De docta ignorantia Liber primus Capitulum XVI.
Capitulum XVI.
Quomodo translative maximum se habeat ad omnia, sicut maxima linea ad lineas.
Postquam nunc manifestum est, quomodo infinita linea est omnia illa actu infinite, quae in potentia sunt finitae: habemus translative in [2] maximo simplici pariformiter, quomodo ipsum maximum est actu maxime omnia illa, quae in potentia sunt simplicitatis absolutae. Quidquid enim possibile est, hoc est actu ipsum maximum maxime; non ut ex possibili est, sed ut maxime est; sicuti ex linea triangulus educitur et infinita linea non est triangulus, ut ex finita educitur, sed [3] actu est triangulus infinitus, qui est idem cum linea. Praeterea, ipsa possibilitas absoluta non est aliud in maximo quam ipsum maximum actu, sicut linea infinita est actu sphaera. Secus in non-maximo; nam ibi potentia non est actus, sicut linea finita non est triangulus.
Kapitel XVI.
Wie die größte Linie zu den Linien, so verhält sich in übertragener Bedeutung das Größte zu jedem
Nachdem es jetzt offenbar ist, daß die unendliche Linie in unendlicher Weise alles das in Wirklichkeit ist, was in der Möglichkeit der endlichen liegt, so stellen wir beim einfachsten Größten im übertragenen Sinne ebenfalls fest, daß das Größte als Wirklichkeit all das auf größte Weise ist, was in der absoluten Einfachheit als Möglichkeit liegt. Was nämlich möglich ist, das ist das Größte als Wirklichkeit in größtem Maße, nicht weil es aus Möglichem besteht, sondern weil es in größtem Maße ist; so wie aus der Linie das Dreieck und die unendliche Linie entwickelt wird, ist sie nicht das Dreieck, wie es aus der endlichen abgeleitet wird, sondern als Wirklichkeit das unendliche Dreieck, das mit der Linie identisch ist. Ferner ist die absolute Möglichkeit im Größten nichts anderes als dieses Größte als Wirklichkeit, wie die unendliche Linie als Wirklichkeit Kugel ist. Anders im Nicht-Größten; denn dort ist die Möglichkeit nicht Wirklichkeit, wie die endliche Linie Nicht-Dreieck ist.Unde hic videtur magna speculatio, quae de maximo ex isto trahi [4] potest: quomodo ipsum est tale, quod minimum est in ipso maximum, ita quod penitus omnem oppositionem per infinitum supergreditur. Ex quo principio possent de ipso tot negativae veritates elici, quot scribi aut legi possent; immo omnis theologia per nos apprehensibilis ex hoc tanto principio elicitur. Propter quod maximus [5] ille divinorum scrutator Dionysius Ariopagites in Mystica sua [6] theologia dicit beatissimum Bartholomaeum mirifice intellexisse theologiam, qui aiebat eam maximam pariter et minimam. Qui hoc enim intelligit, omnia intelligit; omnem intellectum creatum ille supergreditur. Deus enim, qui est hoc ipsum maximum, ut idem [7] Dionysius De divinis nominibus dicit, non istud quidem est et aliud non est, neque alicubi est et alicubi non. Nam sicut omnia est, ita quidem et nihil omnium. Nam – ut idem in fine Mysticae theologiae concludit – tunc ipse super omnem positionem est perfecta et singularis omnium causa, et super ablationem omnium est [8] excellentia illius, qui simpliciter absolutus ab omnibus et ultra omnia est. Hinc concludit in Epistola ad Gaium ipsum su|per omnem mentem [9] atque intelligentiam nosci.
Hieraus erhellt auch eine wichtige Überlegung, die – von hier ausgehend – über das Größte angestellt werden kann: das Größte ist so beschaffen, daß das Kleinste in ihm das Größte ist, so daß jeder Gegensatz unendlich weit überschritten wird. Aus diesem Ursprung können über das Größte so viele negative Wahrheiten gewonnen werden, wie man nur schreiben oder lesen kann. Es wird sogar jede für uns begreifliche Theologie aus eben diesem Ursprung ermittelt. Deswegen sagt der große Erforscher göttlicher Geheimnisse, Dionysius der Areopagite in der «Mystischen Theologie», daß der heilige Bartholomäus auf wunderbare Weise in die Theologie Einblick gewonnen habe, da er erkannte, daß sie die größte und gleicherweise kleinste sei. Wer das einsieht, sieht alles ein und übersteigt jeden geschaffenen Geist.
Gott nämlich ist, wie Dionysius in der Schrift «De divinis nominibus» sagt, als das Größte selbst, weder das eine noch das andere, noch ist er irgendwo und irgendwo nicht; denn wie er alles ist, so ist er auch nichts von allem. Er selbst ist, wie Dionysius gegen Ende der Mystischen Theologie folgert, der über alle Einstufung vollkommene und einzige Grund von allem. Seine Erhabenheit liegt jenseits der Entfernung aller Dinge, er ist von allem schlechthin absolut und steht jenseits aller Dinge. Daher schließt Dionysius im Brief an Gaius, daß Gott nur jenseits jedes menschlichen Geistes und Verständnisses erkannt werden kann.Et ad hoc concordanter ait Rabbi Salomon omnes sapientes convenisse, «quod scientiae non apprehendunt creatorem; et non [10] apprehendit, quid est, nisi ipse; et apprehensio nostra respectu ipsius est defectus appropinquandi apprehensioni eius». Et propterea idem alibi concludens dicit: «Laudetur creator, in cuius essentiae comprehensione inquisitio scientiarum abbreviatur et sapientia ignorantia reputatur et elegantia verborum fatuitas.» Et ista est illa docta [11] ignorantia, quam inquirimus; per quam Dionysius ipsum solum inveniri posse, non alio arbitror principio quam praefato, multipliciter ostendere nisus est.
