aussprache in den verschiedenen Provinzen abweichend, sondern es finden sich in jeder eine Menge eigenthümlicher Ausdrücke, so dass, ohnerachtet durch die Buchdruckerkunst, die Sprache fester gehalten wird, die äussersten ober- und niederdeutschen Landleute sich nur mit Mühe verstehen. Wir müssen aber auch Folgendes beachten:

▷1) Dass die Vocale von geringer Bedeutung sind, die ja auch stets in den verschiedenen Dialecten verändert werden, daher dasselbe Wort in einer andern Sprache mancherlei Abwandelungen erleidet. Zeigt sich diese Abwandelung doch in Worten desselben Stammes: fliege, flog, Flug; finde, fand, finde, gefunden etc. Nur ist hier anzuführen, dass wahrscheinlich das a oft gesprochen wurde wie ae, das lange o und i wie ei omnis, omneis – Iphigenia, Mēdēa – für eia; ovielleicht wie ů im Schwed., schwankend zwischen a und o, u wie ủ, proximus, und proxumus, au wie oplaustrum und plostrum.

▷2) Dass die Consonanten als die Grundbestandtheile der Wörter angesehen werden müssen, dass aber in allen Sprachen die Buchstaben desselben Organs für einander gesetzt werden, wofür das Ober- und Niederdeutsche tausend Beispiele giebt, und wolfür man Belege in jeder griechischen und besonders der deutschen Grammatik des verdienstvollen Forscher Grimm finden kann. Es werden also unter einander vertauscht:

A. Die Lippenbuchstaben

  • b. p. f. v, der sanfte Blasehauch w (qu), seltener die Lippenliquida m. Die Verwechslung des b und p ist bei den Sachsen, die des f bei den Plattdeutschen bekannt. Schipp statt Schiff etc. so treiben – Trift – binseln – pinseln und winseln.
  • Das v, welches, welches wir erst mit einem besondern Buchstaben schreiben, da die Alten nur u hatten, wurde wohl wahrscheinlich meist nur als Vocal gesprochen, und lag unseren u näher als dem w. Daher drücken es auch die Griechen durch ού aus, Valens durch Οὐαλεν𝞻. Es könnte daber scheinen, alsob der Chosesont W den Lateinern gefehlt hätte. Allein dem ist nicht so; er findet sich dort, doch in einem andern Buchstaben, als wo man ihn suchte. Es ist bekannt, dass wenn man im Latein des Mittelalters, im Französischen und Italienischen unser W bezeichnen wollte, man g voraussetzte, wie in Gothen h, wo war aus Wehr guerra und guerre, aus WillhelmGuilielmus, Guglielmus und Guillaume, aus Vieweide Figuaida, aus Wald Gualdus, und allgemein bekannt sind Guelfen und G(v)ibelinen. Grade so scheinen die Lateiner dem u, um es zum Consonat zu machen, das qvorgesetzt, und dies dann gar nicht, sondern nur u wie wausgesprochen zu haben.
  • So sagt Scaurus p. 2253. Q littera aeque retenta. est, quia cum illa V liltera conspirat, quoties Consonantis loco ponitur, id est pro Vau littera ut: Quis qualis.[1] Das heisst, es soll nicht q mit, sondern nur u wie ogelesen werden, also vis, valis? Auffallend wird dann die Ähnlichkeit mehrerer lateinischen Wörter mit alt- und neudeutschen. Quatuor wird nun (q) Vatuor, das Teutonische fedwor, das Gothische fidur, vier, Quinque wird ( q ) Vin(q)re – vinze, das alte fynf und unser fünfe. Quis wird (q) Vis = vis, das Gothische Hwas, und quid = (q) Vid – Goth. hwato, plattdeutsch Wat? Denkt man, dass auf der Inschrift der tarpejischen Burg quirquir = (q) Vir(q)Virsteht, so ergiebt sich die nahe Verwandschaft mit unserm Wer und Was? Quando wird (q) Vando = Wann, curfrüher (q) Uur War–um? Quo = vo Wo und aqua = ava Goth. ahwos. Erst später mag qu als c (k)ausgesprochen worden sein. Q war ursprünglich wohl g oder c; daher steht auf der Bantischen Tafel Pequnia statt pecunia.
  • Was die Verwandlung der Lippenbuchstaben betrifft, wollen wir nur baeren und ferre, Bruder und frater, wellebullio, Fell pellis, warm formas, Wabe favus anführen. Seltner zeigt sich der Uebergang des b p f w in moder ungekehrt, und z. B. in folgenden Wörtern: mit, Engl. with, Win der Freund von minnen, in straffund stramm, in prōmulgāre und provulgare, Vulcānus statt Mulciber, in facio und vito, statt mache und meide, in multi und milefür viele.
  • qu als w. licet im alten Latein li(q)vet = liwet – es ist (er)laubet. li(q)vere entspricht ganz dem Isländ. leifa, Schw. lofwa, Engl. to leave, Ulphil. oslobjan, erlauben. di(q)uor walrscheinlich früher li(q)uos – li(q)uid – Luft. Angels. Lyft. Im Latein also nur aufgelöst in Livid; li(q)vid – us luftig.
  • relinquo. li(q)vi. liv. Altd. s, leiben, Fränk, leiban, Schwed, lifwa, Isl. lifa, Eagl, to leave zurücklassen, auch ganz dem Griech. λείπω entsprechend. Durch Zufügung von be entstand des Kero piliben, Isidor beleiphan, unser bleiben. leibenhaben wir verloren, die Schwestersprachen haben es behalten. reli(q)uum - ist das rück(b)leibende – oder rückgelassene. Ottfr. L. .V CXI. 85.
  • m und b. so turba und turma; so ging der altdeutsche Dat. und Abl. in m im Latein in b über: so ward aus Sturm, Angels. storm, im Lat. turbō. So ist bal Altd, φαῦλος Griech. im Latein malus.
  1. ↑ Der Buchstabe Q bleibt ebenfalls erhalten. ist, weil es mit diesem 5. Buchstaben verschworen ist, wann immer er an die Stelle eines Konsonanten gesetzt wird, also für den Buchstaben Vau, als: Wer ist was?

B. Die Gaumenbuchstaben

  • g c k ch, der Hauch h und x. G und K kann der Sachse nicht unterscheiden, und in ziehen, zog, Zucht sieht man den leichten Übergang dieser Buchstaben. Auch in der Mitte ging das h in c über; so Fluth, wahrscheinlich früher Fluht – fluct, so spare – sparhe parco.[1] Auch spricht das Volk heute noch in Florenz statt c gewöhnlich h; so il hapo st. capo, il hane st. cane, la hasa st. casa, hanapa st. canapa, huse st. cute, eduhare st. educare.[2] Noch merke man folgendes: C aus dem griechischen Γ entstanden, wurde bei den alten Lateinern vielleicht mit Ausnahme vor i, früher als g, später als kausgesprochen. Erst spät mochte es in einzelnen Provinzen in z übergehen. Der Hanch h, den die Griechen durch den Spiritus asper bezeichnen, konnte von den spätern Römern wahrscheinlich wie heut von Italienern und Franzosen nicht gut mehr ausgesprochen werden, daher trat häufig c (k) an seine Stelle. Wie man also im Deutschen Reiher und Reigerschreibt und λέλυἁ in λέλυκα im Griechischen verwandelte, so ward aus hehle celo, aus höhle coelo, aus Halm, alt Halam – calam-as, aus Haup(i)t caput, aus hana (gothisch) cano, aus Haut cut-is, und umgekehrt, aus Garten (von gürten) ward hortus, aus Gast host-is. Der leichte Übergang zeigt sich in traho – veho – xi – ct – in Hessen und Chatti. Das X am Ende ward vielleicht wie das griechische χ, das spanische X ausgesprochen. So werden die alten gallischen und germanischen Namen, die sich auf rich = reich enden, meist mit x geschrieben; so Orgetorix = Orgelorich, vielleicht Ortreich; Eporedorix Pferdereich, Dumnorix etc. Uxellodunum von Uchel hoch und dun (town Zaun) Stadt: Hochstadt–, redix Rettich, rex Recke.