Übereinstimmend sagt auch Rabbi Salomon, alle Weisen seien darin einig, «daß die Vernunftwesen den Schöpfer nicht begreifen. Und außer ihm selbst begreift niemand, wer er ist; in Hinblick auf ihn ist unser Begreifen die Unfähigkeit, seinem Begreifen nahezukommen». Deshalb schließt er andern Orts und sagt: «Gelobt sei der Schöpfer! Im Begreifen seiner Wesenheit wird das Forschen der Wissenschaften verkürzt, Weisheit als Unwissenheit betrachtet, die Gewähltheit der Worte ist Albernheit.»
Das ist jene wissende Unwissenheit, die wir suchen. Vielfältig hat Dionysius zu zeigen versucht, daß Gott nur durch sie gefunden werden könne und, wie auch ich glaube, durch kein anderes Prinzip als das zuvor genannte.[12] Sit igitur nostra speculatio – quam ex isto, quod infinita curvitas est infinita rectitudo, elicimus – transsumptive in maximo de simplicissima et infinitissima eius essentia: quomodo ipsa est omnium essentiarum simplicissima essentia; ac quomodo omnes rerum essentiae [13], quae sunt, fuerunt aut erunt, actu semper et aeternaliter sunt in ipsa ipsa essentia, et ita omnes essentiae sicut ipsa omnium essentia; ac quomodo ipsa omnium essentia ita est quaelibet quod simul omnes et nulla singulariter; ac quomodo ipsa maxima essentia, uti infinita linea est omnium linearum adaequatissima mensura, [14] pariformiter est omnium essentiarum adaequatissima mensura. Maximum enim, cui non opponitur minimum, necessario omnium est adaequatissima mensura; non maior quia minimum, non minor quia maximum. Omne autem mensurabile cadit inter maximum et minimum. Est igitur adaequatissima et praecisissima omnium [15] essentiarum mensura infinita essentia.
Jene Betrachtung, die aus der Feststellung, daß die unendliche Krümmung unendliche Geradheit ist, gewonnen wurde, soll in übertragener Weise im Größten auf dessen einfachste und unendliche Wesenheit angewandt werden. Es soll betrachtet werden, da sie selbst die einfachste aller Wesenheiten ist, wie auch alle Wesenheiten der Dinge, die sind, waren oder sein werden, als Wirklichkeit immer und ewig in dieser Wesenheit diese selbst und so alle Wesenheiten wie die Wesenheit von allem sind; und wie die Wesenheit von allem jede andere so ist, daß sie alle zugleich und keine einzelne ist; und wie die größte Wesenheit gleich der unendlichen Linie die das adäquateste Maß aller Linien ist, das aller Dinge ist. Das Größte nämlich, dem kein Kleinstes entgegengesetzt wird, muß das adäquateste Maß von allem sein. Es ist nicht größer, da es das Kleinste ist, und nicht kleiner, da es das Größte ist. Jedes Meßbare aber fällt zwischen das Größte und das Kleinste, darum ist die unendliche Wesenheit das angeglichenste und abgegrenzteste Maß aller Wesenheiten.Et adhuc, ut hoc clarius videas, considera, si linea infinita constitueretur ex infinitis pedalibus et alia ex infinitis bipedalibus, illas nihilominus aequales esse necesse esset, cum infinitum non sit maius infinito. Sicut igitur unus pes non est minor in linea infinita quam [16] duo pedes, ita infinita linea non est maior plus uno pede quam duobus. Immo, cum quaelibet pars infiniti sit infinita, tunc unus pes lineae infinitae ita cum tota infinita convertitur sicut duo pedes. Pariformiter, cum omnis essentia in maxima sit ipsa maxima, non est maximum nisi adaequatissima mensura omnium essentiarum. [17] Neque reperitur alia praecisa mensura cuiuscumque essentiae quam illa; nam omnes aliae deficiunt et praecisiores esse possunt, ut hoc superius est clarissime ostensum.
Damit man das deutlicher sehe, betrachte man fernerhin: Wenn eine unendliche Linie aus unendlich vielen Fußlängen bestünde und eine andere aus unendlich vielen doppelten Fußlängen, so wären diese nichtsdestoweniger notwendig gleich, da das Unendliche nicht größer als das Unendliche ist. Wie nämlich auf der unendlichen Linie ein Fuß nicht weniger ist als zwei Füße, so ist die unendliche Linie bei einem Fuß mehr nicht größer als bei zwei Fuß mehr. Da jeder Teil des Unendlichen unendlich ist, wird ein Fuß der unendlichen Linie so in die ganze verwandelt wie zwei Füße. Da jede Wesenheit in der größten Wesenheit diese selbst ist, ist nur das Größte das genau entsprechende Maß aller Wesenheiten. Es läßt sich kein anderes genau abgegrenztes Maß für irgendeine Wesenheit finden als jenes; denn jedes andere Maß ist ungenügend und kann genauer sein; dies wurde oben aufs deutlichste gezeigt.