C. Die Zungenbuchstaben

  • d e th g ss z. D und T können Sachsen nicht unterscheiden, Plattdeutsche sagen det für das, Water für Wasser, tehn für zehn; eben so tritt bei Scandinaviern und Engländern grösstentheils t an die Stelle von s, besonders aber von z; denn bei ihnen ist dieser Buchstabe eben so selten, wie bei den Lateinern, wo er nur in griechischen Wörtern gebraucht wurde. Auch scheint im Ober- und Hochdeutschen ein zu starkes Streben t in z zu verwandeln sichtbar, oft, gegen die Etymologie. So ward also messen, goth. mitan, lat. mētīrī. Z wurde verwandelt, wie μοιχίζω in moechissor, so sitzen, Schwed. sitta in sedeo, (er)götze in gaudeo, (ver)letze in laedo, Platz in platea; oder es wurde durch Einschiebung eines Vocals in seine Theile zerlegt, so ward Sitz sedes, Maass, Metze; modus. Doch kann auch die aufgelöste Form die frühere gewesen und unsere zusammengezogene später eingetreten sein; der Verwandschaft der Sprache thut dies keinem Eintrag. Das s der Lateiner ist bei uns oft d; so lind – wahrscheinlich linid == lenis, mild – mollis; – gesund, Schwed. sund, sanus; Hunid, Hund canis; infens – us anfeind – end, vom verlornen infendo (jetzt findet sich nur offendo, defendo). st nach einem Consonant ward d, so ward aus Gerste hordeum, wie Pallatium aus Pallast, bei Notker Falanza, bei andern Pfalz, richtiger von palus Pfahl – Pfallast - Plahlwerk abgeleitet, als vom palatinischen Hügel. Das Sch – Schw – Schl findet sich bei den andern germanischen Nationen nicht, wo man slaffen, smecken, syster schreibt, und man kann es also auch im Latein, nicht erwarten.

D. Auch  l n r s werden, wie von Kindern, oft unter einander vertauscht. Wenn auch R nicht eine Erfindung des Appius Claud. coecus (447. a. u. c.) war, indem es in den Gesetzen der Könige oft vorkommt, so scheint es doch einige Zeit durch sverdrängt worden zu sein. Wie daher ein Schwanken im Angelsächsischen zwischen isen und iren, im deutschen Wer, Goth. Hwas, und Gen. Wessen, küren und kiesen sich zeigt, so im Latein zwischen lases und lares, quaero und quaeso, honor und honos, dorsum und dossum, quis und guir, und in den abgeleiteten Wörtern, wie honestus, audio von auris, statt aurio – höre, dem Goth. Auso, Ohr entsprechend. Viele Wörter wurden durch den sich eindringenden Rhotacismus sehr verändert; so wurde aus Asena –Saud –arena. In flos – Blüthe – trat im Ge. r zu floris – und davon ward floreo und flora gebildet. gloria stammt von Glanz, Im Oberd, Glass, Glast – Glis, vom alten Stammwort glo – lo, Licht – gloaleuchten. lases später lares von Lad - Land.[3] Das Streben, den Nominativ in a zu verwandeln, war so gross, dass nicht nur d und t in s überging, sondern auch r, so ward corpor, lepor, decor, corpus, lopus, decus. Eben so faden sich Vertauschungen mit r und l; fratellus statt fraterlus, im Französischen averon und avoine avena Hafer, so stlit für Streit, vertō für wende.

▷3) Die 3 Hauche,

Das Streben, einen Zischlaut zuzusetzen, zeigt sich in mehrern Sprachen; denn daher kommt es, dass c j g vor e i im Französischen die eigenthümliche Aussprache erhielt, und im Italienischen e und g wie tschi und dschi ausgesprochen werden. Im Latein ward der Zischlaut s oft vor das t oder d gesetzt, im Deutschen hinter dasselbe, so dass dort st – hier ts oder z entstand; so ward aus dem Britischen tinn bei den Lateinern stannum, bei den Deutschen tsinn, oder Zinn; das Wort Het - Engl. Heat – ward im Lateinischen aestus – im Oberdeutschen Hitse == Hitze. So ward im Deutschen aus tegul – Schwed. tegel, Ziegel; aus taihend – zehend – zehn; beides gegen die Etymologie, da jenes von tego decke, dieses von: die Hände = 10 Finger, stammt.

Auch im Lateio mochte j schon zum Theil mit Zischlaut ausgesprochen sein, wahrscheinlich in juvo – jut schütze, jacio, jec schicke, jam schon, Die neuern Völker haben auch von vielen aus dem Deutschen stammenden Wörtern diese Hauche weggeworfen; so ward bei den Franzosen aus schreien escrier jetzt ecrier, aus Scheuer Escurie – Ecurie, aus staunen estonner – etonner, aus Forst forest –, aus Herberge Auberge, aus wallen aller, aus wandern Ital. andare, bei andern hinzugenommen, so ward aus Garten jardin etc.[4]

▷4)Wie die Franzosen in der Aussprache viel Buchstaben weglassen, und die Griechen στᾱ́ς für στᾱ́νς oder σταεντ setzten, so haben auch die Lateiner viel weggeworfen, weshalb ich auf Conrad Schneider's ausführliche Grammatik der lateinischen Sprache verweise; so stehet

▷5) Oft muss man eine durch das Streben nach Wohllaut herbeigeführte Versetzung von Buchstaben annehmen, deren ursprüngliche Stellung bisweilen in einzelnen Formen sich wieder zeigt, so

Die alte Sprache, die deutsche wie lateinische, scheint mehr die aufgelösten Formen geliebt zu haben, daher viele Wörter zweisylbig waren und aus Stamm- und Nachschlagsylbe bestanden, welche jetzt bei uns einsylbig sind. Dies zeigt sich schon in eigenen Namen

  • Karol–us Karl,
  • Am-sium Ems,
  • Theotisci Teutische, Teutsche.

Ebenso

Von vielen Wörtern warf die lateinische Sprache den Vocal der ersten, die deutsche. den der zweiten Sylbe fort und endete in einen Consonanten; so ward aus dem alten fora ( Outfried) oder faura (Ulphilas) beim Lateiner prae, beim Deutschen vor, beim Engländer for; ebenso ging fora und furi in pro und per, und das Deutsche für über; so ward aus dem deutschen Krebs – écrevisse.[5]

Die Endung us – is, um gehört nicht zum Stamm, und scheint grösstentheils erst angehängt zu sein. Doch hatte des Ulphilas Gothisches auch die Endung us, und Herodot 1, 1, sagt, dass der Perser Wörter sich auf us endigten. Dass das Schluss s nicht stark gehört worden sei, sieht man daraus, dass es von Dichtern oft weggelassen wird. Es enden daher viel Wörter auf s, die bei uns eine andere Endung haben; so (q) Vis, Wer? – valid-us, walt-ig, (q)Valis welch-er? gleichsam valj – talis – talj – solch-er. Schwed. tolik. Aus lenit-as, sanit-udo sieht man, dass lēnis, lēnit, lind, sānus, sanut – (ge) sund heissen musste.

  1. ↑ Berichtigung S. 29
  2. ↑ S. Berichtigung 29. Z. II.
  3. ↑ Berichtigung S. 30 unten.
  4. ↑ Berichtigung S.31. Z.3. am Ende.
  5. ↑ Berichtigung S. 32. Z. 6.